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Die Geschichte einer vielsagenden Flugzeug–Verwechslung

Ein heimisches Magazin hat eine Aufdeckerstory über Malversationen beim Kauf der Eurofighter „Typhoon“ für das Bundesheer irrig mit einem völlig anderen Kampfjet illustriert. Die Verwechslung legt tiefere Abgründe des Denkens, auch bei Medien, und breitere Wissenslücken offen.

In Österreich ist es so: Wenn jemand ein Sturmgewehr von einem Besenstiel, eine Feldhaubitze von einer Schneekanone oder gar einen US-Panzer von einem russischen Hubschrauber unterscheiden und das sogar benennen kann, gilt er rasch als Militarist, als verschroben, mithin als böse. „Wie kann man so etwas nur wissen!“, tönt es dann gern. Lustig, wenn Unwissen zum Ideal wird.
Dass man es bei militärischen Themen also bei uns gemäß der herrschenden semipazifistischen Meinungskultur nicht so genau nehmen muss (ja sogar nicht soll), dürfte man sich auch bei einem Wochenmagazin gedacht haben: Es machte jüngst mit einer Enthüllungsgeschichte über die Malversationen beim Kauf jener Kampfflugzeuge des europäischen Eurofighter-Konsortiums für das Bundesheer anno 2003 auf, die richtigerweise „Typhoon“ heißen. Jedenfalls tun sie das in jedem Nutzerland außer in Österreich, wo man wohl denkt, dass das mit dem „Fighter“ so schön populistisch salopp klingt.

Die Bombenstory aber war im Inneren und auf dem Cover komplett falsch illustriert, nicht mit dem Corpus Delicti, der Typhoon, sondern einem offensichtlich anderen Jet: Mit der „Rafale“ des französischen Herstellers Dassault, der mit der Firma Eurofightern und ihren Produkten zudem auch nichts zu tun hat.

Vielleicht hat die Tatsache, dass Rafale „Windstoß“ oder „Sturmböe“ heißt und somit mit einem Typhoon, also Taifun, verwandt ist, dazu beigetragen. Aber im Ernst: Ohne auf die geschätzten Kollegen zu zeigen (das ist normal unfair, zumal niemand frei von Fehlern ist), so hat das Problem größere Dimensionen. Was sagt es, wenn ein Dutzend Leute, die das Blatt planten und vor Druck sahen, bald zehn Jahre nach der Landung der ersten Typhoons in Österreich und weiteren Jahren zuvor, in denen die sowie ihre Mitbewerber durch Zeitungswälder und ORF-Äther zwischen Bodensee und Neusiedler See geflogen waren, so danebengreifen? Als professionelle Beobachter? Was sagt es, wenn ein früherer Chefredakteur einer Tageszeitung abseits der „Presse“, der es wissen müsste, das Cover als „das beste“ der jüngsten Zeit lobt, ohne den Patzer zu erwähnen? Und der auf Kritik ausweichend erwidert, ob jemand „zwischen Weihen und Habichten unterscheiden“ könne?
Am heikelsten: Wieso sollen Leser einer noch dazu brisanten und sehr komplexen Geschichte trauen, wenn schon deren Illustration so falsch ist, dass nicht nur ein Detail, nein: der Gegenstand vertauscht wird? Gerade in Zeiten, wo man uns Medienleuten Mangel an Faktentreue, ja Unlauterkeit vorwirft und der grässliche Ruf von „Lügenpresse“ erschallt, ist das nicht hilfreich.
Die Causa, über die man ja schmunzeln kann, offenbart tatsächlich ein breiteres und nicht nur in Industrie, Wissenschaft und Forschung beklagtes Mangelwissen: Es geht über den Anlass hinaus, umfasst den Riesenbereich von Wissenschaft, Handwerk und Technik, und wird teils vorsätzlich gepflegt. Man legt da oft nicht die Maßstäbe an Richtigkeit an wie bei anderen Themen: Dass Geschichten über den VW-Abgas-Skandal, Wien oder Angela Merkel nicht mit Fotos von japanischen Autos, Budapest oder Theresa May illustriert werden, ist Konsens. Dafür werden Propellerflugzeuge oft irrig „Jet“ genannt, sieht man bei Geschichten über die deutsche Bundeswehr US-Soldaten, zeigt ein Foto zu einem Fund angeblich illegaler Waffen in Wien nur Schreckschuss- und Luftpistolen. Bei Flugzeugen, Gewehren, Panzern, Lkw, See- und Raumfahrt, Maschinen, Technik generell scheint Richtigkeit zweitrangig zu sein, nach dem Motto: „Jössas, bei dem wü i mi jo gor net erst auskennen!“ (das Zitat ist nicht erfunden, ebenso die häufige Bemerkung: „Des schaut für mi alles gleich aus.“).

Es können aber auch Straßenaufnahmen von Innsbruck und Bregenz oder Demos in Ägypten und Libyen gleich ausschauen. Kürzlich war im Kulturteil einer Zeitung ein Gemälde von Egon Schiele abgebildet. Wetten, dass mindestens 90 Prozent der Leser es nicht gemerkt hätten, wenn man stattdessen einen Chagall oder eine Kinderzeichnung als Schiele ausgegeben hätte? Also: Starke Ähnlichkeiten, Nichtwissen und eine kleine Zahl von Kennern legitimieren keinen minderen Sorgfaltsmaßstab.

Die Bildungslandschaft dürfte an allem nicht unbeteiligt sein. Kritikern zufolge bringt sie zu wenige technisch-naturwissenschaftliche Absolventen hervor. Laut Wissenschaftsministerium hatten im Herbst 2016 Jus, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Wirtschaftsrecht, Pädagogik und Psychologie die meisten Anfänger, dazwischen eingestreut Biologie, Informatik, Medizin, dann ging’s weiter mit Geiwi-Sachen wie Soziologie, Publizistik, Politikwissenschaft, bevor auf Rang 18 Chemie erscheint. 2015 stellten Ökonomen, Psychologen, Juristen, Ärzte und Pädagogen die meisten Absolventen. Bauingenieure und Physiker rangierten weit hinten. Es werde „zu viel Meinung, zu wenig Substanz“ produziert, heißt es. Und so liegen halt etwa Studien voran, bei denen es um Rechthaben, Vorschriftenmachen und -Befolgen, abstrakte Welterklärung, Selbsterkenntnis und das „richtige“ Leben geht. Die hohe Zahl an Ökonomen bringt offensichtlich nicht zwingend Dauerwirtschaftsparty und weniger Arbeitslosigkeit.

Auch die Tatsache, dass im Gros Österreichs wertschöpfende Lehre und Handwerk im Unterschied zu Vorarlberg mit seinem hohen Industrie- und Forschungsanteil mäßigen Ruf genießen, trägt nicht wirklich zur Problemverbessung bei.

Das Gros von uns Journalisten wiederum hat naturgemäß eher technikfernen Hintergrund und projiziert diesen oft auf die Leser. Also heißt’s, man möge auch bei Geschichten mit militärischem, historischem, ja sogar wissenschaftlich-technischem Bezug „nicht zu technisch“ oder „fachlich“ schreiben, das interessiere keinen, sondern „mehr politisch“. Die Onlinezugriffe und Leserreaktionen zeigen freilich das Gegenteil.

Am Ende der Scheu vor dem „Technischen“ und „Militaristischen“ stehen dann eben mitunter peinliche Verwechslungen und defensiv-trotzige Sprüche wie „Das ist halb so wild, oder?“ und „Ah, diese Tüpferlscheisser!“ Diese willkürliche Ignoranz ist aber falsch. Die Welt verlangt eine sachlich korrekte Behandlung und Abbildung, der Journalismus darf nicht mit unterschiedlichen Maßstäben, letztlich also diskrimi- nierend, arbeiten. Es gibt keinen legitimen Grund dafür. Man glaubt uns sonst noch weniger.

04.03.2017

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Wolfgang Greber

* 1970 in Bregenz, Jurist, seit 2001 bei der „Presse“ in Wien, seit 2005 im Ressort Außenpolitik, Sub-Ressort Weltjournal. Er schreibt auch zu den Themen Technologie, Raumfahrt, Militärwesen und Geschichte.

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