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Eine Region in der Midlife-Crisis? Urbanes Rheintal

Das Rheintal ist nach Wien und Graz der am dichtesten besiedelte Raum Österreichs. Der Übergang zu einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ist rasch erfolgt, an einigen alten Standorten sind heute teilweise mehr Menschen beschäftigt als vormals in der Textilindustrie. Der Lebensalltag im Rheintal ist urban geworden, wir leben und arbeiten in einem städtischen Umfeld – und doch stehen wir an einem Punkt des gesellschaftlichen Wandels, an dem unklar ist, wohin die Reise geht.

Die gesellschaftliche Entwicklung nach dem Niedergang der Textilindustrie in den 1980er-Jahren wirft widersprüchliche oder gar paradoxe Schatten. Vor allem durch nach dem EU-Beitritt abrufbare Subventionen gelang der rasche Übergang zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft mit hohem technischen Know-how sowie international konkurrenzfähiger, oftmals marktführender Produktion von Waren und Prototypen. Die alten Textilstandorte wie Rhomberg’s Fabrik, Schöller2Welten, Ganahl, Gütle, Wirke oder Kammgarn sind heute Wirtschaftsparks und Kulturzentren, in denen teilweise mehr Menschen beschäftigt sind als vormals in der Industrie. Job im Wirtschaftspark, Shoppen im Einkaufscenter, Joggen im Ried, Chillen in der Altstadt, Kulturangebote internationaler Provenienz, S-Bahn und Busse dicht getaktet. Der Lebensalltag im Rheintal ist urban geworden, obwohl das Selbstverständnis der Bewohner immer noch vom Bild der ursprünglich bäuerlichen Gesellschaft und dem industriellen „Landleben“ geprägt ist.

Offenbar leben wir derzeit an einem Punkt des gesellschaftlichen Wandels, an dem unklar ist, wohin die Reise geht. Noch fehlen uns Erfahrung und Vertrauen in einen urbanen Lebens- und Wirtschaftsraum, auch wenn der Ruf nach mehr Urbanität und nach einer angepassten Lebenswelt für den postindustriellen Alltag beinahe schon Mode geworden ist. „Urbanauten“ bloggen über Alltägliches im Netz, Reiseprospekte werben mit dem Reiz urbaner Landschaften, Modelabels vermitteln urbane Zeitgeistigkeit. In Bregenz hat eine „urbanerie“ aufgemacht, die „specials for urban lifestyle“ anbietet. Auch wenn die Lebens- und Wirtschaftsweisen im Rheintal mehrheitlich städtisch sind, wird Urbanität zwiespältig gesehen. Das Bild der lauten, hektischen, anonymen und gefährlichen Großstadt taucht auf, sodass man weiterhin in der vertrauten Städtle-Dorf-Ländle-Vorstellung verharrt.

Um der Herkunft von „Urbanität“ auf den Grund zu kommen, möchten wir kurz in die Antike eintauchen. Die lateinischen Stammworte „urbs“ und „urbanitas“ umreißen zwei wesentliche Felder, nämlich die Stadt als Raum und das zugehörige Stadtleben der Bewohner. Die historische Stadt grenzte sich von der umgebenden Landschaft doppelt ab. Aus städtebaulich-historischer Perspektive ist die Stadt eine kompakt gebaute befestigte Siedlung mit öffentlichen Plätzen, Verwaltungsgebäuden, Versammlungsräumen und Stadtgärten. In kulturgeschichtlicher (Städter-)Sicht zeichnet sich die städtische Gesellschaft durch Eloquenz, eleganten Stil, feine Ausdrucksweise, zivilisiertes Benehmen sowie Höflichkeit, Witz und Humor aus. Heute zählen wir auch Merkmale wie Bildung, Toleranz, Freiheit, Diversität, Interkulturalität, Weltläufigkeit, Aufgeschlossenheit, Kreativität und Innovation zu städtischen Attributen. Sie sind mittlerweile im Lebensalltag der Rheintaler selbstverständlich, auch – oder gerade weil – man im Dorf oder im Städtle lebt, wo viel Grün zwischen den Häusern ist und man per Du ist.

Stadt oder Land?

Das Rheintal ist nach Wien und Graz der am dichtesten besiedelte Raum Österreichs. Spätestens seit 2006, seit der Vision Rheintal, dem Beteiligungsprozess zur räumlichen Entwicklung und regionalen Kooperation im Rheintal werden 29 Vorarlberger Rheintalgemeinden als polyzentrische Stadtregion verstanden. Die Österreichische Raumordnungskonferenz hat 2009 das Rheintal als eine von 36 österreichischen Stadtregionen definiert. In der Schweizer Diktion bildet das Vorarlberger Rheintal mit dem St. Galler Rheintal eine Agglomeration, die auch im Raumkonzept der Schweizer Bundesregierung festgeschrieben ist.

Wir leben und arbeiten in einer urbanen Stadtlandschaft mit all ihren Facetten. Es fällt uns nicht schwer, für einen Tag nach Wien zu fahren und unseren Auswärtsgeschäften nachzugehen. Die Flughäfen Altenrhein und Zürich sind gedanklich bereits als Mobilitätshubs in das Rheintal eingemeindet. Unsere polyzentrische Struktur reicht selbst über die EU-Grenze hinaus überall dorthin, wo unser Know-how und unsere Produkte gefragt sind. Gleichzeitig ist die Bindung an den Ort sowohl bei Privatpersonen als auch bei Familienunternehmen hoch. Gewohnt wird wie bereits in der bäuerlichen Ära „dahoam“ und zum „Schaffa“ geht man hinaus, nicht mehr aufs Feld, nicht mehr auf die Alp, sondern in den Businesspark, ins Betriebsgebiet und zwar mit dem Bike, der Regionalbahn, dem Railjet oder dem Flugzeug. Der Anteil des Fahrradverkehrs und des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr hat im Rheintal bereits städtisches Niveau erreicht. Vieles hat sich im ehemals bäuerlich und (textil-)industriell geprägten Kulturraum um uns herum verändert, wenig jedoch unser innerer Bezug zum Ländle, das in unseren Köpfen als Idyll einer Naturlandschaft mit dem Bodensee und dem weiten Ried, den Bergen zum Skifahren und dem „oagana Hüsle“ weiter besteht.

Vergangener Antiurbanismus

Schon Anfang der 1930er-Jahre, in jener von Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Landflucht gekennzeichneten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, war der Bau von Eigenheimen mit großen Gärten als Selbstversorgungsflächen für die Familien ein wichtiger wohnbaupolitischer Ansatz. Nur zu schnell wurde diese soziale Innovation vom aufkeimenden Nationalsozialismus missbraucht und mit den ideologisch aufgeladenen Idealen der “Bodenverbundenheit” und der auf völkischem Gedankengut fußenden Landliebe beziehungsweise Stadtfeindschaft propagiert. Die Nationalsozialisten förderten Eigenheime und Selbstversorgungsgärten nicht zuletzt auch aus militärischen Motiven: Eine lockere Siedlungsstruktur wäre im geplanten Krieg gegenüber Land- oder Luftangriffen weniger gefährdet als kompakte Siedlungsgebiete und Städte und die Eigenproduktion an Nahrungsmitteln war ein wesentlicher strategischer Beitrag zur Versorgung im Krieg. Wer ein Eigenheim hatte, verbrachte seine Abende zu Hause mit Gartenarbeit und Heimwerken und nicht mit regimekritischen Zusammenkünften. Grundbesitz und Eigenheim wurden sogar eine geburtenfördernde Wirkung attestiert. Die Propagandamaschinerie verklärte die Natur und die natürliche Lebensweise und verbrämte ideologisch motivierte Stadtfeindschaft mit der Sorge um ungesunde Umwelt- und Lebensbedingungen. Auch wenn diese Zeit bereits drei Generationen zurückliegt – ihr ausgeprägter Antiurbanismus wirkte in die Nachkriegszeit und bis heute nach. Die allgemeine Automobilisierung seit den 1950er-Jahren ermöglichte vielen den Traum vom Eigenheim auf billigen Grundstücken und verstärkte den Siedlungs- und Freizeitdruck ins Grüne. Als das erste Vorarlberger Raumplanungsgesetz 1973 in Kraft trat und daraufhin die ersten Flächenwidmungspläne erlassen wurden, war die Zersiedelung bereits weit in die Ried- und Hanglagen des Rheintals vorgedrungen, sodass wir bis heute mit dem Schließen und Gestalten ausgeuferter Siedlungsränder kämpfen.

Verdichtung und Entdichtung zugleich

Durch die Textilindustrie groß geworden ist das Rheintal zu einer Stadtlandschaft gereift, deren Entwicklung sichtbare Spuren im Siedlungsbild und, weitaus weniger sichtbar, den schleichenden Wandel der landwirtschaftlichen Bodennutzung hinterlassen hat. Die urbane Bevölkerung schätzt zunehmend regionale Produkte. Innovative Bauern reagieren auf diese Bedürfnisse und produzieren gesund, sozial nachhaltig und nahe am Verbraucher, der den Erlebnisort „Buralädele“ schätzt. Während sich bei der Bewirtschaftung von Freiräumen neuerdings ein Trend zu mehr Ökologie und Vielfalt ablesen lässt, steigt gleichzeitig die Beanspruchung durch urbane Freizeitstile wie Hunde ausführen, Joggen, Reiten, Radeln, „Fäschta“, „Urban Gardening“ und Sportanlagen. Mittlerweile leben mehr als 250.000 Menschen im Rheintal, deren Ansprüche immer weniger mit dem seinerzeit Bäuerlichen und auch mit dem klassischen Industriezeitalter zu tun haben.

Der „urban sprawl“ – die weitere großflächige Zersiedelung mit freistehenden Eigenheimen – hat aufgrund überhoher Grundstückspreise vorerst ein Ende gefunden. Wir erleben heute zugleich eine Verdichtung und Entdichtung des Siedlungsgebietes: Höhere Wohndichten im Neubau und ein Rückgang der Wohndichten im Bestand, insbesondere in Einfamilienhausgebieten, wo oft nur mehr ein oder zwei meist ältere Personen in einem Haus leben. Mit der Rationalisierung und Automatisierung in Industrie und Gewerbe ist die Arbeitsplatzdichte in Betriebsgebieten gesunken. Ein beträchtlicher Teil der vorhandenen Bauflächen, insbesondere für Handels- und Dienstleistungseinrichtungen, wird immer noch für großflächige bodengleiche Parkierung verschwendet. Die Baulandreserven innerhalb des Siedlungsgebietes und auch der Leerstand an Wohnungen sind beträchtlich, selbst unter Beibehaltung einer mäßigen Baudichte könnten im Bestand theoretisch doppelt so viele Mensch als heute Platz finden. Doch Bauland wird seit der Finanzkrise nicht nur innerhalb der Familie für die Kinder oder Enkelkinder vorrätig gehalten, sondern im großen Stil gehortet.

Eine paradoxe Situation, die sich momentan abzeichnet: Um unserem urbanen Lebensstil gerecht zu werden, verbrauchen wir weiterhin mehr Boden und Raum für Straßen, Wohnen, Arbeiten, Erholung, und Konsum. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass wir in den nächsten 40 bis 50 Jahren nicht weiterhin so handeln können wie in den vergangenen Jahrzehnten. Unser urbanes Treiben entpuppt sich zunehmend als eine Art Midlife-Crisis für die Raumnutzung und Raumentwicklung im Rheintal. Uns allen ist bewusst, dass wir sorgsamer und sparsamer mit unseren Ressourcen umgehen müssen und auf zu großem Fuß leben. In Raumangelegenheiten müssen wir wohl endlich erwachsen werden, ohne Rückfälle in die Pubertät, den Bodenverbrauch entschleunigen und den verfügbaren Boden besser nutzen. Urbanität im Raum Rheintal heißt aber nicht einfach dichter, höher und größer bauen und schneller und weiter fahren. Vielmehr geht es um eine kompakte und flächensparende Siedlungsstruktur mit mehr öffentlich nutzbarem Grün- und Freiraum, kurze Wege und räumliche Nähe. Dies erfordert einen konsequenten Paradigmenwechsel: Siedlungsentwicklung nach Innen statt Handel, Gewerbe und Wohnbau auf der grünen Wiese. Durchmischung und vielfältige Zentren statt Handels- und Bürostandorte an der Peripherie. Verkehrsmaßnahmen und Mobilitätsmanagement, die zum Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr motivieren und aus überlasteten Straßen lebendige Begegnungsräume werden lassen. Die Stadtregion Rheintal braucht dazu Planung auf städtischem Niveau, kein Flickwerk aus lokalen Planungsabsichten.

Wertewandel

Die Landesgrünzone wird heuer 40 Jahre alt und befindet sich in der Krise. Druck von allen Seiten wie beispielsweise Erweiterung und Verlagerung von Betriebsstandorten, Freizeit- und Sporteinrichtungen, Entsorgungsanlagen und viele Erholungssuchende drängen in die Grünzone. Während die Grünzone gegen Baulandwidmungen bis auf punktuelle Ausnahmen gehalten hat, stellen die sogenannten „Freiflächen Sondernutzungen“ durchaus großflächige Veränderungen dar. Auch inhaltlich stellt die Grünzone mittlerweile einen weichen Standortfaktor für den Wirtschaftsstandort Rheintal dar. So attestiert auch die Vorarlberger Industriellenvereinigung dem Freiraum den Nutzen als qualitatives Benchmark für die Positionierung des Wirtschaftsstandorts Vorarlberg, insbesondere für das Recruiting der besten Köpfe, die sich letztendlich für eine lebenswerte, städtebaulich und landschaftlich attraktive urbane Region anstelle einer der Metropolen weltweit entscheiden. Auch die Internationalität und gesellschaftliche Diversifizierung sind Kennzeichen der Urbanität des Rheintals.

Kulturlandschaft ist immer ein vom Menschen nach seinen Vorstellungen und seinem Können gestalteter Naturraum. Letztendlich liegt es also in unserer eigenen Verantwortung, ob wir uns dem räumlichen und gesellschaftlichen Wandel stellen oder weiterhin den tradierten Bildern anhängen. Unsere Jugend denkt, lebt und bewegt sich bereits um einiges urbaner als die Entscheidungsträger mittleren Alters. Die heranwachsende Generation ist die erste, die außerhalb des Familienverbandes in Mehrfamilienhäusern sozialisiert ist. Sie wächst nicht im Hausgarten mit eigenem Gemüsebeet, sondern auf den Spielplätzen und in Gemeinschaftsgärten mit einem Spirit von „share and care“ auf. Bus fahren, in Wohnungen wohnen, Auto mieten, Radfahren, verbunden sein, bewusste Work-Life-Balance: alles städtische Attitüden, durchaus normal im Ländle. Hier könnte selbstreflexiv die Gretchenfrage gestellt werden: Nun sag, wie hast Du’s mit der Urbanität? Du bist doch städtisch und ländlich zugleich!

 

Das Rheintal – eine rasante Entwicklung

Entwicklung seit 1961: Mitte des 20. Jahrhunderts hatte Vorarlberg nur knapp 194.000 Einwohner. Im Jahr 2001 waren es bereits 351.000, aktuell sind es – mit Stand 1. Jänner 2017 – 388.711 Einwohner. Das Wachstum konzentrierte sich vor allem auf das Rheintal. Hier leben heute zwei Drittel aller Vorarlberger.
Bevölkerungsentwicklung bis 2031: Bis 2031 wird die Einwohnerzahl des Vorarlberger Rheintals auf knapp 300.000 steigen.
Entwicklung der Altersstruktur bis 2031: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen dürfte sich verringern. Im Gegensatz dazu wird es 2031 mehr als doppelt so viele ältere Menschen geben wie heute.
Entwicklung der Haushalte bis 2031: Bei den Haushalten ist bis 2031 ein Plus von 30 Prozent auf fast 135.000 zu erwarten. Am kräftigsten steigen wird dabei die Zahl der Einpersonenhaushalte.

Quelle: www.vision-rheintal.at

04.03.2017

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Geli Salzmann

Univ.-Lektorin DI MAS ETH Geli Salzmann, (*24. Juni 1968) Architektin und Raumplanerin aus Dornbirn

Sibylla Zech

Univ. Prof. DI Sibylla Zech (* 4. Juni 1960 in Feldkirch) Universitätsprofessorin am Fachbereich Regionalplanung und Regionalentwicklung an der TU Wien

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