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„Wissen generieren und weitergeben – im populären Souterrain der Kultur und nicht in der Beletage“

Bernhard Tschofen zählt zu Vorarlbergs erfolgreichsten „Wissenschafts-Exporten“. Seit 2013 ist er Professor für Populäre Kulturen mit Schwerpunkt kulturwissenschaftliche Raumforschung an der Universität Zürich. Warum das nichts mit Raketenstarts zu tun hat und wie seine Forschung zum „Verstehen der großen gesellschaftlichen Entwicklungen“ beiträgt, verrät er im „Thema Vorarlberg“-Gespräch.

Obwohl sich der in Bregenz aufgewachsene Bernhard Tschofen nach der Matura am Bundesgymnasium Blumenstraße für eine akademische Laufbahn entschieden hat und mittlerweile eine beachtliche wissenschaftliche Karriere vorweisen kann, gibt er sich bescheiden: „Ich bin bestimmt nicht der Hochschulabsolvent, den man als Vorbild in die Schulen schicken sollte. Meine Vorstellungen waren anfangs eher vage – ‚etwas mit Kultur‘ sollte es sein. Die eigentliche Begeisterung stellte sich erst mit dem Wechsel von der Universität Innsbruck nach Tübingen im Jahr 1986 ein.“ Die Zeit dort beschreibt er als „prägende Jahre in einem sehr anregenden Umfeld“. Seit August 2013 ist er Professor für Populäre Kulturen mit Schwerpunkt kulturwissenschaftliche Raumforschung an der Universität Zürich. Beim Zusatz „Raumforschung“ sollte man aber nicht an Raketenstarts oder Ähnliches denken, wie Tschofen lachend erklärt: „Das amüsiert mich, interessiert mich aber allenfalls als Folklore und politisches Symbol. Ich bin Kulturwissenschaftler mit einem besonderen Interesse für die räumliche Dimension von Kultur, darüber forsche und lehre ich.“ Konkret? „Das heißt, ich versuche neues Wissen zu generieren und vor allem auch weiterzugeben. Und das alles, wenn man so will, eher im populären Souterrain der Kultur als in der Beletage, wo vielleicht die Denkmale und Werke der ‚Kultur mit großem K‘ zuhause sind.“

Die Rückkehr der Wölfe als aktuelles Forschungsthema

Im Zentrum seines Interesses liegen sowohl kulturtheoretische und methodologische Fragen wie auch ganz konkrete Ausschnitte aus der historischen und gegenwärtigen Alltagskultur. Tschofen erklärt: „Eine besondere Rolle spielen dabei Fragen der Räumlichkeit in der Kultur. Sie beschäftigen mich in ganz unterschiedlichen Feldern wie zum Beispiel der Tourismus-, Kulturerbe-, Nahrungs- oder Wissensforschung.“ Was damit gemeint ist, lässt sich anhand eines Beispiels gut erläutern: „Aktuell beschäftige ich mich mit der Rückkehr der Wölfe in die Schweiz. Die damit verbundenen Debatten und Handlungsweisen zeigen nämlich wesentliche Veränderungen und Konflikte im Umgang mit Natur und Landschaft. Oder anders gesagt: Über den Wolf verhandelt die alpine Gesellschaft weit mehr als ihre Haltung zu Biodiversität und Landwirtschaft. Es geht dabei immer auch um Beziehungen zwischen Stadt und Land, um Vorstellungen von Ordnung und um Wahrnehmungen von Bedrohung.“

Das Besondere an seinem Fach ist also das Interesse für lebensweltliche Selbstverständlichkeiten. „Wir beschäftigen uns häufig mit augenscheinlichen Banalitäten, mit der Frage, wie Menschen leben und wirtschaften, ihren Freuden und Leiden – und vor allem auch damit, welche Vorstellungen sie sich von all dem machen. Darin liegt ein wesentlicher Schlüssel zum Verstehen der großen gesellschaftlichen Entwicklungen, sei es der europäischen Moderne oder unserer komplexen globalen Gegenwart. Dass dies immer auch etwas mit einem selbst zu tun hat, macht es zwar nicht leichter, aber umso interessanter“, beschreibt der Universitätsprofessor den Anspruch an seine Forschungen. Diese sollen einen Beitrag zur Reflexion und Begleitung aktueller Entwicklungen in Kultur und Gesellschaft leisten und dementsprechend ist ihm der Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ein besonderes Anliegen.

Ein „besonderes Privileg“ seines Berufs ist für Tschofen die Vielfalt der Tätigkeiten. Neben Forschung und Lehre nehmen dabei auch Verwaltung und Koordination viel Raum ein: Gemeinsam mit einem Kollegen leitet er derzeit ein Lehr- und Forschungsinstitut mit rund 800 Studierenden – in den Fächern Ethnologie und Populäre Kulturen – und mit rund 120 Mitarbeitern. Unmittelbare Verantwortung trägt er für ein kleines Team von fünf Nachwuchswissenschaftlern seines Lehrstuhls. Aktuell startet sein erstes Forschungsfreisemester seit fast zehn Jahren: „Das heißt, ich kann mich stärker als sonst auf das konzentrieren, was ich eigentlich gelernt habe und auch immer noch am liebsten mache: forschen und schreiben.“

Privat lebt Tschofen mit seiner Frau Susanne Feichtinger, die Psychologin und Psychotherapeutin ist, und den drei (bald) erwachsenen Kindern in einer mittelgroßen Gemeinde zwischen Zürich und Winterthur. Dort sieht er trotz Grenze und unterschiedlicher konfessioneller und politischer Traditionen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zu Vorarlberg: „Diese liegen vor allem in der kleinräumigen Differenz vielgestaltiger Regionen und in den typischen Gleichzeitigkeiten unserer spätmodernen Gesellschaften begründet. Dazu gehört leider manchmal auch eine spezifische Spielform eines – besonders in Wohlstandsregionen verbreiteten – selbstverliebten Populismus.“ Da stellt sich die Frage, ob ihm als Vorarlberger in der Schweiz überhaupt etwas fehlt? „Persönlich vermisse ich in der Schweiz als Ausländer die Möglichkeiten der politischen Mitsprache sehr. Mein Blick auf die Debatten um Migration und Integration hat sich dadurch sehr verändert, und ich sehe darin eine große Herausforderung für eine Gesellschaft jenseits nationalstaatlichen Denkens.“ Vorarlberg war Tschofen wissenschaftlich als Feld und Thema immer nahe. Durch seinen Wohnort nutzt er nun auch privat die Nähe zu den Bergen in Vorarlberg, speziell zum Montafoner Maisäß seiner Familie. Auch fachlich engagiert er sich in verschiedenen Kontexten und Beiräten im Land. Auf die Fragen, ob er es sich vorstellen kann, eines Tages wieder „ganz“ in Vorarlberg zu leben, antwortet Bernhard Tschofen mit einem Augenzwinkern: „Vorstellen kann man sich viel. Aber ob man es will? Oder ob nicht doch der Blick nach Vorarl­berg ‚im Ferialmodus‘ attraktiver ist?“

Lebenslauf
Am 17. Juni 1966 geboren, wuchs Bernhard Tschofen in Bregenz auf, wo er auch am BG Blumenstraße maturierte. Sein Studium der Empirischen Kulturwissenschaft (Volkskunde) und Kunstgeschichte absolvierte er in Innsbruck und Tübingen (Magister 1992, Doktorat 1999). Tschofen war für das Österreichisches Museum für Volkskunde (1992 bis 1994), die Universität Wien (1994 bis 2004) und die Universität Tübingen (2004 bis 2013) tätig und ist seit 2013 Professor an der Universität Zürich. Daneben hat er zahlreiche Funktionen in der deutschsprachigen und internationalen Forschungslandschaft sowie im Kultur- und Museumswesen inne. Mit seiner Frau Susanne Feichtinger und den drei Kindern lebt Bernhard Tschofen zwischen Zürich und Winterthur.

03.02.2018

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