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So gesund ist Vorarlberg - Mythen und Fakten im Vergleich

Vorarlbergs Bevölkerung ist im Schnitt gesünder als die Menschen in anderen Bundesländern. Die Probleme sind aber ähnlich: Zahlenmäßig am häufigsten sind nicht etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs, sondern Rückenleiden, Erkrankungen der Verdauungsorgane und – stark steigend – psychische Probleme. Mit Abstand für die meisten Krankenstände sorgen allerdings Erkältungskrankheiten.

Kaum ein Thema ist von so vielen Mythen und Falschinterpretationen geprägt wie der Gesundheitsbereich. Der Grund liegt darin, dass kaum ein Thema die Menschen mehr bewegt und ihnen näher ist als die eigene Gesundheit und jene der Menschen im persönlichen Umfeld. Und nirgendwo hat jeder eine detailliertere Meinung. Generell gilt: 80 Prozent der Gesundheitsleistungen und -ausgaben entfallen auf 20 Prozent der Menschen. Und das sind nicht etwa überaktive Freizeitsportler oder jene, die sich wenig bewegen und schlecht ernähren, sondern alte und chronisch kranke Menschen.

Ein Blick in die Statistik des Gesundheitszustands der Vorarlberger entlarvt allerdings auch andere Mythen: So sorgen nicht etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs für die meisten Krankenstände, sondern Erkältungen und Infektionen. Statistisch betrachtet ist der Vorarlberger jedes zweite Jahr krank. Von rund 174.000 Krankenständen, die die Vorarlberger Gebietskrankenkasse auflistet, entfallen rund 80.000 auf „Krankheiten des Atmungssystems und infektiöse Erkrankungen“ – oder, einfacher formuliert, auf Erkältungskrankheiten. Das deckt sich auch mit einer anderen Zahl: Etwa die Hälfte der Krankenstände dauert nicht länger als drei Tage. Den sprichwörtlichen Männerschnupfen, wonach Männer eine Erkältung deutlich stärker erleben als Frauen, gibt es übrigens nicht. Im Schnitt dauert eine Erkältung laut GKK bei Frauen 4,7 Tage, bei Männern 4,6 Tage.

Hier zeigen sich allerdings bereits die statistischen Unschärfen, denn medizinwissenschaftliche Studien bestätigen tatsächlich die Existenz eines Männerschnupfens. Erst heuer fanden Wissenschaftler der University of Pennsylvania heraus, dass Frauen ein stärkeres Immunsystem haben als Männer. Der weibliche Körper kann sich gegen Viren und Bakterien besser verteidigen als der männliche. Den Grund hat die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health herausgefunden: Männer produzieren naturgemäß weniger Östrogen. Das Hormon scheint aber die Virenlast im Körper zu beeinflussen. In Bezug auf Erkältungskrankheiten ist das weibliche Immunsystem deshalb dem männlichen voraus, berichten Forscher der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften (PNAS). Sie untersuchten die Reaktion von Frauen und Männern aus unterschiedlichen Altersgruppen auf Grippeimpfungen. Ergebnis: Die körpereigene Abwehr von Frauen reagiert heftiger als jene von Männern. Das weibliche Immunsystem produzierte nach der Grippeimpfung mehr Zytokine und Antikörper.

Ein Grund für die Schwäche des männlichen Immunsystems dürfte das Hormon Testosteron sein. Das Sexualhormon beeinflusst die Reaktion verschiedener Gene, die mit dem Fettstoffwechsel, aber auch der Immunantwort zu tun haben. Eine Studie zeigte, dass Männer mit erhöhtem Testosteronspiegel eine schwächere Immunantwort haben – kein Wunder also, dass schon eine kleine Erkältung gerade den stärksten Mann zum Häufchen Elend verkommen lassen kann. Warum die Krankenstanddaten von Frauen und Männern dennoch nahezu gleich sind, könnte aber auch daran liegen, dass erkältete Männer weniger zum Arzt gehen oder auch früher wieder an den Arbeitsplatz. Für Arbeitsmediziner ist das übrigens auch ein Krankheitsbild und nennt sich Präsentismus. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten neigen Menschen dazu, auch krank zur Arbeit zu erscheinen und Präsenz zu zeigen, aus Angst, den Job zu verlieren. Oder aber Männer glauben einfach, unentbehrlicher zu sein.

Das Beispiel zeigt, wie komplex die Deutung statistischer Daten im Gesundheitsbereich ist. Nicht zuletzt deshalb, weil nur Krankheitsdaten erhoben werden, detaillierte Zahlen über den Gesundheitszustand aber weitgehend fehlen. Gesichert ist allerdings, dass die Vorarlberger im Vergleich mit anderen Bundesländern eine leicht höhere Lebenserwartung haben. Nur die Tiroler wiesen basierend auf Daten aus dem Vorjahr mit 80,02 Jahren eine etwas höhere Lebenserwartung auf als die Vorarlberger mit 79,83 Jahren. Zum Vergleich: Wien kommt als schlechtestes Bundesland auf 77,63 Jahre. In Vorarlberg selbst leben übrigens Frauen aus dem Bezirk Bludenz am längsten – nämlich 83,8 Jahre. Die letzten verfügbaren Bezirkszahlen stammen allerdings aus dem Jahr 2006 und dürften in der Zwischenzeit um etwa drei Jahre höher liegen. Insgesamt leben Frauen im Oberland aber etwa sechs Jahre länger als Männer im Bezirk Bregenz. Die Gründe dafür sind vielfältig, Gesundheitsökonomen führen vor allem Komponenten wie sozialen Status und soziale Teilhabe, Umwelt, Einkommen, Ernährung und Bewegung ins Treffen. Genetische Komponenten spielen hingegen nur zu etwa einem Fünftel eine Rolle.

Allerdings zeigt sich zwischen der Lebenserwartung selbst und der Zahl der in Gesundheit verbrachten Jahre eine wachsende Kluft. So brachte die bundesweite Gesundheitsbefragung im Jahr 2014 das Ergebnis, dass zwar die Lebenserwartung insgesamt steigt, man aber im Schnitt während 20 Prozent der Lebenszeit einen schlechteren Gesundheitszustand hat. Ab einem Alter von 60 Jahren erwarten einen durchschnittlich bereits mehr als 30 Prozent des folgenden Lebens in Krankheit. Der Großteil davon ist bedingt durch chronische Erkrankungen. Und diese nehmen massiv zu: Erwartete Männer im Jahr 2005 bei der Geburt noch eine Lebenszeit von 76,6 Jahren und davon 13,4 Jahre mit einer chronischen Erkrankung, waren es im Vorjahr zwar 78,6 Jahre, aber bereits 21,6 Jahre mit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes, Rheuma oder Herz-Kreislauf-Problemen. Bei Frauen fällt die Statistik hier übrigens noch schlechter aus: Auf eine Lebenserwartung von 82,2 Jahren kamen im Jahr 2005 rund 17 Jahre mit einer chronischen Erkrankung, im Vorjahr schon 25 Jahre mit Erkrankungen auf eine Lebenserwartung von 83,6 Jahren. Anders formuliert: Männer sterben zwar früher, müssen aber auch weniger lang leiden als Frauen. In Summe dürfen beide Geschlechter mit 57 beziehungsweise 58,5 Jahren etwa die gleiche Zahl beschwerdefreier Jahre erwarten – möglicherweise ein Ausgleich für den zitierten Männerschnupfen.

Betrachtet man die Erkrankungen der Vorarlberger genauer, zeigt sich, dass gerade chronische Leiden auch die zahlenmäßig steigenden sind. Hauptleiden sind heute nicht mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems. Hier sind die von der VGKK gemeldeten Krankenstandsfälle von rund 22.000 im Jahr 2010 auf fast 25.500 im Vorjahr gestiegen – ein Plus von mehr als 15 Prozent. Das Umweltbundesamt hat übrigens heuer eine Studie veröffentlicht, wonach sich der Konsum von Schmerzmitteln zwischen 1997 und 2014 mehr als verdreifacht hat. In Vorarlberg wurden 2014 demnach etwa 12 Tonnen Schmerzmittel konsumiert, österreichweit waren es 244,8 Tonnen. Der Grund dafür liegt in einem Rückgang bei der Bewegung, meist sitzenden Arbeiten und dem gleichzeitigen Anstieg von Übergewicht.

Deutlich zugenommen haben auch Erkrankungen des Verdauungssystems mit beinahe 9000 Krankenstandsfällen sowie psychische Belastungen. In Vorarlberg meldet die Gebietskrankenkasse einen Anstieg von 147.000 Krankenstandstagen im Jahr 2012 auf zuletzt 182.000 Krankenstandstage – immerhin ein Plus von 24 Prozent. Die Umsätze mit Psychopharmaka sind österreichweit laut einer Studie der Donau-Universität Krems in Österreich zwischen 2006 und 2013 um 31 Prozent auf 188 Millionen Euro gestiegen. Laut Umweltbundesamt lag der Gesamtverbrauch im Vorjahr bei 109 Tonnen, davon knapp fünf Tonnen in Vorarlberg. Stagnierend sind in Vorarlberg in den vergangenen fünf Jahren die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, auf die rund 2800 Krankenstandsfälle entfielen. Auch die Zahl der Todesfälle aufgrund von Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems nehmen ab. Waren es 1970 noch 374,7 Todesfälle auf 100.000 Einwohner und damit rund 40 Prozent aller Todesfälle, sank die Zahl bis 2015 auf 113,2 Todesfälle pro 100.000 Einwohner und damit auf etwa 30 Prozent aller Todesursachen. Insgesamt ist die Zahl der Todesfälle in den vergangenen 45 Jahren deutlich gesunken – von mehr als 800 auf 335 pro 100.000 Einwohner. Hier macht sich die steigende Lebenserwartung stark bemerkbar. Und es zeigt sich im Bundesvergleich auch wieder, dass die Vorarlberger doch gesünder sind: Österreichweit lag die Zahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vorjahr bei 129,4 pro 100.000 Einwohner.

Je nach Standpunkt lassen sich die Daten zu Krebserkrankungen lesen: Seit 1970 ist die Zahl der Todesfälle von 148,7 auf 106 pro 100.000 Einwohner zurückgegangen. Allerdings ist der Anteil an den Todesfällen gesamt von etwa 18 Prozent vor 45 Jahren auf zuletzt rund 30 Prozent gestiegen. Auch die Krankenstandsfälle nahmen hier zwischen 2010 und 2015 um 30 Prozent zu. Allerdings entwickeln sich die verschiedenen Tumorarten recht unterschiedlich. Die meisten Fälle gibt es bei Brust-, Prostata- und Darmkrebs. Während Darm- und Prostatakrebsfälle seit dem Jahr 2003 wieder sinken, steigt die Zahl der Brustkrebsfälle nach wie vor. Zuletzt erkrankten 217,3 von 100.000 Frauen in Vorarlberg an Brustkrebs. Das Risiko, bis zum 75. Lebensjahr an dieser Krebsart zu erkranken, liegt mit 7,7 Prozent in Vorarlberg aber deutlich niedriger als in anderen Bundesländern (Tirol 9 Prozent, Bundesschnitt 8 Prozent). Bei Darmkrebs liegt Vorarlberg hingegen mit 3 Prozent und 181,7 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner genau im Bundesschnitt. Deutlich über dem Bundesschnitt liegt Vorarlberg allerdings bei Prostatakrebs mit 10,3 Prozent gegenüber 8,1 Prozent österreichweit. Den niedrigsten Wert weist hier Wien mit 6,1 Prozent auf.

Im Hinblick auf die medizinische Versorgung sind die Vorarlbergerinnen und Vorarlberger mit den Angeboten durchaus zufrieden, hat erst kürzlich eine Umfrage der Ärztekammer ergeben. Demnach beurteilten 80 Prozent der Befragten die medizinische Versorgung als sehr gut oder gut. Auch den Ärzten stellten die Befragten ein sehr gutes Zeugnis aus: Sowohl mit den Haus- als auch mit den Wahl- und Fachärzten waren über 90 Prozent der Befragten sehr zufrieden oder zufrieden. Erster Ansprechpartner ist für den Großteil – genau 82 Prozent – der niedergelassene Hausarzt. Als Grund dafür nannten die Befragten laut der Ärztekammer vor allem die langjährige vertrauensvolle Beziehung sowie die Tatsache, dass der Hausarzt die individuelle Krankheitsgeschichte des Patienten kenne. 82 Prozent der Befragten ist es wichtig, dass ihr Arzt sie kennt, 85 Prozent schätzen eine vertrauensvolle persönliche Beziehung.

Mehr als die Hälfte der Vorarlberger (58 Prozent) hat im Vorjahr auch einen Facharzt aufgesucht. Am häufigsten war das ein Gynäkologe (19 Prozent), an zweiter und dritter Stelle wurden Augenarzt und Internist (je 17 Prozent) genannt. Nahezu gleich viele der Befragten entscheiden sich bei einem Facharzt für einen Kassen- (36 Prozent) wie für einen Wahlarzt (40 Prozent). Größter Kritikpunkt sind in Vorarlberg die langen Wartezeiten. Für den Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Burkhard Walla, ist das ein altbekanntes Problem, bei dem man sich in einem Dilemma befinde: „Die Menschen wollen sehr kurzfristig einen Termin, gleichzeitig möchte aber jeder Patient eine möglichst lange Behandlungszeit“, sagt Walla. Die Vorarlberger Ärztekammer und die Gebietskrankenkasse haben deshalb erst im Oktober mit einer Österreich-Premiere gestartet: In dringlichen Fällen kann der Hausarzt zusätzliche Facharzttermine via Internet buchen. Das soll Wartezeiten verkürzen.
Gerade die Versorgung wird allerdings eine Herausforderung für die Zukunft. Für die Gebietskrankenkasse wird es nicht nur in entlegenen Gebieten immer schwieriger, Ärzte für Kassenstellen zu finden. Zudem gehen in den kommenden zehn Jahren rund 50 Prozent aller niedergelassenen Ärzte in Pension. Weil parallel auch die Zahl älterer Menschen zunimmt, wachsen auch die Anforderungen und Ausgaben – schon allein deshalb, weil im Alter generell die Gesundheitsausgaben steigen. Umgekehrt gehen die Einnahmen der Sozialsysteme zurück, finanzieren sie sich ja vor allem über Löhne und Gehälter. Prävention wird also immer wichtiger werden, sind sich Experten einig.

„Wir leben in einem Bundesland, wo die Infrastruktur, die Umwelt und insgesamt die Lebensqualität und Versorgung begleitet ist von umfangreichen Gesundheitsprogrammen“, sagt VGKK-Obmann Manfred Brunner. Und: „Zusammen mit dem vergleichsweise immer noch hohen gesellschaftlichen Zusammenhalt, dem gut funktionierenden Gesundheitssystems und dem vergleichsweise hohen Vorsorgebewusstseins der Vorarlberger liegen gute Voraussetzungen für ein gesundes Leben vor. Noch nie gab es so eine Vielzahl an Gesundheitsangeboten, auch die Nachfrage ist entsprechend hoch.“

05.11.2016

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Martin Schriebl-Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

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