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Wenn die Seele den Körper krank macht

Im Dezember 2006 wurde das Department für Psychosomatische Medizin in Vorarlberg eröffnet. Heute liegt die Zahl der stationären Fälle bei über 200 Patienten pro Jahr. Verkürzt hat sich die Verweildauer, weil viele Patienten modern und tagesklinisch behandelt werden. Der ärztliche Leiter, Primar Georg Weinländer, zieht Bilanz.

Die Psychosomatik – abgeleitet vom griechischen „psyche“ (Atem, Hauch, Seele) und „soma“ (Körper, Leib) – ist die medizinische Diszi­plin, die sich mit den Wechselbeziehungen zwischen seelischen, körperlichen und sozialen Vorgängen befasst. Jede Krankheit birgt in sich einen körperlichen, seelischen und sozialen Anteil. Die seelischen (Psyche) und körperlichen (Soma) Anteile sind gleichzeitig bestehend und müssen als gleichwertig betrachtet werden. Die Psychosomatische Medizin hat sich diese „Sowohl als auch“-Betrachtungsweise bei Diagnose und Therapie zur Aufgabe gemacht. Sie behandelt Menschen, die an Krankheitssymptomen leiden, die in ihrer Entstehung und ihrem Verlauf oft erheblich von der seelischen und sozialen Befindlichkeit der Betroffenen beeinflusst sind.

Denkwürdige Zahlen verdeutlichen die Notwendigkeit dieser Einrichtung – nicht nur in Vorarlberg: Untersuchungen des Wiener Allgemeinen Krankenhauses zeigen, dass an Universitätskliniken 32 Prozent der Patienten in internistischen, chirurgischen, gynäkologischen und Reha-Abteilungen an zusätzlichen psychischen Störungen leiden. Je nach Indikation zeigen 25 bis 66 Prozent der stationären internistischen Patienten Bedarf an begleitender psychischer Betreuung. Im Department für Psychosomatik haben sich die Zahlen von 2009 bis 2015 wie folgt entwickelt: Waren es 2009 noch insgesamt 108 stationäre Fälle, so wurden 2015 bereits 204 Patienten stationär behandelt.

Psychosomatische Krankheitsbilder

„Bei manchen Menschen führen anhaltende seelische Belastungssituationen zu einer Ausbildung von Krankheits­symptomen, die einer ärztlichen Behandlung bedürfen. ‚Kopfzerbrechen‘, ‚die Nase voll haben‘, ‚ins Schwitzen kommen‘ oder ‚Schiss haben‘ beschreiben solche seelisch-körperlichen oder eben psychosomatischen Simultangeschehen“, verdeutlicht Primar Weinländer. Meist lassen sich nach vielen Untersuchungen keine oder nur ungenügende körperliche Befunde als Erklärung für das Ausmaß der Beschwerden finden. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen: Essstörungen wie Magersucht oder die sogenannte Ess-Brech-Sucht, Organfunktionsstörungen wie das Reizdarmsyndrom, Erkrankungen wie Asthma bronchiale oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen, die schubhaft verlaufen und deren Symptome sich in psychischen Belastungssituationen verstärken. Bei den meisten Patienten, die an psychosomatischen Störungen leiden, lässt sich ein zeitlicher Zusammenhang von Konflikten mit einer oder mehreren bedeutsamen Personen, sei es innerhalb der Familie oder im Arbeitsumfeld, und dem Ausbruch der Symptome eruieren.
Das häufigste unerklärte Symptom der somatoformen Beschwerden ist das chronische Schmerzsyndrom. Chronische Schmerzen sind oft Zeichen einer Depression oder Folge von Verlassenheitsgefühlen. Schmerzliche Trennungen oder verletzende Worte hinterlassen in der Seele und eben auch im Körper Spuren. Das Schmerzzentrum des Gehirns kann nicht zwischen körperlichen und sozialen Schmerzen unterscheiden, es werden dieselben Gehirnareale aktiviert.

Wirtschaftliche Aspekte

Die Rate von somatoformen Störungen innerhalb der EU-Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren liegt bei 12,7 bis 21,2 Prozent (Creed, Henningsen, Fink: „Medically Unexplained Symptoms, Somatization and Bodily Distress“, Cambridge University Press 2011). Die Rate der Konsultationen wegen medizinisch unerklärbarer Symptome liegt in der Allgemeinmedizin bei 15 bis 19 Prozent. Eine Studie des Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahr 2006 belegt zudem, dass bei 30 bis 40 Prozent der Patienten psychosomatischer Handlungsbedarf besteht. „Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich die Zahl der Krankenstands­tage infolge seelischer Störungen fast verdreifacht. Die Bereitschaft der Ärzte, gesundheitliche Probleme dem psychischen Bereich zuzuschreiben, hat zwar zugenommen. Daneben werden vermutlich nach wie vor zahlreiche Krankenstände, die mitunter auch psychische Ursachen haben, aufgrund ihrer Symptomatik anderen Krankheitsgruppen zugeschrieben. So können Allergien, Magenschmerzen oder Kreislaufprobleme eine Folge von Stress und psychischer Belastung sein“, beurteilt Weinländer die aktuelle Situation.

„Volkswirtschaftlich entscheidend ist, ob bei somatisierenden Patienten die im Hintergrund stehenden krankheitsrelevanten psychosozialen Faktoren erkannt werden. Werden Beschwerden nur organmedizinisch betrachtet, zeigen Studien, dass medizinische Folgekosten 46-mal höher sind als mit einer psychosomatischen Behandlung.“ Und trotz aller Aufklärung, die in den letzten Jahren bezüglich der Psychosomatik stattgefunden hat, ist es „für den Behandlungserfolg schwerwiegend, wie lange Menschen mit einer Kontaktaufnahme zuwarten: Nahezu 86 Prozent unserer Patienten leiden länger als ein Jahr an einer psychischen Störung, ohne dass sie zum Arzt gehen und sich behandeln lassen. Dann kann eine Behandlung je nach Krankheitsbild von einer bis zu über sieben Wochen dauern.“ Je früher, desto besser – und desto schneller lässt sich die verlorene Lebensqualität wiederherstellen.

 

Department für Psychosomatische Medizin

Stationäre & Tagesklinische Therapie mit interdisziplinärem Team

  • 5 Ärztinnen und Ärzte (Innere Medizin, Allgemeinmedizin,
  • Psychosomatische und Psychotherapeutische Medizin)
  • 8 Pflegefachkräfte
  • 7 Personen für Psychotherapie und klinische Psychologie
  • Sportwissenschaftlerin
  • 1 Sozialarbeiterin
  • 1 Ernährungsberaterin

 
Medizinische Leistungen

  • Psychodynamische Gruppen- und Einzel-Psychotherapie
  • Autogenes Training
  • Integrative Therapie und konzentrative
  • Bewegungstherapie
  • Kunsttherapie
  • Bewegungsschulung und Sport
  • Entspannungsverfahren
  • Aromapflege

03.12.2016

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Ulrike Delacher

Die gebürtige Tirolerin studierte Germanistik und Integrierte Kommunikation. Sie leitet die Unternehmenskommunikation bei der Vlbg. Krankenhaus-Betriebsgesellschaft.

(Foto: © Matthias Weissengruber)

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