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Blackout im freien Fall über Vorarlberg

Sich 4000 Meter über sicherem Vorarlberger Terrain aus einem Flugzeug zu stürzen, erfordert einiges an Überwindung. Dennoch kann sich der Union Paraclub Silvretta (UPCS) in Hohenems, der Fallschirmspringer ausbildet, des großen Andrangs kaum erwehren. Sogar einen Weltrekordler haben die Emser Springer in ihren Reihen.

An diesem verregneten, kühlen Sommertag herrscht fast Stille am Flugplatz Hohenems. Heute startet und landet hier wohl kein Flugzeug, ans Fallschirmspringen denkt ebenfalls niemand. So herrscht auch im Hangar der Fallschirmspringer gleich neben der Piste Ruhe. Christoph Fessler, der sportliche Leiter beim UPCS, nutzt die „Auszeit“, um die Sicherheitssysteme der Fallschirme zu checken. Er hat bereits an die 1300 Sprünge absolviert, nimmt Wagemutige bei Tandemsprüngen mit und ist sogenannter Accelerated Freefall Instructor (AFF). Das heißt, dass er Aspiranten das Fallschirmspringen beibringt.

Christoph hat schon in vielen Ländern der Welt Sprünge gemacht. Fallschirmspringen in Vorarlberg übt auf ihn aber einen weit größeren Reiz aus, als diese Sportart in den USA oder im neuen Springermekka Dubai zu betreiben. „Die Landschaft, auf die man zurast, ist viel spannender als anderswo“, sagt der 23-Jährige. Rund 6000 Sprünge werden pro Jahr in Hohenems absolviert. Der Vorarlberger Verein verfügt über zehn Piloten; wer die notwendige Ausrüstung und die Lizenz zum Springen besitzt, muss 26 Euro bezahlen, um ins Flugzeug einsteigen zu dürfen.

4000 Meter über Grund geht’s ab

Im Hangar steht die in Clubbesitz befindliche einmotorige Cessna Grand Caravan. Sitze sucht man darin vergeblich – außer jenem für den Piloten. Die maximal 18 Springer hocken am Boden, ehe sich in knapp 4000 Metern Höhe über Vorarlberg die Rolltür öffnet und das Abenteuer richtig beginnt.

„Die ersten 10 bis 15 Sprünge kosten enorme Überwindung, stellen einen richtigen Kick dar“, weiß Christoph Fessler aus eigener Erfahrung. Gekniffen im letzten Moment habe freilich bisher niemand. Kein Wunder: Wenn die Ausstiegsvorbereitungen einmal fast abgeschlossen sind, wäre es gefährlicher, komplett zurückzusteigen, als die Aktion „durchzuziehen“. Ein kleines Blackout, ein kurzer „Overload“ – davon berichten viele beim „ersten Mal“. Zur Aufregung gesellen sich noch die kühleren Temperaturen in der Höhe und die Geschwindigkeit des Flugzeugs. Der erste Solosprung findet in Begleitung zweier Sprunglehrer statt, die links und rechts vom Aspiranten in die Tiefe stürzen und ihn zunächst halten. Ein knackiges Schütteln durch den Lehrer – schon hat sich das Blackout erledigt.

Die Cessna Grand Caravan schraubt sich in zwei Schleifen innerhalb von 20 Minuten bis auf die 4000 Meter über dem Platz in Hohenems empor. Die Flugroute verläuft über wenig bebautem beziehungsweise bewohntem Gebiet. „Die Routenwahl hängt vom jeweiligen Piloten ab“, sagt Christoph Fessler. Etwa eine Minute dauert dann der freie Fall. Diese Phase des Sprungs übt auf die Sportler die größte Faszination aus: „Die dreidimensionale Bewegung begeistert unheimlich“, erzählt Fessler.

Begeisternd ist freilich auch das Panorama. Die Springer beschreiben den Kontrast von Bodensee, den lieblichen Bergen im Bregenzerwald und den mächtigen Gipfeln in der nahen Schweiz als herausragend. Tausend Meter über dem Boden wird der Schirm geöffnet. Je nach Modell verbleiben dann noch zwischen zwei und vier Minuten bis zur Landung in der Wiese im Ried direkt neben der Piste in Hohenems.

Staats- und Weltmeister

Fallschirmspringen gilt offiziell als Sportart mit verschiedenen Disziplinen. Auch die Sportler des UPCS nehmen an Wettkämpfen teil. Formationsspringen ist eine der Disziplinen. Beim sogenannten Canopy Piloting kommt es vor allem auf die Landung an – unter anderem steht die Zielgenauigkeit im Vordergrund. Hier hat der Vorarlberger Verein ein Aushängeschild in seinen Reihen: Der Harder Marco Fürst holte sich kürzlich den Staatsmeistertitel.

Ein weiterer Marco aus dem Club hat sogar bereits mehrmals den Weltmeistertitel im Speed-Skydiven gewonnen und hält den Geschwindigkeitsweltrekord. Bei unglaublichen 557,57 km/h liegt die aktuelle Weltbestmarke des Liechtensteiners Marco Wiederkehr im freien Fall. 120 aktive Springer sind beim UPCS eingeschrieben. Das jüngste, in Ausbildung befindliche Mitglied ist gerade 14 Jahre alt, der älteste Springer über 60. Fallschirmspringen scheint übrigens Männersache zu sein: „Wir haben im Verein einen wesentlich höheren Männer- als Frauenanteil“, sagt Christoph Fessler.

Unfälle zählen zu den seltenen Ereignissen. Ein verstauchter Knöchel – viel mehr passiert meist nicht, wenn doch einmal etwas schiefläuft. Verantwortlich dafür ist die erstklassige Ausbildung, die der Club bietet. Außerdem verfügen die Schirme über hochmoderne Sicherheitssysteme. Falls es Probleme mit dem Hauptschirm gibt, kann auf den Reserveschirm zurückgegriffen werden. Der öffnet sich zudem automatisch 220 Meter über Grund, falls der Springer nicht in der Lage war, rechtzeitig den Öffnungsvorgang einzuleiten. Der automatischen Schirmöffnung verdankt ein UPCS-Springer, der sich beim Ausstieg aus dem Flugzeug den Kopf angeschlagen hatte, sein Leben. Bewusstlos stürzte er in die Tiefe, schließlich landete er halbwegs sanft im Ried. Die gesundheitlichen Folgen fielen glimpflich aus.

Der Verein bietet übrigens auch Tandemsprünge an – sogar für Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Das Risiko hält sich, wie schon zu lesen war, sehr in Grenzen. Und ein möglicher Overload nach dem Ausstieg vergeht rasch. Notfalls wird der Passagier halt ganz einfach geschüttelt …

03.09.2016

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