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Wenn die Silver Society arbeiten geht

Sie sind geprägt von einem langen Berufsleben, wollen ihren dritten Lebensabschnitt aktiv und selbstbestimmt gestalten oder wagen noch einmal den Aufbruch – die Best-Ager-Generation ist zur neuen Zielgruppe in der Konsumwelt mutiert. Im Arbeitsleben sind alternde Belegschaften eine zunehmende Herausforderung. Auch der Wettbewerbsfähigkeit wegen.

Unsere Gesellschaft altert. Das ist Fakt. Fakt ist auch, dass wir länger als noch vor wenigen Jahrzehnten leben. Die Errungenschaften der modernen Medizin und Wissenschaft, positive sozioökonomische Entwicklung der Industriestaaten, Verbesserung der Lebensqualität und Gesundheitssicherung, zunehmender Wert von Ausbildung und Bildung, steigender Lebensstandard und Verbesserungen in der Arbeitswelt lassen unsere Lebenserwartung in die Höhe schnellen. Im Zeitraum 1899/1902 lag laut Statistik Austria die Lebenserwartung von Männern bei der Geburt bei nur 40,6 Jahren, jene von Frauen bei 43,4 Jahren. Im Jahr 2015 betrug die Lebenserwartung von Männern in Österreich bei der Geburt bereits 78,6 Jahre, bei Frauen 83,6 Jahre. Diese steigende Lebenserwartung geht jedoch mit einer Abnahme der Geburtenrate einher. Und genau das ist es, was zu einer signifikanten Veränderung der altersspezifischen Zusammensetzung unserer Gesellschaft führt.

Während nach dem Zweiten Weltkrieg die Gesamtfertilitätsrate in Österreich in den frühen 1960ern einen Höhepunkt erreichte (1963: 2,82 Kinder je Frau im Alter zwischen 15 und 45 Jahren), lag die  Fruchtbarkeitsrate im Jahr 2015 bei 1,49 Kindern je Frau. Der seit den 1960er-Jahren historisch niedrigste Wert wurde im Jahr 2001 mit 1,33 erreicht.

Die „Alterung“ der Gesellschaft in Europa verläuft aber nicht einheitlich. Die Dynamiken unterscheiden sich wesentlich zwischen den einzelnen Ländern. So sind Deutschland und Italien überdurchschnittlich von Alterung betroffen (Medianalter 2014: Deutschland 45,6 Jahre, Italien 44,7 Jahre), während beispielsweise Irland 2014 ein mittleres Alter der Bevölkerung von 36 Jahren aufwies. In Österreich liegt das Durchschnittsalter gegenwärtig bei ungefähr 42 Jahren, und im Jahr 2050 wird es über 48 sein.

Erhalt von Wissen

Im Zuge dieses demografischen Wandels werden in den nächsten Jahren die 45-Jährigen die größte Gruppe unter den Beschäftigten bilden. „In der Konsumwelt stellen die sogenannten ,Best Ager‘ eine immer wichtigere Zielgruppe dar. Diesem Umstand Rechnung tragend sind speziell die Unternehmen gefordert, Herausforderungen wie Wissensübergabe, Integration Älterer wie auch Jüngerer, lebenslanges Lernen und Gesundheitsmanagement zu meistern“, erklärt Christoph Jenny, stellvertretender Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg.

Der Anteil der älteren Arbeitnehmer in den Unternehmen steigt kontinuierlich. Dennoch liegt in Österreich der Anteil der über 55-Jährigen, die noch im Erwerbsleben stehen, im EU-Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt. Nur 46,3 Prozent der sind hierzulande erwerbstätig. Im EU-Schnitt sind es 53,3 Prozent, in Deutschland 66,2 Prozent und in der Schweiz 72,8 Prozent. Ein höherer Anteil an älteren Beschäftigten wäre auch für Österreich wichtig, um unser Pensionssystem nachhaltig finanzieren zu können. Derzeit gehen die Österreicher zu früh in Pension. Ist die Gruppe der älteren Arbeitnehmer in zu geringem Ausmaß am Arbeitsmarkt vertreten, gehen deren Erfahrungswissen und Netzwerke verloren. Dadurch sinkt die Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Betriebe.

Wir altern zudem nicht alle gleich. Neben der biologischen Programmierung wird der Prozess des Alterns auch vom persönlichen und arbeitsbezogenen Umfeld beeinflusst. Doch Altern wurde viele Jahrzehnte mit Leistungsabfall gleichgesetzt. Diese Defizitperspektive (so der Fachausdruck) schürte Vorurteile. Jenny: „Die Gesellschaft, aber auch die Wirtschaft müssen erkennen, dass das Alter große Potenziale birgt. Mit 60 oder 70 Jahren gehören Menschen heute nicht automatisch zum alten Eisen. Sie sind geistig leistungsfähig und in der Regel auch körperlich fitter als vorausgegangene Generationen im gleichen Alter.“

Und bei Betrachtung der Wirtschaft ergibt sich ein weiteres Faktum, das es zu berücksichtigen gilt, denn unsere Wirtschaftswelt ist heute mehr von Dienstleistungs-, Wissens- und Informationsarbeit geprägt. Das bedeutet, dass Produktivität und Wachstum mehrheitlich auf geistiger, immaterieller Wertschöpfung basiert statt auf schwerer körperlicher Arbeit.

„Angesichts des demografischen Wandels gilt es Ideen und Modelle zu finden, mit denen es gelingen kann, ältere Arbeitnehmer länger im Job zu halten. Und das am besten gesund. Voraussetzung dafür ist, dass die Führungskräfte wissen, was Altern körperlich, psychisch, geistig und sozial bedeutet: Die Beschäftigten werden dann individuell optimal gefordert, aber weder unter- noch überfordert, und das ermöglicht und erhöht die Produktivität“, rät Jenny.

Arbeit und Alter

Alternsgerechte Arbeit ist ein zentrales Element in einer sich rasch verändernden Arbeitswelt mit zusehends differenzierter und älter werdender Belegschaft, um die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben zu erhöhen, was bedeutet, dass alle Generationen im Betrieb ihr optimales Potenzial zur Arbeitsbewältigung entfalten. Dies ist für größere Unternehmen meist leichter zu bewerkstelligen als für KMU, denen oft die Ressourcen dafür fehlen. Hier setzt eine gemeinsame Initiative der Sozialpartner an.

„Mit www.arbeitundalter.at haben Bundesarbeitskammer, Österreichischer Gewerkschaftsbund und Wirtschaftskammer Österreich mit der IV unter Mitwirkung der AUVA ein in Europa einzigartiges Online-Produkt entwickelt, das Unternehmen aller Größen unterstützt, Arbeit alternsgerecht zu gestalten“, so Arbeitsmarkt-Expertin Maria Kaun – ein gelungenes Beispiel funktionierender Sozialpartnerschaft.

Auf der Webseite sind die Themen Führung, Weiterbildung, Gesundheit und Arbeitsorganisation so aufbereitet, dass eine Umsetzung im Betrieb möglichst leicht erfolgen kann. Praktische Beispiele helfen bei der Realisierung einzelner Schritte, ohne gleich externe Berater einbinden zu müssen. In Vorarlberg stehen daneben AMS und der Fonds Gesunde Betriebe beratend und fördernd zur Seite. Hilfe bietet auch der Verein 45plus – Institut für Generationen­management, gegründet vom ehemaligen Manager Manfred Rünzler, der sich seit vielen Jahren mit der demografischen Entwicklung und dem Generationenmanagement auseinandersetzt.

Allen Initiativen ist eines gemein, nämlich die Betrachtung, dass Altern kein Abbauprozess der Leistungs­kapazitäten ist, sondern ihr Umbau.

03.12.2016

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