David Stadelmann

* 1982, aufgewachsen in Sibratsgfäll, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow bei CREMA – Center for Research in Economics, Managemant and the Arts; Fellow beim Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST); Fellow beim IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues; Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University); Mitglied des Walter-Eucken-Instituts.

 

Das Klima wird politisch schlechter bewirtschaftbar

April 2024

Kürzlich berichtete der EU-Klimadienst Copernicus, dass die globale Durchschnittstemperatur im Jahr 2023 um 1,48°C höher war als im historischen Vergleichszeitraum von 1850 bis 1900. Mehr noch, die globale Durchschnittstemperatur in den zwölf Monaten von Februar 2023 bis Jänner 2024 überschritt mit 1,52°C das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. Damit wäre ein zentrales Ziel der internationalen Klimapolitik verfehlt worden. 

Dynamisierung des 1,5-Grad-Ziels
Für all jene, die einen nüchternen Blick auf die Welt haben, war klar, dass ein striktes 1,5-Grad-Ziel nie wirklich zu erreichen war. Vielleicht wäre dieses Ziel bei seiner Ausrufung im Jahr 2015 rein physikalisch betrachtet realisierbar gewesen, vorausgesetzt, die Treibhausgasemissionen wären weltweit sofort und sehr drastisch reduziert worden. Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen einer Treibhausgasreduktion zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels wären verheerend gewesen und hätten sich in Form von Armut und Leid geäußert. So haben die globalen Emissionen seit dem Pariser Klimaabkommen zugenommen. Eine Erhöhung des wirtschaftlichen Wohlstands und damit oft auch der sozialen Wohlfahrt ist nämlich in vielen Ländern der Welt weiterhin mit einer Zunahme der Treibhausgasemissionen verbunden.
Manche politischen Entscheidungsträger mögen das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels des Pariser Klimaabkommens als realistisch betrachtet haben. Sie und andere scheuen sich zurecht, ein neues Ziel zu proklamieren. Zu sehr haben sie auf das 1,5-Grad-Ziel gesetzt, um echte und vermeintliche Klimaschutzmaßnahmen und andere ihnen genehme Regulierungen und Fördermaßnahmen zu rechtfertigen. Bei Zielverfehlung wurden Katastrophen, mithin gar das Ende der Menschheit, an die Wand gemalt. Wer so vorgeht, kann eine Zielverfehlung nicht eingestehen. Deshalb dürfte das 1,5-Grad-Ziel bestehen bleiben – als dynamisches 1,5-Grad-Ziel. „Dynamisch“ bedeutet dabei, dass die Erderwärmung längerfristig betrachtet und im Durchschnitt unter 1,5°C bleiben solle. Denn längerfristig unter 1,5°C zu bleiben wäre „sicherer“ als beispielsweise eine Erwärmung von rund 2,0 °C oder gar 3,0°C längerfristig. Dem würde nahezu kein Klimawissenschaftler widersprechen. 
Doch lässt sich ein dynamisches 1,5-Grad-Ziel weniger gut politisch bewirtschaften und dient weniger gut der Rechtfertigung für neue politische Eingriffe und Subventionen. Denn ein dynamisches 1,5-Grad-Ziel ermöglicht es, ohne sofortige Moralisierung über zusätzliche Kosten und zusätzlichen Nutzen von Klimaschutz zu sprechen und Alternativen ins Auge zu fassen, die mittelfristig zu höheren Emissionen führen, dafür aber in anderen Bereichen für die Bürger nutzenstiftend sind.

Von der unmittelbaren zur dauerhaften Priorität 
In der Vergangenheit wurde gerne behauptet, die Reduktion von Treibhausgasemissionen hätte gesellschaftliche Priorität. Doch gibt es immer andere behauptete und reale Zwänge, sodass Emissionsreduktionen faktisch keine Priorität hatten. Mit Verfehlen eines strikten 1,5-Grad-Ziels und der erwartbaren Verfehlung anderer unrealistischer Ziele beim globalen Klimaschutz, dürfte klarer werden, dass es neben Emissionsreduktionen auch Möglichkeiten zur Anpassung an die erwartbaren Herausforderungen des Klimawandels gibt: geeignete Baumaßnahmen reduzieren Sturmschäden, robustere Baumarten erhalten den Wald, Klimaanlagen schützen vor Hitze.
Die politischen Entscheidungsträger dürften sich an die Situation anpassen. So könnte Klimaschutz bald der Status einer „dauerhaften Priorität“ zugewiesen werden. Das ist sogar sinnvoll. Der Klimawandel ist nicht vergleichbar mit einem drohenden Meteoriteneinschlag, der die Menschheit auszulöschen droht. Er ist eher vergleichbar mit einer chronischen Erkrankung, einer Art Rheumatismus, die die Menschheit noch für Jahrzehnte mehr oder weniger plagen könnte. Unmittelbare Prioritäten verdrängen kurzfristig immer die dauerhaften Prioritäten. Tatsächlich beobachten wir bereits jetzt, dass im Vergleich zu vor nicht allzu langer Zeit deutlich weniger über das Weltklima gesprochen wird und sogenannter Klimanotstand einfach fortlaufend herrscht – dauerhafte Prioritäten sind politisch schlechter bewirtschaftbar. 

Weniger naiver Blick auf die Welt
Zuletzt hat sich die naive Weltsicht mancher Milieus etwas gewandelt. Klar war immer allen, dass Klimaschutz global erfolgen muss. Deshalb wurden internationale Klimaverträge, wie beispielsweise das Abkommen von Paris, mit einer überwältigenden Anzahl an Nationen geschlossen. Manche hofften, die Vertragsparteien würden sich an das Abkommen halten. Doch viele Politiker in Regierungen, die Vertragsparteien des Pariser Klimaabkommens sind, würdigen diesen Vertrag ähnlich, wie sie in ihren Ländern Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Menschenrechte würdigen – gerade mal auf dem Papier. So hat der Angriffskrieg auf die Ukraine unmissverständlich klar gemacht, dass das russische Regime nicht besonders vertrauenswürdig ist und sich vermutlich wenig um das Weltklima im Jahr 2060 oder 2100 schert. Mehr noch, vielen leuchtet ein, dass bei einem nicht völlig unwahrscheinlichen militärischen Konflikt zwischen China und Taiwan, globaler Klimaschutz vollends ein esoterisches Randthema würde. 
Realistischerweise sollte festgehalten werden, dass auch demokratisch geprägte Länder nicht immer die zuverlässigsten Vertragspartner beim Klimaschutz sind. Generell verfolgen politische Entscheidungsträger nicht nur die Interessen der zukünftigen Bürger der Erde, sondern auch die Interessen ihrer Partei, ihrer Lobbygruppen oder ihre ganz ureigenen Interessen. Anders gesagt ging es auch demokratischen Regierungen in der bisherigen Klimapolitik nicht nur um Klimaschutz, sondern auch darum, mit Klimapolitik die Unterstützung von den für sie wichtigen Wähler- und Interessengruppen aufrecht zu erhalten. Sie haben das Klima politisch bewirtschaftet und deshalb unrealistische Ziele gesetzt. Die Zielverfehlung macht die politische Bewirtschaftung des Klimas schwieriger. Vielleicht bietet sich nun die Chance, Klimaschutz endlich effizienter auszugestalten und im Sinne der Bürger an echter Kostenwahrheit zu orientieren?

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