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Digitale Zukunft auf Vorarlberger Art: Fokussierte Gelassenheit.

Wir befinden uns im Übergang in das digitale Zeitalter. Unser Leben wird immer weiter beschleunigt, es wird komplexer und diffuser. Der Wandel bringt zudem vielfältige wirtschaftliche, ökologische und soziale Herausforderungen mit sich. Die gute Nachricht ist: Wir können und werden die Probleme meistern. Nämlich wenn wir uns einerseits auf unsere Stärken besinnen und andererseits völlig neue Wege gehen. Eine widersprüchliche Zeit hat begonnen.

Der deutsche Philosoph Odo Marquard hat den Ausspruch geprägt: „Zu­kunft braucht Herkunft.“ Dieser Gedanke sollte in Zeiten großer Umbrüche besonders präsent sein. Wir müssen uns bewusst machen, woher wir kommen und welche Werte und Traditionen uns kulturell geprägt haben. In diesem Bewusstsein liegt die Kraft für erfolgreiche Veränderungs- und Anpassungsprozesse.

Vorarlberg ist eine wirtschaftlich prosperierende Region mit hoher Lebensqualität. Eine unternehmerische Grundhaltung ist in unserer kulturellen DNA einprogrammiert. Wir reden nicht nur – wir „schaffand“. Und wenn es drauf ankommt, ziehen wir an einem gemeinsamen Strang und kooperieren. Soviel zum Archetyp, wie wir uns gerne sehen. Dass der Konjunkturmotor in Vorarlberg derzeit brummt, ist Segen und Fluch zugleich. Denn wir könnten Gefahr laufen, uns auf unserem Erfolg auszuruhen und die Zeichen der Zeit zu verkennen. Denn vor der disruptiven Kraft der Digitalisierung ist mittelfristig kein Bereich gefeit. Keiner.
Wie könnte eine unternehmerische Strategie im Umgang mit der digitalen Transformation aussehen? Wie können wir die Herausforderungen der Digitalisierung auf unsere Vorarlberger Art angehen? Handfest, pragmatisch und trotzdem bereit, eingetretene Pfade zu verlassen und völlig umzudenken?

Für die anstehenden Transformationsprozesse würde mir ein dialektischer Leitgedanke gefallen, der einen Widerspruch impliziert. Fokussierte Gelassenheit. Ich glaube, das würde zu unserer spezifischen unternehmerischen Tradition passen und gleichzeitig bewusst machen, was in einer komplexen Welt zu einem immer dominanteren Erfolgsprinzip geworden ist: Das bewusste Spiel mit Gegensätzen und Polaritäten. Bewahren <> verändern. Analog <> digital. Herkunft <> Zukunft. Stadt <> Land. Langsam <> schnell. Mensch <> System. Denken <> Handeln.

Zehn Ansatzpunkte zur (digitalen) Zukunftsgestaltung auf Vorarlberger Art:

  1. Mehr Fokus (weniger Ablenkung): Wir sollten die digitale Transformation fokussiert, konzentriert und systematisch angehen. In zunehmend komplexen und unsicheren Zeiten kommt es auf das Machen und permanente Lernen an. „Start before you‘re ready. Go. Execute.“
  2. Mehr Gelassenheit (weniger Angst): Wir sollten uns nicht beunruhigen lassen. Alles, was es für eine gelingende soziale, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung braucht, ist (potenziell) da. Aber wir müssen es gezielt nutzen und gestalten – mit Freude, Neugierde und Heiterkeit.
  3. Mehr Geschwindigkeit (weniger Starrheit): Wir müssen schneller werden. Die langen Planungs- und Umsetzungszyklen des 20. Jahrhunderts funktionieren nicht mehr. Es braucht vor allem vernetzte Organisations- und Arbeitsformen, die Agilität, Selbstorganisation und kurze Entscheidungswege ermöglichen. Das ist für die meisten Unternehmen neu. Sehr neu sogar.
  4. Mehr Vision (weniger Druck): Es braucht attraktive, positive und inspirierende Zukunftsbilder, wie Wirtschaft und Gesellschaft in der digitalen Ära gelingen können. Denn es wird zu gewaltigen Umbrüchen kommen. Führung braucht Visionen und Strategien, um den Fokus auf die wesentlichen Fragen zu lenken. Ein guter Unternehmer hat ein Bild einer guten Gesellschaft.
  5. Mehr Mut (weniger Zögern): Erfolgreiche Innovation und Veränderung bedeutet vor allem, Neues zu wagen und Position für das Neue zu beziehen. Das erfordert mutige Entscheidungen unter Unsicherheit sowie eine neue Fehlerkultur.
  6. Mehr Offenheit (weniger Geschlossenheit): Wir sollten die neuen technologischen Möglichkeiten mit radikaler Offenheit und mit Optimismus angehen. Nur so können wir verstehen, besser werden, uns entwickeln. Denn die Welt um uns herum schläft nicht. Wir müssen lernen, lernen, lernen. Das geht nur mit einer neugierigen und konstruktiven Grundhaltung.
  7. Mehr Musterbrüche (weniger Gewohnheit): Wir müssen dem Neuen konsequent Zeit, Ressourcen und (Schutz)Räume geben, damit es zur Entfaltung kommen kann. Denn die notwendigen Musterbrüche entstehen nur, wenn wir neues Denken und Tun zulassen. Holen wir uns Rebellen und Querdenker in die Unternehmen und geben wir ihnen schwierige Probleme. Oder noch besser: Schaffen wir ein Umfeld, in dem innovative Start-ups wachsen können.
  8. Mehr Kooperation (weniger Entfremdung): Gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit ist auch in der digitalisierten Welt der Schlüssel zum Erfolg. Die komplexen Probleme unserer Zeit können nur gemeinsam gelöst werden. Erfolgreiche Kooperation braucht einen bewusst gestalteten Rahmen, in dem vertrauensvolle Beziehungen entstehen können – zwischen Mitarbeitern, Kunden und Partnern.
  9. Mehr Kompetenz (weniger Halbwissen): Wenn immer mehr Tätigkeiten von Computern, Maschinen und Robotern übernommen werden, müssen wir uns auf unsere menschlichen Potenziale und Talente rückbesinnen. Lösungskompetenz in hochkomplexen Situationen, Technologiekompetenz, kritisches Denken, Kreativität oder die Fähigkeit, sich in heterogenen Teams konstruktiv einzubringen, sind die Top-Skills, die Unternehmen in Zukunft benötigen werden.
  10. Mehr Sinn (weniger Unsinn): Viele Systemstrukturen, Konzepte und Praktiken des Industriezeitalters sind sprichwörtlich unsinnig geworden. Um den Dingen wieder mehr Sinn zu verleihen, müssen wir wissen, was Menschen wirklich brauchen. Denn darin liegt der Ursprung sinnvoller Vorhaben, Unternehmen und Projekte.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich unsere Region im digitalisierten, globalen Hyper-Wettbewerb behaupten kann. Aber wir müssen uns bewegen – gedanklich, emotional und kulturell. Das, was uns hierher gebracht hat, wird uns nicht weiterbringen. Let‘s go.

03.12.2017

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