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Das Rotlicht flackert im Geheimen

Die Diskussion um die mögliche Errichtung eines Bordells in Hohenems wirft gleichzeitig die Frage nach illegaler Prostitution in Vorarlberg auf. Während die Polizei das Rotlichtmilieu im Land als ruhig und überschaubar beschreibt, sprechen Sozialarbeiter von einem illegalen Feld „in recht großem Ausmaß“.

Blicken wir zurück in die 1970er- und 1980er-Jahre. Damals wüteten regelrechte Zuhälterkriege im konservativ geprägten Vorarlberg. Kein Wunder: Der Straßenstrich war äußerst lukrativ, weil grenzüberschreitend. Dies weckte Begehrlichkeiten – einerseits bei den Damen, die aus weiten Teilen Österreichs hierher zum Arbeiten anreisten, andererseits bei deren Beschützern, die gleich mitkamen.

Tödliche Rangkämpfe

Konfliktfrei verlief diese „Hochblüte“ der illegalen Prostitution natürlich nicht – im Gegenteil: Die „Protagonisten“ der Szene gingen nicht zimperlich miteinander um. „Höhepunkt“ der Rangkämpfe: zwei erschossene Zuhälter im Zuge einer „geschäftlichen Besprechung“ 1983 in Lustenau.

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Von Zuhälterkriegen ist – zumindest nach außen hin – weit und breit nichts zu sehen. „Im Land gibt es derzeit kein Problem mit Zuhältern und Begleitkriminalität von illegaler Prostitution“, sagt Abteilungsinspektor Manuel Seitlinger vom Landeskriminalamt in Bregenz.

Auch klassische Hotspots der illegalen Prostitution wie früher finde man keine mehr. Der ehemalige Straßenstrich hat sich in Wohnungen verlagert, die Damen akquirieren ihre Kunden über Inserate. Es kursieren Gerüchte, wonach rund hundert illegale Bordelle im Land existieren. „Eine solche Zahl lässt sich nicht messen“, sagt Seitlinger. So würden beispielsweise Damen mit mehreren Nummern von Wertkartenhandys gleich mehrere Inserate schalten.

Die rund 20 Tabledance-Lokale im Land seien in Sachen illegaler Prostitution unproblematisch. „Wir kontrollieren sie öfters, bisher gab es außer Verstößen nach dem Meldegesetz keine Beanstandungen“, informiert Seitlinger.

„Wir sehen uns jedenfalls nicht als die Jäger der Frauen und ermitteln daher nicht bei jeder Adresse bzw. Telefonnummer“, betont Seitlinger. Eingeschritten werde hingegen, wenn der Verdacht der Ausbeutung besteht. Aber nur hin und wieder kämen solche Zuhälter­delikte ans Licht – und die Erkenntnis, dass Zuhälterei längst keine Männerdomäne mehr darstellt. Einen anderen Blick auf das Thema hat Michael Lipburger, Leiter der Drogen- und Suchtberatungsstelle „Clean“ in Bregenz, die das Projekt „Nana“ betreibt. „Nana“ berät Frauen und Männer, die der Prostitution nachgehen, und ihre Angehörigen.

Alternativen für den Ausstieg

„Illegale Prostitution ist natürlich ein Thema im Land“, betont Lipburger. Rund 50 Klienten befinden sich durchschnittlich in einem Betreuungsverhältnis bei „Nana“. Den Prostituierten versucht man Alternativen aufzuzeigen, die ihnen den Ausstieg aus dem „Gewerbe“ ermöglichen sollen.

Wie viele illegale Bordelle und Prostituierte es in Vorarlberg gibt? Darüber kann auch Lipburger bloß Mutmaßungen anstellen. „Bei den Klienten, die wir erreichen, handelt es sich jedenfalls lediglich um die Spitze des Eisbergs“, betont er. „Das illegale Feld dürfte ein recht großes Ausmaß haben.“

Bestrebungen, ein behördlich genehmigtes Freudenhaus in Vorarlberg zu errichten, scheiterten bisher an der Auslegung des Sittenpolizeigesetzes. Das lässt Freudenhäuser nur zu, wenn sich damit Störungen des öffentlichen Lebens durch illegale Prostitution verringern lassen. Das Interesse diverser „Investoren“ beschränkt sich nicht allein auf Hohenems als Standort, und Begehrlichkeiten, mit einem Freudenhaus in Vorarlberg Geld zu verdienen, kommen auch aus der benachbarten Schweiz.

Die „Freude“ der Exekutive über legale Bordelle im Land würde sich in Grenzen halten. Die Kriminalisten befürchten verschiedene Formen von Begleitkriminalität. „Die Frage ist unter anderem: Wie setzt sich ein Bordell­besitzer in der Szene durch?“ gibt Manuel Seitlinger zu bedenken. Ein Aufleben alter „Sitten“ wünscht sich niemand.

Verbleib in der Illegalität

Er bezweifelt weiters, dass sich dann die Situation der illegal tätigen Frauen verbessern würde: „Wir stellen nirgendwo fest, dass illegale Prostituierte in ein offizielles Bordell wechseln, wenn die Möglichkeit besteht.“ Man rechnet eher damit, dass dann zusätzliche Frauen von auswärts nach Vorarlberg kommen würden. Der Blick nach Tirol zeige, dass dort bei verstärkten Kontrollen die Frauen nicht in legale Etablissements wechseln, die im angeblich „heiligen“ Land aus dem Boden geschossen sind wie Pilze nach einem warmen Sommerregen. „Der überwiegende Teil würde in der Anonymität weitermachen“, glaubt auch „Clean“-Leiter Lipburger. So betrachtet brächten legale Etablissements für viele Prostituierte keinen Vorteil. Und wie die Polizei meint er: Mehr Pros­tituierte und Freier von auswärts wären die Konsequenz.

Freilich: Ohne Zweifel würde ein Bordell –  das aufgrund der gegebenen Situation in Vorarlberg zu Beginn sicher als „Vorzeigebetrieb“ geführt würde – die Situation einer Teilgruppe von Frauen verbessern, ist Lipburger überzeugt. Nachsatz: „Aber wie wäre dann wohl die längerfristige Entwicklung im Bereich legaler Prostitution?“

05.09.2015

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