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800 Jahre Feldkirch - Die bewegte Geschichte der ersten Stadt Vorarlbergs

Wir schreiben das Jahr 1218. Walther von der Vogelweide wird mit seinen Liedern zum ersten herausragenden deutschen Lyriker. In Salamanca wird eine Universität gegründet, in Cambridge werden schon seit zehn Jahren Vorlesungen abgehalten. In Rom hat Papst Honorius III. vor Kurzem erst die Ordensregeln der Dominikaner und Franziskaner bestätigt. Und Feldkirch wird erstmals urkundlich als Stadt erwähnt. In einem optisch unscheinbaren Dokument ist die Rede von „Veldkilch“. Es belegt den zentralen Standort der damaligen Ansiedlung – und damit beginnen 800 ereignisreiche Jahre.
Feldkirch, das heute 33.000 Einwohner zählt, war zwar nie eine der größten Städte im Alpenraum, galt durch die strategisch wichtige Lage aber seit jeher als bedeutende Grenzstadt. Bereits im Jahr 1219 hatten Graf Hugo I. von Montfort und der Bischof von Chur mit der Stadt Como einen Handelsvertrag abgeschlossen. „Reisende aus allen vier Himmelsrichtungen passierten zur damaligen Zeit Feldkirch“, berichtet Stadtbibliothekar Hans Gruber, „der Handel und das Herbergswesen florierten, da durch die Stadt eine zentrale Verkehrsroute führte.“

Wichtige Söhne der Stadt

Als schließlich im 15. Jahrhundert die italienische Renaissance und damit der Humanismus in der Stadt Einzug hielten, gewann auch Bildung zunehmend an Bedeutung. Im Jahr 1400 wurde in Feldkirch eine Lateinschule gegründet. Viele ihrer ehemaligen Schüler absolvierten Studien im Ausland, einige schrieben gar wesentlich an der Weltgeschichte mit. Hieronymus Münzer und Georg Joachim Rheticus wären da zu nennen – als die wichtigsten Vertreter dieser Blütezeit der Stadt. Münzer, Absolvent der Feldkircher Lateinschule, studierte und lehrte später in Leipzig. Er stiftete Teile seiner wertvollen Humanistenbibliothek – und gemeinsam mit seinem Bruder Ludwig auch die berühmte Monstranz für die Pfarrkirche in Feldkirch.

Feldkirch habe mehr Gelehrte als Rom hervorgebracht, war sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts der deutsche Humanist Kaspar Brusch sicher. Insbesondere der junge, wissbegierige Rheticus tat sich hervor. War er es doch, der Nikolaus Kopernikus davon überzeugte, sein heliozentrisches Weltbild zu veröffentlichen – und damit die Sicht auf die Welt und auch das Selbstverständnis des Menschen völlig zu verändern. Heute gilt Kopernikus‘ Werk „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ („Über den Umlauf der Himmelskreise“) als Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte. Astronomiehistoriker betonen immer wieder, dass es „ohne Rheticus keinen Kopernikus“ gegeben hätte.

Verheerender Stadtbrand im Jahr 1697

Aber auch finstere Zeiten überschatteten Feldkirchs Geschichte: Besonders geprägt wurde das heutige Stadtbild von einigen verheerenden Bränden. Am 28. Oktober 1348 zerstörte ein Großbrand den größten Teil der Stadt. Nur die Neustadt blieb verschont. Etwas mehr als hundert Jahre später, am 16. November 1460, legten der Feldkircher Hanns Gilg, der Göfner Rudolph Lins, ein gewisser Güssel aus Meiningen und der Landfahrer Ulrich aus Zürich ein verheerendes Feuer in der Stadt. Eigenen Angaben zufolge wurden sie dazu von den Schweizern angestiftet. Mit ihnen wurde kurzer Prozess gemacht: Sie fanden ihr Ende bei der St. Leonhardskirche in der Au auf dem Scheiterhaufen.

Der größte Stadtbrand der Feldkircher Geschichte brach am 6. August 1697 aus und zerstörte mehr als 150 Häuser. Zwei Drittel von Feldkirch wurden ein Raub der Flammen – von der rechten Häuserzeile in der Neustadt angefangen bis zur linken Straßenseite der Marktgasse und weiter durch die Kreuzgasse bis zur Frauenkirche. Neben dem Rathaus und dem unmittelbar angrenzenden Spital (der heutigen Polizeiwache) brannten die Vorläufer des Finanzamtes, das Hubamtshaus sowie das Zollhaus bis auf die Grundmauern nieder. Das Gymnasium am Kirchplatz (heute Raiffeisenbank am Domplatz) wurde ebenfalls ein Raub der Flammen.

Selbst die meterdicken Mauern des Katzenturms konnten dem Feuersturm nicht standhalten. Die damals erst wenige Jahre alte Katzenturmglocke, die zunächst noch den Feueralarm einläutete, war nicht mehr zu retten. Die Trägerbalken barsten und die große Glocke zerschmetterte den Bildhauer Ignaz Josef Bin, der verzweifelt versucht hatte, die brennenden Balken noch zu löschen. Das zweite Todesopfer an diesem Tag war Hans Balthasar Imgraben. Der Bürger soll beim Anblick seines brennenden Anwesens den Verstand verloren haben, heißt es in der Überlieferung – Imgraben habe sich laut schreiend die Haare gerauft und sei dann, vom Schlag getroffen, tot zu Boden gesunken.

Beim Wiederaufbau, der unter anderem auch mit Hilfsgeldern finanziert wurde, bekam die Altstadt schließlich jenes Gesicht, das bis heute erhalten geblieben ist. Die damaligen Mittel reichten jedoch bei Weitem nicht aus, Projekte verzögerten sich über Jahre, es musste enorm gespart werden. Ein Beispiel dafür bildet die Priesterwohnung in der Herrengasse. Es handelt sich um eine der ersten Reihenhausanlagen in Vorarlberg mit einheitlichen Fenstern und Toren. Gerade wegen ihrer einfachen Ausführung zählt sie zu den interessantesten, bislang zu wenig beachteten Baudenkmälern der Stadt und des Landes.

Grenze, Humanismus, Resonanz

In einer großen Jubiläumsausstellung im Palais Liechtenstein sollen im kommenden Jahr die prägendsten Ereignisse der vergangenen 800 Jahre präsentiert werden. Die Bedeutung Feldkirchs im Laufe der Geschichte, die Blütezeit und Aufbruchsstimmung während des Humanismus sowie die vielen Menschen, die Feldkirch bis heute prägen, werden zwischen Ende März und November 2018 für alle Besucher erlebbar werden. Zudem wird ein zehnteiliger Geschichtsband tiefgehende Einblicke in die Entwicklung der Stadt ermöglichen. Neben der Vergangenheit soll während des Jubiläumsjahres aber auch die Zukunft in den Mittelpunkt gerückt werden. Es wird der Frage nachgegangen, was zu einem gelingenden Leben der Menschen in Feldkirch beitragen kann. Dabei stehen nicht Spaß und Freude im Vordergrund, sondern die Besinnung darauf, wie ein Leben „Sinn“ erfährt. Die Grundlage bildet der Begriff „Resonanz“, der sich neben den Themen „Grenze“ und „Humanismus“ durch alle Veranstaltungen im Jubiläumsjahr ziehen wird.
Der laufende Prozess im Rahmen des „Stadtentwicklungsplans“ und des „Räumlichen Entwicklungsprozesses“ spielt für die Planungen der Stadtzukunft ebenfalls eine entscheidende Rolle. Auf den über 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden die Kuratoren Hans Gruber, Bruno Winkler und Robert Gander auch dieses Thema beleuchten.

Ein Fest für und von Feldkirch

Feldkirch ist in der glücklichen Lage, reich an kulturellen Initiativen und namhaften Kulturschaffenden zu sein. Sie wurden eingeladen, sich mit Projektideen an den Feierlichkeiten zum Jubiläum zu beteiligen. Rund 50 Einreichungen wurden an die Projektleiterin Monika Wagner gesendet, die sich über die rege Teilnahme freut: „Viele kreative Ideen und ausgefallene Projekte haben uns erreicht. Das 800-jährige Stadtjubiläum bewegt nicht nur die Stadtverantwortlichen, sondern die gesamte Bevölkerung inklusive den Vereinen und Kulturschaffenden. Das Ergebnis wird ein abwechslungsreiches Programm sein, das von vielen Menschen gemeinsam gestaltet wird.“ Welche Projekte schlussendlich von der Stadt gefördert werden, wird in den zuständigen Ausschüssen der Stadt Feldkirch diskutiert und schließlich der Stadtvertretung zur Beschlussfassung am 23. Mai vorgelegt. Dann kann mit dem Feinschliff des Jubiläumsjahres begonnen werden, das mit dem Neujahrsempfang am 6. Jänner 2018 seinen Anfang nehmen wird.

 

Veranstaltungs Hinweise:

  • 6. Jänner 2018: Neujahrsempfang im Montforthaus und Auftakt zum Jubiläumsjahr
  • Februar 2018: Das Programm der Mont­forter Zwischentöne wird ganz im Zeichen des Jubiläumsjahres stehen.
  • März bis November 2018: Jubiläumsaus­stellung im Palais Liechtenstein
  • 6. bis 8. Juni 2018: Städtetag im Montforthaus Feldkirch mit circa 750 Vertretern aus Österreichs Städten.
  • Herbst 2018: Festwoche mit unterschied­lichen Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet. Ein Schwerpunkt wird die Vereinsmesse im Reichenfeld bilden.
  • Während des gesamten Jahres: „Feldkirch 800 spezial“: Programmschwerpunkte zu den Themen „Humanismus“, „Grenze“ und „Resonanz“.
  • Die Feldkircher Lichtkünstlerin Siegrun Appelt wird mittels „slow light“ für das Jahr 2018 ein neues Beleuchtungskonzept für das Feldkircher Wahrzeichen, die Schattenburg, umsetzen.

06.05.2017

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Monika Wagner

Projektleiterin „Feldkirch 800“

(Foto: © Georg Alfare)

 

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