Gedanken zur Psychiatrie und Gesellschaft

Psychisch krank zu sein war und ist eine Herausforderung oder besser gesagt eine Zumutung für die Betroffenen, die Angehörigen und für die Gesellschaft an sich. Es hat sich viel bewegt im Rahmen der Psychiatriereform der letzten 40 Jahre. Weg von der Anstaltspsychiatrie (dem Wegsperren von psychisch Erkrankten) hin zu einer Gesellschaft, welche sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat. Als eine Gesellschaft, welche Menschen nicht an festgelegte Normen und Lebensweisen anpassen möchte, sondern unterschiedlichste Lebensformen als wertvollen und notwendigen Teil der Gesellschaft akzeptiert. Psychotisches Erleben bedeutet Rückzug. Rückzug aus Beziehungen, Rückzug aus der Gesellschaft – letztendlich Rückzug in das eigene Selbst, in eine krankheitsbedingte Isolation.

Die Sozialpsychiatrie stellt ein Beziehungsangebot für Betroffene dar. Sie möchte Vermittler und Brücke zwischen Eigenweltlichkeit und Gesellschaft sein. Wir gehen von der Vorstellung aus, dass ein befriedigendes und selbstbestimmtes Leben nur in Beziehung zu Mitmenschen, in sozialen Gefügen wie Partnerschaft, Familie, berufliches Umfeld und Gesellschaft erlebbar ist. In diesem Sinne bietet die Sozialpsychiatrie je nach individuellem Bedarf ärztliche Behandlung, Psychotherapie, Erleben eigener Kreativität, gemeinsame Freizeitgestaltung, Sport, Aufbau sozialer Beziehungsstrukturen, Rehabilitation im Bereich Wohnen und Arbeit an. Diese therapeutischen Angebote stärken die seelische Gesundheit beziehungsweise Widerstandskraft (Resilienz) und wirken präventiv gegen weitere Erkrankungsepisoden.

Die Sozialpsychiatrie hat eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz und tritt für die Gleichstellung und Gleichbehandlung (insbesondere für das Zur-Verfügung-Stellen von ausreichenden finanziellen Ressourcen) von psychisch und körperlich erkrankten Menschen ein.