Zitate

Es gibt in Österreich in allen Schichten und Altersstufen eine staunenswert große Zahl von Virtuosen des Jammerns.

Karl-MarkusGauß, Schriftsteller

Borniertheit ist immer laut erstaunt und niemals still erfreut.

MaxGoldt, Schriftsteller

Immer nach Plan ist wie tot. Nur vorher.

Bernhard Heinzlmaier, Jugendforscher

Das Wichtigste ist, selbst zu denken – und nicht alles zu glauben.

Eduard Steiner, Journalist

Wir sind besessen von der Idee, dass es Schuldige gebenmuss.

WolfgangMüller-Funk,Kulturwissenschaftler

In Wellen schwemmt der Ausnahmezustand die Demokratie aus den Schlagzeilen.

Hosea Rathschiller, Künstler

Nur weil das Ideal noch nicht erreicht ist, muss man die Alternative nicht verdammen.

Clemens Sander, Ethik-Lehrer

Es ist eine Todsünde des Journalismus, den Leser intellektuell zu unterschätzen und deswegen intellektuell zu unterfordern.

Milosz Matuschek, Journalist

Smalltalk ist für mich der pure Stress. Ich bin zu faul zum Lügen.

Josef Hader, Kabarettist

Urteilskraft impliziert die Kompetenz, nicht alles zu sagen, was man weiß.

Martin Hartmann, Philosoph

 

in den Mund gelegt

Quergedacht

Cornelia Matt
06.07.2020

Die COVID-19-Pandemie und ihre Auswirkungen...

Die COVID-19-Pandemie und ihre Auswirkungen beherrschen seit Wochen unser Leben. Der Shutdown hat dazu geführt, dass sich die Erkrankungszahlen stabilisiert haben. Die große Gesundheitskrise scheint abgewendet. Nun kämpfen wir mit den Folgen einer immensen Wirtschaftskrise. Milliardenpakete fließen, um die heimische Wirtschaft über Wasser zu halten. Wir erleben im Moment Arbeitslosenzahlen, wie wir sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr hatten. Während in der Kurzarbeit das Einkommen auf 80 bis 90 Prozent des Letzteinkommens sinkt, reduziert sich das Einkommen bei einer Kündigung durch den Bezug von Arbeitslosengeld auf circa 55 Prozent. Da gehen vielen Menschen rasch die Mittel aus. In Österreich waren 2018 17,5 Prozent Personen armutsgefährdet, das sind mehr als 1,5 Millionen Menschen. Und das noch vor der COVID- 19-Pandemie. Nun sind es nicht nur sie, sondern auch zusätzlich eben noch gut situierte Menschen, Angestellte, Unternehmer, Kulturschaffende und Selbstständige, die um Unterstützung ansuchen müssen, damit sie ihre Familien ernähren und ihre Wohnungen erhalten können.
Deshalb ist es in dieser Phase besonders wichtig, dass das Sozial- und Gesundheitswesen dabei nicht auf der Strecke bleibt. Gerade jetzt sind diese Einrichtungen für viele Menschen notwendiger denn je. Sie sind zudem ein wichtiger, starker Job-Motor für die Konjunktur. 
Und hoffen wir, dass es nicht so weit kommt, Sparprogramme der öffentlichen Hand ausgerechnet bei den Schwächsten der Gesellschaft anzusetzen, es wird sich zeigen, wie wichtig ein funktionierender Sozialstaat gerade in solchen Zeiten der Krise ist. Erste Schritte dazu wären deutliche höhere Mindestlöhne in zahlreichen Branchen, eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes und der Sozialhilfe sowie leistbare Wohnungen. Jetzt gilt es, neue solidarische Wege zu finden!

Norbert Häfele
06.07.2020

Technik-gläubig kommt nicht gut an: Es ist...

Technik-gläubig kommt nicht gut an: Es ist abwertend. Einerseits: „Ach, du weißt nichts über die Gefahren der Technik, ihre un-menschliche Seite“. Der Betroffene: „Ich glaube nicht an die Technik. Ich weiß genug, um ihr vertrauen zu können.“
In den letzten Wochen wurden wir sehr herausgefordert. Unser Vertrauen wurde strapaziert, und zwar bis an unser aller Existenz. Zuerst ist mir aufgefallen, wie oft der Schweizer Chef-Epidemiologe Althaus (bei der NZZ am Sonntag) „as bitzeli“ oder ähnlich behutsame Formulierungen gebraucht hat. Und auch Drosten bei Armin Wolf: „mich wirklich auch ein bisschen frage“. Er weiß, dass er niemals „de facto sicher“ sagen würde, aber …
Jedem Wissen geht ein Glaube an die Basis des jeweiligen Wissens voraus. Man vertraut darauf, dass man weiß. So viel zum abgesicherten Wissen der Epidemiologen, der Experten. Auf die sich die Entscheider berufen. Und diese wissen, dass dieses Bitzeli-Wissen nicht ausreicht. Nicht für das Vertrauen, das sie zu ihren Entscheidungen einfordern. Daher: „Die Wahrheit ist …“ Wenn jemand seine Botschaft mit „In Wahrheit“ anfängt, weiß er, dass er keine Wahrheit verbreitet, sondern das, was man für die Wahrheit halten soll und somit ihnen, den Entscheidern, vertrauen soll.
Und ja mit Bildern unterlegen: Die Macht der Bilder! Das wissen wir alle. Und dann dazu den Slogan = Handlungsaufforderung: Schau auf dich/mich. In allen, wirklich allen relevanten Medien gleich und sofort geschaltet. „Durch Rückkopplung und Steuerung wird alles in Informationen übersetzt, das führt dazu, dass der Mensch nirgends existiert.“ (Gert Scobel im Oktober 2019 zu Armin Nassehi, sinngemäß)
So erspart man den Gläubigen das Nachdenken: Über Glauben und Wissen. Weil sonst könnten sie ja weiter denken.

Simone Naphegyi
06.07.2020

Regelmäßig nach jeder nationalen oder...

Regelmäßig nach jeder nationalen oder internationalen Schulleistungsmessung, bei der die Lesekompetenz von Lernenden im Pflichtschulalter erhoben wird, folgen Pressemeldungen, die ein dystopisches Bild der Lesekompetenz und des Leseverhaltens von Kindern und Jugendlichen zeichnen. Man könnte meinen, die Kulturtechnik Lesen drohe auszusterben.
Schaut man sich jedoch die tatsächlichen Lesezeiten von Kindern und Jugendlichen an, die diese mit dem analogen und vor allem mit dem digitalen Lesen täglich verbringen, dann zeigt sich, dass diese Zielgruppe noch nie so viel gelesen hat wie zur heutigen Zeit. Vielleicht ist es die Wahrnehmung der noch vom analogen Bücherlesen geprägten Erwachsenen, die diese verzerrte Sichtweise herbeiführt. Denn das Leseverhalten verschiebt sich wie auch das menschliche Kommunikationsverhalten ganz deutlich vom analogen zum digitalen Lesen. Optimalerweise schaffen wir es zukünftig vermehrt und auf breiter Basis, die Verbindung dieser beiden Lebens- und Lesewelten herzustellen. Der indische Forscher Brij Kothari konnte in einer großangelegten Studie zeigen, welche positiven und nachhaltigen Effekte das Untertiteln von Fernseh- und Musiksendungen auf die Lesekompetenz von Lernenden hat. Auch die europäischen Länder mit den besten Lesekompetenzergebnissen bei den Messungen im Erwachsenenalter (PIAAC) sind Länder, in denen fremdsprachige Filme nicht synchronisiert, sondern untertitelt werden. 
Möglicherweise stecken die zukünftigen Potenziale zur Steigerung und Förderung der Lesekompetenz in der vermehrten und breit angelegten Verbindung und Vernetzung von Schrift und digitalen Filmmedien, um so die Brücke zwischen diesen beiden Lebens- und Lesewelten von Kindern und Jugendlichen zu schlagen.

Ricardo Schobel
06.07.2020

Während des (vorläufigen) Höhepunkts der...

Während des (vorläufigen) Höhepunkts der Corona-Krise haben sich engagierte Enthusiasten in Windeseile dazu aufgemacht, verschiedene Online-Marktplätze aus der Taufe zu heben. Das noble Ziel: Die Unterstützung von regionalen Händlern und Dienstleistern und der damit einhergehende Erhalt der Kaufkraft im Land. Doch so schnell die Lösungen mit großer Zustimmung im Netz vorgestellt wurden, waren sie auch schon wieder vergessen. 
Bei der Spurensuche nach den Gründen für die begrenzte Akzeptanz solcher Marktplätze wird klar: Es handelt sich um komplexe Geschäftsmodelle mit niedrigen Margen, die nur mit hohem finanziellem Aufwand umgesetzt werden können. Einfache Bedienung, ein breites Produktportfolio und aktuelle Rezensionen werden von den Kunden auch noch gefordert. 
Die Corona-Krise hat vielen Unternehmen beispiellos vor Augen geführt, dass die digitale Sichtbarkeit von Produkten und Dienstleistungen heute oft die entscheidende Rolle bei der Kaufentscheidung spielt. Nur Unternehmen, die auf diesen Kanälen omnipräsent sind, haben die Chance, dort Umsätze zu machen. Auf dem Weg zurück in die Normalität ist es nun verlockend (und in vielen Fällen auch notwendig), Investitionen hintenanzustellen und digitale Innovationen ein weiteres Mal zu verschieben. 
Doch genau diese Entwicklung birgt eine große Gefahr: Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt schläft nicht. Irgendwo wird gerade am revolutionären Marktplatz für lokale Händler gefeilt. Die Chancen stehen hoch, dass dieses „irgendwo“ nicht in Europa zu finden ist. Digitale Bildung, mutige Gründer und Investitionen von privater und öffentlicher Hand sind jetzt notwendiger denn je, um die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Philipp Ott
05.06.2020

Faulpelze, Schmarotzertum, Mafiastaaten –...

Faulpelze, Schmarotzertum, Mafiastaaten – dieser Art sind die wenig schmeichelhaften Zuschreibungen, die von den Boulevardmedien der „Sparsamen Vier“ aktuell gegen eine Vergesellschaftung europäischer Schulden zugunsten der von der Coronakrise am stärksten betroffenen südeuropäischen Länder ins Feld geführt werden. Der Logik dieser – übrigens auch empirisch nicht mehr haltbaren – Zuschreibungen folgt auch das Agieren der Regierungschefs Österreichs, Dänemarks, Schwedens und der Niederlande.
Zum Ausdruck kommt darin ein Politikverständnis, das – soweit es aufrichtig ist und nicht politisches Kleingeld aus der Krise schlagen soll, beides spielt eine Rolle – Politik mit angewandter Gesinnungsethik verwechselt. Komplexe Situationen und Zusammenhänge werden dekontextualisiert und anhand moralisierender Maßstäbe bewertet. Der britische Philosoph Raymond Geuss hat in Anlehnung an den deutschen Begriff der „Realpolitik“ eine alternative Auffassung von Politik entworfen, in der Interessen klar definiert und benannt werden und anschließend die jeweils rationalsten Handlungen zur Umsetzung dieser Ziele gesetzt werden.
Selbstverständlich kommt auch dieses Politikverständnis nicht ohne moralischen Gehalt, ohne handlungsleitende Wertvorstellungen aus – aber am richtigen Platz: in der Festlegung langfristig orientierter gesellschaftlicher Zielsetzungen, nicht als moralinsaure Handlungsschablonen. Österreich hat ein vitales Interesse an der Stabilität der Südstaaten – einerseits als gerade im Falle Italiens wichtiger Exportmärkte, andererseits, um den drohenden Zusammenbruch der für Österreich auch wirtschaftlich hochprofitablen EU zu verhindern. Es bleibt zu hoffen, dass der „Imperativ der Sachlichkeit“ (Edgar Zilsel) sich durchsetzen wird.

Martin Hebertinger
05.06.2020

Im Rhythmus von Quartalsabschlüssen schauten...

Im Rhythmus von Quartalsabschlüssen schauten wir bislang auf Gewinne, Earn­ings before this and that, auf Working und Invested Capital und auf die damit definierten Renditen. Der Shareholder, dessen Value zu optimieren war, dürstete nach steter Mehrung der Effizienz, Beratung und Wissenschaft lieferten die Konzepte. Was messbar ist, muss objektiv sein, und so stellt kaum einer die Richtigkeit in Frage.
Wer nicht mitmachte, war gestrig oder konnte es sich einfach „leisten“. Belächelt als in Traditionen hängende Familienunternehmen, denen der Generationswechsel die „Effizienzierung“ ihrer ungenutzten Kapitalpolster einpflanzen wird. Die Ebbe zeigt, wer keine Badehose trägt. Das Coronavirus legt offen, wer binnen weniger Tage oder Wochen des Lock-down „nackt“ dasteht, wessen Wertschöpfungskette reißt, wessen Eigenkapital zu knapp ist.
Doppelte Lieferketten, Pufferbestände, lokale Lieferanten kosten kurzfristig mehr. Doch wer in der Vergangenheit dem Druck von Kapitalgebern widerstehen konnte, wer ein paar Prozentpunkte hergegeben hat, profitiert jetzt davon. Auch in solchen Unternehmen bebt der Boden. Aber es stürzt (noch) nichts ein.
Seit der Finanzkrise 2008 bröckelt das Primat des Shareholder Value. 2019 ließen 200 prominente amerikanische CEOs aufhorchen, die sich von der Effizienzmaxime distanzierten. Und spätestens jetzt ist klar, dass Gewinn und Rendite keine dauerhaften Fundamente einer Strategie sind. Die Realwirtschaft schafft den Wert, den man verteilen kann: an Kapitalgeber, an die Beschäftigten, an den Fiskus. Die Finanzwirtschaft, sie dient nur.
Die lokale Wirtschaft hat den rein finanzwirtschaftlichen Weg – jedenfalls überwiegend und auf Dauer – nie vollends eingeschlagen. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch weniger Pleiten sehen werden als anderswo.

Patrizia Böhler
05.06.2020

Sehr viele Menschen erzählen davon, dass sie...

Sehr viele Menschen erzählen davon, dass sie erst durch den Lockdown wahrgenommen haben, wie anstrengend ihr Leben davor war. Wie viel Stress und Belastungen sie täglich ausgesetzt waren. Das Hetzen von Tag zu Tag, bis endlich das Wochenende, ein Feiertag oder Urlaub angesagt war. Auch die Freizeit ließ oftmals nicht viel Raum für Erholung zu. Doch auch durch die „unfreiwillige Entschleunigung“ gab es keine Entspannung, denn die Angst vor Krankheit, Jobverlust und finanziellen Einbußen hatte uns gleich im Griff. All diese Ängste waren aber bereits vor Corona schon ein ständiger Begleiter von uns.
Meiner Ansicht nach hat sich, wenn es um die Angst geht, für viele nur eines geändert. Und zwar, dass die Existenzangst jetzt eine tatsächliche Berechtigung hat. Davor wurde uns ständig Druck gemacht. Immer schneller, immer besser, immer mehr … – und dieses Streben vermittelte uns ein Gefühl von Sicherheit. Das hat ja auch super geklappt, denn wir haben fleißig gearbeitet und reichlich konsumiert. Aber haben wir uns wirklich sicher gefühlt? Ich frage mich: Ist dies das Leben, ständig von Angst angetrieben zu sein? Wollen wir wirklich in unser „normales Leben“ zurück? Wäre es jetzt nicht an der Zeit zu reflektieren und nicht gleich nach Normalität zu rufen? Was soll unser nächster Antrieb sein? Wie wäre es mit Vertrauen, Mut und Liebe? Der Mensch besteht nicht nur aus Hirn, es gibt auch noch ein Herz. 
Lassen wir uns doch auf das Fühlen und nicht nur auf das Denken ein! Wir haben so viel auf unseren Verstand, unsere Vernunft und unser Wissen gesetzt, trotzdem aber sind viele von uns mit ihrer Weisheit am Ende. Ich vertraue darauf, dass das Leben es gut mit uns meint. Jede/r von uns kann in der Krise an Mut wachsen und jede/r kann für sich erkennen, dass das Wesentliche im Leben die Liebe ist.

Wolfgang Weber
05.06.2020

Im Schatten von Corona beantwortete...

Im Schatten von Corona beantwortete Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) im März erst eine parlamentarische Anfrage der SPÖ, dann der Grünen zum selben Sachverhalt. Beide Parteien hatten von ihm Auskunft über die Zahl rechtsextremer Straftaten in Österreich im Jahr 2019 eingefordert. Sie stiegen im Vergleich zu 2018 um 8,8 Prozent. Im selben Zeitraum gab es auch ein Mehr von 18 Prozent an Anzeigen nach dem Verbotsgesetz. Mit diesem wurden 1945 die NSDAP und ihre Gliederungen sowie eine Tätigkeit für sie verboten. Die Anzeigen wegen NS-Wiederbetätigung steigen seit 2006 kontinuierlich. Diese Entwicklung konnte auch die von vielen gelobte Bundesregierung aus Verwaltungsexpert*innen 2019 nicht aufhalten. Das ist eine Schlussfolgerung aus der Anfragebeantwortung.
Grüne und SPÖ ziehen weitere und fordern mehr staatliche Maßnahmen gegen Verhetzung im Internet, mehr Gerichtsverhandlungen und Verurteilungen, mehr Personal beim Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung sowie einen jährlichen Rechtsextremismus-Bericht.
Tatsächlich helfen wird ein Mehr an Prävention. Sicherlich helfen wird ein Mehr an Aufmerksamkeit, wohin die Gesellschaft als Ganzes politisch rückt. Denn im Schatten von Corona publiziert eine Vorarlberger Wochenzeitung am zweiten Maisonntag ein Interview mit dem Mitglied der Geschäftsführung eines großen Sozialvereins, in dem dieser festhält, dass es eine gemeinsame Schnittmenge von Links und Rechts beim Schutz von Menschenrechten gebe; und in einer Vorarlberger Kulturzeitschrift werden im März zwei Biographien von NS-Opfern mit dem Resümee einander gegenübergestellt, dass jenes Opfer, welches sieben Jahre KZ-Haft überlebte, privilegiert war, da es im Unterschied zum anderen nicht geköpft worden war. Geht das?

Ingrid Hofer
01.05.2020

In warmen Sommernächten sitze ich draußen auf...

In warmen Sommernächten sitze ich draußen auf der Terrasse und warte auf ihre Ankunft. Wie ein heller Stern taucht sie plötzlich am Firmament auf und gleitet auf unsichtbaren Schienen im Orbit. Lautlos zieht sie ihre Bahn über den sternenübersäten Nachthimmel und leuchtet dabei am hellsten von allen. Kein Blinken, nur dieser kleine strahlende Punkt in seiner Bahn. Ohne Abweichung, ohne Aussicht auf ein Ankommen und trotzdem immer dem Ziel entgegen.
Seit 22 Jahren kreist sie täglich 16-mal um die Erde, seit 20 Jahren in Begleitung von zwei bis sechs Menschen. Manchmal sogar neun. Klingt nach Weltraum-Party! Die Handy-App kennt ihren Weg. Vorgestern tauchte sie über London auf, gestern über Paris. 20:59 Uhr. Meine Augen suchen den winzigen Punkt. Da ist sie. 408 Kilometer über dem Erdboden. Paris scheint zum Greifen nah. Ich bleibe bei ihr, bin aufs Neue fasziniert, denke an die Menschen da oben. Was sie wohl gerade erforschen? Was gab es zum Abendessen? Feiern sie Ostern? Wird denen nie schlecht?
Ich schaue ihm nach, dem kleinen, leuchtenden Punkt, bis er über Split verschwindet. Split! Liegt das wirklich in dieser Richtung? Ich denke an den Kroatienurlaub vor zehn Jahren, an das kristallklare Meerwasser, gegrillte Krustentiere im kleinen Fischerlokal. Den Duft des frisch gebackenen Brotes von damals in der Nase, denke ich wieder an den leuchtenden Punkt. Er ist verschwunden. Taucht in eineinhalb Stunden aber zuverlässig wieder auf, um mich erneut zu faszinieren.
Der Sommer ist noch fern, aber die Aprilabende können seit neuestem einiges. Meine Handy-App sagt mir, wann sie wiederkommt. „Sorry, there are no visible passes in the next 10 days.“ Ich warte auf sie. Die ISS. Der momentan sicherste Ort. Völlig losgelöst von der Erde.

Thomas Metzler
01.05.2020

Was der Klimawandel nicht vermochte, gelingt...

Was der Klimawandel nicht vermochte, gelingt einem Virus namens Sars-CoV-2. Die Schaffung einer neuen Wirklichkeit, die unser Weltverhältnis nachhaltig beeinflussen wird. Was wir vor kurzem noch für selbstverständlich gehalten haben, uns mit Freunden auf ein Glas Bier zu treffen, unsere Kinder zur Schule zu bringen oder ein Fußballspiel zu besuchen, rückt in die Sphäre des Unverfügbaren.
Was moderne Gesellschaften auszeichnet, ist die permanente Expansion, die auf Geschwindigkeit und der Dynamisierung von Prozessen basiert. Was wir derzeit erleben, ist eine Phase der totalen Entschleunigung, eine weitgehende Lahmlegung von eingeübten sozialen, politischen und ökonomischen Diskursen. Dieser partielle Stillstand lässt uns erfahren, wie schnell gewohnte Muster aufbrechen und existenzielle Parameter sich ändern. Die Sehnsucht der Moderne galt der Vorstellung, die Welt in Reichweite zu bringen und die Dinge beherrschbar zu machen. Doch das Leben fügt sich nicht unseren Optimierungsstrategien, Kontingenz und Unbeständigkeit bleiben auch weiterhin Konstanten unseres Daseins. Wir können uns gesund ernähren, Sport machen, uns medizinisch versorgen, doch über Krankheit und Tod können wir nicht nach Belieben verfügen. Auch die technische Entwicklung mit ihren digitalen Verheißungen ist kein Garant für Sicherheit, der Zwang zur ökonomischen Steigerung kein Weg, unsere Weltbeziehung zu vertiefen. Zudem engt das Streben nach völliger Planbarkeit den Horizont möglicher Erfahrungen ein, macht aus einer lustvollen Weltbegegnung ein steriles Verhältnis zu uns selbst und unserer Umwelt.
Die Erfahrung der Ungewissheit ist somit auch eine Chance, unsere Selbstbilder zu erforschen, Selbstwirksamkeit zu erfahren und eine neue Form der Lebendigkeit zu kultivieren.

Anita Fröwis
01.05.2020

Wir atmen 24 Stunden durchgehend, eine...

Wir atmen 24 Stunden durchgehend, eine lebenswichtige Körperfunktion. Aber wie bewusst nehmen wir dieses essenzielle Tun wirklich wahr? Es läuft sozusagen nebenher, ein unbewusster Automatismus. Sportler arbeiten mit Atemtechnik oder aber auch wir, wenn wir krank sind und es uns vielleicht schwerer fällt zu atmen.
In diesen und ähnlichen Situationen liegt der Fokus zeitweise auf dem Atem. Aber der Atem, die Atmung, kann soviel mehr. Was es dazu braucht, ist lediglich etwas Achtsamkeit, Bewusstsein, etwas Übung. Hierfür gibt es viele Möglichkeiten, und das Ergebnis kann wunderbar sein. Atmung heilt, hilft bei Stress, erdet, beruhigt, entspannt, hilft uns ins Hier und Jetzt, in unsere Mitte, gibt Energie … Im Grunde ein sehr altes Wissen. Es ist ein Thema, mit dem ich mich viel auseinandersetze, das in meinem Alltag präsent ist.
Und ich finde es gerade zu dieser Zeit sehr passend, da wir die Atmung und den Umgang damit mit dem Leben, der Welt und dem Umgang mit ihr, gut vergleichen können. Zumindest ist das mein Empfinden. Ich denke, die Menschen und auch die Welt haben zu dieser Zeit besonders – natürlich auch sonst – die Möglichkeit bekommen, zu atmen, anzukommen, sich zu erden, zu entspannen, ins Hier und Jetzt zu kommen. Es braucht nur etwas Achtsamkeit.

Mirjam Steinbock
01.05.2020

Die Kulturszene Vorarlbergs, die aus...

Die Kulturszene Vorarlbergs, die aus freischaffenden Einzelakteur*innen, Engagierten, Vereinen und Institutionen besteht, bietet eine große Programmvielfalt.
Das Kulturschaffen prägt und trägt unser gesellschaftliches Leben in all seinen Formen. Viele Menschen beteiligen sich daran, arbeiten, lernen, fragen, diskutieren und forschen. Die Beziehungen untereinander werden permanent gepflegt und kultiviert, es ist wie in einer großen Familie.
Zurzeit geht es den meisten unserer Familienmitglieder nicht gut. So viele Kulturschaffende und Vereine sind aktuell gefährdet. Darunter junge und bestens ausgebildete Künstler*innen, die als Einzelunternehmer*innen mit Aufträgen im In- und Ausland ihrer Zukunft entgegenblickten. Das alles scheint nach heutigem Stand längerfristig nicht möglich zu sein.
Der Kunst- und Kulturbetrieb wurde inmitten dieses sonnigen Frühlings unter strengen Auflagen quasi auf Eis gelegt, und wir spüren alle täglich, was das bedeutet.
In anderen Bereichen werden inzwischen öffnende Möglichkeiten geschaffen, die ich mir für die Kulturfamilie auch wünschen würde. Sie hat es verdient, da sie ein wesentlicher Teil der größeren Familienstruktur ist. Sie soll daher mitbedacht bei systemerhaltenden Maßnahmen und einbezogen werden in Gespräche auf Augenhöhe, bei denen wesentliche Fragen im Raum stehen. „Wie geht es dir und was brauchst du jetzt?“ Diese Frage würde aus meiner Sicht ein konstruktives Zusammenwirken verschiedener Bereiche aus Wirtschaft, Kultur und Gesundheit begünstigen. Trotz körperlicher Distanz könnte das eine unmittelbare Nähe schaffen, und diese ließe das familiäre Miteinander aufblühen und sicher auch den mutigen Blick in die Zukunft. 

Andreas Dünser
04.04.2020

Verhaltensökonom Matthias Sutter, in Hard...

Verhaltensökonom Matthias Sutter, in Hard geboren und in Deutschland beruflich tätig, geht mit der deutschen Spitzenpolitik aktuell hart ins Gericht. Die habe sich in der Corona-Krise lange in „fatalen Verharmlosungen und in unfassbaren Zynismen“ geübt, während die österreichische Bundesregierung frühzeitig und „glaubhaft die Dramatik erklärt und einen vernünftigen Weg eingeschlagen hat“. Kanzler und Vizekanzler machen derzeit einen tollen Job. Da hat Sutter recht. Nur passt das halt hierzulande auch nicht jedem, und den Bundes-Blauen schon gar nicht. Die werden selbst in dieser Zeit, die mehr statt weniger Gemeinsamkeit erfordert, nicht müde, der Regierung zu unterstellen, sie inszeniere sich jeden Tag auf noch dreistere Art und Weise – und das bei einem „Erkenntnisgewinn gleich null“. Klar. Vergleichen wir noch schnell zwei Schlagzeilen? Am 18. März kündigt Kurz das 38 Milliarden Euro schwere Hilfspaket an, unter dem Motto „koste es, was es wolle“, eine Woche später teilt die Bundes-FPÖ im Namen von Kickl mit: „Die Regierung bricht mit ihrer Almosenpolitik der Wirtschaft das Rückgrat.“ So viel zum „Erkenntnisgewinn gleich Null“. Und zur Solidarität. Die sind einfach gut drauf, die bundesblauen Jungs. Auch in der Krise.

Gudrun Diem
04.04.2020

Glück an der Schule, glückliche Schüler*innen...

Glück an der Schule, glückliche Schüler*innen? Geht das überhaupt? 

An der HAK/HAS Lustenau haben meine Kollegin Bianka Hellbert und ich begonnen, Glück zu „säen“. Und zwar in Form von Glücksunterricht. Damit ist die HAK/HAS Lustenau die erste Oberstufe, die in Vorarlberg das Schulfach „Glück“ anbietet. 
Konkret geht es in dem Schulfach Glück nicht um das „Zufallsglück“, sondern um das langfristige Wohlbefinden. Zwar hat die Forschung herausgefunden, dass jeder Mensch eine genetische Disposition hat, ob er eher ein glücklicher oder unglücklicher Mensch ist. Das ist jedoch keine Aufforderung dazu, sein Glück nicht selbst in die Hand zu nehmen.
Worum geht es im Schulfach Glück? Ein wichtiger Punkt ist, dass man sich selbst gut kennt. Sowohl seine Stärken als auch seine Schwächen und diese auch annimmt. Vor allem in der Schule ist der Rotstiftfaktor nach wie vor hoch. Im Glücksunterricht hingegen drehen wir den Spieß um und gehen bei unseren Schülern auf Schatzsuche.
Auch geht es darum, in Krisensituationen auf seine eigenen Stärken zu vertrauen und Problemlösungsstrategien zu entwickeln, sodass man in einer Krise wieder zurück in die Stabilität findet.
Man weiß heute ganz genau, wie Menschen ihr Wohlbefinden beeinflussen können. Dieses Wissen wird mit den Jugendlichen anhand praktischer Übungen trainiert. Mit dem Glücksunterricht sollen sie zu mehr Lebenskompetenz und mehr Lebensfreude finden und lernen, ihr Leben und ihre Zukunft aktiv zu gestalten.

Peter Heiler
04.04.2020

Der weltbekannte Geiger Daniel Hope erhielt...

Der weltbekannte Geiger Daniel Hope erhielt vor ein paar Jahren ein besonderes Angebot einer Dame aus Hamburg: „Wir möchten gern ein Instrument kaufen und es ihnen zur Verfügung stellen. Wir würden es gern als Investition erwerben. Suchen sie sich eins aus.“ Er antwortete ihr: „Ich habe bereits eine sehr gute Geige, und wenn ich sie weglegen soll, brauche ich das beste Instrument, das ich finden kann. Das hat einen gewissen Preis.“ Sie sagte: „Das ist mir klar, Hauptsache, sie mögen das Instrument. Wenn sie es mögen, werden sie es viel spielen. Wenn sie es viel spielen, wird der Wert steigen.“
Eine kühle Kalkulation für etwas, an dessen Anfang der Wertschöpfungskette etwas ganz und gar Gegensätzliches stand: Klangsinn, Kreativität, Leidenschaft, Kontemplation und Meditation, sich ausdrücken, beeindruckt, gar berührt sein. Und es steckt ein großes Maß an Vertrauen in dieser Kalkulation, in den Künstler und vor allem in die Musik, ein Vertrauen in ein menschliches Grundbedürfnis, eine Sehnsucht, das weit mehr Stabilität bewirkt als bloße Spekulation. Das, worauf der Wert sich begründet sind allesamt immaterielle Qualitäten, die wir im üblichen Sprachgebrauch wohl wertvoll nennen mögen, gedacht aber meist nur im ideellen Sinn und weniger im geldwerten Sinn. Wir in Vorarlberg haben viel Vertrauen in die Kraft der Kultur und insbesondere in die Musik. Auf kleinem Raum passieren große Dinge von Weltrang und es bestehen unzählige Gelegenheiten für Menschen mit unterschiedlichsten Interessen und Möglichkeiten sich kulturell zu bilden und zu beteiligen. Die Menschen hier tun es sehr oft, weil sie es mögen, weil sie es gern tun. Gut investiert, weil Werte geschaffen wurden in jenem wie in diesem Sinn, für den Einzelnen, für die Gemeinschaft wie auch für den Standort Vorarlberg. Vertrauen wir auch in Zukunft in diese Wertanlage, gerade auch in schwierigeren Zeiten. Eine sichere Kalkulation!

Claudia Endrich­
04.04.2020

Die meisten Vorarlberger*innen sind gern im...

Die meisten Vorarlberger*innen sind gern im Ländle „dahoam“. Sie schauen sich aber auch gerne anderswo um: 82 Prozent sind 2018 mindestens einmal auf Urlaub gefahren. „Zwei Flugreisen im Jahr sind nicht ungewöhnlich“, so ein Branchenvertreter. Wenn nur die Hälfte der Urlaubenden 2018 mit dem Flugzeug unterwegs war, sind das immer noch 41 Prozent der Bevölkerung im Ländle, während im Jahr 2017 nur drei Prozent der Weltbevölkerung geflogen sind. Fazit: Es geht uns gut, wir nutzen unseren Wohlstand – auch auf Kosten der Umwelt. Aber Reisen bildet, sagt man, macht toleranter. Reiseerfahrung ist zum Statussymbol geworden, etwas, das man stolz vor sich herträgt und online wie offline präsentiert. Das stürzt uns in Zeiten von „Flugscham“ in ein großes Dilemma.
Ich selbst war in den letzten Jahren regelmäßig in der Welt unterwegs und habe mich gleichzeitig meines großen ökologischen Fußabdrucks sehr geschämt. Die offene Frage blieb: Welchen Zweck erfüllt unsere unbändige Reiselust? Macht sie unseren Planeten wirklich zu einem besseren Ort? Mit dieser Frage habe ich, noch während ich unterwegs war, viele Menschen konfrontiert, allen voran mich selbst. Aus den Gesprächen und Begegnungen ist dabei das Buch „Das nächste Mal bleib ich daheim“ entstanden. Zurück in Österreich habe ich mir also vorgenommen, so lange wie möglich kein Flugzeug mehr zu besteigen. Ein hehres Ziel? Die jüngsten Ereignisse zeigen, was machbar ist, wenn es sein muss. Und plötzlich haben wir Zeit, all die Bücher zu lesen, die wir schon so lange lesen wollten, die Wanderung im Bregenzerwald zu machen, von der wir schon so lange reden, und, und, und. Wenn alle daheimbleiben, muss niemand mehr mit den Erlebnissen anderer mithalten. Das klingt ja mal wirklich entspannend!

Wilma Schneller
04.04.2020

Die Meldungen haben sich von Stunde zu Stunde...

Die Meldungen haben sich von Stunde zu Stunde überschlagen. „Ab Mittwoch macht alles dicht!“ Mein erster Gedanke galt ausreichendem Lesestoff. Und genau das dachten sich dann auch unsere Leserinnen und Leser und stürmten noch schnell die Bibliothek. Stapelweise wurden Bücher ausgeliehen, egal, ob groß, klein, dick oder dünn. Mit dabei war jedoch keines über ein niedliches kleines Nagetier, welches sich die Backen bis zum Anschlag vollstopft. Geplatzt sind dann auch nicht die Backen, sondern die Nähte einer großen Stofftasche, welche noch zu klein war für all das Lesefutter. Die Regale wurden nahezu leer geräumt, guter Lesestoff war angesagt. Die Qualität war schlussendlich nicht mehr ganz so wichtig – die Anzahl der Bücher musste stimmen. Die Frage, ob überhaupt noch gelesen wird, stellt sich in diesen Tagen nicht. Vielerorts und mit großem Genuss wird vor-, gemeinsam oder „einsam“ gelesen. Denn, was mache ich mit all meiner Zeit? Die Freunde bleiben zuhause, die Nachbarn grüßen wir nur aus der Ferne, die Fenster sind auch schon geputzt. Wie wär’s mit einem Rendezvous, Frau Rowling? Ich hab’s mir bereits vor zwei Jahren versprochen, ich lese sie wieder – alle Bände. Nun bin ich schon beim fünften. 956 Seiten geballte Magie und eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse. Herausgerissen aus dem Alltag, hineingefallen in die Seite 586 – kurz vor den ZAG-Prüfungen. Die Hände tun mir vom Halten schon weh, ich suche eine angenehmere Leseposition und weiter im Text. Lesen ohne Limit, mitten unter der Woche, am helllichten Nachmittag, Zuhause, in der Hängematte – stundenlang. 

Evelyn Marte-Stefani
07.03.2020

In eine gute Schule gehen die Kinder gerne,...

In eine gute Schule gehen die Kinder gerne, lernen vieles an fachlichen Inhalten und werden in ihrer persönlichen Entwicklung gut unterstützt. Die Lehrpersonen einer guten Schule ermutigen, fördern und fordern jedes Kind, jeden Jugendlichen in den individuellen Talenten und Interessen. 
In der Sprache der Bildungswissenschaften sind zentrale Qualitätskriterien einer guten Schule hohe Lernergebnisse, Unterrichtsqualität, Umgang mit Vielfalt, Verantwortung, Schulklima, Organisation/Führung und außerschulische Beziehungen. Über jeden dieser Bereiche könnte man sich intensiv unterhalten. 
Wesentlich ist das Schul- und Klassenklima, das von Direktion, Lehrpersonen und Schülern gestaltet wird. In einem positiven schulischen Umfeld, geprägt von Respekt, Toleranz, Empathie, Interesse lässt es sich lieber und besser lernen – und unterrichten. Es gelingt eher, Talente zu entwickeln und zu entfalten, aber auch Bedürfnisse wahrzunehmen und darauf zu reagieren. 
 Aus den Bildungsstandards im vergangenen Jahr haben wir gute Belege: Zwei Drittel der Schüler der 8. Schulstufen (13/14 Jahre) gehen sehr gerne oder gerne in die Schule, 78 Prozent fühlen sich in der Klasse wohl. Das ist im Vergleich zu anderen Bundesländern ein Spitzenwert. Darüber können wir uns freuen. Weil es aber diesen engen Zusammenhang von guten schulischen Leistungen und Schulfreude gibt, müssen wir daran arbeiten, dass der Anteil jener, die weniger gerne in die Schule gehen, noch kleiner wird. 
Eine gute Schule braucht eine gute Schulleitung und hervorragende Lehrpersonen, sie braucht aber auch mehr Unterstützung, als dies bisher möglich ist, etwa im administrativen und psychosozialen Bereich. Für beides hat die Bundesregierung Verbesserungen in Aussicht gestellt. Denn gute Schule ist uns allen ein Anliegen.

Oliver Heinzle
07.03.2020

Die maschinelle Produktion von Stickereien war...

Die maschinelle Produktion von Stickereien war für einige Vorarlberger Gemeinden während der letzten 150 Jahre ein ungemein prägender Wirtschaftszweig. Wohlstand und Wachstum folgten auf die späte Industrialisierung der am Rhein gelegenen „Stickergemeinden“. Allerdings griffen gesetzliche Schutzmaßnamen für die meist selbstständigen Sticker und ihre Familien nur wenig. Kinderarbeit war lange Zeit an der Tagesordnung, und nur mittels extrem langer Arbeitszeiten konnten gute Verdienste erzielt werden.
In Lustenau haben sich, nachdem das alte Stickereimuseum schon vor längerer Zeit geschlossen worden war, vor rund eineinhalb Jahren, unterstützt von der Marktgemeinde Lustenau, einige Freiwillige zusammengetan und den Verein „Stickerei – Museum. Archiv. Kommunikation (S-MAK)“ gegründet. Ziel des S-MAK ist es, in einem experimentellen und offenen Prozess einen Ort zu etablieren, an dem mittels digitalen und analogen Sammlungsobjekten, Medien und Veranstaltungsangeboten, unterschiedlichste Aspekte der Stickerei aufgearbeitet und durchaus auch kritisch hinterfragt werden. Mittlerweile hat der Verein einen ordentlichen Depotraum eingerichtet und kümmert sich um die Erfassung, Digitalisierung und Konservierung einer schon vorhandenen Sammlung.
Daneben wird seit wenigen Wochen vor Ort eine kurze Geschichte der Vorarl­berger Maschinenstickerei in fünf Kapiteln präsentiert. Dabei werden die Übergänge von der maschinell unterstützten Handarbeit zur mechanischen Automatisation und später zur Digitalisierung der Produktionsprozesse sowie die damit einhergehenden extremen Produktionssteigerungen sichtbar. Einen Besuch der Ausstellung kann ich Ihnen wärmstens empfehlen. Und den Verantwortlichen sei für ihre vielen ehrenamtlich geleisteten Arbeitsstunden herzlich gedankt.
www.s-mak.at

Alexandra und Kathrin Ludescher­
07.03.2020

Die Bilder und Träume unserer Kindheit und...

Die Bilder und Träume unserer Kindheit und Jugend begleiten uns oft ein Leben lang, ohne dass wir an sie denken. Besondere Glücksmomente empfinden wir, wenn wir plötzlich spüren und sehen, dass wir genau in diesem Moment im Bild unserer Kindheit und Jugend sitzen.
Wenn wir uns beispielsweise auf einer Skitour nach einer genialen Abfahrt – wunderbar eingepackt – einfach in den frischen Tiefschnee fallen lassen können und noch einen Purzelbaum dazu machen, wenn wir auf dem Gipfel oder an wunderbaren Plätzen stehen und nichts als tiefe Dankbarkeit und Glückseligkeit spüren und total im Moment versunken sind. 
Wenn uns im Büro im Team soeben wieder ein großer Wurf in Form eines perfekten Prototyps oder in der Schneiderei in Form eines wohl proportionierten, ausbalancierten neuen Lieblingskleidungsstückes „Made in Weiler“ gelungen ist.
Wenn wir gemeinsam sowohl mit namhaften Industriepartnern als auch jungen wilden Visionären an textilen kreislauffähigen großen Lösungen arbeiten können und dabei an das glauben, was wir schon als Kinder richtig fanden.
Oder wenn wir auf unserer Reitanlage mit unseren Pferden in aller Ruhe und Intensität arbeiten. Oder wenn wir das Glück spüren, wenn unsere Pferde den Kindern und Jugendlichen zeigen, wie schön die Freundschaft zwischen Pferd und Reiter und das Reiten überhaupt sein können.
Oder wenn wir uns in unseren schönen Räumen mit Menschen, die wir mögen, gemeinsam um uns kümmern können und Tai Ji, Qi Gong, Yoga oder Feldenkrais praktizieren. 
Dann schließen sich die Kreise. Und Glück und Zufriedenheit mit unserem Leben entstehen.

Oliver Ruhm
07.03.2020

Viele Bilder gibt’s nicht von mir als Kind....

Viele Bilder gibt’s nicht von mir als Kind. Der Film kostete schließlich, auf einer Rolle tummelten sich nicht selten Oster- und Weihnachtserinnerungen. Eines zeigt einen pummeligen kleinen Bub beim Autowaschen. Mit Eimer, Eifer und Elan kam damals Ehnis Auto dran. Der hatte einen Ford Capri, und ich erinnere mich gut an unsere Ausfahrten im Montafon. 
Papa verdiente sein Geld als Kraftfahrer. Zuerst Taxi-, später dann Fernfahrer. Vom Capri stieg ich also um in den Scania-Sattelschlepper, klares Upgrade. Aber das war dann nicht so, wie man sich ein Vater-Sohn-Roadmovie vorstellt. Hof an der Saale im Winter zum Beispiel. Zwei Meter fünfzig Schnee, bergauf, bergab. „Wenn er zu rutschen anfängt, gibst immer Gas, nie bremsen“, hab ich gelernt. Und immer dabei: Autobahn, Jonny Hill, CB-Funk. Dosengulasch vom Gaskocher. Viele Kindheitserinnerungen sind fest mit dem Auto verdrahtet. Dauerplus, sozusagen. Mit 18 kaufte ich mir mit meinem ersten selbstverdienten Geld (zwei Monate Briefträger) ein ... Fahrrad. Ein gelbes Mountainbike. Nicht von der Stange, sondern vom BikeWorks, maßgeschneidert. 2011 begann ich, mit einem Freund, selbst Räder zu bauen. Beruflich haben wir im Zeughaus viel mit neuer Mobilität zu tun. Ich bin täglich im Sattel. Und trotzdem: Autos sind geil. Ich bleib fix angeschnallt. Die Übergangsgeneration?
Meine Kinder helfen mir auch beim Waschen unseres Familien-Kombis und fahren auch gern mal mit meinem alten Porsche mit. Und doch, ich frag mich, ob sie in zehn beziehungsweise 14 Jahren den Schein überhaupt noch brauchen. Ob sie sich ein Lastenrad kaufen oder einen E-Scooter. Oder ein Maximo-Ticket, das Mobilität jeder Art on demand beinhaltet. Und wenn ich dann wieder eine Autozeitung heimbringe, rollen sie mit den Augen und denken sich: Der Papa ist soooo oldschool.

Daniela Kohler
03.02.2020

… prägt unser Land, die Landschaft, die...

… prägt unser Land, die Landschaft, die Landwirtschaft. Und umgekehrt.

Wer kocht und/oder isst heute noch bzw. wieder saisonal? Essen, was zur jeweiligen Zeit DA ist! Beim mangelnden Wissen darum beginnt es oft schon. Die Zeiten, in denen es im Winter nur Kraut und Rüben gab, sind längst vorbei. Heute ist Wintergemüse angesagt. Spinat, Babymangold, Asiasalate, Winterportulak, Feldsalat, Rucola – jede Menge Grün und Vitamine, frisch geerntet aus dem ungeheizten Gewächshaus! Daneben noch Zuckerhut und Radicchiosalate für die wichtigen – den meisten anderen Gemüsearten weggezüchteten – Bitterstoffe. Fermentiertes bietet neue alte Geschmackserlebnisse mit probiotischen Inhaltsstoffen. Und ein paar Wildkräuter wie Vogelmiere, Gänseblümchen- und Spitzwegerichrosetten (von der Bio-Wiese bei der Bäuerin/dem Bauern des Vertrauens) können fast immer gesammelt werden, wenn es schneefrei ist. Und das soll ja jetzt öfter der Fall sein, wird uns gesagt. Zusammen mit diesen grünen Kraftquellen bieten Lagerkohlrabi der samenfesten Sorte Superschmelz, Kürbisse, Pastinaken, Wurzelpetersilie und das neue Superfood Randig optimale Grundlagen für die schmackhafte und gesunde Winterküche. Das alles im besten Fall aus dem eigenen Garten. Oder von der Gemüse-Solawi in der Nähe. Natürlich in bester Bio-Qualität. Und jedenfalls gehaltvoll. Saisonal. Regional. Gemüse ohne Kilometer eben. Auch bei dir daheim?
Mitverantwortung übernehmen für die Entwicklung eines neuen, gemeinsam getragenen, demokratischen Lebensmittelsystems, das kleine Strukturen, Vielfalt und die Bodenfruchtbarkeit fördert und Mitsprachemöglichkeit und faire Preise für alle bietet, ist ein Gebot der Stunde. Ist es da nicht ein gutes Gefühl, dass wir das alles täglich, freudvoll essend tun können?!

Michael Casagranda
03.02.2020

… oder einfach Haltung zeigen und...

… oder einfach Haltung zeigen und Verantwortung übernehmen!

In meinem täglichen Tun beschäftige ich mich gemeinsam mit meinem Team damit, Unternehmen auf dem Weg zur Marke, zu mehr Erfolg und Unverwechselbarkeit zu begleiten. Eine Marke hat die Kraft, eine Sogwirkung auf Kunden, auf dich und mich, auf die allgemeine Öffentlichkeit zu entwickeln – sagt man. Ein Unternehmen ist man, eine Technologie hat man, ein Produkt kauft man. Eine Marke will man.
Getrieben durch einen spürbaren Werte- und Gesinnungswandel (Stichworte: #MeToo, Klimawandel, Digitalisierung) wollen immer mehr Menschen durch ihr Verhalten einen Beitrag für eine bessere Zukunft leisten. Unternehmen – besser: Marken, die keine glaubhafte und aus Überzeugung in der Unternehmensausrichtung festgeschriebene Vorbildfunktion für ein faires und nachhaltiges wirtschaftliches Handeln vorweisen können, werden daher verlieren. Es geht also nicht um Marketing-Trallala, sondern um eine Verantwortung im täglichen Tun. Gelebt von der obersten Führungsspitze bis hin zu jedem Mitarbeitenden. Menschen – die Öffentlichkeit – müssen diese Haltung spüren und auf Dauer erleben. 
Im sehr technologie- und industriegetriebenen Ländle stehen technische Innovationen und Produktentwicklungen bei vielen Unternehmen im Fokus ihres Denkens und Tuns. Sie sind noch erfolgreich. Aber wird das in der Zukunft reichen? Innovationen sind kopierbar (siehe z. B. China), Produkte und Technologien auch. Glaubhaft für etwas Nachhaltiges, Ressourcenschonendes und Soziales zu stehen und danach zu leben (kein Feigenblatt-Tun), gilt mehr denn je auch als Erfolgsgarantie für die Überlebensfähigkeit von Unternehmen, aber auch Parteien, Schulen, Universitäten, Verbänden und Vereinen. 

Gerda Schnetzer-Sutterlüty­
03.02.2020

Am 15. März wird sich in den Vorarlberger...

Am 15. März wird sich in den Vorarlberger Gemeindegremien vieles ändern, und die wenigsten von uns werden angstvoll zu den neuen Demokratievertretern blicken.
Außerdem betrifft dieser Text uns gar nicht, weil wir aufgeschlossen, stets bereit für neue Abenteuer und frischen Stoff sind. Tatsächlich? Es gibt Ecken in uns, die wir nicht gerne beleuchten. Die Angst vor Veränderung hat – außer Passivität – mehrere Erscheinungsformen: Ist Mann/Frau stets hektisch? Füllt man seine – auch die freien – Tage mit blindem Aktionismus? Findet man gerne und überall Probleme und muss man jedes Problemchen zerreden? Werden Nebenschauplätze aufgebauscht? 
Alle diese Beschäftigungen lenken ab. Sie schützen vor Veränderung und halten das Hamsterrad in Bewegung. Manchmal wird diese Taktik sogar im Verband praktiziert und sie prägt eine Gemeinde: Lobbying wird in Folge der Verbandskriminalität bezichtigt, Optimismus weckt kollektive Skepsis usw.
Doch als Gemeindevertreter, Wähler oder Bürgermeister bringt uns Angst in keiner Ausprägungsform weiter. Unter Druck entsteht nichts Neues, und wir wollen doch für unsere Gemeinde, unsere Mitmenschen frische Ideen liefern?
Wir alle möchten an einem Ort wohnen, wo das „Betriebsklima“ passt, die Gemeinde für was Besonderes steht – eben Profil hat. Und dazu können alle einen Beitrag leisten. Mit Fachwissen – logo. Aber auch und ganz besonders mit Mut: Wenn es darum geht, Innovationskraft und Solidarität zu fördern, braucht es Bürger und Gemeindevertreter, die aussprechen, was sonst keiner sagt, die sich interessieren für das, was Zukunft hat, die in einem angstfreien Klima agieren dürfen und Raum für Entwicklung schaffen.

Peter Fraunberger
03.02.2020

Die Hauptaufgabe der Vorarlberger...

Die Hauptaufgabe der Vorarlberger Landeskrankenhäuser ist die Patientenversorgung. Die Tatsache, dass wir gleichzeitig auch ein wichtiges Ausbildungszentrum im und für das Gesundheitswesen sind, ist weniger bekannt. So sind zum Beispiel alle unsere fünf Landeskrankenhäuser akademische Lehrkrankenhäuser, die in Zusammenarbeit mit den Medizinischen Universitäten Österreichs junge Ärzte ausbilden. Bei uns absolvieren viele Medizinstudierende ihr klinisch-praktisches Jahr, insgesamt 50 Ärzte absolvieren derzeit die Basisausbildung, ebenso viele ihre Ausbildung zur Allgemeinmedizin, rund 170 Mediziner machen ihre Facharztausbildung in den LKH. Die Ärzteausbildung dient der langfristigen Sicherung der Patientenbetreuung. Hierbei spielen auch unsere Ausbildungsverantwortlichen eine wesentliche Rolle: Sie sind nicht nur erfahrene Kollegen und Motivatoren, sondern auch Vertrauenspersonen für die Jungmediziner. Im Rahmen einer neuen Ausbildungsoffensive haben wir einen Ausbildungsbeirat gegründet und ein Train-the-Trainer-Programm für die Verantwortlichen gestartet. 
Für die Patientenbetreuung im Bereich der Pflege haben unsere beiden Pflegeschulen in Kooperation mit der FH Vorarlberg zahlreiche Pflegeausbildungen am Programm. Insgesamt 480 Pflegeschüler besuchen unser Schulen in Feldkirch (350) und Rankweil (130), in den LKH arbeiten rund 2100 Pflegefachkräfte. Zudem sind auch Lehrlinge in unterschiedlichen Ausbildungsbereichen bei uns beschäftigt. Wir sind für 4700 Vorarlberger der größte Arbeitgeber im Gesundheitsbereich. Um genügend Gesundheitspersonal zu bekommen und zu halten, braucht es zum einen gute Arbeitsplatzbedingungen, zum anderen entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten. In den Vorarlberger Landeskrankenhäusern bieten wir beides. 

Sina Wagner
09.12.2019

Derzeit omnipräsent: Wie können wir...

Derzeit omnipräsent: Wie können wir authentische WeltverbessererInnen werden? Zu groß gedacht, anfangen im „Kleineren“: Wie können wir kompetente GestalterInnen unserer Gegenwart sein? 
Meine Profession ist die Kunstgeschichte und sonst: Veranstaltungsorganisation. Beides verbindet das Potenzial zur Begegnung. So dachte ich, als ich vor zwei Jahren begann, für den Verein um das neue biennale Lichtkunstfestival „Lichtstadt Feldkirch“ zu arbeiten. Im Oktober 2018 durften wir eine Premiere mit rund 30.000 BesucherInnen erleben. Von Jung bis Alt waren alle unterwegs, ließen das, was KünstlerInnen an öffentlichen Orten mit Licht zu erzeugen vermögen, auf sich wirken, machten mit, waren glücklich, fühlten sich verbunden im sonst Fremden.
Was mir in der Theorie geläufig war, zeigte sich in beeindruckender Weise: Öffentliche Orte werden von KünstlerInnen nicht nur illustriert oder spektakulär bestrahlt. Die inhaltliche Stärke lichtkünstlerischer Positionen und Arbeiten liegt darin, Themen unserer Gegenwart zu formulieren und zu artikulieren, indem sie Licht als Transportmittel nutzen. Ergebnis war ein friedliches, wertschätzendes Miteinander auf den Straßen, in eben dem öffentlichen Raum, wo unser Zusammenleben grundsätzlich verhandelt wird – und das nicht immer barrierefrei und frei. Doch hier ergibt sich eine Kraft des Dialogs, der im kulturellen Bereich trotz „Teilhabe“ und durch Schwellenängste häufig hinter seinen Möglichkeiten zurücksteht. Das Privileg der Chancenvielfalt und Grenzüberwindung durch Kunst sollten wir gemeinsam genießen, nutzen, weiterdenken und offen bleiben. Darauf freue ich mich im Oktober 2020 zur nächsten „Lichtstadt“! Und nun überlege ich mir den besten Ort für einen Laubhaufen, der Igel mag es schließlich warm und dunkel.

Simon Ender
09.12.2019

Wir kommunizieren heute mehr denn je, und mehr...

Wir kommunizieren heute mehr denn je, und mehr denn je verlieren wir auch den Blick fürs Wesentliche. In Tageszeitungen, Fachzeitschriften, E-Mails, Radio, TV, auf Facebook, WhatsApp, Instagram, YouTube, Snapchat, TikTok, Pinterest, Netflix, Amazon Prime, Spotify, und das waren noch nicht einmal alle, kann das passieren. In jedem Auto wird gewhatsappt, in jedem Restaurant für Insta posiert, an jeder Bushaltestelle ein Snap geschossen. Wir kommunizieren im Überfluss. Wir texten, filmen, knipsen. Nicht immer besser, aber immer mehr. 
Je leichter wir erreichbar sind, je öfter wir online sind und je mehr wir mithalten, desto lauter wird er, der Wunsch nach der digitalen Pause-Taste. Wir scrollen durch die Newsfeeds und lassen uns von Algorithmen mit Neuigkeiten füttern, bis die Stimme in uns schreit: „Stopp! Zu viel Info!“. Dann rudern wir zurück und suchen nach dem, was wir wirklich brauchen: Authentizität, Ehrlichkeit, Sinnhaftigkeit. Eine digitale Entgiftungskur mit mehr echten Gesprächen als Sprachnachrichten, mit ehrlichen Freundschaften, statt virtueller Community und mit dem guten alten Kopfkino in Form eines Buches, anstelle von Inszenierungen.
Das heißt nicht, dass wir für ein bisschen Ruhe zum digitalen Aussteiger werden müssen. Es reicht, den eigenen Verstand wieder in den Mittelpunkt zu rücken und selbst zu priorisieren. Wenn Designer ihr Werk betrachten, stellen sie sich die Frage: „Was kann weg?“. Erst wenn nichts mehr geht, ist es perfekt. Was kann im Alltag weg? Was ist zu viel Info? Wir könnten öfter mal auf „abmelden“ klicken, das Handy stumm schalten. Die Medien-Autobahn verlassen, einen Gang zurückschalten und zur Ruhe kommen. Die digitale Pause-Taste gibt es schon längst, nur finden wir sie nicht auf unseren Geräten, sondern in unseren Köpfen. Wir müssen nur den Schalter umlegen.

Andrea Niemann
09.12.2019

Kinder, die in einen Kindergarten oder in die...

Kinder, die in einen Kindergarten oder in die Schule gehen, müssen geimpft sein, sagt der deutsche Gesundheitsminister. Ab März 2020 soll in Deutschland das Masernimpfgesetzt in Kraft treten. Damit gibt es eine neue Facette in der Impfdiskussion. Die der Impfentscheidung. Wer soll entscheiden? Und darf der Staat dem Einzelnen die Entscheidung für das Gesamtwohl abnehmen? Es ist nicht leicht, eine Impfentscheidung zu treffen. Schon gar nicht, wenn es um Kinder geht. Zumal die Verunsicherung groß ist, denn Informationen und Expertenmeinungen widersprechen sich. Wie soll man da noch wissen, was stimmt? Deshalb hat der aks in Vorarlberg bereits 2018 ein Projekt gestartet, das Eltern bei der persönlichen Impfentscheidung unterstützt. Innerhalb von drei Jahren entwickeln Mütter und Väter gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Impfentscheidungshilfen. 
Dafür haben wir anfangs viel zugehört, um zu erfahren, was Eltern beim Thema Kleinkinderimpfungen verunsichert. Und haben ganz Vorarlberg aufgerufen, uns ihre wichtigsten Impffragen zu schicken, um die zehn häufigsten zu beantworten.
Nächstes Jahr, also 2020 werden die Impfentscheidungshilfen für MMR (Mumps, Masern und Röteln), Rotavirus, Pneumokokken und dem 6-fach Impfstoff (mit Kinderlähmung, Wundstarrkrampf, Diphtherie, Keuchhusten, Haemophilus Influenza B und Hepatitis B) entwickelt. Leicht verständlich und auf Basis der besten wissenschaftlichen Studienlage. Ab 2021 werden allen Eltern und auch allen Expertinnen und Experten im Gesundheitsbereich in Vorarlberg diese Entscheidungshilfen auf www.rund-ums-impfen.at zur Verfügung stehen. Damit wird es Müttern und Vätern künftig leichter gemacht, eine Antwort auf die Frage „Impfen ja oder nein“ zu finden.

Franz-Paul Hammling
09.12.2019

Am 10. November 2019 wird im Hohenemser...

Am 10. November 2019 wird im Hohenemser Salomon-Sulzer-Saal die Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ eröffnet. Sie wirft den Blick auf die Geschichte der Zeitzeugenschaft des Holocaust von 1945 bis in die Gegenwart. Die Veranstaltung ist wieder – auch wenn man es schon lange wusste – ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass das Jüdische Museum der intellektuelle Hotspot des Landes ist! Bemerkenswert die von gedanklicher Durchdringung des Themas zeugenden Begrüßungsworte des Bürgermeisters Dieter Egger.
Jörg Skribeleit von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Sonja Begalke von der Berliner Stiftung „Erinnerung Verantwortung Zukunft“, vor allem aber Michael Köhlmeier in seiner Eröffnungsrede bestechen durch ihre Gedanken zu Fragen, wie „Warum erinnern?“ oder „Wo liegen die Grenzen von Zeitzeugenschaft?“
Köhlmeier versteht es – wie zu erwarten – meisterlich, „Erinnern“ mit „Erzählen“ zu verbinden und hält so gleichzeitig ein Plädoyer in ureigenster Sache. Gilt er doch längst nicht nur als großer Erzähler, sondern auch als führender Theoretiker des Erzählens. Eine seiner Leitthesen: Wir erzählen, um uns unsere Angst zu nehmen! Konnte man zunächst denken, nach Köhlmeiers Rede sei der Höhepunkt der Veranstaltung überschritten, so sah man sich in dieser Annahme aufs Angenehmste enttäuscht, als Anika Reichwald, leitende Kuratorin, ihre überaus klugen Anmerkungen zu Konzeption und Entstehung des Projektes und der kulturpolitischen Bedeutung und Wandlung des Themas „Zeitzeugenschaft“ vortrug.
Alles im allem: ein hochbeglückendes, bewusstseinsschärfendes Erlebnis an einem strahlenden Spätherbstsonntag!
PS: Für die hervorragende, ab April 2020 nach München und Berlin gehende Ausstellung nehme man sich am besten einen halben Tag lang Zeit!

Roland Jörg
04.11.2019

Der 70. Geburtstag Michael Köhlmeiers, den man...

Der 70. Geburtstag Michael Köhlmeiers, den man getrost zu den wichtigsten Autoren unserer Zeit zählen darf, soll Anlass sein, nicht nur ihn persönlich zu würdigen, sondern auch sein Metier: das Schreiben und damit das Buch als greifbares Medium.
Für das Schreiben braucht es die Dichterinnen und Dichter, für das Herausgeben die Verlage. Edieren, das kommt dem Besetzen eines faktischen, eines realen Raumes gleich, den es zu erobern gilt. Tradieren und Edieren stehen in einem verwandtschaftlichen Verhältnis, sie richten sich gegen das Vergessen. „Materiality Matters“: So sieht es Anne Mangen von der Uni Stavanger. Für sie ist der Akt des Lesens eng mit der Tatsache verknüpft, dass wir Körper und Geist sind. Die sensorischen Erfahrungen führen dazu, dass Inhalte länger im Gedächtnis bleiben. 
Der virtuelle Raum dagegen ist wie ein Vakuum, ein Raum, den es gar nicht erst zu erobern gilt, sondern der vermittelt, so komm doch, tritt ein in die Flüchtigkeit! Ich wage zu behaupten, dass Schriftsteller wie etwa Kafka, Proust oder auch Joyce als E-Book wohl keine Aussichten gehabt hätten, in den Kanon der Weltliteratur Eingang zu finden. 
In einem Interview hat der Leiter der modernsten Bibliothek Dänemarks, das Dokk 1 in Aarhus, sinngemäß darauf hingewiesen, dass ein Buch, das in einem Jahr nur eine Entlehnung hat, sofort wieder aus den Beständen eliminiert wird. Ich habe noch den Satz eines alten Bibliothekars im Ohr, der besagte, dass sich der Ankauf eines Buches, das einmal in einem Jahrhundert ausgeliehen wird, bereits rentiert habe. Man sieht: Was vor einer Generation für ein Jahrhundert galt, zählt heute nur noch ein Jahr.
 In diesem Sinn: Alles Gute Michael Köhlmeier! Und danke für all die Bücher, die Du geschrieben hast!

Brigitta Amann
04.11.2019

… dann wäre Schule ein Raum, in dem jedes Kind...

… dann wäre Schule ein Raum, in dem jedes Kind gesehen wird, soziale Anerkennung in der Klasse erlebt und positive Zuwendung erfährt. Das klingt zunächst ein wenig wirklichkeitsfremd – und doch sind genau dies die Faktoren, die Lernen und die Motivation dafür ermöglichen.
Pisa hat uns alle wachgerüttelt. Wir dürfen kein Kind verlieren, so lautet die Devise. Stimmt, jedes Kind ist nach seinen Möglichkeiten bestmöglich zu fördern. Ausgefeilte Fördermodelle sind aber nur ein Teil der Antwort. Der andere Teil unterstützt die Entwicklung der Persönlichkeit und das soziale Miteinander. „Auf Schatzsuche bei unseren Kindern gehen“, nennen der Hirnforscher Gerald Hüther und die Kinderpsychologin Irina Prekop ihre Schlussfolgerung, wie Kinder ihre Persönlichkeit mit allen Facetten am besten entwickeln können.
Dies ist notwendig, um den Herausforderungen der Zeit („passiver Medienkonsum, Überreizung, Vernachlässigung, Verwöhnung, Liebesentzug“) entgegenzuwirken. Was hilft dem „Wirrwarr im Hirn“ Klärung zu verschaffen von Lehrpersonen, die ganz bewusst eine persönliche Beziehung zu den Schülern und Schülerinnen aufbauen wollen. Personen, die SchülerInnen lehren, bei sich zu bleiben, ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst, auf den Moment und auf ihre Aufgaben zu lenken, genau wahrzunehmen, statt zu beurteilen.
Die Konzepte der Achtsamkeit (MBSR, MSC) könnten LehrerInnen und SchülerInnen, aber auch Eltern und anderen beteiligten Personen dabei wertvolle Anregungen bieten. So kann zum Beispiel auch die Aufmerksamkeit gezielt gesteuert werden – weg von Dingen, die anders sein sollten, bewusst hin zu Dingen, die sich gut entwickelt haben. Dadurch verändert sich der Umgang miteinander manchmal wie von selbst. 

Michael Lederer
04.11.2019

Kaum ein anderes Thema wie das Klima bestimmte...

Kaum ein anderes Thema wie das Klima bestimmte die politische Agenda in den letzten Monaten so stark. Zu Recht. Aber nur wie? Viel von: Wer hat Schuld? Wer hat Recht? Wer ist besser? Und wer ist glaubwürdig? Oft klingt durch, wir müssen bessere Menschen werden, aber eigentlich müssen wir nur besser leben. Ob ich jetzt fliege und weniger Fleisch esse, macht das den Unterschied? Natürlich hat es Wirkung, aber wie kommen wir hier zu einer kritischen Masse? Jedenfalls macht es oftmals schlechtes Gewissen und miese Stimmung, ein bisschen Ohnmacht …, nichts davon können wir brauchen, wenn wir die Welt „retten“ wollen. Und stattdessen müssten wir es nur machen wie bei der DSGVO. „Design by default“ heißt das Prinzip und bedeutet, dass standardmäßig meine Daten geschützt sind und dass bei einer weiteren Verarbeitung meiner Daten ich die explizite Zustimmung geben muss. Klimaschutz als Default also – der regionale Gemüseteller ist günstiger und besser beworben als das Einrichtungshaus-Schnitzel um €4,-. Kostenwahrheit statt Moralappell. 
Was aber ist ein guter Standard für den Klimaschutz und in welchen Bereichen setzen wir diesen durch? Eine dringende Frage, die eines Aushandlungsprozesses bedarf. Und schauen wir in die Welt, können wir sehen, dass in vielen Ländern „Citizen Assemblies“ nach dem irischen Modell stattfinden. Zufallsbürger entwickeln gemeinsam mit Wissenschaft und Politik mögliche Standards und Maßnahmen. Und in der Verhaltensökonomie finden sich viele Beispiele für wirksame Anpassungen von Rahmenbedingungen, um letztlich Verhalten zu ändern. Ohne den moralischen Zeigefinger, dafür mit starker demokratischer Legitimation. Das wäre doch ein interessanter Weg für Vorarlberg, oder nicht? Und es macht uns nicht zu besseren Menschen, aber vielleicht leben wir dann einfach besser. 

Monika Wohlmuth
04.11.2019

Reife- oder Persönlichkeitsentwicklung sind...

Reife- oder Persönlichkeitsentwicklung sind mir, seit ich denken kann, ein wichtiges Anliegen. Fast täglich treffe ich Menschen, die mich mit ihrem Verhalten und ihrem Wirken beeindrucken und mir neue Lernwege zeigen. Dieses Interesse und diese Leidenschaft an Weiterentwicklung sind gleichzeitig auch Basis meiner beruflichen Tätigkeit. Unter dem Motto: „Jeden Tag entscheiden wir neu, wie wir auf Situationen reagieren, was wir zu anderen sagen, wie wir über Menschen denken“, begleite ich Menschen, die spüren, dass es eine Veränderung braucht und diese Veränderung auch sie selbst inkludiert. Weil: „Vom Reife-Niveau eines Menschen hängt es ab, wofür er seine Kompetenzen und Intelligenzen einsetzt.“
(Boglarka Hadinger)
Ja – und ganz nebenbei möchte ich in dieser Persönlichkeitswerdung auch Vorbild sein. Für meine eigenen Kinder, die mir anvertrauten Jugendlichen und die Menschen in den Unternehmen, die wir begleiten. 
Wenn mich da nicht diese Augenblicke des Unfugs übermannen würden. Da ein Mail an jemanden, den ich gar nicht kenne, und trotzdem …, da diese eine Stunde zu lang, obwohl morgen …, dann dieser eine Satz, der zwar ehrlich, aber nicht ganz …, außerdem schon wieder, obwohl … und dann noch diese Idee, die so gar nicht zu meinen Kompetenzen und überhaupt … oder dieser Kommentar.
Eine sehr weise Frau, von der ich viel lernen durfte, hat mir folgenden Satz geschenkt: „Reife und Bereitschaft zu gelegentlichem Unfug schließen sich nicht aus!“ Seither weiß ich, dass ein Tag dann gut für mich ist, wenn ich ein wenig Reife üben durfte, aber auch etwas Unfug Platz bekommen hat. Ich glaube ganz fest daran – und hoffe, meine Mitmenschen auch! Ein Hoch auf die „unfugbereite“ Reife!

Matthias Ammann
01.10.2019

Noch nie zuvor hatte ich das Gefühl, dass das...

Noch nie zuvor hatte ich das Gefühl, dass das Zitat „homo homini lupus“ (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) eine weltweit derart dramatische Intensivierung erfährt. 
Ich wage deshalb einige globale Thesen: Noch nie gab es eine so hohe Dichte an verantwortungslosen Staatenlenkern. Noch nie gab es ein so dichtes Netz von skrupellosen Geschäftemachern. Noch nie gab es einen derart menschenverachtenden Umgang mit der Natur. Noch nie wurde die gute bäuerliche Lebensmittelerzeugung so gnadenlos verdrängt. 
Finale Grande: Wir rufen tief bewegt: „ Ave Universum – Morituri te salutant!“ (Zitat). Alternative: Die Weltpolitik und wir alle wagen einen Umkehrschub-Jetzt! Schluss mit der entwürdigenden Abwertung der Menschen zu reinen Konsumrobotics. Schluss mit der zukunftsbremsenden wirtschaftspolitischen Standardhaltung: „Wasche mir den Pelz, aber mach mich ja nicht nass! Schluss mit der mutlosen Verschanzung von Politikern und Beamten hinter hausverstandslosen Gesetzen! 
Es ist höchste Zeit, dass Politiker gemeinsam mit ihren Bürgern hausverstandsleere Regelwerke höchstgerichtlich auf deren volkswirtschaftlichen Nutzen prüfen. Es ist höchste Zeit, der ausgerufenen Energieautonomie mehr Vortrieb zu geben. Es ist höchste Zeit, eine regionale Ernährungsautonomie wenigstens anzustreben. Es ist höchste Zeit, eine gesellschaftliche Erkenntnisautonomie auf den Weg zu bringen, um gefährlichen politischen oder religiösen Inszenierungen Einhalt zu gebieten. 
Diese drei Autonomieziele, getragen von Hausverstand und Mut, würden unser Zusammenleben zukunftsfähiger, lebensbejahender und gerechter machen. Ganz nach dem Motto: „Goht’s mim Nochbur guat, goht’s miar o guat!“ Also: Kollektiver Mutausbruch jetzt! Vorarlberg hat dafür gutes Potential!

Peter Bußjäger
01.10.2019

Der Freispruch der wegen Verstößen gegen das...

Der Freispruch der wegen Verstößen gegen das Wahlgesetz angeklagten Beamten der Bezirkshauptmannschaft Bregenz ist eine gewaltige Klatsche für die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKSTA). Volle drei Jahre ermittelte die in Wien angesiedelte Spezialeinheit, bis sie eine wacklige Anklage gegen die Beamten erstellt hatte. Das Gericht benötigte dagegen nur wenige Wochen für einen Freispruch. 
Möglicherweise hat die WKSTA nicht verstanden, dass es einen Unterschied macht, ob der Verfassungsgerichtshof eine Wahl wegen Formfehlern aufhebt oder ob dieser Formfehler auch eine strafbare Handlung darstellt. Wenn die WKSTA in Zukunft jeden Bürgermeister und jedes Verwaltungsorgan anklagen will, der Formvorschriften verletzt, ohne dass öffentliche Interessen verletzt oder Private geschädigt werden, bekommt sie viel zu tun.
Die Angelegenheit ist jedoch, ganz abgesehen davon, dass die WKSTA den Freispruch womöglich bekämpft, nicht ausgestanden: Die Republik Österreich hat eine Organhaftungsklage gegen zahlreiche Mitglieder von Wahlkommissionen in der Höhe von 36.000 Euro pro Person eingebracht. Dabei handelt es sich um Beamte, die weder eine Wahl manipuliert noch die Auszählung sonst in irgendeiner Weise beeinflusst haben. Sie haben allenfalls Rechtsvorschriften missachtet, um schneller ein Ergebnis liefern zu können.
Das Innenministerium selbst kommt übrigens ungeschoren davon. Keine Anklage, keine Organhaftung. Obwohl sich die Beamten dort nicht darum geschert haben, dass ihre Vorschriften kaum vollzogen werden konnten und sie Gesetzes­änderungen ablehnten, obwohl ihnen der Druck der Wahlbehörden, bei der Auszählung möglichst schnell zu sein, bekannt war. Das ist der Vorteil jener, die nur Vorschriften erlassen müssen, die andere zu vollziehen haben. 

Jimmy Heinzl
01.10.2019

Digitale Technologien beeinflussen unser Leben...

Digitale Technologien beeinflussen unser Leben auf eindrucksvolle Art und Weise. Internetbasierte mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets haben unseren Alltag nachhaltig verändert. Neuartige Technologien zur Sammlung und Analyse von Daten leisten dieser Entwicklung weiter Vorschub. Das Potenzial für die Generierung zusätzlicher Wertschöpfung für einen Wirtschaftsstandort ist enorm.
Um die Potenziale für Vorarlberg nutzbar zu machen, sind entsprechende strategische Weichenstellungen notwendig. Ein einfaches Kopieren von Konzepten anderer erfolgreicher Digitalstandorte, wie z.B. Berlin oder dem Mekka der Hightech IT-Industrie, dem Silcon Valley, greift allerdings zu kurz. Obwohl man von diesen Standorten sehr viel lernen kann, beispielsweise im Bereich der Startup-Ökologie, gibt es eben auch Bereiche, in denen wir hierzulande besser sind. Ein solcher Bereich ist die Kompetenz, physische Produkte zu entwickeln und diese insbesondere auch zu wettbewerbsfähigen Kosten zu produzieren. Jeder, der schon einmal versucht hat, ein Produkt im Silicon Valley fertigen zu lassen, weiß, wovon ich spreche. Basis für diese Fähigkeit sind die Fertigkeiten der Beschäftigen. Die duale Ausbildung gewährleistet, dass Wissen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vermittelt wird, und entwickelt damit genau diese Fertigkeiten. Und darin sind wir Weltspitze! Nicht zuletzt die Erfolge der Vorarlberger Lehrlinge bei den unlängst ausgetragenen Berufsweltmeisterschaften stellen das unter Beweis. 
Für eine erfolgreiche Zukunft gilt aber nicht „entweder – oder“, sondern „sowohl – als auch“: Die Kombination dieser handwerklichen Fertigkeiten mit neuen digitalen Fertigkeiten, Technologien, Services und Geschäftsmodellen erlaubt eine einzigartige Positionierung des Wirtschaftsstandorts Vorarlberg als digitaler Produktionsstandort.

Martina Gasser
01.10.2019

Die Leistungen unseres Sozialsystems wirken...

Die Leistungen unseres Sozialsystems wirken kostensenkend. Diese Aussage würde vermutlich nicht jeder unterschreiben, doch ich bin von deren Richtigkeit überzeugt.
Der Sozialbereich stellt einen wichtigen ökonomischen Faktor dar, der unsere Wirtschaft belebt, zu deren Erfolg und Stabilität beiträgt. Die Sozialwirtschaft schafft nicht nur Arbeitsplätze, sie trägt auch dazu bei, dass die Arbeitsfähigkeit und Kaufkraft gesteigert werden. Vor allem präventiv angelegte soziale Dienstleistungen stellen eine sinnvolle Investition in die Zukunft dar. Diese verfolgen das Ziel, Menschen frühzeitig Hilfe anzubieten und somit einer Chronifizierung und Verfestigung von Problemen vorzubeugen. Das ist kostensparend, da Folgekosten wie Krankenstände, Arbeitslosigkeit etc. vermieden werden können. Unternehmen, die Wirtschaft, unsere gesamte Gesellschaft profitieren von (psychisch) gesunden Menschen, die verantwortungsbewusst mit sich selbst und anderen umgehen, arbeiten, Steuern zahlen und damit ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten. Und nicht zuletzt sichert unser Sozialsystem den sozialen Frieden. 
Soziale Institutionen wie das ifs bieten den Menschen ein Sicherheitsnetz. Nicht nur die professionelle Unterstützung in psychosozialen Krisensituationen wirkt entlastend, sondern alleine die Präsenz sozialer Einrichtungen und das Wissen, bei Problemen auf deren Hilfe zurückgreifen zu können, bieten Sicherheit. 
Der Mensch ist trotz aller technischer Errungenschaften noch immer unsere wichtigste Ressource. Deshalb ist es wichtig, diesen weiterhin in den Mittelpunkt zu stellen und dafür Sorge zu tragen, dass alle ein menschenwürdiges Leben führen können. Und vielleicht stellen wir uns hin und wieder die Frage, wie lebenswert die Region Vorarlberg ohne Soziallandschaft wäre.

Gerhard Siegl
06.09.2019

Auf den ersten Blick haben Wirtschaft und...

Auf den ersten Blick haben Wirtschaft und Geschichte nichts gemeinsam. Wie soll das zusammengehen? Wirtschaft auf der einen Seite, die sich gewinnorientiert dem täglichen Konkurrenzdruck stellt, Güter und Dienstleistungen produziert und verkauft. Und Geschichte auf der anderen Seite, eine Geisteswissenschaft, die wertvolle Kulturleistungen erbringt, aber wenig Verkaufbares herstellt. Erstere verschafft den Menschen Arbeit und Brot, zweitere gilt mitunter als „brotlose Kunst“. Treffen hier zwei unvereinbare Welten aufeinander?
Keineswegs, denn diese klischeehaften Zuschreibungen greifen viel zu kurz. Wirtschaften ist mehr als nur produzieren und verkaufen, und ebenso ist auch Geschichte weder Last noch Luxus. Die vermeintlichen Gegensätze haben sich jüngst auf dem Feld der „Public History“ neu entdeckt. Wirtschaftsbetrieben wird verstärkt bewusst, dass ihnen Geschichte ein Alleinstellungsmerkmal verleiht, dass Geschichte Sympathie, Verlässlichkeit und Seriosität vermittelt. Diese Attribute machen sich in Werbung und PR gut, „history sells“. Und mit der Aufarbeitung auch dunkler Flecken ihrer Geschichte beweisen Unternehmen zudem gesellschaftliche Verantwortung. Für manche Unternehmer ist Geschichte allerdings noch immer ein rotes Tuch, weil sie das „Herumstochern“ in ihren Archiven und eine seriöse Aufarbeitung der Firmengeschichte eher als Bedrohung denn als Gewinn empfinden. Die eigene Geschichte zu negieren, hieße aber, auf ihre Inwertsetzung zu verzichten und ihr Potential zu verkennen. Denn moderne Geschichtsschreibung will weder moralisch aburteilen noch richten, sondern erklären, verstehen helfen und versöhnen. Mit dieser Lesart werden Wirtschaft und Geschichte künftig noch öfter erfolgreich kooperieren und voneinander profitieren.

Klaus Kofler
06.09.2019

Während die einen noch über die...

Während die einen noch über die Digitalisierung nachdenken, beginnen die anderen sich langsam über die Klimaveränderung ihre Köpfe zu zerbrechen. Allein daran sieht man, wie lange wir brauchen, um das Tempo des Wandels zu verstehen. Die Frage, ob das jetzt mit Nichtkönnen oder Nichtwollen zu tun hat, ist eigentlich egal, denn beide Szenarien führen letztlich in den Abgrund und in den Untergang.
Gerade dieses langsame Fortschreiten ist der eigentliche Wahnsinn. Diese Gangart richtet weit mehr Schaden an als die wahren Herausforderungen, vor denen wir stehen. Allesamt leiden wir unter einem gigantischen Angstkomplex der Erneuerung und einer Art krampfhafter Aufrechterhaltung der Ordnung. Egal wie, es muss weitergehen. Alles haben wir darauf ausgerichtet und dahin ausgelegt. Das Bekannte und Bewährte ist unser Freund, selbst dann noch, wenn schon alles den Bach runter zu gehen droht.
Wann wollen wir endlich ausbrechen aus einer Welt der Zukunftsignoranz? Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir bessere Chancen und Möglichkeiten, die Dinge nicht nur grundlegend neu, sondern weitaus besser machen zu können als jemals zuvor. Wie sagte Thomas Straubhaar (Ökonom Uni Hamburg): „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.“ 
Wir leben in einer neuen Welt, besetzt mit alten Zukunftsbildern. Nein, nicht die Welt steckt in einer Krise. Es sind unsere Konzept-, Strategie- und Mutlosigkeit, die uns lähmen. Dieses unermüdliche Festhalten am Bestehenden, verbunden mit einem konsequenten „Weiter-so“. Wenn’s sein muss, bis zum Kollaps. Früher sagte man, Zukunft ist schwer zu identifizieren. Heute finden wir sie vor unseren Füßen. Vielleicht sollten wir endlich mal lernen, genauer hinzusehen.

Miriam Kathrein
06.09.2019

Design hat das Potential zu einem positiven...

Design hat das Potential zu einem positiven Wandel in unsere Gesellschaft beizutragen. Diese Aussage begleitet mich schon lange in meiner Arbeitspraxis. Im Social Design verankert, lässt sie sich auf das Design allgemein ausweiten und, wie ich meine, gleichermaßen auf das Handwerk, wenn wir uns des Begriffs der neuen kreativen Arbeit annehmen. 
Das IDRV – Institute of Design Research Vienna hat in ihrem New Design Manifesto 2017 festgeschrieben, dass neues Design durch selbstorganisierte Zusammenarbeit Gleichgesinnter entsteht und Inklusion und Kollaboration den Wettbewerb ersetzen. Seit kurzem leite ich den Werkraum Bregenzerwald, einen Verein, bestehend aus Bregenzerwälder Handwerksbetrieben, die genau das schon lange erkannt haben: dass die Stärke im Miteinander liegt, in der Kooperation und den kollaborativen Momenten, obwohl die Unternehmen eigentlich in einem konkurrierenden Verhältnis zueinander stehen müssten. 
Denn das Potential, das im regionalen Handwerk steckt, lässt sich daran festmachen, dass unter anderem qualitativ hochwertigere Arbeit und attraktive Arbeitsplätze entstehen, dass ressourcenschondender und lokal produziert werden kann, langfristige Beziehungen zu den ProduzentInnen aufgebaut werden und KonsumentInnen dadurch ein neues Verständnis für die Produkte entwickeln, bei denen Nachhaltigkeit und Langlebigkeit eine tragende Rolle spielen.
Wenn DesignerInnen Agents of Change sein können, so sind es hier die HandwerkerInnen. Indem sie sich über die konkurrierende Situation erheben und Wissen und Ressourcen teilen, wird dieser Ansatz zum Innovationsmotor, nicht nur für die Betriebe selbst. Dies hat außerordentlich positive Auswirkungen auf die regionale Entwicklung und Steigerung der Lebensqualität in der Region.

Thomas Summer
06.09.2019

Cybermobbing ist eine Ausgeburt der digitalen...

Cybermobbing ist eine Ausgeburt der digitalen Gesellschaft. Die Macht der Cybermobber rührt von ihrer Anonymität im Netz, der Größe des Publikums, der Hilflosigkeit ihrer Opfer und der Hemmungslosigkeit des Sprach- und Bildgebrauchs. Und beeindruckend ist: So wie uns eine liebevolle SMS oder eine gut gemeinte WhatsApp stärken können, so niederschmetternd, nachhaltig und verletzend wirken Blossstellungen, Anfeindungen und Ausgrenzungen, auch wenn sie mittelbar digital gesendet werden.
Eine 14-jährige Patientin erzählt, wie ihr wiederholter Ausschluss aus der WhatsApp-Gruppe der Mitschüler schmerzhaft und beschämend ist. Eine Kollegin berichtet, wie lange sie über einen Vorwurf eines Mitarbeiters in einer Mail an das ganze Team gebrütet hat. Ein Gymnasiast kündigt einen Suizid an, nachdem seine frühere Freundin intime Aufnahmen an ihre Mitschülerinnen geschickt hat und diese dann in der gesamten Schule kursieren. 
Die meisten kennen mittlerweile Fälle von Cybermobbing, manche haben es schon am eigenen Leib erfahren; die mittelbare Botschaft wirkt unmittelbar kränkend.
Wirksame Hilfe ist auch unmittelbar: Die Patientin vertraut sich mit ihren Gefühlen einer Nachbarin an, aus den häufiger werdenden Treffen wird eine Freundschaft, die direkt und spürbar ist. Meine Kollegin erfuhr, dass der Mitarbeiter Mails mit mehreren Empfängern schon öfters als Blitzableiter verwendet hat, um Frust abzubauen und Kollegen zu beschuldigen. Auf Initiative der Lehrerschaft und einer Fachärztin wurde das Verbreiten herabwürdigender Bilder in der Schule angezeigt. Das Unrecht wird geahndet werden. Digitale Kommunikation braucht die Balance des Respekts und der Menschlichkeit. Mitmenschlichkeit ist unmittelbar.

David Stadelmann
05.07.2019

Die Sicherung der Altersvorsorge ist eine...

Die Sicherung der Altersvorsorge ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Auf immer weniger Beitragszahler drohen in Zukunft mehr Pensionsempfänger zu kommen. Oft wird die „Überalterung“ als nahezu unlösbares Problem dargestellt. Stattdessen sollten wir den demographischen Wandel als Segen verstehen und klug handeln. Die Bürger werden älter, weil sie länger körperlich und geistig vital bleiben. Altern heißt heute mehr gesunde Lebensjahre und ein damit verbundenes höheres Produktionspotenzial. Das bietet Chancen für unsere Gesellschaft, die durch mehr Altersarbeit zu ergreifen sind. Dabei dürfen die Alten nicht durch Regulierungen oder gar staatliche diktierte Altenquoten zur Mehrarbeit gezwungen werden. Stattdessen müssen sie für ihre Arbeit im Alter besser belohnt werden. Arbeitnehmer, die das gesetzliche Pensionsalter erreicht haben und trotzdem weiterarbeiten, sollten beispielsweise nur mehr die halbe Einkommenssteuer zahlen müssen. Eine derartige Steuerreduktion setzt relevante Arbeitsanreize. Damit würde Altersarbeit attraktiver und Ältere würden weiter in berufsorientierte Bildung investieren.
Alte sind wertvolle Arbeitskräfte, wenn sie auf dem Stand der Technik bleiben und diesen mit ihrer Erfahrung kombinieren. Da sie nach Steuersenkung mehr Einkommen zur Verfügung haben, müssten sie nicht einmal mehr Vollzeit arbeiten, sondern könnten ihr Arbeitspensum leicht reduzieren. Vermutlich werden aber viele sogar freiwillig mehr arbeiten wollen. So oder so trägt jede von ihnen zusätzlich geleistete Arbeitsstunde zur Dynamik der Wirtschaft bei. Davon profitieren Alt und Jung. Zudem stiegen die Einnahmen des Staates, weil die Alten ja mehr Steuern und Abgaben leisteten, als wenn sie gar nicht mehr arbeiteten. Die Früchte der Überalterung wollen nur geerntet werden.

Sabine Morgenstern
05.07.2019

Menschen erfreuen sich an Kunst. Die...

Menschen erfreuen sich an Kunst. Die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst wird deutlich, wenn ein Umbruch stattfindet. Und es wird viel geredet über Kreativität. Was bedingt „Kreativität“? Und welche Rolle spielt Kreativität im Zeitalter der Digitalisierung? Meine Erfahrungen als Kunstpädagogin, Kunstvermittlerin und Künstlerin zeigen mir, dass in jedem Menschen ein sehr hohes Potenzial an Kreativität steckt, die es zu fördern gilt. Die Hürde ist, sie zuzulassen! Sich die Freiheit nehmen, Gedanken einfach laufen zu lassen, ohne Druck und absichtslos. Kreativität keimt nicht, wenn Gedanken wie Optimierung im Vordergrund stehen. Dafür haben wir Maschinen und Algorithmen. Das kreative Denken und Tun unterscheidet uns vom Computer. Wenn wir den Schwerpunkt auf das legen, was den Menschen vom Computer unterscheidet, so wird es das „kreative Denken“ und die „Emotionalität“ sein. Kreativität, Emotionalität und Neugierde sind Tugenden, die in der Positiven Psychologie eine große Rolle spielen. Um diese Tugenden zu fördern, spielen der Kunst­unterricht an Schulen und künstlerische Projekte in den verschiedenen Institutionen der Kultur eine sehr große Rolle. Der Mehrwert von Kunstverständnis besteht darin, dass Kunst die Welt in einer erweiterten Weise erschließt. Kunst öffnet uns andere Perspektiven auf die Welt. Unser Schöpfergeist bricht Grenzen auf. Die Erfahrung von Selbstkompetenz durch gestalterisches Arbeiten stärkt das Ich. Wir brauchen die Freiheit, neugierig zu sein, um Neues zu schaffen und Emotionalität zuzulassen. Freiräume schaffen Möglichkeiten, etwas zu tun, was mit nichts anderem in Verbindung steht. Kreative Prozesse sind individuell und erlauben keinen Konformismus. Und Vorgaben jeglicher Art sind unüberwindbare Schranken für kreatives Tun. Ich denke, es ist an der Zeit, uns bewusst zu machen, wie wichtig die Förderung von Kreativität ist.

Hans-Peter Metzler
05.07.2019

Kaum sind die teilweise überschwänglichen...

Kaum sind die teilweise überschwänglichen Stimmen zur (neuen) Übergangsregierung von Experten und Expertinnen aus der hohen Beamtenschaft verhallt, so holt uns die Realität mit flinken Schritten ein: 
Es wird eine Zeit des monatelangen Stillstandes kommen, die unötig viel Zeit und Geld kostet, sehr viel Geld – entgegen allen Beteuerungen der Parteien und Politiker, vor den kommenden Wahlen kein Steuergeld verschwenden zu wollen.
Ich erwarte, dass die Minister der Übergangsregierung nichts entscheiden werden, denn sie werden wohl keine große Legitimation empfinden. Aber Stillstand und Nicht-Entscheiden sind wie in jedem Unternehmen die untauglichsten und teuersten Mittel.
Wir werden durch dieses Interregnum wertvolle Zeit verlieren für die notwendigen und überfälligen Reformen in der Finanz- und Steuerpolitik, die uns Bürger, die Unternehmen und den Standort entlasten.
Es wäre schön, ich täuschte mich und ich müsste am Ende des Jahres sagen: „Ich habe mich geirrt!“

Udo Filzmaier
05.07.2019

Die Digitalisierung ist in aller Munde....

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Vielerorts wird von Disruption und großen Herausforderungen gesprochen, jedoch eines wird übersehen. Wir befinden uns bereits seit Jahrzehnten mitten in der Digitalisierung, mitten in eben jener Redefinition menschlichen Denkens und Handelns. Die elektronische Datenverarbeitung hat bereits vielerorts zu grundlegenden Veränderungen und Verbesserungen geführt. Was ist also neu? Warum fällt uns der Wandel heute viel deutlicher auf als bereits schon vor zehn Jahren? Die Antwort ist leicht – die Geschwindigkeit hat sich verändert. Immer schneller und aus weltweit unterschiedlichsten Richtungen und Quellen eröffnen sich uns Möglichkeiten zur Veränderung, und neue Konzepte sprießen wie Pflanzen aus dem digitalen Nährboden. 
Durch die stetig steigende und mit normalem Menschenverstand beinahe gar nicht mehr erfassbare Rechenleistung ergeben sich ungeahnte Potentiale, so besitzen unsere Telefone heute bereits die zehnfache Leistung der vor zehn Jahren hochmodernen, sehr teuren Computer. Die Mondlandung klappte mit 12.000 Transistoren an Bord – moderne Smartphones verfügen über mehrere Billionen Transistoren, eine unvorstellbare Entwicklung. 
In der westlichen Welt ist beinahe jeder Mensch bereits mit einem digitalen Endgerät über das Internet erreichbar und als potentieller Kunde für neue Geschäftsmodelle erreichbar. Heute werden neue Anwendungen ganz einfach mit „software-as-a-service“-Konzepten, ohne umständliche zusätzliche Hardwareverkäufe erfolgreich. Blickt man auf diese Entwicklungen, lässt sich festhalten – Ja! Wir befinden uns in einem grundlegenden Wandlungsprozess wie auch in den letzten Jahrzehnten, jedoch eines dürfen wir nicht außer Acht lassen: Im Mittelpunkt jenes Wandels steht der Mensch und sein Wohlergehen, keine Maschine, kein Computer und kein künstliches System.​

Renate Hammerer
30.05.2019

In Organisationen beobachten wir...

In Organisationen beobachten wir Beschleunigung. Digitalisierung als Treiber, Überforderung der Menschen durch Innovation. Die Antwort ist noch höhere Taktung und Forderung nach raschen Entscheidungen. Zeit fehlt! Gleichzeitig wird nach Kooperation gerufen. Achtsamkeitstrainings und Entschleunigungs-Beratungen schießen aus dem Boden.
Ein Widerspruch in sich? Oder sollten wir mal querdenken? Erzählt von Heinz von Foerster: Der kleine Sohn kam tränenüberströmt von der Schule nach Hause. „Was gab’s?“ „Ich musste eine Stunde lang in der Ecke stehen!“ „Ja warum?“ „Die Lehrerin hat gesagt, ich sei frech.“ „Ja wieso?“ „Sie hat gefragt: „Wieviel ist 2 mal 3?“ Ich habe aufgezeigt. „Also wieviel?“ Ich sagte: „3 mal 2“. Alle haben gelacht, und ich musste in die Ecke.“ Ich hörte diese Trauerbotschaft und meinte, seine Antwort wäre ganz richtig, aber könnte er es auch beweisen? Er nahm ein Stück Papier, macht darauf zwei Reihen mit je drei Punkten: „Das ist 2 mal 3, sagte er, drehte das Blatt um 90 Grad. „Das ist 3 mal 2.“ Die Lehrerin wusste offenbar nicht um die Bedeutung des kommutativen Gesetzes der Multiplikation Bescheid.
Nicht Multiplikation, der Umgang mit Zeit ist das Thema in Organisationen. Überlegen wir daher, wann wir die Zeit als Time-Box nutzen und wann wir dem Thema die notwendige Zeit geben. Wann ist Diskussion zieldienlich und wann Dialog? Beim Dialog nehmen sich die Protagonisten die Zeit, die ein Gedankenaustausch braucht (Kairos): Er ist zu Ende, wenn er zu Ende ist. Bei der Diskussion haben sie bereits zu Beginn einen fixen Endpunkt für den Austausch (Kronos). 
Was Menschen berichten, die beides nutzen und für komplexe Fragen den Dialog als Format wählen: „Plötzlich hat uns die Lösung gefunden und die Entscheidung war klar.“

Christian Feurstein
30.05.2019

Museen für Kunst, Natur- und Landeskunde sind...

Museen für Kunst, Natur- und Landeskunde sind in Vorarlberg längst etabliert. Dagegen spielt die Industrie, welche das Land seit rund zwei Jahrhunderten prägt, ein bescheidenes Dasein. Anläufe zur Gründung eines Industriemuseums in den vergangenen Jahrzehnten verliefen im Sand. Immerhin wurde ein Wirtschaftsarchiv mit einem inzwischen beachtlichen Fundus aufgebaut. In jüngster Zeit sind die Bestrebungen nach einem Museum wieder aufgelebt.
Unbestritten ist, dass ein Industriemuseum nicht nur Technik vermitteln sollte. Soziale Wechselwirkungen, politische und kulturelle Zusammenhänge sind wichtige Aspekte. Und ebenso wenig dürfte man sich auf eine Präsentation der Historie beschränken. Das Industriemuseum böte idealerweise Raum für gegenwärtige Entwicklungen und Zukunftsperspektiven. Ein Ort für Themen, die derzeit aus Sicht vieler Menschen von Politik und Wirtschaft ausgehandelt werden und ein Gefühl der Ohnmacht auslösen.
Auszuloten ist, ob es einen zentralen Standort für ein Museum benötigt. Bereits jetzt widmen sich verschiedene Einrichtungen im Land industriegeschichtlichen Themen. In Hard gibt es ein Textildruckmuseum, in Frastanz ein Elektromuseum, Lustenau beschäftigt sich mit der Stickereigeschichte, die Mohrenbrauerei hat jüngst eine Biererlebniswelt eingerichtet etc. Hier kommt aber auch die Depotfrage für gesammelte Objekte ins Spiel, die ohne zentrale Stätte kaum zu lösen ist.
Entscheidend ist, dass Akteure und Betroffene von Industrie mit im Boot sind, also wir alle. Eine derzeit laufende Initiative des Wirtschaftsarchivs Vorarlberg widmet sich genau diesem Punkt. Unter der Internetadresse meinindustrie.museum ist jeder eingeladen, mit einem kurzen Text und Foto einzutragen, was seiner Ansicht nach in ein Vorarlberger Industriemuseum gehört.

Erwin Mohr
30.05.2019

Der amerikanische Erfolgsautor Jeremy Rifkin...

Der amerikanische Erfolgsautor Jeremy Rifkin beschreibt in seinem gleichnamigen Buch den europäischen Traum als erstrebenswerter als etwa den amerikanischen Traum (vom Tellerwäscher zum Millionär) oder irgendeine andere nationale Vision auf unserer Erde. Er geht sogar so weit zu sagen, dass es ein Segen für die ganze Welt wäre, wenn die europäische Vision einer „leisen Supermacht“ auch in anderen Kontinenten Platz greifen würde. Nicht Waffen, Aufrüstung und Krieg entsprechen dem europäischen Traum, sondern Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Solidarität und friedliches Zusammenleben vieler Völker und Nationen seit 70 Jahren! Dies alles entstand aus der blutigen Erfahrung von zwei Weltkriegen und 65 Millionen Toten. Der australische Historiker Christopher M. Clark sieht im europäischen Modell „einen Akt transnationalen politischen Willens, der zu den größten Errungenschaften der Geschichte der Menschheit gehört“. Am Beginn dieser Entwicklung standen sich die jahrhundertelangen Todfeinde Deutschland und Frankreich gegenüber und reichten sich die Hand zum Frieden. Persönlichkeiten wie Schumann, De Gaulle, Adenauer ermöglichten diesen Traum, der Europa Frieden und noch nie da gewesenen Wohlstand brachte. 
Heute stehen wir an einem Wendepunkt: Stirbt der europäische Traum? Gibt es eine Renaissance der Grenzen, Kleingeister und Nationalkaiser, welche die europäische Idee dem Nationalismus opfern? Fast scheint es so. 
Oder setzen sich doch jene durch, die an die große Idee eines geeinten Europas als Vorbild und eines Friedensstifters in der Welt glauben und daran arbeiten. Was würde es für unsere Erde bedeuten, wenn es in Afrika, Südamerika oder Asien ein ähnliches Modell gäbe? Das wäre vielleicht der ultimative Menschheits-Traum!

Autoren & Redaktion