Schule der Empathie

Social Acupuncture – diesen Begriff hat der kanadische Künstler Darren O‘Donnell für seine performativen Projekte geprägt. Eine tolle Vorstellung: Kunst als Akupunktur für die Gesellschaft, mit einer winzig kleinen Nadel setzen wir Prozesse der Veränderung in Gang! Mein persönliches Lieblingsprojekt von O‘Donnell heißt „Haircuts by Children“: In einem „Problemstadtteil“ von Toronto wurden Kindern aus migrantischen, aus sozial schwachen Familien die Grundbegriffe des Haareschneidens vermittelt, die kunstaffinen Besucher überließen sich den frisch erworbenen Fähigkeiten der jungen Barbiere – eine für beide Seiten ganz ungewohnte Begegnung. Und eine schöne Übung in Vertrauen.

Wie jeder kulturelle Ort sollte auch das Theater nicht nur hehrer Kunsttempel oder bunte Unterhaltungsbude sein, sondern überdies Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, ein Ort, an dem die drängenden Themen der Menschen verhandelt werden: Tua res agitur. 
Was mir heute, in einer komplexen und komplizierten, uns zunehmend überfordernden Wirklichkeit eine große Gefahr scheint: Dass wir die Fähigkeit zur Empathie verlieren. Abstumpfen angesichts des globalen Entsetzens, uns zurückziehen auf die kleinste Einheit, das ganz Private. Das Theater als Ort des gemeinschaftlichen Erlebens stemmt sich per se schon gegen die Vereinzelung. Und es hat die Chance und somit die Verantwortung, diese besondere Kraft zu nutzen.

Theater kann Schule der Empathie sein, es kann das Publikum berühren und verführen. Zum Mitfühlen, zum Mitdenken. Es kann verführen, eigene Haltungen und scheinbare Gewissheiten kritisch zu hinterfragen und, im idealen Fall: zum Besseren zu verändern.