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„Derjenige, der nie daran dachte, einen anderen zu töten, ist mir suspekt“

Niemand kommt als potenzieller Mörder auf die Welt. Davon ist der renommierte österreichische Kriminalpsychologe und Profiler Thomas Müller überzeugt. Tötungsdelikte im persönlichen Umfeld haben ihren Ausgangspunkt oft im Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Partnern.

Aus welchen Motiven töten Menschen?

Wir unterscheiden vier Kategorien von Tötungsdelikten. Bei den persönlichen Tötungsdelikten findet man immer eine darüberliegende Aggression. Die Bereicherungsdelikte stellen ein Mittel zum Zweck dar. Jemand will sich materiell bereichern und tötet deshalb – dabei kann es um Geld gehen, um Güter oder Besitz. Hier herein fällt auch die organisierte Kriminalität. Dann gibt es die sexuellen Tötungsdelikte – Menschen töten vor, während und nach sexuellen Handlungen. Und schließlich sind die sogenannten gruppendynamischen Tötungsdelikte zu nennen. Wenn etwa ideologische Gruppierungen ein Asylheim anzünden, fällt das in diese Kategorie.

Ein großer Teil von Gewaltverbrechen sind persönliche Tötungsdelikte – sie geschehen im familiären beziehungsweise persönlichen Umfeld des Täters. Wie kommt es zu solchen Dramen?

Niemand wacht am Morgen mit dem Gedanken auf, an diesem Tag jemanden umzubringen. Persönlichen Tötungsdelikten geht eine langsame Entwicklung voraus. Es sind schließlich stets die Gesamtumstände, die jemanden dazu treiben, keinen Ausweg mehr zu sehen als jemanden zu töten.

Wie können scheinbar harmlose Menschen ihnen nahestehenden Personen brutale Gewalt antun?

Schon Goethe hat sinngemäß gesagt, dass es keinen Menschen gibt, der nicht unter den widrigsten Umständen andere umbringen kann. Diesen Satz unterschreibe ich. Derjenige, der nie daran dachte, einen anderen zu töten, ist mir hingegen suspekt. Aber der Weg vom Gedanken über den Hass und die Planung bis zur Ausführung ist ein langer. Als Mörder kommt niemand auf die Welt

Wie lässt sich erklären, dass ein Ehemann seine Frau umbringt, die er wohl einmal aus Liebe geheiratet hat?

Das hängt auch mit der Form der Kommunikation zwischen beiden zusammen. Schlechte Kommunikation kann Leute in arge Zustände treiben. Sobald die Kommunikation zwischen zwei Menschen abreißt, entsteht Ungewissheit, eine der schmerzhaftesten Wunden überhaupt. Die wiederum stellt einen Nährboden für Angst dar. Wenn die Angst zu lange andauert, werden Menschen aggressiv. Statt sich auszutauschen, wird gehandelt. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie gehen zum Arzt und warten auf einen heiklen Befund. Der Arzt verabschiedet sich aber in den Urlaub und Sie bleiben für 14 Tage im Ungewissen, wissen nicht, ob sie an einer schweren oder gar unheilbaren Krankheit leiden. In dieser Situation werden Sie sehen, was die Ungewissheit alles mit Ihnen machen kann.

An Kommunikationsmitteln würde es heutzutage nicht mangeln.

Die Menschen glauben, mit den modernen elektronischen Kommunikationsmitteln wie SMS oder E-Mail miteinander zu kommunizieren. Tatsächlich handelt es sich dabei lediglich um so etwas wie Informationsübertragung. Kommunikation sieht in Wahrheit ganz anders aus. Wenn die Leute dann – zum Beispiel an Weihnachten oder Ostern – praktisch gezwungen sind, zu kommunizieren, haben sie es verlernt. Kein Wunder, dass an solchen Festen viele Gewaltdelikte innerhalb der Familien passieren.

Menschen, die nahe Angehörige töteten, versuchen meist hinterher, auch sich selbst zu töten. Vielfach gelingt dies aber nicht. Wie lässt sich das erklären?

Eine Erklärung ist wohl, dass mit jeder Tötung die Aggression, die dahintersteckt, weniger wird. Irgendwann verpufft sie ganz, wird obsolet. In diesem Zusammenhang bietet sich ebenfalls ein Vergleich an. Folgende Ausgangslage: Sie sind extrem hungrig und verschlingen deshalb fünf Palatschinken. Den Apfel, der noch da wäre, lassen Sie hingegen liegen. Dann wird man Sie auch nach dem „Warum“ fragen.

Täter rechtfertigen sich unter Umständen damit, während der Tat ein Blackout gehabt zu haben. Für wie glaubwürdig halten Sie eine solche Rechtfertigung?

Ich erlebe immer wieder, dass sich Täter angeblich an nichts erinnern können und beispielsweise behaupten, sie seien nach der Tat mit dem Messer in der Hand aufgewacht. Manchmal wird diese Rechtfertigung freilich bloß vorgeschoben. Mit Hilfe der Tatortarbeit der Kriminalisten und einer sauberen kriminalpsychologischen Beurteilung gelingt es in der Regel, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld, ob jemand zum Gewalttäter werden kann?

Das soziale Umfeld spielt eine große Rolle – aber anders, als viele denken. Entscheidend ist, ob jemand in jungen Jahren gelernt hat, mit Worten Deeskalation zu betreiben oder nicht. Wenn ein Kind dem anderen in der Sandkiste die Sandburg zerstört, sollte der Vater vorschlagen zu fragen, warum das andere Kind das getan hat. Wenn der Vater seinem Kind stattdessen ein Messer in die Hand drückt mit der Aufforderung, sich zu wehren, kann es irgendwann einmal heikel werden.

Haben Mörder ein Gewissen?

Ja. Aber kaum ein Mörder fühlt sich aus seiner Sicht schuldig. Die Schuld tragen immer alle anderen, sie liegt ganz woanders. Die Täter plagt das Gewissen in der Hinsicht, einen Fehler gemacht zu haben – den, erwischt worden zu sein. Bei Tötungsdelikten im persönlichen Umfeld passiert es hingen schon, dass sich Täter irgendwann fragen: „Welchen Wahnsinn habe ich gemacht?“

Stichwort familiäre Konflikte: Können Außenstehende durch rechtzeitige konkrete Maßnahmen im Vorfeld eines möglichen Verbrechens das Schlimmste verhindern?

Ja, indem sie die Diskussion und einen Perspektivenwechsel fördern, sobald klar ist, dass keine Kommunikation mehr stattfindet. Dafür ist es nie zu spät.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Chronik … der spektakulärsten Gewalttaten

  • 6. Februar 2017, Bregenz  Ein Drogenabhängiger tötet in Bregenz eine 65-jährige Drogendealerin mit mehreren Messerstichen und setzt danach die Wohnung in Brand.
  • 28. Jänner 2017, Mäder  Ein vierfacher Familienvater bringt in der Nacht auf den 28. Jänner bei einem Ehestreit seine Frau durch Messerstiche um.
  • 21. Oktober 2016, Feldkirch  Nach einem missglückten Einbruch versucht einer der drei Täter dreimal auf einen 41-jährigen Passanten zu schießen – der Mann wird nicht getroffen und bleibt unverletzt.
  • 16. August 2016, Sulz  Ein geistig verwirrter Mann sticht in einem Regionalzug bei Sulz auf zwei junge Männer ein und verletzt diese schwer.
  • 22. Mai 2016, Nenzing  Nach einem Beziehungsstreit schießt in den Morgenstunden des 22. Mai beim Fest eines Motorradclubs in Nenzing ein 27-Jähriger dutzende Male wahllos auf die Festgäste. Zwei Männer sterben, es gibt mehr als zehn zum Teil schwer Verletzte. Ein Opfer ist querschnittsgelähmt.
  • 4. November 2015, Frastanz  Ein 26-Jähriger ist verdächtig, in Frastanz seine hochschwangere 28-jährige Exfreundin in deren Wohnung erwürgt zu haben. Anschließend soll der Verdächtige das Bett angezündet haben, in dem die Frau lag. Der Mann wartet derzeit auf seinen Prozess.
  • 8. August 2015, Götzis  Ein 28-jähriger, psychisch kranker Mann schlägt die Terrassentüre seines Nachbarn ein und verletzt den im Schlafzimmer befindlichen Mann lebensgefährlich.
  • 5. Oktober 2013, Dornbirn  Ein 57-jähriger Mann geht zum Haus seiner Vermieter und sticht grundlos auf den Mann ein. Die Frau verletzt er mit dem Messer ebenfalls. Das Pensionistenehepaar wird erheblich verletzt.
  • 25. August 2012, Dornbirn  Ein 26-jähriger Mann erwürgt in einer Wohnung des SOS-Kinderdorfs in Dornbirn seine 21-jährige Exfreundin und Mutter der gemeinsamen Tochter.
  • 26. Juni 2011, Nüziders  Ein 30-Jähriger drückt in Nüziders im Zug eines Streits seine Ehefrau so lange mit dem Gesicht gegen eine Matratze, bis die 27-Jährige erstickt. Anschließend verletzt er sich selbst schwer, überlebt aber.
  • 8. Jänner 2011, Bregenz  Der Fall Cain. Am 8. Jänner stirbt in Bregenz der dreijährige Cain, nachdem er zuvor vom 25-jährigen Lebensgefährten seiner Mutter brutal verprügelt wurde. Der Täter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingeliefert.
  • 17. Mai 2010, Hittisau  Ein 55-Jähriger erschießt in Hittisau den 26-jährigen Freund seiner Tochter.
  • 8. Februar 2009, Lauterach  Ein 27-Jähriger tötet bei einer Messerstecherei in einem Motorradclubheim in Lauterach einen 20-Jährigen.
  • 27. Oktober 2008, Feldkirch  Ein 28-jähriger Mann tötet in Feldkirch seinen Stiefvater mit 74 Messerstichen.

04.03.2017

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