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Die Suche nach dem Sinn zur Zukunft der Arbeit

Wie wird die Arbeit in Zukunft aussehen? Über die Zukunft der Arbeit ist bereits in der Vergangenheit intensiv diskutiert und spekuliert worden. Angetrieben wurden diese Diskussionen durch unterschiedliche Krisen der Arbeit: So lösten der Umbruch von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wie auch die hohen Arbeitslosenquoten in den 1980er-Jahren Fragen nach dem Sinn von Arbeit und nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeit aus. Hoffnungen, aber auch Ängste charakterisierten diese Debatten, und es tauchten immer ähnliche Fragen im neuen Gewand auf, die zu beantworten gesucht wurden: Wird es noch genug Arbeit für alle geben? Wird die menschliche Arbeitskraft zusehends durch automatisierte Prozesse ersetzt? Droht das Ende der Arbeit oder bieten die Veränderungen der Arbeit auch Chancen auf ein selbstbestimmteres, sinnvolleres, freieres und zeitlich autonomeres Arbeiten?

Auch gegenwärtig deuten Begriffe wie Arbeit 4.0 oder New Work darauf hin, dass sich die Arbeitswelt in einem fundamentalen Wandlungsprozess befindet. Heutzutage nutzt ein Großteil der Beschäftigten Informations- und Kommunikationstechniken in der Arbeit und die digitale Revolution sorgt dafür, dass sich die Arbeitswelt grundlegend verändert. Nicht nur die Digitalisierung fungiert als Treiber dieses Wandels, auch andere Megatrends wie die Globalisierung, die stärkere Erwerbseinbindung von Frauen und der demografische Wandel werden das Gesicht der Arbeitswelt in den nächsten Jahren fundamental verändern. Zudem werden durch verschiedene Krisen – die Wirtschafts- und Finanzmarktkrise oder die Klimakrise – der letzten Jahre grundlegende Selbstverständlichkeiten des Arbeitens und Wirtschaftens infrage gestellt. All diese Veränderungen fordern ein neues Nachdenken darüber, wie Arbeit zukünftig gestaltet sein soll. Angesprochen sind somit die elementaren Fragen der Arbeitswelt: Was Arbeit ist und sein soll, welcher Sinn der Arbeit heute zukommt, welche Erwartungen von Beschäftigten an die Arbeit adressiert werden und wie das zukünftige Arbeiten gestaltet werden kann.

Von der Krise der Arbeit zur Krise des Sinns der Arbeit?

Welche Bedeutung hat Arbeit? Kaum eine andere Metapher beschreibt eindrücklicher die Ambivalenzen der Arbeit als das von Kurt Lewin geprägte Bild von den zwei Gesichtern der Arbeit: Danach ist Arbeit einerseits Mühe, Zwang, Mittel zum Zweck und noch kein eigentliches Leben, andererseits ist Arbeit für den Menschen unabdingbar, denn sie bietet ein Wirkungsfeld und gibt dem Leben Sinn und Bedeutung. Gesellschaftlich kommt der Arbeit heutzutage noch eine weitere Funktion zu: In der gegenwärtigen Erwerbsarbeitsgesellschaft fungiert Arbeit als zentrales Medium gesellschaftlicher Integration. Sie bietet gesellschaftliche Teilhabe, soziale Anerkennung und strukturiert die Lebensentwürfe von Individuen. Doch die vielfältigen Krisen der Arbeitswelt sorgen aktuell dafür, dass diese Versprechen der Erwerbsarbeit kaum mehr eingelöst werden: Mit der Prekarisierung der Arbeit und der Ausweitung des Niedriglohnsektors spaltet sich die Arbeitswelt zusehends in einen Bereich gut bezahlter und sicherer Arbeit und einen anderen Bereich mit unterfordernder, unsicherer und nicht-existenzsichernder Arbeit. Zudem sorgen Prozesse der sozialen Beschleunigung dafür, dass sich in vielen Beschäftigungsfeldern die Arbeit enorm verdichtet und es zu einem Anstieg von Zeit- und Leistungsdruck kommt. Dieser Strukturwandel der Arbeit lässt auch die Psyche der Beschäftigten nicht unberührt: Stress gilt nunmehr als eines der wichtigsten Risiken für die Gesundheit und kann langfristig mit psychischen Folgen wie Burnout oder Depressionen einhergehen. Die Brisanz der Stresszunahme zeigt sich auch daran, dass sich die Anzahl von Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen in den letzten Jahren verdreifacht hat. Die gesundheitlichen Probleme deuten an, dass mit dem aktuellen Umbau der Arbeitswelt nunmehr ein kritischer Punkt erreicht ist, der die Frage nach Formen eines gesünderen und nachhaltigeren Arbeitens virulent werden lässt und somit die Frage nach dem Sinn in der Arbeit aufwirft.

So wird gerade die Zunahme psychischer Erkrankungen häufig als Hinweis für eine Sinnkrise der Arbeitsgesellschaft gedeutet. Für immer mehr Beschäftigte, so suggeriert die These einer Sinnkrise, stelle sich nunmehr die berufliche Sinnfrage und das Warum des Arbeitens scheint fraglich. Ebenfalls zeugen Medienberichte und Studien davon, dass Klagen über eine wachsende Sinnlosigkeit der Arbeit zunehmen: Berichtet wird von einer Zunahme sinnloser Aufgaben, durch welche verhindert wird, das zu tun, was eigentlich wichtig und richtig ist. Doch inwieweit lässt sich von einer Sinnkrise der Arbeit sprechen? Hier gilt es zunächst, zwei Diskurse über die Krise des Sinns der Arbeit zu differenzieren: So kann sich die Krisendiagnostik auf das gegenwärtige Gefüge der Arbeitsgesellschaft beziehen. Die verschiedenen Überlastungssymptome der Arbeitswelt lassen sich dann als Hinweis darauf deuten, dass das gegenwärtige System der Erwerbsarbeit überdacht werden muss. Hier wird der Sinn der Erwerbsarbeit als zentraler Integrationsmechanismus infrage gestellt. Tatsächlich ist das gegenwärtige Verständnis von Arbeit stark auf die Erwerbsarbeit fixiert. Dieses verkürzte Arbeitsverständnis schließt eine Vielzahl von Tätigkeiten, insbesondere Care-Arbeiten in der Familie oder auch gesellschaftlich relevante Freiwilligenarbeit aus. Diskussionen über erweiterte Arbeitskonzepte und New Work, also breitere Verständnisse von Arbeit, schließen genau hier an, und fordern einen Umbau der Arbeitsgesellschaft, der andere Tätigkeitsformen aufwertet und so die dominante Stellung der Erwerbsarbeit einhegt. Zwar verfügen bisweilen neue Arbeitskonzepte über keine breite gesellschaftliche Akzeptanz, nichtsdestoweniger zeichnen sich die Risse der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft immer deutlicher ab, weshalb die Rede von einer Krise des Sinns der Arbeit breiten Anschluss findet.

Von einer Krise des Sinns wird aber auch in einem anderen Kontext gesprochen, nämlich dann, wenn der Sinn innerhalb der Arbeit problematisch wird und Beschäftigte ihre Arbeit nicht mehr als sinnvoll erleben. Während dies früher als ein Problem insbesondere geringqualifizierter und stark fragmentierter Tätigkeiten galt, finden sich mittlerweile auch Hinweise auf solche Problematiken aus hochqualifizierten Beschäftigungssegmenten: Auch Ärzte, Hochschullehrende oder IT-Fachkräfte klagen mittlerweile darüber, dass sie durch zahlreiche neue, administrative Aufgabenanteile nicht mehr zu ihrer eigentlichen Arbeit kommen. Berichtet wird davon, dass für subjektiv wichtige Aufgaben immer weniger Zeit ist und scheinbar sinnlose Arbeiten zunehmen.

Bedingt durch diese beiden Krisen des Sinns lässt sich gegenwärtig eine höhere gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Fragen des Sinns und des Sinnerlebens in der Arbeit beobachten. Dadurch werden individuelle Reflexionsprozesse angeregt, die nicht selten zu einer Kritik der Norm der Normalarbeit und einem Nachdenken über neue Arbeitskonzepte führen.

Neue Sinnsuchende der Arbeitswelt

Die Wünsche nach neuen Arbeitskonzepten und einer anderen und auch sinnvolleren Arbeit werden vielfach mit bestimmten Gruppen wie der Generation Y oder der Postwachstums-Bewegung assoziiert, die eine Art Vorreiterrolle einnehmen und ein neues Arbeitsverständnis reklamieren. In diesem neuen Arbeitsverständnis kommen Wünsche nach einer nachhaltigen und ressourcenbewussten Arbeit, nach einer gesellschaftlich bedeutsamen Tätigkeit und nach neuen Formen des Wirtschaftens zusammen. Doch welche Schlagkraft haben solche neuen Werte? Werden sie bereits zur neuen Normalität, oder fallen sie empirisch kaum ins Gewicht? Bereits in den 1970er-Jahren im Zuge der Wertewandeldiskussion wurde über das Auftreten neuer Arbeitswerte verhandelt. Diskutiert wurde, ob die Sicherheit und Stabilität des fordistischen Arrangements nun dafür sorgen, dass neue Werte wie Selbstverwirklichung an Bedeutung gewinnen, und die Beschäftigten sich nun stärker für die Inhalte der Arbeit statt für den Lohn interessieren.

Die Debatten über Werteorientierungen in der Arbeit haben immer wieder gezeigt, dass sich das Interesse für die Inhalte der Arbeit und für die materielle Sicherheit nicht gegeneinander ausspielen lassen: Beide Aspekte sind für die Beschäftigten wichtig und sind Bestandteil der Erwartungen an gute Arbeit. Individuell finden sich je nach Lebenslage und -situation ganz unterschiedliche Gewichtungen der Erwartungen an Arbeit. Aktuelle Untersuchungen bestätigen die Heterogenität von Erwerbsorientierungen und zeigen, dass es jenseits des Mainstreams auch Beschäftigte gibt, denen der gesellschaftliche Beitrag ihres Tuns sowie eine Orientierung an Altruismus wichtig ist. Auch wenn solche anderen Arbeitskonzepte bisher nur vereinzelt auftreten, bieten sie doch enormes Potenzial für die zukünftige Gestaltung der Arbeitswelt.

New Work gestalten

Aktuell wird die Diskussion über die Zukunft der Arbeit unter dem Stichwort New Work geführt. New Work stellt den vorherrschenden Arbeitsbegriff grundlegend infrage und steht für ein neues Denken über Arbeit sowie neue Arbeitskonzepte. Auch Unternehmen haben bereits das Potenzial der New-Work-Formel erkannt und diskutieren unter diesem Konzept besonders neue Formen der Arbeitsorganisation und flexible Arbeitszeitmodelle, die sich an den unterschiedlichen Bedarfen der Beschäftigten nach Sabbaticals, Elternzeit oder Altersteilzeit orientieren. Für die Unternehmen eröffnet sich dadurch die Chance, Mitarbeitende langfristig zu binden. New Work steht aber gleichermaßen für die Aufwertung anderer Arbeitsformen, und auch dieser Aspekt ist für die Frage nach der Gestaltung einer zukunftsfähigen Arbeit mitzudenken. Abschließend lassen sich drei Anregungen nennen, die für die Gestaltung der Arbeitswelt im Umbruch Orientierung bieten können.

Ambivalenzen des Wandels verstehen

Gerade die Digitalisierung hat eine stark polarisierte Debatte über Chancen und Gefahren für die Arbeit angestoßen. Um den Wandel entlang von Vorstellungen einer wünschenswerten Arbeit zu gestalten, bedarf es weder Schreckensszenarien, nach denen massenhaft Arbeitskräfte freigesetzt werden, noch ist ein überbordender Optimismus mit Blick auf die neuen Freiheitsgrade in der Gestaltung von Arbeit zielführend.

Den Chancen, die sich aus der Digitalisierung sowie aus flexibleren und selbstbestimmteren Arbeitsformen ergeben, stehen auch vielfältige neue Risiken gegenüber. Ohne eine nachhaltige Gestaltung der neuen Arbeit besteht die Gefahr, dass sich die neuen Freiheiten in Potenziale der Selbstausbeutung verkehren. Hohe Gestaltungschancen in der Arbeit sind für die einen ideal und wünschenswert, für andere hingegen sind sie Stress. Deshalb sind auch Schutzmechanismen vor einer weitreichenden Entgrenzung wichtig. Die Gefahren flexibler Arbeit dürfen nicht individualisiert werden, sondern müssen in Unternehmen und politisch abgefangen werden. Eine konstruktive Gestaltung der Arbeitswelt wird dann möglich, wenn Trends und Best Practices, aber auch problematische Nebenfolgen von Entwicklungen frühzeitig und fundiert erforscht und anschließend nachjustiert werden können.

Gute Arbeit fördern

Jenseits aller Verheißungen der Arbeit 4.0 und ihrer Potenziale verweist die Spaltung der Arbeitsgesellschaft auf die Notwendigkeit der Gewährung von guter Arbeit, also von Erwerbsarbeit, die sich an der Würde von Beschäftigten orientiert und Existenzsicherung bietet.

Gute Arbeit steht als Leitbild sowohl für faire Löhne als auch für sichere Beschäftigungsverhältnisse und für die Eindämmung von belastender und einseitiger Arbeit. Aus der Arbeitsforschung sind zudem die Faktoren einer gesundheitsförderlichen, guten Gestaltung von Arbeitsplätzen bekannt: Dazu zählen ein Mindestmaß an Aufgabenkomplexität, Autonomie, Entwicklungsmöglichkeiten, soziale Einbettung und Anerkennung. Nicht minder wichtig ist, die eigene Arbeit im produktiven Zusammenhang zu sehen und nicht ausschließlich mit fragmentierten Aufgabenanteilen betraut zu sein. All diese Faktoren tragen zu einer Humanisierung der Arbeit bei, die trotz jahrzehntelanger Forderungen noch nicht hinreichend realisiert ist.

Alternative Arbeitsformen aufwerten

Die Debatte um New Work zeigt, dass Arbeit auch jenseits der Erwerbsarbeit zu denken und ein erweitertes Verständnis von Arbeit unabdingbar ist. Doch mangelt es nach wie vor an der Akzeptanz und Wertschätzung für Tätigkeiten wie Nachbarschaftshilfe, familiäre Sorge und Pflegearbeiten. Dementsprechend sind aktuell Antworten darauf zu finden, wie gesellschaftlich als wichtig und nützlich erachtete Arbeiten wie Care-Arbeit aufgewertet werden können. Eine Möglichkeit der Aufwertung könnte bereits dadurch gelingen, dass über bessere zeitliche Verzahnungsmöglichkeiten, Erwerbsarbeit und andere Tätigkeiten nachgedacht wird.

Damit Arbeit nicht, wie Frithjof Bergmann meinte, einer „milden Krankheit“ gleichkommt, sind darüber hinaus auch die Gegengewichte der Arbeit im Diskurs über zukünftiges Arbeiten mitzudenken. Detachment, Muße und Antiwork sind hier die Stichworte, die in der beschleunigten Arbeitswelt an Relevanz gewinnen werden, um die Balance zwischen Arbeit und Nichtarbeit wieder ins Lot zu bringen. Für die Politik stellt sich hier die Aufgabe, eine bessere soziale Absicherung auch jenseits der Normalarbeit zu gewährleisten.

Sicherlich können die genannten Punkte nur als erste Schritte in Richtung einer Transformation der Arbeitswelt gewertet werden, die an den Bedürfnissen der Menschen anschließt und neue Sinnperspektiven der Arbeit eröffnet. Werte können die Handlungspraxis anleiten, aber auch die Praxis kann Werte verändern. Zwar ist auch die Diskussion über den Wandel Teil des Veränderungsprozesses, nichtsdestoweniger ist die Zeit reif für neue Modelle und Prototypen und damit für ein engagiertes Arbeiten an einer Zukunft der Arbeit, die gute Arbeit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen Wirklichkeit werden lässt.

* Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine stark gekürzte und leicht veränderte Fassung des Beitrages in: „Aus Politik und Zeitgeschichte“ 26/2017 (Arbeitsmarktpolitik), www.bpb.de/apuz/250657, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung.

04.11.2017

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Friedericke Hardering

ist promovierte Politik­wissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Arbeitssoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2014 leitet sie das Forschungsprojekt „Gesellschaftliche Vorstellun­gen sinnvoller Arbeit und individuelles Sinnerleben in der Arbeitswelt“. Sie arbeitet und forscht zu folgenden Themen: Wandel und Zukunft der Arbeit, Sinn und Zufriedenheit in der Arbeitswelt.

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