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Unscheinbar und unbekannt – ein neues Süßgras im Rheindelta

Sie kommen „per Anhalter“, versteckt im Auto oder im Gepäck. Sie werden bewusst vom Menschen in neue Lebensräume verfrachtet, oder sie erschließen sich diese aus eigener Kraft. Reise und Verkehr, Profitstreben, aber auch klimatische Veränderungen zählen zu jenen Faktoren, die uns immer wieder neue Tier- und Pflanzenarten bescheren.

Doch ab wann zählt eine Tier- oder Pflanzenart zu den Neuankömmlingen, den Neobiota? Bei den Tieren ist dies leicht zu beantworten: Die Art muss nach ihrer Einwanderung, Verschleppung oder Freisetzung mit den für sie neuen Umweltbedingungen klarkommen. Sie muss nicht nur die winterliche Kälte überleben, sie muss auch in der Lage sein, sich hierzulande fortzupflanzen, und eine stabile, dauerhafte Population zu gründen. Nicht selten werden dabei die menschlichen Behausungen oder deren unmittelbares Umfeld als wärmebegünstigter Ersatzlebensraum angenommen.
Bei den Pflanzen fällt diese Bestimmung schon schwerer. Wenngleich auch hier die ungewollte Verschleppung nicht zu vernachlässigen ist, wurden doch viele pflanzliche Neubürger bewusst eingeführt und freigesetzt. Manche von ihnen gehören als Nutzpflanzen zum alltäglichen Bild unserer Landschaft. Sie scheinen „immer schon dagewesen“ zu sein. Vergessen ist, dass der Mais erst nach der „Entdeckung“ Amerikas nach Europa gelangen konnte. Seit dem 17. Jahrhundert wird er im Rheintal angebaut. Obwohl er damit genügend Zeit gehabt hätte, sich im neuen Lebensraum auszubreiten, ist er weiterhin auf den Menschen angewiesen. Die niedrigen Temperaturen im Winter machen ein selbständiges Überleben der Samenkörner und Keimlinge unmöglich. Außerhalb der Maisfelder ist die Pflanze daher nicht zu finden.

Doch wie weit muss sich eine vom Menschen ausgebrachte Pflanze vom Ort menschlicher Pflege entfernen, um als überlebensfähig zu gelten? Genügt es, wenn das Gewächs die Umfriedung des Grabes überwindet und auf dem Kiesweg zwischen den Gräbern problemlos gedeiht? Ja, meinen Neophyten-Fachleute, denn damit ergibt sich die Möglichkeit, dass die Pflanzenart auch die Friedhofsmauern überwinden kann und irgendwann außerhalb dieses geschützten Bereichs wachsen wird. Gleiches gilt bei passiver Verschleppung. Straßenränder, und vor allem die Böschungen und Mittelstreifen der Autobahnen sind besonders ergiebige Zielgebiete auf der Suche nach Neophyten – was dort überleben kann, wird sich über kurz oder lang auch in Lebensräumen finden, die weiter von den Verkehrswegen entfernt liegen. Während der Autofahrt als eine Form des „Guerilla Gardening“ bewusst Samen zu verstreuen, mag für manche eine amüsante Unterwanderung von Bürokratie und Ordnung sein, doch die ökologischen Folgen sind ungewiss. Erfolg und Geschwindigkeit der Ausbreitung der Pflanzen lassen sich nicht vorhersagen.

Auffallende Blüten und außergewöhnliche Größe machen es leicht, Neuankömmlinge zu erkennen. Unscheinbare Gewächse gedeihen hingegen oft im Verborgenen, bis ihr Bestand derartige Ausmaße erreicht hat, dass auch sie nicht mehr zu übersehen sind. Und selbst wenn man sie entdeckt, kann es lange dauern, bis sie sich zweifelsfrei einer Art zuordnen lassen. Dies gilt auch für das Süßgras Dichanthelium acuminatum. Wann dieses Gras in das Rheindelta gelangt ist, wissen wir nicht. 2008 wurde es erstmals bemerkt, aber erst vor Kurzem gelang die wissenschaftliche Zuordnung. Dichanthelium acuminatum gilt als „schwierig“, denn es ist vielgestaltig und kann mit anderen Arten der Gattung hybridisieren.

Dieses amerikanische Gras war bislang aus Österreich nicht bekannt. Seine ursprüngliche Heimat erstreckt sich über große Teile Nord- und Mittelamerikas und reicht bis ins nördliche Südamerika. Dort besiedelt die weitverbreitete Art die unterschiedlichsten Lebensräume: Lichte Wälder, Waldränder und Rodungsflächen, Grasländer, Dünen, Meeresküsten und Straßenränder, aber auch Feuchtlebensräume und selbst die Umgebung von heißen Quellen. Wann und wo sich die Art erstmals in Europa etablieren konnte, ist unklar. 1970 wurde sie das erste Mal für Frankreich in Bordeaux nachgewiesen, und für Deutschland wird ein Vorkommen in den 1960er-Jahren in Berlin-Wannsee genannt. Uns näher liegen zwei Fundstellen im St. Galler Rheintal in Altstätten, wo das Süßgras bereits in den 1950er-Jahren dokumentiert wurde. Damals wurde die Einschleppung mit amerikanischem Pferdehafer vermutet.

Wie die Art ins Rheindelta gelangt ist, wissen wir nicht. Aber seit ihrer Entdeckung 2008 hat sie sich landseitig des Polderdamms stark ausgebreitet und teilweise großflächige Vorkommen entwickelt. Wie so oft ist auch hier zu diskutieren, ob dies die Ursache ökologischer Probleme ist oder doch eher die Folge eines bestehenden Problems. Im Rheindelta dürfte Letzteres gelten. Mit der Errichtung des Polderdamms in den 1950er- und 1960er-Jahren hat sich die Vegetation drastisch gewandelt. Durch die Entwässerung wurden ehemalige Übergangsmoore zu Pfeifengraswiesen, die den Ansprüchen des Neuankömmlings entgegenkommen. Alle bekannten Vorkommen beschränken sich auf ausgetrocknete, degradierte Streuwiesen, während etwas tiefer gelegene, feuchtere Standorte in unmittelbarer Nachbarschaft gemieden werden. Durch die Verbesserung des Wasserhaushalts landseitig des Polderdamms könnte eine weitere Ausbreitung des Süßgrases wohl verhindert werden. Wie auch immer es weitergeht: Dichanthelium acuminatum im Rheindelta zeigt die komplexen Wechselwirkungen zwischen Pflanze und Landschaft, und wie lange es dauern kann, bis die Auswirkungen menschlichen Tuns erkennbar werden.

04.03.2017

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J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling/NÖ, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiär-becken. Danach Vertragsassistent an der Universität Graz. Seit 1993 Museums-kurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn. Zunehmende Erweiterung des Interessengebiets in Richtung Rezent-Biologie.

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