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Der Vorarlberger Arbeitsmarkt – eine Bestandsaufnahme

Anton Strini (62), seit 1974 beim Arbeitsmarktservice, war zwischen 2006 und 2016 AMS-Landesgeschäftsführer und ist ab sofort als Koordinator für die Arbeitsmarktintegration von anerkannten Flüchtlingen zuständig. Der gebürtige Dornbirner über Besonderheiten und Schwierigkeiten am Vorarlberger Arbeitsmarkt.

In Vorarlberg wurden noch in den 1970ern, letztmalig 1981, im Jahresdurchschnitt weniger als 1000 Arbeitslose verzeichnet. Warum so wenige? Die Wachstumsraten der Wirtschaft lagen wesentlich höher als heute, die Möglichkeiten zur Frühpensionierung waren vielfältiger, und vor dem Fall des Eisernen Vorhangs gab es deutlich weniger Arbeitskräftezuzug von außen. Niedrig qualifizierte Tätigkeiten waren stärker gefragt, der Bedarf an Hilfsarbeitern war ungebrochen und eine Arbeitszeitverkürzung von einst 48 auf letztlich 40 Stunden hat neue Jobs gebracht.

Aktuell sind in Vorarlberg 13.000 auf Jobsuche

Ende Oktober 2016 waren 10.435 Personen arbeitslos vorgemerkt, weitere 2467 waren in Schulungsmaßnahmen – rund 13.000 Menschen sind in Vorarlberg also auf Jobsuche. Wobei das nur eine Momentaufnahme ist, weil man das Ganze im Jahresablauf sehen muss: Innerhalb eines Jahres sind es rund 34.000 Betroffene, die zumindest einmal arbeitslos werden. Bei gut 150.000 unselbstständig Beschäftigten heißt das, dass etwa jeder fünfte Arbeitnehmer in Vorarlberg zumindest einmal im Jahr arbeitslos ist.

Junge Burschen, Personen über 55

Während in allen anderen Gruppen die Arbeitslosigkeit merklich zurückgegangen ist, steigt sie bei den ganz Jungen – insbesondere bei Burschen unter 19 – und bei den über 55-jährigen Männern und Frauen nach wie vor. Mehr als 3000 Menschen über 50 sind derzeit in Vorarlberg arbeitslos. Bei den unter 20-jährigen Burschen ist die Situation zwar quantitativ weniger dramatisch, die Arbeitslosigkeit hat aber auch hier stark zugelegt.

Inländer sind im Schnitt weniger stark betroffen

Die Arbeitslosigkeit ist bei Inländern markant gesunken, bei ausländischen Staatsbürgern dagegen gestiegen. Arbeitslos Vorgemerkte und Schulungsteilnehmer zusammengerechnet sind im Vergleich zum Vorjahr aktuell 4,0 Prozent weniger Inländer auf Jobsuche, bei Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind es 5,4 Prozent mehr. Ausländische Staatsangehörige und auch Eingebürgerte haben in jungen Jahren oft nur eine niedrige Qualifikation erworben, zum Teil auch immer noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache; gesundheitliche Einschränkungen bei älteren Jahrgängen kommen dazu.

Gefangen in einer Negativspirale

Gelingt es nicht, die Betroffenen höher zu qualifizieren, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Nicht- oder Geringqualifizierte in Vorarlberg immer wieder arbeitslos werden und zwischen Arbeitslosigkeit, prekären Jobs und Mindestsicherung gefangen bleiben. Die Betroffenheit von Arbeitslosigkeit konzentriert sich sehr stark auf die Personengruppe der Geringqualifizierten. Die Arbeitslosenquote bei Geringqualifizierten beträgt in Vorarlberg rund 16 Prozent, das heißt, dass jeder sechste Hilfsarbeiter arbeitslos ist. Damit befinden sich viele Unqualifizierte in einem Rad, das sich ständig dreht: rein in den Arbeitsmarkt, raus aus dem Arbeitsmarkt. Das ist die Realität.

Lernschwächen und mangelnde Sozialkompetenzen sind bei Jungen oft ein Vermittlungshandicap

Hauptursachen, warum ein Teil der vom AMS betreuten jungen Leute längerfristig keinen Job finden, sind schulische Schwächen und mangelnde Sozialkompetenzen: Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Fleiß, Ausdauer, Teamfähigkeit – eigentlich all das, was den „typischen Vorarlberger“ ausmacht. Doppelmayr beschäftigt viele Bregenzerwälder. Und wenn man fragt, warum, erhält man zur Antwort: Weil das g’standene Leute sind. Die Unternehmen haben kein so großes Problem damit, wenn ein junger Mensch keine höherwertige Schulausbildung mitbringt. Aber sie haben ein großes Problem, wenn die Arbeitshaltung nicht stimmt.

In Jugendliche investierte Zeit lohnt sich

Wenn wir Jugendliche längerfristig nicht am Arbeitsmarkt vermitteln können, dann helfen soziale Einrichtungen im Auftrag des AMS mit, schulische Defizite so weit wie möglich zu verringern und wenn notwendig soziale Kompetenzen zu fördern. Aqua Mühle, die Dornbirner Jugendwerkstätten oder auch Integra sind solche Einrichtungen, in denen sich Trainer um die vom AMS zugewiesenen Jugendlichen bemühen. Und viele kriegen da die Kurve – auch weil sie endlich jemanden haben, der sie an der Hand nimmt und sozusagen zum Vater-, Mutter- oder Onkel-Ersatz wird. In den meisten Fällen stellen wir fest: Wenn man genug Zeit in einen Jugendlichen investiert, wenn man lange genug die jeweiligen Stärken sucht, dann funktioniert es im Regelfall. Und es funktioniert oft auch nachhaltig.

Herausforderung Flüchtlinge

Derzeit sind in Vorarlberg insgesamt 470 Flüchtlinge beim AMS vorgemerkt – 270 aus der neuen Flüchtlingswelle und rund 200 aus früheren Flüchtlingswellen. Jeden Monat werden 50 bis 60 bleibeberechtigte Flüchtlinge neue Kunden des AMS. Wenn man die bereits in Vorarlberg befindlichen Flüchtlinge in der Mindestsicherung und die Asylwerber berücksichtigt, dann dürften mittelfristig 1500 Menschen mit gewährtem Asylstatus auf den Vorarlberger Arbeitsmarkt kommen. Neue Flüchtlingswellen sind dabei noch nicht berücksichtigt. Die Arbeitsmarktintegration der betroffenen Flüchtlinge stellt uns vor einige Probleme, für die bisher nur zum Teil Lösungsansätze bereitstehen. Seit Jahresbeginn 2016 konnte das AMS zwar rund 430 Personen aus dieser Gruppe vermitteln, die Nachhaltigkeit lässt aber oft zu wünschen übrig.

Eine düstere Prognose

Der digitale Wandel bringt riesige Chancen, aber auch gewaltige Risiken. Wir werden die nächsten Jahre bundesweit ein Wirtschaftswachstum in der Größenordnung von 1,5 bis 1,6 Prozent haben, in Vorarlberg mit geschätzten zwei Prozent etwas mehr, aber nach wie vor viel zu wenig, um Arbeitslosigkeit nachhaltig zu verringern. Und ich gehe davon aus, dass durch den digitalen Wandel mittelfristig auch Menschen arbeitslos werden, die heute noch als gut qualifiziert gelten, nach einem Arbeitsplatzverlust aber nicht so einfach beruflich umorientiert werden können. Der Bankenbereich, so wie wir ihn heute kennen, wird revolutioniert werden, genauso wie die ganze Dienstleistungsbranche. Da werden mittelfristig auf breiter Front Jobs wegfallen. Darauf muss man sich vorbereiten, nicht nur im AMS. Es sei denn, man akzeptiert heute schon, dass die Arbeitslosigkeit in Österreich weiter massiv ansteigt. Aber das kann ja auch keine sozial- und wirtschaftspolitisch gewünschte Entwicklung sein.

03.12.2016

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