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Vom Montafon zum Himalaya

Fast eineinhalb Jahrhunderte lang war die Schrunser Lodenfabrik ein prägender Betrieb in der Region, ehe 1970 die Produktion eingestellt wurde. Eine gemeinsame Ausstellung des Wirtschaftsarchivs Vorarlberg und der Montafoner Museen widmet sich deren vielseitiger Geschichte. Von Christian Feurstein

Den Namen Heinrich Mayer kennen in Schruns zumindest noch die Älteren. Er war es, der 1886 zwei kleine Lodenbetriebe erwarb und ein namhaftes Unternehmen daraus machte. Finanzieren konnte Heinrich Mayer dies, weil er aus einer wohlhabenden Familie stammte. Als Gastwirte, Bäcker und Mühlenbesitzer hatten sich die Mayers ein beträchtliches Vermögen erarbeitet.

Am anderen Ende des sozialen Gefüges stand die Fabrikbelegschaft. Ungelernte Frauen mussten im 19. Jahrhundert für den Gegenwert eines Brotweggens mehrere Stunden, für ein Kilo Schweinefleisch auch bis zu einem Tag lang arbeiten. Kein Wunder also, dass die Lodenfabrik bis nach Tirol Stellenanzeigen schaltete, während zeitgleich viele Montafoner zum Geldverdienst saisonal auswanderten. Ebenfalls kein Wunder, dass 1837 selbst der Schrunser Gemeindevorsteher die Ansiedlung von Industrie mit der Begründung ablehnte, man würde sich dadurch noch mehr Armut ins Tal holen. Rückblickend wissen wir es besser. Die Arbeitsverhältnisse in der Lodenfabrik wie auch in der gesamten Textilindustrie verbesserten sich nach und nach mit der Einführung gesetzlicher Bestimmungen. Und überhaupt ist die Bedeutung der Schrunser Lodenfabrik in einem größeren Rahmen zu sehen als in der Schaffung von etwa 30 Arbeitsplätzen.

Der Fremdenverkehr stand im ausgehenden 19. Jahrhundert in den Anfängen. Heinrich Mayer war sich des Potenzials dieses Wirtschaftszweigs bewusst – auch für sein eigenes Unternehmen. Lodenbekleidung wurde als ideal für die Erkundung der Montafoner Bergwelt beworben, eine frühe Form der heute populären Funktionsbekleidung. Eine Touristenattraktion war auch die Badeanstalt im Jugendstil, die Heinrich Mayer im Untergeschoß seiner Fabrik einrichten ließ. Weiters engagierte er sich im Schrunser Verschönerungsverein und war 1893 Gründungsmitglied des Landesverbands für Fremdenverkehr in Vorarlberg.

Auch zur 1905 eröffneten Montafonerbahn gibt es Verbindungen. Heinrich Mayer war so wie seine Brüder Wilhelm und Robert im Komitee vertreten, das die Verwirklichung des Bahnprojekts vorantrieb. Wilhelm und Robert Mayer hatten zuvor das Litzkraftwerk errichtet, wodurch Schruns als erste Gemeinde Vorarlbergs eine öffentliche Stromversorgung erhielt. Das Kraftwerk wurde schließlich von der Montafonerbahn übernommen. Die Bahn brachte Urlaubsgäste in die Mayer´sche Gastwirtschaft und war ein unverzichtbares Transportmittel für Rohwaren und Erzeugnisse der Lodenfabrik.

Heinrich Mayer zählte zu jenen Unternehmern, denen sowohl aus ökonomischen als auch aus Prestigegründen die Aufwertung ihrer Heimatgemeinde ein besonderes Anliegen war. Carl Ganahl in Feldkirch oder Gebhard Schwärzler in Schwarzach waren ebensolche Vertreter, die ihre Spuren bis in die heutige Zeit hinterlassen haben. Oft übten sie politische Ämter aus. Auch Heinrich Mayer wirkte für die Liberalen in der Gemeindeverwaltung mit. Der ideologische Konflikt der damaligen Zeit spiegelte sich bei seinem Ableben 1914 wider. Der Unternehmer hatte sich für die von der katholischen Kirche abgelehnte Feuerbestattung entschieden. Die konservative Presse kommentierte seinen Tod daraufhin mit den Worten „Wie gelebt, so gestorben“.

Die Lodenfabrik bestand unter Heinrich Mayers Nachfolgern noch bis 1970, ehe der Betrieb – wie bei zahlreichen anderen Textilunternehmen – eingestellt wurde. Das sanierte Gebäude prägt bis heute das Schrunser Ortsbild. Die Geschichte der Lodenfabrik zeigt auf, wie sehr Unternehmertum – über die Schaffung von Arbeitsplätzen und Steuerleistungen hinaus – die Modernisierung beflügelt. Deutlich wird aber auch, dass es entsprechende Rahmenvorgaben benötigt, damit diese Entwicklung zum Wohle aller Beteiligten stattfinden kann.

03.02.2018

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