
Ruhmgetippt – Großzügigkeit und Kürbisdiesel
Von Oliver Ruhm (45) – er ist schon sein halbes Leben lang Unternehmer in der Vorarlberger Kreativbranche.
Diesel spielte in meiner Kindheit eine wichtige Rolle. Mein Vater, die ganze Woche mit dem Sattelschlepper unterwegs, kündigte sich durch eine ihm vorauseilende Dieselwolke an, als er an Freitagabenden nach Hause kam. Ab und zu brachte er uns etwas mit aus der großen, weiten Welt. Vor allem aus Italien, weshalb wir schon in den 1980ern Parmesan am Stück kannten, während landläufig Käsestaub in Tüten der Goldstandard war. Bei allen Problemen, Fehlern und Schwächen war eine Charaktereigenschaft von ihm für mich prägend: seine Großzügigkeit.
Der Matthäus-Effekt basiert auf dem Matthäus-Evangelium, darin ein Gleichnis vom Chef: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ Gemeint war damit, dass wir auf dem aufbauen können und sollen, was wir schon haben. Das soziologische Phänomen wurde in den 1960ern dokumentiert und basiert auf dem Effekt positiver Rückkopplung. Und umgekehrt: Je weniger wir haben, desto schwerer fällt uns das Teilen. Und desto weniger wird mit uns geteilt.
Ich glaube daran, dass Großzügigkeit der Treibstoff unseres Miteinanders ist. Ich sage es lieber so: Wer gibt, dem wird gegeben. Die Kehrseite, die Knausrigkeit, ist der Sand im Getriebe unseres Lebens. Dabei ist Großzügigkeit im Wesen immateriell. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit, Erfolge und Geschichten teilen, bereichern wir unser eigenes Leben und das unserer Mitmenschen.
Jeder von uns kann großzügig sein, auch wenn wir (gefühlt) wenig oder fast gar nichts haben. Als ich vor einigen Jahren von einem spendablen Auftraggeber nach Rumänien zur Besichtigung der Produktionsstätte eingeladen wurde, erzählte man mir von einem sehr armen Dorf. Die Dorfgemeinschaft bestand aus ehemaligen Landarbeitern, die mit dem Zerfall der Diktatur Nicolae Ceausescus Ende der 80er ohne Beschäftigung und gesellschaftlichem Halt auf der Strecke blieben. Das Dorf war einfach schrecklich arm. Und doch gab es dort auch einen „offiziellen“ Dorfbettler, der von der Großzügigkeit der Gemeinschaft lebte.
In meinem beruflichen Leben bin ich vielen großzügigen Menschen begegnet. Sigi Ramoser ist einer davon. Er war in meiner frühen Karriere eine wichtige Vaterfigur. Zuletzt sprach ich mit meinem Geschäftspartner, dem ebenfalls sehr großzügigen Menschen und Buchgestalter Roland Stieger, über das Thema. Es stellte sich heraus, dass wir beide ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Manchmal fällt es uns schwer, großzügig zu sein. Vielleicht fühlen wir uns von Einzelnen ausgenutzt oder haben das Gefühl, es bringt einfach nichts. Wir sagen uns, halt, jetzt reicht es einmal, dieses eine Mal schaue ich jetzt auf mich selbst. Die Retourkutsche für unser Verhalten kommt oft mit Verspätung, aber stets und zuverlässig – im Guten wie im Schlechten.
Kürbiskernöl ist eine feine und nicht gerade billige Sache. Großzügigkeit ist hier Bedingung für Genuss. Weißt du, wie zu lange gelagertes Kürbiskernöl schmeckt? Bitter, wie Diesel. Kürbisdiesel. Wer knausert, verbittert.
Als Kind konnte ich kaum fassen, dass die Erwachsenen freiwillig den Kürbisdiesel zu sich nahmen. Auch noch Jahrzehnte später schüttelte ich verständnislos den Kopf, wenn ich von Ideen wie Vanilleeis mit Kürbiskernöl hörte. Geheilt vom Trauma wurde ich dann von meiner Frau Nadine, die mir ein frisches Kürbiskernöl servierte und mich so zu meinem Glück zwang.









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