Oliver Ruhm

Oliver Ruhm (45) – er ist schon sein halbes Leben lang Unternehmer in der Vorarlberger Kreativbranche.

Ruhmgetippt. Leute machen Kleider

September 2026

Von Oliver Ruhm (45) – er ist schon sein halbes Leben lang Unternehmer in der Vorarlberger Kreativbranche.

Meine Mutter verzweifelte an mir, wenn es darum ging, einzukaufen. Aufgrund meines Gewichts war das in den 80ern praktisch unmöglich. Einmal wurde sie beispielsweise in der Damenabteilung fündig, ich trug daraufhin Damen-Bermudas als lange Hosen. Mit den Jahren wurde es nicht leichter (wörtlich), Schuhgröße 47 (bei Adidas gar 49), knapp zwei Meter und zwischen 100 und 120 Kilogramm trieben (und treiben) so mancher Fachkraft im Modehandel Schweißperlen auf die Stirn. Schuhe, die passen, hatte ich zum ersten Mal mit 24 oder so. Ein Anzug in Überlänge und -weite ist keine Frage des Geschmacks, sondern der Machbarkeit, wie ich immer wieder feststellen durfte. Nicht, dass ich viele Anzüge hätte, dazu später mehr.
In meiner Kindheit brachte der Großvater (Ehni) von seinen Reisen um die Welt Souvenir-T-Shirts mit. So trugen meine Cousins, Cousinen und ich lustige Textilien mit Motiven von Phuket, Bali und den Malediven, ohne jemals einen dieser exotischen Orte besucht zu haben. Mit den Jahren wurde es mein Hobby, skurrile und deplatzierte Leibchen zu sammeln und zu tragen. Während meine Berufskollegen nach und nach auf den Business-Casual-Schick Modell Marktstraße Dornbirn oder gar auf Maßanzüge und -schuhe aus Florenz wechselten, braucht man mich auch heute noch nicht lange zu suchen in einer Menschenmenge. Da, wo es flimmert, bin ich meistens.
Vor der Schule wollte ich eine Zeit lang Butler werden, wie Alfred, der Butler von Bruce Wayne. Immer schicker Frack, gute Manieren, gewählter Ausdruck. So ziemlich das Gegenteil vom väterlich-familiären Fernfahrer-Umfeld, das von (zu kurz) abgeschnittenen Jeans, Tank-Shirts und Hölzlern dominiert war. Der Geruch nach Diesel und Zigaretten rundete das Bild der „Working Class“ ab. Anzüge waren nicht drin, aber ich konnte wenigstens auf Schimpfwörter und Flüche ganz verzichten: eine kleine und heimliche Revolution gegen die derbe Welt. Heimlich in der Modezeitschrift meines Ehnis blätternd, überlegte ich, wann man eigentlich alt genug wäre für einen Anzug. Und dann kam der Moment, da waren die Anzug-Models in den Zeitschriften auf einmal deutlich jünger als ich! Mist, Einsatz verpasst. Na ja, egal.
Nach der Volksschule ging’s ins Gymnasium. Da wurde recht schnell klar, wer aus welcher Familie kam. In der ersten Klasse (mit 10!) wussten bereits alle: Hast du nicht die richtige Marke an, sagt das etwas über dich. Ich bat den Ehni, er möge mir von der nächsten Reise ein Marken-T-Shirt mitbringen. Ich bekam eines, navyblau, mit gestreiften Strickbündchen. „Spirit of the Sea“ stand vorne drauf. Ein Arztsohn in meiner Klasse begutachtete es mit fachmännischem Blick. „Ja, das ist Esprit, das ist cool.“ Es war nicht Esprit, aber egal. Mit der Zeit zeigte sich deutlich, dass die Gräben zwischen uns tiefer waren als gedacht. Der Wechsel ins liberale BORG ermöglichte es mir, ohne gröberen Schaden die Matura zu erreichen. Kein Schwein interessierte sich dort für Esprit und Hemden, und ich trug meine Souvenir-Shirts mit Stolz.
Vor einigen Jahren war ich beruflich im sommerlichen Hamburg. So halb zufällig kam ich am Herr-von-Eden-Atelier vorbei. Ich war und bin ein Fan des Schneiders und seiner Anzüge für die halbe Entertainment-Besetzung der Hansestadt; Jan Delay und Udo Lindenberg gehören zur Klientel. In der Auslage sprang mir ein buntes Hemd ins Auge, ein idealer Vorwand, reinzuschauen.
Ein gertenschlanker, junger Verkäufer samt Maßband um den Hals begrüßt mich freundlich, ich schildere meinen Wunsch. „Sie haben Größe 44, würde ich sagen, die Kollektionshemden haben wir leider nur bis 40. Aber wenn Sie ein paar Tage Zeit haben, schneidern wir Ihnen eines.“ Ich erwidere mit der routinierten Verlegenheit des Dicken: „Ich muss heute zurück, aber danke. Dann nehme ich eben ein paar Kilo ab und komme nächstes Mal wieder vorbei.“ Der junge Mann reagiert freundlich, bestimmt und unerwartet: „Wo kämen wir da hin? Das lassen Sie mal sein. Die Mode hat sich nach dem Menschen zu richten und nicht umgekehrt.“ Mit Schwung verabschiedet er sich und ich stehe wieder in der Sonne. Und zum ersten Mal verlasse ich ein Modegeschäft mit einem Lächeln auf dem Gesicht, obwohl mir (wieder mal) nichts gepasst hat.

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