Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Wir haben die falsche Geschichte erzählt“

September 2026

Mario Derntl ist Unternehmer und Experte für Lehrlingsausbildung. Im Interview sagt der Linzer, dass Österreich zu lange auf die Akademisierung des Landes gesetzt habe, auf Kosten der Lehre. Derntl sagt: „Niemand ist am Arbeitsmarkt aktuell so sehr gefragt wie Menschen mit einem Lehrabschluss. Aber die haben wir eben nicht.“

Herr Derntl, hat Österreich zu viele Akademiker – und zu wenige Fachkräfte?
Das Problem liegt weniger darin, dass wir per se zu viele Akademiker haben, sondern dass wir den praktischen Bildungsweg über Jahrzehnte hinweg gesellschaftlich abgewertet haben. In den Köpfen vieler Eltern gilt das Studium noch immer als der einzig wahre Garant für beruflichen Erfolg, während die Lehre fälschlicherweise oft als bloßer Ausweichplan wahrgenommen wird.
 
Ihre Botschaft ist deutlich. Sie sagten neulich: „Wir studieren uns kaputt.“
Wir haben jahrzehntelang auf ein falsches Narrativ gesetzt. Stark getrieben von den PISA-Ergebnissen hieß es unter der damaligen Ministerin Gehrer, es gebe zu wenige Studienabschlüsse, Österreich habe eine zu niedrige Akademikerquote. Und dann ist die Erzählung verbreitet worden: Wenn du in diesem Land etwas werden möchtest, dann musst du auf die Universität. Dann musst du studieren gehen. Und das hat jahrelang gut funktioniert. Aber heute hält diese Geschichte nicht mehr. Das ist offensichtlich.
 
Warum?
Nun, zum einen sind die Akademiker-Einstiegsgehälter massiv eingebrochen. Sie bekommen nach dem Studium längst nicht mehr so viel wie noch vor wenigen Jahren. Und zum anderen sprechen die AMS-Zahlen eine deutliche Sprache: Im heurigen Juni ist in Österreich die Zahl der arbeitslosen Akademiker gegenüber dem Vorjahr um 12,6 Prozent gestiegen. Das heißt: Hunderte Betriebswirte und Juristen und Absolventen anderer Studien verlassen die Universitäten und es gelingt uns aktuell überhaupt nicht, für diese Menschen einen Job zu finden. Und angesichts der rasanten Veränderungen am Arbeitsmarkt und der Entwicklung künstlicher Intelligenz bin ich persönlich zutiefst davon überzeugt, dass wir erst am Anfang einer Dynamik stehen. Das soll kein pauschaler Angriff auf akademische Ausbildungen speziell an den Fachhochschulen sein. Aber man muss die Realität sehen.
 
Der immer stärkere Einsatz von KI wird das Problem deutlich verschärfen?
Das wird ganz sicher so sein. Bislang fingen viele nach ihrem Studium in klassischen Juniorjobs an, bei Unternehmensberatern, bei Steuerberatern oder in Anwaltskanzleien. Die sagen mittlerweile alle: Diese Jobs kann ich automatisieren. Und da brauch‘ ich, wenn überhaupt, nur noch einen neuen Mitarbeiter. Und wen nimmt man dann? Den Besten. Der Rest wird übrigbleiben.
 
Das sind keine schönen Aussichten …
Diese jungen Menschen werden schon irgendwo noch am Arbeitsmarkt unterkommen, aber sie werden keine für sie passenden Jobs mehr finden; zumindest nicht mehr jene Jobs, die sie sich eigentlich erwartet hätten. Das ist zugleich aber auch die große Chance für die Berufsausbildung, vor allem für das klassische Gewerbe und das klassische Handwerk. Die Mangelberufsliste wird dominiert von ganz klassischen Handwerksberufen. Ich mache mir um den Maschinenbauer, den Schlosser, den Dachdecker keine Sorgen. Diese Berufe werden wir auch in Zeiten der KI brauchen. Niemand ist am Arbeitsmarkt aktuell so sehr gefragt wie Menschen mit einem Lehrabschluss, mit einer fertigen Berufsausbildung. Aber die haben wir eben nicht …
 
Hat dieses Narrativ der Akademisierung dazu geführt, dass sich immer weniger für eine Lehre entscheiden?
Ganz sicher. Einhundertprozentig. Aber dieses Narrativ stimmt nicht: Um ein erfolgreiches Leben führen zu können, muss man doch nicht studiert haben. Wer hat denn die höchste Quote an Selbstständigen? Das sind Menschen, die eine Lehre gemacht haben. Das eigene Unternehmen leiten, Fachkarriere oder Führungskarriere machen: Die Lehrlingsausbildung ist genauso ein Weg zum Erfolg wie das Matura und Studium sind. Dadurch, dass wir das aber jahrelang weder gezeigt noch erzählt haben noch politisch etwas für die Lehre getan wurde, entstand in den Köpfen der Mütter und Väter immer mehr das Bild: Mein Kind muss unbedingt studieren gehen. Nur so wird es erfolgreich. Heute sehen wir die Folgen.
 
Sprechen wir speziell über Vorarlberg …
In Vorarlberg haben wir ein großes Delta an nicht verfügbaren Fachkräften. Die Betriebe suchen händeringend Fachkräfte. Die Lehrlingsquote in Vorarlberg ist zwar nach wie vor österreichweit die höchste, aber sie sinkt seit den 1990er Jahren, sie liegt bereits unter 40 Prozent. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine Lehre, und das auch in einem Kernland der Industrie, in einem Kernland der Produktion.
 
Es gab vor Jahren schon Debatten. Der Schweizer Ökonom Strahm warnte beispielsweise bereits 2014 in seinem Buch „Die Akademisierungsfalle“ vor dieser Entwicklung …
 Strahm war ein Vordenker. Die Zeit gibt ihm recht. Wir haben zu viele Akademiker und zu wenige Facharbeiter. Aber wir unterschätzen die Dynamik immer noch. Die Wirtschaftskammer ist sehr bemüht, sie setzt sich ein. Aber die Politik? Wann hat es die letzte wirkliche Imagekampagne für das Handwerk oder generell für die Berufsausbildung gegeben? Wann hat es die letzte Ausbildungsreform gegeben? Man hat strukturell jahrelang nichts getan. Und jetzt haben wir das größte Delta in diesen Berufen. Man muss die Politik jetzt dringend in die Pflicht nehmen. Soll ich ein schönes Beispiel nennen?
 
Sehr gerne!
Für die duale Ausbildung sind in Österreich in unterschiedlichem Maß verantwortlich: Das Wirtschaftsministerium, das Bildungsministerium, das Arbeitsministerium und das Wissenschaftsministerium. Wir haben eine vierfache ministerielle Zuständigkeit, aber weder jemanden, der die Sache koordiniert, noch jemanden, der sich verantwortlich fühlt. Wundert es Sie, dass da nichts rauskommt?
 
Nein. Aber: Vielen Dank für das Gespräch!

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