
„Und man schaut und hört hin“
Milo Rau ist seit 2023 Intendant der Wiener Festwochen. Er ist Regisseur, Theaterautor, Essayist und Journalist. Seine Theaterproduktionen waren auf herausragenden Festivals vertreten. Er leitete von 2018 bis 2024 das NTGent in Belgien. Dort etablierte er „ein globales Volkstheater“, dessen Produktionen um die Welt reisten. Und er hat wie kaum ein anderer die Wiener Festwochen in aller Munde gebracht, zuletzt mit der Einladung und Ausladung des Tech-Milliardär Peter Thiel. Gerald A. Matt sprach mit ihm über Gott und die Welt.
Sie haben Peter Thiel eingeladen – er steht für einen radikal-libertären Kapitalismus, ist Kritiker demokratischer Gleichheit, agiert mit Endzeit- und Antichrist-Rhetorik. Positionen, denen Sie diametral entgegenstehen. Was hat Peter Thiel mit Ihrem diesjährigen Festwochen-Thema Glauben und Religion zu tun?
Peter Thiel ist einer der einflussreichsten Menschen des Planeten, mit Palantir, mit PayPal, mit seinen Beziehungen in die Politik, einer, der bestimmt, was heute in der Welt geschieht, was mit unseren Kindern geschehen wird. Ich habe lange auf ihn eingewirkt, zusammen mit Wolfgang Pallaver, einem Innsbrucker Theologen, der seit 30 Jahren sein Ansprechpartner ist. Thiel spricht vom Antichristen, vom Armageddon, also vom Weltende, stützt sich sehr stark auf die Bibel und kommt in der neuen Enzyklika vom Papst vor. Thiel denkt Politik zunehmend apokalyptisch. Diese Mischung aus Bibel, Endzeit und Technokapitalismus ist real geworden. Er steht für eine Welt, in der Demokratie als Übergangsphase betrachtet wird. Solche Denkweisen wollten wir sichtbar machen und bekämpfen.
Die Kritik warf Ihnen vor, ihm eine Bühne zu geben, seine Ansichten zu legitimieren. Sie haben ihn ja dann wieder ausgeladen. Warum? War das für Sie eine persönliche Niederlage?
Niederlage, ja. Aber er braucht keine Festwochen als Bühne, er hat ja ganz andere Bühnen, kontrolliert diese sogar. Für ihn wären die Festwochen die schlechteste aller möglichen Bühnen gewesen. Gleichzeitig bin ich Intendant dieses gewaltigen, wundervollen Kunst- und Kulturfestivals. Und da rollte eine Boykottbewegung von künstlerischen Absagen auf das Festival zu. Das Festival wäre implodiert. Und da war die Absage alternativlos.
Aber ist es nicht ein Problem für ein Festival, sich in eine Blase der Selbstbestätigung zurückzuziehen und andere Meinungen, die man ablehnt, auszuschließen?
Absolut. Ich glaube, es ist das Grundproblem der Gegenwart. Digitale Filterblasen erzeugen ideologisch reine Räume. Demokratie lebt aber von Dialog und Streit. Genau das verlieren wir zunehmend – auch kulturell. Und diese Welt, auf die wir zusteuern, nämlich diese autoritäre Welt eines Peter Thiel, die mit diesen Algorithmen natürlich zusammenhängt, trägt dazu bei, dass wir diese Debatte nicht mehr aushalten wollen.
Die FAZ wirft Ihnen eine „Knallerbsen-Politik“ vor. Das Ausladen Thiels sei bei der Einladung quasi schon inkludiert gewesen. Es ginge nur darum, Aufmerksamkeit zu generieren. Die Kunst ziehe da den Kürzeren. Was fangen Sie mit dieser Kritik an?
Es trifft schlichtweg nicht zu. Ob die Performance von Florentina Holzinger, ob die Musik von Patti Smith, ob die Debatte mit Peter Thiel, natürlich erzeugt all das Aufmerksamkeit, aber doch für das Festival und die Kunst. Das zeigt sich an der tollen Auslastung. Und Knallerbsen sind doch was Gutes, es kracht und man schaut und hört hin, scharfe Munition hingegen ist tödlich. Meine Aufgabe als Intendant ist es, das Interesse der Menschen für die Festwochen zu wecken und es glänzen zu lassen. Nicht das Schaffen von Aufmerksamkeit ist das Problem, sondern die im Kulturbereich so beliebte Kritik daran.
Sie wurden auch heftig kritisiert für Ihren Solidaritätsaufruf für Gaza, indem Sie die Kunstwelt zu Solidarität mit Gaza aufforderten und Israel des Genozids bezichtigten. Dazu gab es von namhaften Kulturschaffenden von Elfriede Jelinek bis Michael Köhlmeier Kritik und Absagen. Waren Sie über diese negativen Reaktionen überrascht?
Ja, ich war überrascht. Was ich aber wirklich gesagt habe, war, dass ich auf der Seite der israelischen und der palästinensischen Zivilbevölkerung und gegen den Krieg bin, der natürlich von beiden Seiten vorangetrieben wird, aber nur von Israel beendet werden kann.
Sie haben in einem Interview gesagt, globalpolitisch würden wir aktuell das Endspiel der Demokratie erleben. Welche gesellschaftliche Aufgabe kommt dem Theater, einem Kunstfestival hier zu? Überschätzt man da nicht die gesellschaftliche Wirksamkeit von Kunst?
Ja und nein. Ich war oft überrascht in den letzten Jahrzehnten, wie sehr es mit Kunst gelingen kann, einen utopischen Diskursraum zu schaffen, den es an anderen Orten der Gesellschaft nicht mehr gibt, einer Gesellschaft, die in einer Logik des Vereinsdenkens und Freund-Feind-Schemas den Diskurs miteinander verweigert. Das ist einer der Gründe, warum unsere Demokratie zugrunde geht. Ich glaube, da ist die Kunst tatsächlich ein besonderer Ort. Gucken wir mal, was Richard III. zu sagen hat. Gucken wir mal, was Ophelia und Hamlet zu sagen haben. Das sind Außenseiter, das sind Psychos. Hören wir da einfach mal zu.
Sie haben Gott zum Thema gehabt. Warum glauben Sie, dass Religion und Spiritualität in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft gesellschaftlich und persönlich wieder wichtig geworden sind?
Religion kehrt zurück, obwohl man das Gegenteil erwartet hatte. Klimakrise, Krieg, Unsicherheit – all das erzeugt neue Endzeitnarrative. Politik wird wieder metaphysisch aufgeladen. Und plötzlich gibt es wieder Staatsreligionen, plötzlich wurde die Religion wieder ganz wichtig, ob das durch die Migration der Islam, ob das protestantische Kirchen in den USA oder die orthodoxe Kirche in Russland ist. Alles schien darauf hinauszulaufen, dass die Individualisierung, Säkularisierung immer weiter voranschreitet und wir so ein metaphysisches Zeug überhaupt nicht mehr brauchen. Aber jetzt ist ein apokalyptisches Grundempfinden zurück, ein pessimistischer Blick auf die Zukunft der Welt. Man fragt sich wieder: Was ist eigentlich der Sinn des Ganzen?
Was kann Theater in dieser Lage leisten?
Es kann Verdichtung erzeugen. Zum Beispiel zeigen wir Werke zwischen Sinnverlust und Transzendenz. Ein Schauspieler hat mir in einer meiner vergangenen Inszenierungen gesagt, die hieß Civil Wars, also die Bürgerkriege: „Ich habe keine Illusionen, aber Hoffnung habe ich schon.“
Sie haben auch das beste Stück aller Zeiten präsentiert, eine Art persönliche Erinnerungsrevue der besten Stücke der Festwochen der letzten 75 Jahre. Können Sie zwei Projekte nennen, in denen sich auch Ihre Haltung als Intendant und Regisseur widerspiegelt?
Ich habe zwei extreme Tendenzen in meinem Werk, die ich aber auch als Zuschauer habe. Ich bin extrem zugänglich für transzendent menschliche Großentwürfe, also zum Beispiel Mozarts Requiem von Castellucci, das 2022 bei den Festwochen war: Andererseits ist es der Container von Schlingensief, weil es da jemandem gelungen ist, den Diskurs für einen Schlag zu besetzen. Und plötzlich haben alle gemerkt: Das ist die Wirklichkeit, wir müssen eine Haltung dazu einnehmen. Und wenn das der Kunst im Theater gelingt, dann finde ich das total toll und wichtig.
Sie haben den Begriff des globalen Volkstheaters geprägt. Sie sind viel in sehr unterschiedliche Kulturen gereist und haben gesagt: „Mein Wunsch ist ein globaler Realismus, eine Erzählung, wo plötzlich klar wird, wie das Amazonasgebiet und Europa miteinander zusammenhängen.“ Wir haben aber gleichzeitig auch eine Aneignungsdebatte, die Kritik, sich an fremden Kulturen zu bedienen, sie auszubeuten. Wie gehen Sie damit um?
Natürlich. Da gibt es einen Widerspruch, der liegt im Wesen der Sache, das Spektrum reicht von Solidarität, solidarischer Betroffenheit bis zu tatsächlichen Aneignungen, etwa geile Marienbadklänge oder Dreadlocks, die man sich über seinen Hamlet knallt. Da hat sich aber in den letzten zehn, 20, 30 Jahren eine andere Sensibilität entwickelt, die ich tatsächlich mit dem Begriff globales Volkstheater oder globale Realismusversuche zu fassen versuche und mit kongolesischen Künstlerinnen oder Anwältinnen jetzt im Kongotribunal auf Augenhöhe zusammenarbeite.
Da sind wir bei Kunst und Moral. Hat das Theater als moralische Anstalt seit der PC-Debatte ein Comeback oder schadet Moral auch der Kunst?
Wenn political correctness zur Rechthaberei wird, die auf die Logik der Feindschaft hinausläuft, und aus dieser Logik heraus jemand aus dem Diskurs verbannt wird, weil er eine abweichende politische Meinung vertritt – dann ist das falsch und schadet der Kunst. Wir müssen den Raum der Kunst verteidigen als einen Raum, in dem Dinge möglich werden, die in der Wirklichkeit vielleicht nicht mehr möglich sind. Ich sage immer, ich will Richard III. nicht als Mensch bei mir zu Hause einladen, aber als Figur auf die Bühne bringen will ich ihn unbedingt.
Kurz zu Ihrer Biografie kommen. Sie kommen ja aus dem fast pietistisch, calvinistisch geprägten St. Gallen, also aus der Ostschweiz. Wie hat Sie dieses Umfeld geprägt? Und ist dort noch Heimat?
Ich sage immer, wir haben keine Heimat, sondern die Heimat hat uns. Heimat kann man sich nicht aussuchen. Wenn ich dort bin, dann ist es immer ein bisschen kühl, autoritär und ein seltsamer Dialekt stellt sich ein. Obwohl ich das vielleicht aus ganz vielen Gründen kritisieren könnte, sagt mir mein ganzer Körper: Du bist jetzt zu Hause. Und ich bin da extrem gern zu Hause, eine wunderschöne Region. Also ich empfehle allen, den Seealpsee zu besuchen, in den Ostschweizer Voralpen. Wunderschön. Es gibt da auch etwas, was in vielen Orten der Welt nicht mehr der Fall ist. Bei einer Wanderung mit meiner Mutter wurde sie auf eine ehemalige Schülerin, die sie 50 Jahre zuvor unterrichtet hatte, angesprochen und gebeten, ihr einen schönen Gruß auszurichten. Das gibt es dort noch, fern von der Anonymität der modernen Welt.
Ihre Theaterarbeit ist immer wieder eine Grenzüberschreitung vom Theater hin zur Dokumentation, Journalismus, Politik, ja Tribunal. Ich denke an die Stücke über Ceausescu, den Massenmörder Breivik in Norwegen. Stört es Sie, wenn man Sie als politischen Aktivisten bezeichnet?
Wenn man das so nennen will, ist das in Ordnung. Für mich ist es eher eine Form von Realitätstheater – zwischen Dokumentation, Politik und Mythos. Ich bin ja in 30 bis 40 Ländern unterwegs. Wenn es ein paar Länder gibt, wo die Leute noch an politischen Aktivismus glauben, bin ich dankbar.
Sie haben in einem Interview ein religiöses Lied zitiert: „Die Fenster des Himmels stehen weit offen.“ Und weiter: „Das Theater kann diese Fenster einen Spalt weit öffnen. Und auch wenn sie gleich wieder zugeschlagen werden, man hat den Himmel kurz gesehen.“ Also das klingt doch weniger nach politischem Aktivisten, vielmehr nach einem Theaterromantiker.
Ja, ich bin so eine Art romantischer Marxist. Ich glaube wirklich daran, dass man ökonomische Strukturen verändern kann, auch mal Widerstand leisten muss. Auf der anderen Seite glaube ich tatsächlich an die Überwältigung durch Theater. Das Requiem von Castellucci, da überwältigt dich die Musik von Mozart und du fragst dich: Sind diese Tiefen und diese Höhen auch in mir angelegt? Und diese Art von Affiziertheit durch Musik oder Theater oder Poesie, dass man plötzlich seine eigene Präsenz, die vergänglich ist, so stark merkt, das ist das, was ich natürlich suche als Theatermacher.
Herzlichen Dank für das Gespräch!









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