
Eine Frage der Balance
Mehr Akademiker, weniger Lehrabsolventen: Vorarlbergs Bildungslandschaft verschiebt sich. Während der Anteil der Hochschulabsolventen steigt, gerät die traditionelle Basis der Fachkräfteausbildung unter Druck. Für die stark von qualifizierten Mitarbeitern abhängige Wirtschaft des Landes ist diese Entwicklung von zentraler Bedeutung.
Haben wir uns tatsächlich kaputtstudiert? Hat der Lehrlingsexperte Mario Derntl recht, der mit exakt diesen Worten (siehe Interview Seite 11) davor warnt, dass auf Kosten der Lehrlingsausbildung die Akademisierung der Gesellschaft jahrzehntelang zu stark propagiert wurde? Fakt ist, dass das System der Lehrlingsausbildung unter Druck steht, auch in Vorarlberg. Wie aus einer vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft im Auftrag der Wirtschaftskammer Vorarlberg erstellten Studie hervorgeht, ist die Zahl der Lehrlinge im Land seit den 1980er Jahren stark gesunken, von rund 9000 auf aktuell 6300.
Wie dramatisch der Schwund ist, zeigt sich an der Entwicklung der Lehrlingsquote innerhalb des vergangenen Jahrzehnts: Hatten sich 2015 noch 52,5 Prozent der 15-Jährigen für eine Lehre entschieden, waren es 2025 nur noch 39,9 Prozent. Und das hat Folgen. Derntl sagt, dass am Arbeitsmarkt niemand aktuell so gefragt sei wie Menschen mit einem Lehrabschluss: „Aber die haben wir eben nicht.“ Für Vorarlberg ist das: Ein Problem.
Denn die duale Ausbildung spielt seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle bei der Sicherung des Fachkräftebedarfs: Lehrlinge von heute sind Fachkräfte von morgen. Maschinenbau, Metallverarbeitung, Elektrotechnik, Bauwirtschaft und zahlreiche mittelständische Unternehmen auch anderer Branchen sind auf Mitarbeiter mit entsprechender Qualifikation und praktischer Erfahrung angewiesen. Viele Unternehmen haben aber bereits heute Schwierigkeiten, offene Facharbeiterstellen zu besetzen, ein weiterer Rückgang des Anteils von Lehrabsolventen wird die Situation entsprechend weiter verschärfen.
Ein kurzer Rückblick
Um die aktuelle Diskussion zu verstehen, muss man ein paar Jahrzehnte zurückblicken. Österreich galt in den 1990er-Jahren im OECD-Vergleich als akademisches Schlusslicht. Je nach Definition lag der Anteil der Bevölkerung mit Hochschulabschluss Mitte des Jahrzehnts bei nur rund sieben Prozent. Die niedrige Quote wurde zunehmend als bildungspolitisches Problem betrachtet; die Politik forcierte die Akademisierung des Landes in zunehmendem Maße. Ergebnis: 22 Prozent der 25- bis 64-Jährigen haben heute einen Hochschul- oder Akademieabschluss, in Vorarlberg stieg die Quote von damals fünf auf 17 Prozent.
Die falsche Erzählung
Doch genau an diesem Punkt, an der damaligen Debatte, setzt Derntls Kritik an. Ihm zufolge habe man seit den 1990ern auf ein falsches Narrativ gesetzt: „Es ist die Erzählung verbreitet worden: Wenn du etwas werden möchtest, dann musst du auf die Universität, dann musst du studieren gehen.“ Und parallel dazu sei eben der praktische Bildungsweg abgewertet worden: „Und die Folgen sind heute sichtbar.“ Auch Thomas Mayr, der Geschäftsführer des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), sieht in diesem Narrativ ein Problem. „Die Berufsbildung“, sagt der Vorarlberger, „ist zu selbstverständlich genommen und politisch wie gesellschaftlich unter ihrem Wert behandelt worden, während Hochschulbildung auch finanziell massiv gehypt wurde.“ Zahlen zeigen, wie verschoben auch die finanziellen Verhältnisse nach wie vor sind: Mayr zufolge kostet ein Lehrling die öffentliche Hand pro Jahr 7000 Euro, das sind die Kosten für die Berufsschulen und die Lehrbetriebsförderung. Und was kostet jährlich ein Student den Staat? 20.000 Euro.
Man habe in der Debatte um OECD und Akademisierung ignoriert, dass Österreich im Gegensatz zu anderen Staaten etwas von unglaublichem Wert habe: Die duale Berufsbildung, auch die berufsbildenden höheren Schulen HAK und HTL. Mayr sagt: „Der Fokus der Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte lag auf der Erhöhung von Maturantenquoten und Hochschulabschlüssen. Die Lehre stand und steht auf der politischen Agenda klar an zweiter Stelle – und jetzt wundert man sich über rückläufige Lehrlingszahlen.“
Eine frühe Warnung
Rudolf Strahm, ein Schweizer Ökonom und Politiker, hatte bereits 2014 vor dieser Entwicklung gewarnt. In seinem Buch „Die Akademisierungsfalle“ kritisierte Strahm, dass die Bedeutung der dualen Berufsbildung in der akademischen Welt jahrzehntelang verkannt worden sei. Akademisierung sei dabei weder ein Schimpfwort noch ein Zauberwort: „Es ist nur jene bildungspolitische Fehlentwicklung gemeint, die junge Menschen an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts vorbei ausbildet – und gleichzeitig andere Qualitäten des Menschen vernachlässigt.“ Natürlich gehe die Entwicklung in Richtung einer Wissensgesellschaft, schrieb der Ökonom schon damals: „Aber Wissen und Innovation allein nützen nichts, wenn nicht Berufsleute mit praktischer Intelligenz und Qualitätsarbeit diese Innovationen auch umsetzen können. Praktische Fachkenntnis muss sich mit entwickeltem Wissen verbinden, genau das vermittelt das Berufsbildungssystem.“
Der Ruf nach Differenzierung
Haben wir uns also tatsächlich kaputtstudiert, um Derntl nochmals zu zitieren? Mayr nennt die Diskussion aus mehreren Gründen „etwas schrill“. Unternehmen hätten in der Tat keine Probleme, Betriebswirte oder Juristen zu bekommen, allerdings die größten Schwierigkeiten bei der Suche nach Lehrabsolventen: „Da herrscht Fachkräftemangel. Es fehlen Fachkräfte mit praktischen Qualitäten.“ Diese Tatsache aber bestätige Derntls Kritik nur auf den ersten Blick: „Denn es ist in diesen Jahrzehnten ja nicht nur die Akademisierung der Gesellschaft immens gestiegen, sondern auch der Anteil an akademischen Berufen. Eine hohe Nachfrage trifft auf ein hohes Angebot.“ Hätte man also tatsächlich am Bedürfnis des Arbeitsmarktes vorbei ausgebildet, müsste sich das an den Arbeitsmarktdaten ablesen lassen. Sprich: Es müssten viele Akademiker arbeitslos sein.
Der Ruf nach Balance
Und das ist nicht der Fall – wie wiederum AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter erklärt. Laut seinen Daten waren im Juli in Vorarlberg lediglich 2,3 Prozent aller Akademiker und Fachhochschulabsolventen als arbeitslos vorgemerkt – das AMS spricht in solchen Fällen von Vollbeschäftigung –, während die Arbeitslosenquote von Fachkräften mit Lehrniveau bei 5,1 Prozent lag. Dass mehr Akademiker einen Job finden, liegt laut Mayr übrigens auch an einem Mechanismus, den die Ökonomie einen Filtereffekt nennt: Unternehmen stellen Akademiker oftmals in der Annahme ein, der oder die Betreffende sei klug genug, auch in einem anderen Bereich als dem eigentlich studierten arbeiten zu können: „Das führt dann zu Substitutionseffekten, dass also Hochschulabsolventen in Positionen arbeiten, die auch von Absolventen der Lehre oder berufsbildender Schulen ausgeübt werden könnten. Es gibt aber klare Grenzen der Substitution: Auch ein höchstqualifizierter Sozialwissenschaftler kann in der Mechatronik oder der Dachdeckerei keinen Lehrabsolventen ersetzen“. Seine Ansage: „Man braucht am Arbeitsmarkt beides – die kognitiv-analytische Kompetenz des Hochschulabsolventen und die manuell-praktischen Kompetenzen von Berufsbildungs- und Lehrabsolventen.“ Und ihm zufolge wäre schon viel gewonnen, „wenn es uns nur schon gelänge, dass die unterschiedlichen Lerntypen in die für sie passenden Ausbildungen gelangen und man auch niemanden davon abhält, in eine Lehrlingsausbildung zu gehen“. Anders ausgedrückt: Das Hochschulische soll nicht länger überbewertet, die Lehrlingsausbildung nicht länger unterbewertet werden. Denn mit dem Schwund der Lehrlinge geht auch ein neues Problem einher, sagt Bernhard Bereuter: „Es droht die Gefahr, dass Kompetenzen und traditionelles Wissen verloren gehen, wenn gerade kleine Betriebe keine Lehrlinge mehr finden.“
Es gibt vieles, was für die Lehre spricht: Dem Handwerk wird beispielsweise in KI-Zeiten eine schöne Zukunft prognostiziert, während gewisse Studienrichtungen vor gravierenden Umwälzungen stehen, weil eben vieles mit Künstlicher Intelligenz ersetzbar ist. Auch die Einkommensperspektiven sind gut: Laut ibw-Studie verdienen 74 Prozent der Lehrabsolventen bereits 18 Monate nach Ausbildungsschluss monatlich mehr als 2.400 Euro brutto. „Die tatsächlichen Karriere- und Einkommenschancen der Lehre werden gesellschaftlich unterschätzt“, sagt Gudrun Petz-Bechter, Leiterin der Bildungspolitik und stellvertretende Direktorin in der Wirtschaftskammer Vorarlberg.
Bemerkenswert deutlich
In der NZZ war jüngst ein fast schon provokant deutlicher Artikel in der Sache zu lesen. Der Umstand, dass als zweitklassig gelte, wer nicht studiert habe, sei ein Hohn für die wahren Leistungsträger, hieß es in dem Bericht: „Wer stellt sonst die Infrastruktur zur Verfügung, die die Work-Life-Balance-Studierten als gottgegeben erachten?“ Der Diversity-Manager oder die Velobeauftragte würden das Schweizer Erfolgsmodell nicht sichern, Lehrabsolventen seien die Wohlstandsgaranten: „Es braucht eine Rückbesinnung auf eine alte Tugend: In der Schweiz wird nicht der Tellerwäscher zum Millionär, sondern der Lehrling kann es zum CEO bringen.“ Der Artikel erschien übrigens unter folgendem Titel: „Der Akademisierungswahn gefährdet den Wohlstand.“ Das sind bemerkenswert klare Worte – und das in einem Land, in dem die Lehrlingsquote nach wie vor 60 Prozent beträgt.
Ein gesellschaftliches System
Doch Fakt ist genauso, dass der Lehrlingsschwund und der entsprechende Fachkräftemangel auch auf andere Ursachen zurückzuführen ist: Zum einen gehen viele Fachkräfte der sogenannten Boomer-Generation in Pension, oder sind bereits pensioniert und hinterlassen eine entsprechende Lücke. Und zum anderen sinken die Jahrgangsgrößen.
Und schließlich sank auch die Anzahl an Lehrbetrieben in Vorarlberg signifikant: Von knapp 2000 Betrieben im Jahr 2016 auf 1640 Betriebe im Vorjahr. Doch ist dieser Rückgang um 17 Prozent auch auf ein anderes, gravierendes Problem zurückzuführen: Laut ibw-Studie sagen 62 Prozent, dass man zwar ausbilden wolle, aber kaum Bewerber mit ausreichenden Kenntnissen finde. Jeder vierte Pflichtschulabgänger kann nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen. Ist der Weg in die Arbeitslosigkeit damit vorprogrammiert? Bernhard Bereuter spricht von einem großen Potenzial, er sagt, oberstes Ziel müsse sein, junge Menschen so weit bringen, dass sie überhaupt eine Ausbildung beginnen und abschließen können. „Man muss diese Schwächen ausmerzen“, sagt Bereuter, „viele Betriebe bilden ja auch deswegen nicht mehr aus.“
Es ist ein individuelles und gleichzeitig gesellschaftliches Problem, es ist enormes Arbeitskräfte-Potenzial, das da brachliegt. „Dieses Versagen muss aufhören“, sagte Präsident Karlheinz Kopf bei der Präsentation der Studie, „keine Schülerin und kein Schüler darf die Pflichtschule ohne diese Basiskompetenzen verlassen, das muss oberstes Ziel sein.“
Und Gudrun Petz-Bechter erklärt: „Die wichtigste bildungspolitische Verantwortung ist es, allen Schülerinnen und Schülern eine solide Basisausbildung mitzugeben. Rechnen, Schreiben, Lesen und digitale Grundkompetenzen sind das Fundament, das junge Menschen überhaupt erst für den weiteren Bildungsweg qualifiziert.“ Hier habe man die Bildungspolitik ganz klar in die Pflicht zu nehmen: „Wenn Jugendliche die Pflichtschule verlassen, ohne diese Mindeststandards zu beherrschen, versagt das System an der Wurzel.“ Und: „Ohne diese unverzichtbaren Voraussetzungen brauchen wir in Zukunft weder über den Erfolg einer Fachkräfte-Lehre noch über die Qualität eines Hochschulstudiums zu diskutieren. Wer die Spitze fördern will, muss zuerst das Fundament absichern.“
Thomas Mayr begrüßt die Debatte, die sich nun österreichweit neu entzündet hat: „Weil sich das Narrativ zu ändern beginnt.“ Es brauche eine Balance zwischen den verschiedenen Ausbildungsformen, man dürfe das eine nicht gegen das andere ausspielen, sagt auch Bereuter. Die Politik auf Bundes- und auf Landesebene ist nun dringend gefordert, sich mehr um die Lehre zu bemühen. Rudolf Strahm hatte bereits vor einem Jahrzehnt gesagt: „Wirtschaftspolitik ist auch Bildungspolitik.“

Präsentation der Studie „Fachkräfte von morgen“, Thomas Mayr (ibw), Johannes Steurer (z-group), Präsident Karlheinz Kopf, Direktorin Gudrun Petz-Bechter (WKV): „Das duale Ausbildungssystem steht vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen.“









Kommentare