Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Das müssen wir wissen“

Juli 2026

Nachhaltigkeit ist für viele zum Schlagwort geworden – für den Unternehmensberater und Nachhaltigkeitsexperten Günter Lenz ist sie jedoch ein zentraler Erfolgsfaktor für die Zukunft. Im Interview spricht er über Chancen für Unternehmen, die Rolle der EU – und warum die Transformation trotz aller Herausforderungen notwendig ist.

Herr Lenz, Sie schreiben in Ihrem aktuellen Buch über „Nachhaltigkeit, die wirkt“ und erklären dabei, Ihnen gehe es nicht um Alarmismus, sondern um Orientierung.
Ich beziehe mich auf anerkannte Modelle wie das Anthropozän oder die Planetaren Grenzen. Sie zeigen, dass wir die Erde übernutzen, mit entsprechenden Folgen für Umwelt und Gesellschaft. Unser ökologischer Fußabdruck entspricht bereits heute etwa 1,6 Erden. Setzt sich die Entwicklung ungebremst fort, würden wir 2050 so leben, als stünden uns drei Erden zur Verfügung. Das ist die Realität, die wir kennen müssen.
 
Das klingt dann aber doch nach Alarmismus.
Aus meiner Sicht nicht. Denn: Bevor man handelt, muss man wissen, wie die Situation ist. Und zwar jene des Unternehmens, aber auch für dessen Umfeld, und das ist heute global. Unternehmen sollten daher die erwähnten Modelle kennen. Konzepte der Nachhaltigkeit schließen da an.
 
Nachhaltigkeit ist allerdings zu einem Plastikwort geworden, zu einer Phrase.
Das sehe ich ähnlich. Problematisch wird es, wenn „Nachhaltigkeit“ als beliebiger, nicht mit Fakten belegter Begriff verwendet wird. Ich habe überlegt, ob ich ihn überhaupt noch verwenden soll, mich aber bewusst dafür entschieden. „Nachhaltigkeit“ ist etabliert und verständlich. Man könnte auch von Zukunftsfähigkeit oder Enkeltauglichkeit sprechen. Gemeint ist immer dasselbe: So zu wirtschaften, dass auch kommende Generationen eine lebenswerte Zukunft vorfinden und Wirtschaft wie Gesellschaft dauerhaft bestehen können.
 
Sprechen wir also über Nachhaltigkeit im richtigen Sinne. Wie ist die Situation in Vorarlberg? Gibt es viel zu tun?
Es gibt in Vorarlberg bereits eine große Anzahl an Unternehmen, die aus meiner Sicht sehr nachhaltig unterwegs sind. Es sind ja nicht nur 220 Firmen im Land aktuell Ökoprofit-zertifiziert. Es gibt darüber hinaus auch weitere Firmen, die nachweisbar nachhaltig und damit zukunftsfähig aufgestellt sind. Nachhaltigkeitsberichte werden erstellt und geprüft, strategische Maßnahmen umgesetzt. Aber natürlich: Es gibt noch großes Potenzial. Ich denke da an die Erneuerbaren, ich denke auch an die Kreislaufwirtschaft, die von gewaltiger Bedeutung sind, sowohl für Unternehmenserfolge als auch im Hinblick auf Energie, Klima und Ressourceneffizienz.
 
Sie sagen im Buch, dass sich Nachhaltigkeit für Unternehmen auszahle. Inwiefern?
Nachhaltigkeit wird zunehmend zum Wettbewerbsvorteil. Sie stärkt das Markenimage, senkt durch Effizienzsteigerungen und erneuerbare Energien Kosten und eröffnet neue Geschäftsmodelle, etwa in den Bereichen Klima und Kreislaufwirtschaft. Zudem hilft sie, regulatorische Anforderungen zu erfüllen, Risiken und Ressourcenengpässe zu reduzieren und Investoren anzusprechen, die auf langfristige Stabilität achten. Und nicht zuletzt schützt sie Mensch und Natur. Nachhaltigkeit zahlt sich daher auf vielen Ebenen aus.
 
Wobei Nachhaltigkeit von der EU eingefordert wird …
Ja, die EU setzt hier bereits klare Vorgaben. Neue Richtlinien sollen Greenwashing verhindern und verlangen eine belegbare Kommunikation. Begriffe wie „grün“ oder „nachhaltig“ dürfen nur noch verwendet werden, wenn sie belegt sind. Zusätzlich fördert die EU über die Taxonomie-Verordnung nachhaltige Finanzierungen und künftig auch die Kreislauffähigkeit von Produkten. Viele Unternehmen gehen mit gutem Beispiel voran. Ich denke da etwa an Zumtobel, viele Leuchten sind bereits Cradle-to-Cradle zertifiziert.

Und noch mehr fühlen sich zu Recht von der Brüsseler Bürokratie gegängelt.
 Die Richtlinien und Vorgaben der EU schießen manchmal über das Ziel hinaus. Ja, gerade die Nachhaltigkeitsberichterstattung bringt für viele Unternehmen zusätzlichen Aufwand und stellt eine Herausforderung dar. Gleichzeitig ist die Vereinfachung durch die EU-Omnibus-Richtlinien ein wichtiger Schritt, um Anforderungen zu reduzieren und praxistauglicher zu machen. Grundsätzlich aber steht die Wirtschaft in einem großen Transformationsprozess, in den Bereichen Energie, Klima, Kreislaufwirtschaft, Lieferkettenmanagement. Und dass es in diesem Transformationsprozess zu Widerständen und auch Unverständnis kommt, ist klar. Aber wir müssen durch diesen Prozess durch, damit die Unternehmen im weltweiten Wettbewerb weiter bestehen können, und gleichzeitig alles tun, um Umwelt und Gesellschaft nachhaltig zu gestalten. Einfach wird das nicht, das ist keine Frage. Viele erkennen aber die Chancen der Transformation.
 
Das Klima ist eine globale Angelegenheit, keine nationale. Was also bringt Europas Politik, was bringen auch staatliche Alleingänge, außer einer Schädigung des Wirtschaftsstandorts?
Das ist ein wichtiger Einwand. Aber: Wenn man die globale Entwicklung verfolgt, dann stellt man fest, dass der Rest der Welt sich zunehmend an Europa orientiert. Auch in China, in Indien, in Japan und in vielen weiteren Ländern dieser Welt gibt es mittlerweile Richtlinien im Bereich Klima und Kreislaufwirtschaft. Diese Richtlinien orientieren sich meist an den Vorgaben der EU, zum Teil sogar wortwörtlich. Natürlich ist es immer ein Risiko, in einem Bereich der Vorreiter zu sein. Aber man hat dann eben auch die Möglichkeit, einen Trend zu setzen und damit verbundene Chancen zu nutzen Und die Union ist in Klima- und Umweltfragen Trendsetter. Die hat in vielen Ländern Vorbildwirkung.
 
Man sagt den Leuten stets, Zukunft sei nur mit Verzicht möglich. Das ist keine positive Zukunftserzählung. Wäre es nicht hoch an der Zeit, ein anderes Narrativ zu verwenden?
Da haben Sie sicher recht. Es braucht da wirklich andere Narrative. Ich spreche mit meinen Kunden und in meinem Buch nie von Verzicht. Es geht vielmehr um Chancen, um Zukunftsfähigkeit. Man hat die Risiken des Nicht- oder falschen Handelns, aber gleichzeitig auch die Chancen deutlich aufzuzeigen. Dann entsteht Nachhaltigkeit, die wirkt.
 
Vielen Dank für das Gespräch! 

Zur Person

Günter Lenz (* 1958 in Dornbirn) ist seit 1997 selbstständiger Unternehmens­berater. Er begleitet, berät und trainiert Unternehmen zu Nachhaltigkeit in ihrer ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Dimension. Er ist Dozent an diversen Instituten und hat das ÖKOPROFIT-Programm Nachhaltigkeit maßgeblich mitentwickelt. Das aktuelle Buch von Günter Lenz trägt den Titel: „Nachhaltigkeit, die wirkt – in fünf Schritten zum zukunftsfähigen Unternehmen“. 

Informationen unter: guenterlenz.com

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