Thomas Feurstein

* 1964 in Bregenz, Studium der Germanistik und Geografie, Biblio­thekar und Leiter der Abteilung Vorarlbergensien an der Vorarlberger Landes­bibliothek seit 1998.

 

Anno dazumal

Juli 2026

Das Portal ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) für digitalisierte historische Zeitungen ist seit 23 Jahren eine absolute Erfolgsgeschichte. Seit Beginn mit dabei: die Vorarlberger Landesbibliothek, die zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften aus dem Ländle beisteuert.

Es begann 2003, als die Österreichische Nationalbibliothek, beheimatet in der Hofburg in Wien, ein Portal für digitalisierte Zeitungen startete, das bis heute zu den am meisten genutzten Angeboten der Bibliothek gehört. Zu Beginn waren 542.650 Seiten österreichischer Zeitungen online verfügbar, wobei sich die Veröffentlichungen freilich nicht nur auf das Staatsgebiet des heutigen Österreichs beschränken, sondern sich auch auf die Länder der ganzen Monarchie erstrecken. Das Zeitungsportal wird federführend von der ÖNB betrieben, hat aber auch einen kooperativen Ansatz, da regionale Partner eingeladen sind, ihre Bestände der Nationalbibliothek anzubieten und sie damit via ANNO einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Schon früh war die Vorarlberger Landesbibliothek als Lieferantin für digitalisierte Ausgaben regionaler historischer Zeitungen (Vorarlberger Volksblatt, Vorarlberger Landeszeitung, Vorarlberger Tagblatt, Vorarlberger Wacht…) beteiligt. Besonders interessant sind die Zeitungen der Zwischenkriegszeit, da sich besonders in unruhigen Zeiten weltanschauliche Gegensätze in Zeitungen manifestieren. Politische Gesinnungen, die heftig miteinander konkurrierten, spiegelten sich in Spartenzeitungen, die es für alle möglichen Berufsstände, Religionen und politischen Ansichten gab, wider. Die Kulturjournalistin Maya McKechneay schildert das Phänomen so: „Mit der Zeitung in der Hand, so scheint es, wähnten sich die Leser in Geborgenheit: Es sind ja viele, die meine Überzeugung teilen. Dann, 1938, kam abrupt das Ende der Vielfalt. So gesehen ist das Prinzip der Echokammer nicht ganz neu, und rückblickend scheint der Rückzug in geschlossene Meinungsräume doppelt bedrohlich.“
2013 wurde mit der Einführung der Volltextsuche und bereits zehn Millionen verfügbaren Seiten ein neues Kapitel von ANNO aufgeschlagen, da seither auch einzelne Wörter und Namen, übrigens auch in Frakturschrift, in den Texten suchbar sind. Heute sind über zwei Millionen Ausgaben mit fast 30 Millionen Seiten online abrufbar, bei einem jährlichen Zuwachs von etwa einer Million Seiten.
Leider gibt es eine kleine Einschränkung, die eine Reise in die jüngere Vergangenheit erschwert. Der abgebildete Zeitraum in ANNO beginnt etwa 1550 und endet aktuell 1955. Die Grenze verläuft aus urheberrechtlichen Gründen immer im 70jährigen Abstand zum aktuellen Jahr. Neuere Ausgaben dürfen nicht im Internet verbreitet, aber sehr wohl in den Räumlichkeiten einer Bibliothek angeboten werden. So stehen seit einigen Jahren die „Vorarlberger Nachrichten“ und bald auch die „Neue Vorarlberger Tageszeitung“ im Gebäude der Vorarlberger Landesbibliothek bis in die Gegenwart digital zur Verfügung.
Die Nutzer von ANNO sind so vielfältig wie das vorhandene Material. Historiker und Laien, die sich für die Vergangenheit ihrer Region interessieren, Familienforscher oder etwa die aus Vorarlberg stammende Krimiautorin Alex Beer, deren spannende Geschichten in Wien in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg spielen. Für sie ist ANNO ein unentbehrliches Instrument, um eine realistische Umgebung für ihre Handlung zu entwerfen.
Die Suche nach der Ausgabe einer Vorarlberger Zeitung vom 4. Juli (Jahr vorerst unbekannt) führte zu einem Bericht über ein folgenschweres Ereignis, das bis heute Auswirkungen auf Vorarlberg hat. Denn am 1. Juli 1872 begann hier das Eisenbahnzeitalter mit der ersten Fahrt eines Zuges zwischen Bregenz und Bludenz. In der Nachbarschaft wurde Jahre früher schon eifrig gebaut und 1853 die Strecke Lindau-Oberstaufen und 1858 im Schweizer Rheintal die Strecke Rheineck-Chur in Betrieb genommen. In Vorarlberg dauerte es noch einige Jahre, bis 1869 die Konzession für den Bahnbau von Bregenz nach Bludenz vergeben wurde. Größere Bauwerke auf der Strecke waren der Schattenbergtunnel sowie Brücken über die Bregenzerache und den Rhein, da ja der Anschluss nach St. Margreten und Buchs ermöglicht werden sollte. Am 1. Juli 1872 wurde die Bahnstrecke dann offiziell eröffnet, worüber die Vorarlberger Tageszeitungen in den Tagen danach ausgiebig berichteten.
Während im Moment in der aufgelassenen Schalterhalle des Bregenzer Bahnhofs der „letzten Ausfahrt“ gedacht wird, lässt sich mit ANNO die „erste Ausfahrt“ am selben Ort nachvollziehen, die genau vor 154 Jahren stattgefunden hat.
In der Vorarlberger Landeszeitung ist in einer Fortsetzungsgeschichte, die sich über mehrere Nummern erstreckt, zu lesen: „Eröffnungsfeier der Vorarlberger Bahn. Ein herrlicher Sonntagsmorgen versammelte am 30. Juni zwischen 7 und 8 Uhr die Gäste, welche zur Theilnahme an der Probefahrt auf der Bahnstrecke Bregenz-Bludenz geladen waren, auf dem Perron des Bregenzer Bahnhofgebäudes. Eine Menge Zuschauer fand sich ebenfalls ein. Die bekränzte und beflaggte und mit sämtlichen Landeswappen gezierte Locomotive ‚Bludenz‘ hatte zehn bis zwölf Waggons erster und zweiter Klasse im Gefolge.“
Die Fahrt von Bregenz nach Bludenz dauerte ungefähr drei Stunden, was nicht nur den Feierlichkeiten geschuldet war, sondern der Fahrzeit entsprach, die dann auch im regulären Betrieb für die Strecke nötig war. Der Fahrplan dazu wurde im Vorarlberger Volksblatt vom 5. Juli 1872 veröffentlicht.
Dann folgte der eigentliche Festakt in Bludenz: „Das Gabelfrühstück hatte schon länger seinen Anfang genommen, als der Landeshauptmann-Stellvertreter Herr v. Gilm den Reigen der Toaste eröffnete. Er verglich die Eisenbahn mit einer mächtigen Pulsader, welche das Land durch Berg und Thal durchziehe und hegt nicht den geringsten Zweifel, daß es jemand gebe, der sich nicht freuen werde, eine Eisenbahn zu besitzen.“
Am Tag des Jubels vergaß der Redner aber nicht die „Durchbohrung des Arlbergs“ zu fordern: „Die exponierte Lage Vorarlbergs erfordere diese Durchbohrung, erst wenn das Land des reichen Segens von Süd und Ost auch theilhaftig werde, sehe Vorarlberg seine Wünsche in materieller Beziehung erfüllt.“
Es dauerte dann noch zwölf Jahre, bis am 21. September 1884 der Arlbergtunnel feierlich eröffnet wurde. Aber das ist eine andere Geschichte… nachzulesen in ANNO, https://anno.onb.ac.at

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