J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

Der „beidseitig behaarte Sonnwendkäfer“

Juni 2026

Es ist schwer zu glauben, dass schon wieder beinahe ein halbes Jahr vergangen ist. Und doch steht die Sommersonnenwende bevor. An dem Tag, ab dem die Tage wieder kürzer werden, scheint die Sonne stillzustehen – dachten zumindest die Lateiner und nannten diesen Zeitpunkt „Solstitium“, oder eben „Sonnenstillstand“. Und weil es kaum etwas gibt, das nicht irgendwann als Namensgeber für eine Tier-, Pflanzen- oder Pilzart herhalten musste, hat auch die Sonnenwende Eingang ins Tierreich gefunden. Nach seiner bevorzugten Flugzeit wurde ein Verwandter des Maikäfers Amphimallon solstitiale genannt. Sein Gattungsname Amphimallon wiederum verweist auf das behaarte, ja beinahe wollige Aussehen mancher Arten. Gerippter Brachkäfer lautet der deutsche Populärname dieses Vertreters der Blatthornkäfer (Familie Scarabaeidae). Weitaus bekannter ist er aber schlicht – wieder nach seiner Flugzeit – als Junikäfer.
Die Verwandtschaft zu seinem „großen Bruder“ und Vorgänger im Jahreslauf ist unverkennbar, ja er wirkt beinahe wie eine verkleinerte Ausgabe des Maikäfers. Doch seine Flügeldecken sind heller. Gleich dem Maikäfer verbringt Amphimallon solstitiale den größten Teil seines Lebens als Larve. Diese Engerlinge, die bis zu 50 Millimeter lang werden können, ernähren sich von kleineren Wurzeln und Pflanzenresten. Damit sind sie ein effizienter Gegner des gepflegten „englischen“ Rasens. Zur weiteren „Schädigung“ der Grasfläche tragen all diejenigen Tiere bei, welche Engerlinge zum Fressen gern haben: Vögel wie Amseln, Krähen und Grünspechte, aber auch Igel, Marder und Wildschweine lokalisieren die Engerlinge im Erdboden punktgenau und ziehen sie gezielt heraus. Unter der Erdoberfläche wiederum droht Gefahr durch Maulwürfe und Wühlmäuse. Gönnen Sie all diesen Tieren ihr Festmahl. Ist dann auch Ihr Rasen auf den ersten Blick nicht mehr „perfekt“, so dezimieren deren Feinde dennoch die Engerlinge – und verhindern damit braune Rasenflecken im Folgejahr! Aber auch die geschlechtsreifen Käfer selbst sind beliebte Nahrung. Sobald ihnen Wärme und Tageslänge den idealen Zeitpunkt zum Schlupf signalisieren, kriechen sie behäbig aus dem Boden und sind dann eine leichte, nahrhafte Beute.
Bevor die Käfer schlüpfen, überwintern die Larven zweimal. Sie verpuppen sich im Frühjahr des dritten Jahres. Ein kalter Winter kann die Larvenzeit um ein Jahr verlängern, und weiter im Norden dauert sie in der Regel generell vier Jahre. Die Engerlinge einiger Blatthornkäferarten ähneln sich sehr. Und doch kann man sie gut unterscheiden – an der Art ihrer Fortbewegung: Die Larven der Maikäfer versuchen sich auf einer flachen Unterlage in gekrümmter Haltung seitlich fortzubewegen. Junikäfer strecken sich und kriechen auf dem Bauch. Die Engerlinge der Rosenkäfer wiederum drehen sich auf den Rücken. Die Larven der übrigen Blatthornkäfer sind meist deutlich kleiner.
Einmal geschlüpft, ist Amphimallon solstitiale ein behäbiger Flieger. Flotte Flucht- und Ausweichmanöver sind ihm fremd, seine Flügel sind dazu nicht gebaut. Die Käfer fliegen daher nachts, wenn ihre Fressfeinde schlafen. Das Ziel der Weibchen sind Bäume, wo sie sich vom frischen Blattgrün ernähren. Sie brauchen viel Energie zum Eierlegen. Doch diese Fressphase dauert nur wenige Tage. Sie ist weniger intensiv als beim Maikäfer oder beim Gartenlaubkäfer und kann und muss nicht bekämpft werden. Unklar hingegen ist, ob auch die Männchen weiterhin fressen. Zumindest in Gefangenschaft tun sie das nicht. Dies erklärt auch, warum rund zwei Drittel der fliegenden Tiere Männchen sind. Sie suchen nach den fressenden Weibchen, um dann gemeinsam zur Arterhaltung beizutragen. Bei der Suche unterstützen sie ihre auffallend großen Fühler. Mit ihnen nehmen sie die Sexuallockstoffe der Weibchen wahr. Dem gegenüber sind weibliche Fühler weitaus kleiner. Viel Zeit bleibt ihnen für die Fortpflanzung nicht: Die geschlechtsreifen Käfer leben nur wenige Wochen, und Fressfeinde verkürzen ihr Leben zusätzlich. Junikäfer sind nicht nur schlechte Flieger. Sie sehen auch schlecht – wozu auch, denn für sie genügt es, eine Baumsilhouette zu erkennen. Menschen aber kommen in ihrer Formenwelt nicht vor, und wenn sich ein Mensch wenig bewegt, kann auch er als vermeintlicher Baum angeflogen werden.
Trotz der großen Ähnlichkeit der Larven lassen sich die ausgewachsenen Blatthornkäferarten sehr gut unterscheiden. Die Maikäfer sind die größten Vertreter dieser Familie. Ihr Halsschild ist schwarz. Etwas kleiner ist der metallisch grün schillernde Rosenkäfer (Cetonia aurata). Junikäfer sind deutlich kleiner und heller als die Maikäfer, mit einem braunen Halsschild. Noch kleiner ist der Gartenlaubkäfer (Phyllopertha horticola), der zudem an seinem grünlichen Halsschild leicht identifizierbar ist. Doch bei ihm droht die Verwechslung mit dem Japankäfer (Popillia japonica). Diese in Ausbreitung begriffene „Fressmaschine“ ist mit braunen Flügeldecken und grünem Halsschild zwar ähnlich gefärbt, unterscheidet sich aber vom Gartenlaubkäfer deutlich durch den zackig weiß-schwarz gemusterten Rand seines Hinterleibs. Nur beim Japankäfer sollten die Alarmglocken schrillen: Er ist ein ernstzunehmender Schädling, und Funde dieser Art sind meldepflichtig. Alle anderen, heimischen Blatthornkäferarten sorgen vielleicht für braune Flecken im Rasen, doch sie sind ein Teil unserer Natur – und als Nahrung sichern sie vielen anderen Tieren ihr Überleben!

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