
Vom Radlerstress an der Pipeline und einem unbekannten Portal im Gebirge
Ein kleiner sommerlicher Zornausbruch angesichts der Zustände auf dem Bodenseeradweg und ein erbaulicher Besuch an einem nicht nur fürs Ländle bedeutsamen Ort, den nur wenige wirklich richtig kennen.
Bregenz, Pipeline, ein Frühsommertag. Du gehst über den Bahnübergang beim Kiosk neben der Mili und kriegst mit, wie eine Gruppe Radfahrer mit Sonnenbrillen heranjagt und Fußgänger verscheucht: „Kscht, weg da!“
Du gehst durch die Engstelle beim Hafen. Auf dem Geh- und Radweg spielen sich irre Szenen ab. Kampfradler drängen, Kinder fahren wacklig in Schlangenlinien, es wird überholt, und wenn vor dem Bahnschranken Biker auf (mitunter ignorante) Trauben von Fußgängern treffen, tönen Flüche und Gezische. Ob es ab und zu einen Radler gegen die Eisensäulen dort prackt? Auf dem Geh- und Radweg längs der Seestraße zwischen Hafen und Milchpilz sprang ich zur Seite, als ein von hinten nahender Rennradler in bundesdeutschem Befehlston „Weg da, weg da!“ brüllte und ungebremst vorbeischoss. Tags zuvor war am Lochauer Ufer die Rettung: Ein E-Biker lag am Boden, der mit jemandem kollidiert war.
„Kscht!“, „He!“, „Achtung!“, „Auf die Seite!“, „Weg da!“ Der Radweg um den Bodensee ist super, aber die Befahrungsdichte erreicht ein nerviges Ausmaß. An der Radzählstelle beim Lochauer Hafen hat man 2025 erstmals über eine Million Radler pro Jahr gezählt – die Marke wurde just am 24. Dezember von zwei Lochauer Burschen geknackt. Ich fuhr am 1. Jänner als Nummer 17 des heurigen Jahres durch.
Diese Zählstelle ist eine der meistfrequentierten Österreichs, mehr tut sich nur an einigen Stellen in Wien. Als ich am 12. Juni vorbeikam, stand der Zähler um 17 Uhr bei 399.711 beziehungsweise bei 736 Passagen an dem Tag. Letzteres war wenig, aber es hat geregnet. Im Jahresschnitt (Daten von 2024) fahren pro Tag circa 2600 Biker vorbei, im Sommer locker mehr als 7000, am 20. Mai 2024 waren es 9877.
Diese Zahlen sind weniger das Problem. Dass es oft brisant wird, liegt eher am Verhalten vieler Radlerinnen und Radler. Wenn sie sich etwa auf einer Rennstrecke wähnen, wenn E-Biker die Kraft und Masse ihres Geräts nicht beherrschen, wenn Leute unnötig nebeneinander radeln, weil sie glauben, schwätzen zu müssen, und weil man als Radler ungern bremst. Dass Fußgänger oft aber auch, sagen wir, unkonstruktiv agieren, sei hinzugefügt.
Es heißt, dass bei Autofahrern das Hirn nach dem Starten des Motors auf Halbmast sinkt, dass die Aggression Aufwind kriegt. Bei Radfahrern fällt es bisweilen noch tiefer. Dafür gibt’s Gründe. Erstens, weil man viele Verkehrsregeln mit dem Rad leichter und mit weniger Gefahrenpotenzial brechen kann als mit einem großen Ding. Mit dem Auto fährt sich’s nicht so easy und unauffällig auf dem Gehsteig, gegen die Einbahn, über rote Ampeln, Stopptafeln, durch Fahrverbote etc. Dabei ist die StVO ein Bundesgesetz und kein Blättle Papier mit freundlichen Verhaltensempfehlungen eines Nachbarschaftsvereins.
Zweitens bremsen Radler nicht gern. Denn die Balance lässt irgendwann nach, die Spur wird wacklig, schlimmstenfalls musst absteigen. Das hassen sie! Der Autofahrer hält einfach an und sitzt gemütlich. Und drittens sehen sich manche Radler als der/die/das Gute, als Klimaretter und Reiter auf dem fliegenden Teppich des veröffentlichten Zeitgeists, also stürmen sie konsequent voran und fordern freie Bahn.
Sorry, ich als passionierter Radler darf das sagen. Ich kenn mich bei solchen Sünden aus und hab keine weiße Radlerweste.
Radler und Fußgänger, die sich an reversierenden Autos dicht vorbeizwängen, sind übrigens Schealle. Klar, beim Rückwärtsfahren, aus Parklücken etwa, hast du Wartepflicht und erhöhte Sorgfaltspflicht, wenn’s kracht, bist du voll dran. Doch §3 StVO (Vertrauensgrundsatz) besagt auch, dass es im Verkehr „gegenseitige Rücksichtnahme“ braucht. Wenn man also sieht, wie jemand sich beim Ausparken schwertut, wär’s hilfreich, Abstand zu halten, oder? Einmal entfleuchte mir deswegen auf einem Parkplatz in Bregenz ein derber Fluch durchs Autofenster. Da sagte ein junger Kerle, der in der Nähe stand, in gespielt mahnendem Ton: „Des seet ma net!“. Ich musste lachen, gab ihm Recht und war wieder gut gelaunt.
Jüngst, an einem herrlichen Tag, ließ etwas anderes meine Stimmung leuchten, das mit Dunkelheit zu tun hat: Ich besuchte erstmals einen historischen, nicht nur für Vorarlberg bedeutenden Ort, den bisher wohl nicht viele Gsiberger unmittelbar wahrgenommen haben: das Westportal des Arlbergbahntunnels.
Sicher sind viele von uns durch den 1884 eröffneten, rund 10,6 Kilometer langen Tunnel (ursprünglich rund 10,2) gefahren. Ab Langen kriegst du auf den letzten rund 300 Metern zum Portal nur mit, wie sich das Tal rechts verengt, wie Wald und Buschwerk näherkommen, dann macht es „Plopp!“, eine Wand huscht vorbei und du bist im Loch. Harrgottzack, ich musste diesen Ort in Ruhe anschauen, auch wegen einem persönlichen Konnex: Mein Urgroßvater Kaspar Alois Greber (1855-1912), ein kantiger Typ mit Karl-Marx-Bart, war aus Schoppernau abgewandert und hat in den 1870ern bei Bau und Betrieb der Vorarlberger Bahn (Bludenz-Lindau) und ab 1880 der Arlbergbahn mitg’schaffat.
Ich packte mein Mountain Bike in einen Zug, stieg in Langen aus und fuhr zum Tunnel. Endlich. Der Himmel blau, der Ort vor dem Portal verlassen und unheimlich ruhig. Es ist aus rötlichen und grauen Steinblöcken, ins Gesims über der Röhre ist MDCCCLXXXIV golden eingraviert. Darüber prangt ein Wappenstein mit dem Doppeladler des Kaisertums Österreich und dem Motto „Viribus unitis“ („mit vereinten Kräften“), dem Wahlspruch Franz Josephs, der bei der Eröffnung im September 1884 dabei war. Ringsum fasst grellgrüner Wald das Portal ein.
Man konnte kaum 20 Meter in die Röhre sehen, dann fiel ein Vorhang aus Schwärze. In der Ferne glitzerten ab und zu weiße Punkte, schienen manchmal näherzukommen, aber nichts geschah. Da waren seltsame Geräusche, kühle Luft kam aus der Röhre, wenn sich darin ein Zug näherte. Neben dem Portal verweste eine Kreuzotter. Ein Railjet donnerte in den Tunnel, seine Lichter verschwanden nach wenigen Sekunden. Ich berührte einen grauen Steinquader der Röhreneinfassung. Es fühlte sich gut an.
135 Arbeiter starben beim Bau der Arlbergbahn durch Unfälle oder arbeitsbedingte Leiden. Zeitweise arbeiteten bis zu etwa 11.000 Menschen an der Strecke, häufig aus italienischsprachigen Teilen der Monarchie und Italien. Kaspar Alois Greber aus dem Wauld war auch dabei. Ich dachte an ihn, als ich nach Bludenz radelte und streckenweise den Gleisen folgte, teils unter abenteuerlichen Umständen und meist auf einsamen Wegen. Das ist eine andere Story. Jedenfalls gab’s keinen Radlerstress wie an der Pipeline.









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