

Vorarlberg ist irgendwie schöner schön
Alle Bundesländer Österreichs haben ihre Schönheiten und Wunder, aber das Ländle hat das gewisse Extra. Dafür gibt’s sogar sachliche Gründe. Ein kleiner persönlicher Überblick.
…und ich steige ab vom Rad, drehe mich im Kreis und schaue. Es ist ein unverschämt schöner Samstag im April, mild, der Himmel wolkenlos, die Sonne stechend, kurz zuvor war ich im Zug von Bregenz nach Rankweil gefahren und hatte die weiten sattgrünen Wiesen betrachtet, bestreut mit gelben Tupfen und Wölkchen aus Löwenzahn und Butterblumen, dazwischen weiße Blümchen und Kräutlein, die Wiesen gehen vom Zug aus gesehen fast nahtlos über in die grünen Schäume der Wälder an den steilen Osthängen des Rheintals, und jetzt steh ich, nach einem Bierchen im Biergarten der „Taube“ z’Rankl, auf diesem Radweg im Gebiet von Sulz nahe der alten Eisenbahnbrücke über die Frutz endlich inmitten der weiten sattgrünen Wiesen mit vereinzelten Linden, Kastanien und Streuobstbäumen. Im Osten klafft über dem Hangdorf Batschuns das Laternsertal auf, die Gipfel und Grate des Walserkamms noch leicht angezuckert, deutlich weniger als die steinerne Wand der Schweizer Berge im Westen. Vögel zwitschern, Grillen zirpen, Wind streichelt übers hohe Gras, von irgendwoher tönt eine melancholisch klingende Glocke und ich stehe still, lausche und komme endlich zum Punkt. Es ist einer der Orte, wo man ob all der Schönheit, Idylle und des Drucks aufsteigender Rührung laut „Hach!“ sagen muss – sonst explodiert man!
Jessas, Vorarlberg ka schö si. Wohlstimmend, erhebend und so bunt, ordentlich und satt wirkend, dass man glaubt, die Kühe gäben Buttermilch, im Quellwasser seien Glückshormone und die Menschen lebten in einem Paradies ohne Schlangen, Mücken und unguate Lüt. Das trügt. Und natürlich ist nichts immer und überall schön. Wenn du seit mehr als 35 Jahren großteils östlich des Arlbergs gelebt hast, in Innsbruck, Krems, Wien und seit einem Vierteljahrhundert in Niederösterreich, weißt du, dass es auch anderswo in Österreich (und der Welt ohnehin) schön ist, jedenfalls in Bezug auf die Natur. Das schöane Ländle allein kann kein Grund zum Hochmut sein. Für die topografische Gestalt und biologische Grundausstattung der Umwelt kann der Mensch wenig, die Natur hat das erschaffen. Aber es kommt auch darauf an, was man daraus macht, wie man es verändert, pflegt, und was man hineinstellt.
Schön von Natur aus sind auch die Wachau, die Lage von Innsbruck unterhalb der in der Sonne gleißenden Nordkette, das spukige Gebirgstal des Gesäuses, die Sicht von unserem Landhäuschen an der Grenze zum Nordburgenland übers Wiener Becken zum Rand der Alpen. Schön sind die Innenstädte von Graz und Wien, das Schifahren auf dem Loser (1837 m) bei Altaussee mit dem gewaltigen Bergpanorama und die theatralische Festung Hohenwerfen zwischen den Gebirgsblöcken des Salzachtals. Von den Gletschern Patagoniens, den Klippenlandschaften Südenglands, von Prag oder Sydney gar nicht zu reden.
Trotzdem ist V besonders, sogar nach objektiven Kriterien, dazu später. Denn im Lauf der Jahre in der Ferne öffnet sich dein Ländle bei jedem Besuch immer klarer, vielfältiger, im Auge und im Herzen. Besonders, wenn du es Frau und Kind und Freunden von „Uswärts“ zeigen willst und deine Ur-Heimat mit erfahrenen, aber doch wieder frischen Augen siehst, Neues entdeckend und Altes wiederentdeckend. Oft staunst du, wie ein Kind, wie jenes von jetzt und wie jenes, das du amôl gsi bischt.
Die Eindrücke treffen auf ein Meer aus Erinnerungen. An Menschen, Orte, Landschaften, an Worte, Klänge, Gefühle, Gerüche, Geschmäcker, an Ereignisse, Handlungen und Alltäglichkeiten. Es sind gute, neutrale oder böse, lebhafte oder verdrängte Erinnerungen. Sie können die jetzigen Eindrücke beeinflussen. Und so kommt es, dass das Schöne im Ländle für dich eine andere Qualität bekommt als das Schöne in der Ferne. Es wird dir wichtiger. Der Bodensee schlägt das Mittelmeer, das Bödele die Anden.
Zumindest in einem Punkt sind Vorarlbergs Schönheiten gegenüber dem übrigen Österreich privilegiert: Das Ländle markiert geographisch gesehen den Westrand der Ostalpen, aber geologisch klicken hier sozusagen die Westalpen in die Ostalpen. Die verschiedenen Gesteine, Landschafts- und Vegetationsformen prägen den Norden (westalpin) bzw. den Süden (ostalpin) Vorarlbergs, das daher die größte geologische und landschaftliche Vielfalt in Österreich, ja sogar im ganzen Alpenbogen von Frankreich bis zum Wiener Becken besitzt. Und das auf kleinstem Raum: Zwischen Bodensee und Piz Buin sind Ufer- und Riedlandschaften, breite und enge Täler, Wälder, Schluchten, Moore, Hügel, Hochplateaus, Bergseen, Mittelgebirge und baumloses Hochgebirge auf nur etwa 80 Kilometern eng gekammert zusammengepackt. Wegen der vielen Niederschläge und der dominanten agrarischen Nutzungsform (Grünland, kaum Ackerbau) wird das Ländle auch als überdurchschnittlich grün beschrieben.
Kein Wunder, wenn dich die grünen Weiten im Rheintal und Vorderland euphorisch stimmen. Dabei stand die Gegend bei Sulz nicht so auf dem Catwalk meiner Aufmerksamkeit. In der Regel nenne ich, was Schönheit angeht, zuerst den Bodenseeraum, als Seebrünzler kann i net anders. Der Spiegel des Sees im Übergang vom deutschen Hügelland zur Ebene des Rheins mit dem Gebirgspanorama dahinter ist ein Wunder. Der Blick von Norden ins Ländle wird seit der Antike thematisiert: Im 4. Jahrhundert. beschrieb der griechisch-römische Historiker Ammianus Marcellinus die Gegend am „Lacus Brigantiae“. Alexandre Dumas der Ältere (Die drei Musketiere, Der Graf von Monte Christo), der 1832 in Bregenz ankam, hieß ihn eine „Wasserfläche, die wie ein Stück Himmel aussieht, in Erde gerahmt, um Gott als Spiegel zu dienen“.
Leider dürften diesen Blick (speziell von den Höhen am deutschen Ufer aus) über die üppige Rheinebene, hinter der das Gebirgsgemäuer meist flimmernd-verwaschen erscheint, nicht so viele Gsiberger kennen. Die Mobilität ist nicht übermäßig, ich kenne das Gejammer, dass es etwa von Feldkirch bis zum See soo weit sei und man sich im Dütscha ohnehin nicht auskenne.
Egal. Ein Spaziergang an der Pipeline zwischen Lochau und Bregenz hat jedenfalls eine reinigende Wirkung und nimmt manch Stein von der Seele, ein frühmorgendlicher Gang von einem der Stege dort ins kalte Wasser (auch im Winter!) eine ganze Geröllhalde.
Was ich noch schön find in V? Da gibt’s keine abschließende Liste und keine Wertung, es geht um keinen Modelwettbewerb. Naturgemäß nenne ich in Kombi mit dem See den Pfänder, mein heiliger Boden dort ist neben den Gasthäusern Pfänderdohle und Pfänderspitze die Wiese des Hennabühels mit jenem Bänkle darunter, dessen Lage ich nicht verrate, von wo die Aussicht so wunderbar ist wie die Ruhe und wo ich bei jedem Besuch ein Foto aus stets der gleichen Position mit dem gleichen Blickwinkel mache. Schön am Pfänder sind auch das bukolische Eichenberg und das schattig-wilde Wirtatobel zwischen den Parzellen Hub/Jungholz oben und der Langener Straße unten. Apropos Schluchten: Eine finster-romantische Schönheit ist die Üble Schlucht tief am Grunde des Laternsertals. Mit der rauen, unheimlichen, sonnenfernen, immerfeuchten Klamm mit ihren donnernden Wassern verbinde ich frühe Erinnerungen an meinen Vater, mit dem ich als Volksschulkind vom Rankler Netschelweg hinab in die schröckliche Tiefe und wieder hinauf ins rettend sonnige Laterns wanderte. In Rankweil ist die Basilika auf dem Hügel im Ortskern eine wunderbare Schönheit, und so wie in der Üblen Schlucht kannst du dort bisweilen die Gegenwart von etwas Numinosem spüren, bis es dir eine Gänsehaut aufzieht.
Zwischen Laternsertal und Bregenzerwald ist das Furkajoch (1759 m) eine erhabene Schönheit. Von dort führt ein schmaler Grat, an manchen Stellen durchaus wie auf Messers Schneide mit Absturzgefahr, nach Süden zur Löffelspitze (1962 m), deren oberste, grasbewachsene Kuppe mit dem Gipfelkreuz überraschend klein ist, nur wenige Quadratmeter. Der 360-Grad-Rundblick über die grünen und grauen Gebirge und Täler ist atemberaubend, fast wie in „Herr der Ringe“. Einfach gesagt: schön.
Ähnlich ist der Blick von der Damülser Mittagsspitze (2095 m), dieser isolierten, nicht ganz leicht zu erklimmenden Pyramide, deren markante Figur man vom Pfänder aus sieht. Schön ist der versteckt in eine grüne Bergsenke (ca. 1810 m) gebettete, mäßig bekannte Sünser See nördlich des Furkajochs, darin wohnt angeblich ein Stier; der Lünersee, das türkise Wasserauge im Rätikon (1970 m); die Gegend am Hochtannbergpass und der Körbersee. Gibt’s überhaupt Landschaften in V, die nicht schön sind? Man muss sich vor Hochmut hüten. In der ORF-Show „9 Plätze – 9 Schätze“ hat Vorarlberg seit 2014 kein Dauer-Abo auf einen Stockerlplatz. Zwar haben wir vier Mal gewonnen (Rekord!) und zwei Mal Platz 3 erreicht, aber insgesamt kamen die Steirer acht Mal unter die Top 3, die Nösis sieben Mal und die Salzburger ebenfalls sechs Mal. (Vienne: zero points)
Schön ist der Kuppelsaal der Landesbibliothek in seinem Stilmix aus Neoklassizismus, Jugendstil und Barock. Schön sind die Käskeller und Sennalpen, stellvertretend genannt sei die Alpe Mitteldiedams der Familie Feurstein nahe Schoppernau. Schön ist das putzige Stauwerk samt Wasserrad, Hammerwerk und Generator der Familie Breuß am Südrand von Rankweil neben der Bahnlinie. Die kleinere Vorgängeranlage hat mich schon in den 1980ern entzückt. Schön ist in Rankweil auch das Beinhaus aus der Barockzeit, man hat es 2024 umgestaltet und es ist nimmer so schaurig.
Schön sind die Gerüche am Seeufer, in den Wiesen und Wäldern. Sie haben eine ganz eigene olfaktorische Note aufgrund der landestypischen Pflanzenwelt, da und dort durchsetzt von einem nadligen Hauch Kuhdung und Gülle.
Schön ist der alltägliche Umgang mit Dialekt und Mundart, auch in „höheren“ Schichten, im Geschäfts-, Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Der Vorarlberger kann sich dadurch von jenen abgrenzen, die Hochdeutsch sprechen und das (bzw. sich selbst) als kulturell höherwertig sehen, aber bei Bedarf beherrscht er es sehr wohl. Der Dichter Martin Walser (1927-2023), aus Wasserburg stammend und Kenner Vorarlbergs, hat das aus vollem Herzen gelobt: „Was für Leute, und sie sprechen Mundart! Studierte, Raffinierte, Toren, Träumer, Berserker, Tüftler, Verschwender, Pedanten, Treuherzige, Hochgemute, Niedergedrückte, Erhobene und Erhabene: Sie sprechen Mundart. Und erst die Frauen! Frauen, angezogen wie aus Weltstädten, sie machen den Mund auf, und herauskommt der heimatliche Ton (…) Wienert einer, wirkt er wie Strass.“
Im glitzernden Wien hört man kaum noch Dialekt. Dort sind die Bildungsbürger, die Bobos und Gutis in ein weichgespültes Hochdeutsch verfallen und halten Dialekt für provinziell. Ein an sich hochgebildeter Ex-Journalistenkollege meinte einst überheblich, Dialekt bremse den Intellekt, weil er einen kleineren Wortschatz habe. Har har! Nun, der Typ wusste leider auch so manches nicht, etwa, dass Vorarlberg am Rhein liegt. Letztlich ist Wien auch nur an ein paar Kulturkernen kondensierte Provinz.
An jenem schönen Samstag im April ging ich am Abend zur Pipeline. Die Leute machten Party, Lagerfeuer, die Sonne fiel wie eine glühende Kupfermünze in den graublauen See, ihr orangerotes Licht schmolz zu einer Schicht über dem Wasser, darüber erschienen am dunkelblauen Himmel die Sterne, und als das Orangerot im See versickerte, wurde er schwarz. Alle Bundesländer sind schön, aber V ist irgendwie schöner schön. Es gibt zwar auch einiges, das nicht so schön, net so subr isch im schöna, subra Ländle. Doch das ist eine andere Geschichte. Wenn ma des abzüht, langat’s aber oh.







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