Thomas D. Trummer

Feile, Fehler und Filter

April 2026

Das Bild – es stammt von Cesare Ripa beziehungsweise seinem Herausgeber aus dem 17. Jahrhundert – zeigt eine allegorische Darstellung der Akademie in Gestalt einer weiblichen Figur. Die gekrönte Frau sitzt auf einem Thron in einem langen Gewand und hält in ihrer Hand keine Waffe, sondern – man höre und staune – eine Feile. Die übrigen Attribute sind weniger überraschend. Zu ihren Füßen liegen Bücher und Schriftstücke, Zeichen von Gelehrsamkeit, Studium und der Weitergabe von Wissen. Ein Baum neben ihr steht für Wachstum und Beständigkeit, während ein Affe am Fuß des Thrones vermutlich auf die Künste verweist.
Besonders bemerkenswert an dem Attribut der Feile ist die Inschrift „detrahit atque polit“, die sich auf einem Spruchband befindet, das um sie gewickelt ist. Sie nimmt weg und sie glättet. In dieser knappen Formel steckt ein Programm. Die Akademie fügt nichts hinzu, sondern beseitigt das Überflüssige, das Raue, das Unregelmäßige. Anders gesagt, Schönheit, Klarheit und Wahrheit verdanken sich der Politur. Dabei wird die Feile, die zuerst wie das Schwert der Justitia oder der Herrscherstab eines Souveräns aussieht, zum Kennzeichen einer ästhetisch belehrenden Pädagogik. Bilder mögen, wenn sie Wirkung und Rang haben sollen, geglättet sein. Sie sollen perfekt werden, und Perfektion entsteht dort, wo keine Störung die Oberfläche unterbricht, wo Fehler vermieden und die Form bereinigt wirkt. 
Die gleiche Logik, jene der beschönigenden Politur, die im 17. Jahrhundert den Künsten zugeschrieben wurde, zeigt sich in der Gegenwart in anderer Gestalt, nämlich dort, wo digitale Werkzeuge die Aufgabe der Glättung übernommen haben. Filter, Retuscheprogramme und KI-gestützte Algorithmen entfernen nicht nur Falten, Hautunreinheiten und unliebsame Hintergründe, sondern auch unscharfe Bilder und idiosynkratische Texte. Gesichter werden symmetrisch, der Teint porenlos, Körper schlanker, Bewegungen reibungslos berechnet. Diese Tendenz der Glättung ist nicht nur ein Phänomen der Bildwelt, sie macht neuerdings auch vor der Sprache nicht halt. Korrekturprogramme, vereinfachte Ausdrucksformen und algorithmisch vorgeschlagene Formulierungen entfernen Stolperstellen, glätten Wortwahl und Stil, bis jede Eigenart getilgt ist. Redundanz, Wiederholung, Dialekt und stilistische Experimente werden vereinheitlicht und normiert. Alles, was Schreibkunst unverwechselbar macht, persönliche Noten, Formulierungskunst, Spuren von Zeit und Erfahrung, auch Fehlleistungen, verschwindet unter einer störungsfreien Oberfläche. Die digitale Feile arbeitet unermüdlich und meist in dieselbe Richtung, auf Verallgemeinerung und Funktionalisierung hin. Individualität, Rhythmus und Nuancen weichen der Norm, deren Maßstab die Lesbarkeit ist.
Dabei enthält dieses Bild nicht nur eine Allegorie der Akademie, die als ikonografischer Prototyp gedacht war, sondern zugleich eine Warnung vor ihrer Herrschaft. Der Affe am Fuß des Thrones bezeugt den Zwiespalt von Glättung und Nachahmung. Als simia naturae, als „Affe der Natur“, verkörpert er seit der Renaissance die mechanische Reproduktion. Er sitzt als Mahner in der Ecke, der das Wirken der Feile misstrauisch kommentiert. Denn wer das Richtschwert der Glättung zu wörtlich nimmt, verliert die Eigenständigkeit, ja die Produktivität des Menschlichen. Von Kunst, Bild, Sprache und Mensch bleibt nur die Kopie eines geglätteten, affengleichen Ideals.
Die Lehre aus der Parabel dieses Bildes ist, besonders seit dem Aufkommen der KI, vermutlich die Umkehrung der alten Devise. Nicht die Fehler bedrohen unsere Kultur. Fehler sind Spuren von Erfahrung, von Körper, von Zeit. Bedenklicher sind die Filter. Sie arbeiten leise, unermüdlich und immer in dieselbe Richtung, auf Norm und Austauschbarkeit hin. Vielleicht wird deshalb in Zukunft nicht der Fehler das Problem sein, sondern der Filter.

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