Thomas Jennerwein

*1972 in Dornbirn, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Business, digitaler Wertschöpfung und Technologie in Industrieunternehmen. Der Digitalexperte ist als Senior Enterprise Architect bei foryouand­yourcustomers.com tätig. Zuvor war er über ein Jahrzehnt IT-Leiter bei Meusburger und Teil der Geschäftsleitung mit Gesamtverantwortung für IT und Digital Business. Weitere Führungsrollen in der Digitalisierung hatte er in Vorarlberger Industrieunternehmen inne.

Ergebnis ohne Arbeit

Mai 2026

Warum Ergebnisse ohne Prozess ihre Wirkung verlieren.
Wo künstliche Intelligenz hilft – und wo sie uns täuscht.

Zwei Unternehmen haben dasselbe Leitbild. Gleiche Worte, gleiches Hochglanz-PDF. Das eine Papier stammt aus einem zweitägigen Workshop des Führungsteams. Das andere aus einer halben Stunde mit einem KI-Assistenten. Die Dokumente sind identisch. Die Wirkung in den beiden Unternehmen ist es nicht.
Darin steckt eine Einsicht, die weit über Leitbilder hinausreicht – und gerade jetzt schöpferische Berufe unter Druck setzt. Viele Werkzeuge der Gegenwart erzeugen perfekte Ergebnisse. Die Frage ist, ob das Ergebnis überhaupt der Gegenstand war.
Man denke an den Hochzeitsfotografen. Sein Produkt scheint das Album zu sein. In Wahrheit war sein Produkt immer etwas anderes: Er brachte die nervöse Braut zum Atmen, hielt den Moment fest, in dem der Großvater die Enkelin zum ersten Mal im weißen Kleid sah, fand das Licht, das dieses Paar zeigt und keines sonst. Das Album ist die Spur dieser Begegnung. Eine KI kann ein tadelloses Hochzeitsbild generieren. Sie war nicht dabei. Sie hat niemanden gesehen. Wer beides nebeneinanderlegt, spürt den Unterschied, auch wenn er ihn nicht benennen kann.
Ähnliches gilt für den Architekten. Einfamilienhäuser sehen von außen oft ähnlich aus. Grundrisse ähneln sich, Materialien auch. Und doch ist jedes gute Haus das Ergebnis hunderter kleiner Entscheidungen aus langen Gesprächen mit den Bauherren: Wo fällt das Nachmittagslicht ins Wohnzimmer? Wie läuft die Familie morgens in der Küche zusammen? Eine KI kann einen Grundriss generieren. Sie kann nicht dieses Haus für diese Familie entwerfen.
Und der Journalist war einmal Zeuge. Er war dort, wo etwas geschah, sprach mit Menschen, trug Verantwortung für seine Worte. Ein KI-Text ist anonym im tiefsten Sinn: Niemand hat erlebt, niemand steht dafür ein.
In allen drei Berufen liegt dieselbe Wahrheit: Der Wert entstand nie im Ergebnis allein. Er entstand im Akt, der das Ergebnis hervorbrachte. Das ist gerade das, was KI nicht liefern kann – und was viele Auftraggeber für verzichtbar halten.
Dies ist die eigentliche Bedrohung schöpferischer Berufe in diesen Jahren. Nicht, dass die Maschine besser wäre. Sondern dass der Kunde das Bild bezahlt und die Begegnung für Beiwerk hält. Den Text liest und die Recherche für Luxus hält. Den Grundriss nimmt und das Gespräch für überflüssig hält. Das Sichtbare wird honoriert. Das Unsichtbare, das es trägt, wird übersehen.
In Unternehmen zeigt sich dasselbe Muster. Zwei Mitarbeiter, gleicher Zugang zur selben KI, völlig unterschiedliche Ergebnisse. Der eine gewinnt Stunden und liefert präzise Analysen. Der andere produziert glatt formulierte Texte, in denen sich Fehler verstecken, die niemand mehr bemerkt. Die Technologie ist identisch. Der Unterschied liegt im Menschen.
An dieser Stelle muss man unterscheiden lernen. Manche Aufgaben sind Ergebnis-Aufgaben: Recherche, Zusammenfassungen, Übersetzungen, erste Entwürfe. Hier ist KI ein Beschleuniger, oft ein brillanter. Andere Aufgaben sind Prozess-Aufgaben: Strategiearbeit, Kulturentwicklung, Leitbilder, Trauerreden, Mitarbeitergespräche, Architekturentwürfe, Hochzeitsreportagen. Hier liegt der Wert nicht im Dokument. Er liegt im Weg dorthin. Ein Strategie-Workshop, den eine KI ersetzt, liefert dasselbe Papier – aber keine Strategie. Eine Trauerrede, die eine KI schreibt, liest sich korrekt – aber sie trägt den Verlust nicht mit.
Wer diese Unterscheidung nicht trifft, erzeugt Scheinprodukte: Pläne, die niemand verantwortet. Werte, die niemand trägt. Bilder, in denen niemand gesehen wurde.
Dazu kommt eine technische Wahrheit: KI-Systeme sind Sprachmaschinen, keine Wahrheitsmaschinen. Sie berechnen, welche Wörter plausibel aufeinander folgen, und irren mit derselben Selbstsicherheit, mit der sie recht haben. Wer das nicht versteht, verwechselt flüssige Sprache mit richtigem Denken. Und die unbequeme Pointe: Halbes Fachwissen in Kombination mit KI ist nicht besser, sondern gefährlicher als kein KI-Einsatz. Der Laie erkennt seine Grenzen. Der Halbkundige erkennt sie nicht mehr.
Für Führungskräfte, Selbstständige und Kunden folgt dieselbe Aufgabe: zu unterscheiden, wo ein Ergebnis genügt – und wo nur der Weg dorthin etwas schafft, das tragfähig ist. Die wichtigste Investition in KI ist nicht die Lizenz. Sie ist die Klarheit darüber, welche Prozesse unter keinen Umständen delegiert werden dürfen. Nicht, weil sie nicht delegierbar wären. Sondern weil ihr Wert gerade im Vollzug liegt.
Werkzeuge erweitern den Menschen nur, wenn er zu führen versteht. Das bedeutet heute mehr, als die richtige Frage zu stellen. Es bedeutet zu wissen, welche Frage man besser nicht an eine Maschine richtet – weil die Antwort allein nichts wert ist, wenn niemand sie erlebt, verantwortet oder mit jemandem geteilt hat.
Bleibt eine unangenehme Frage: Was geschieht, wenn ein solches Werkzeug in ungeübte – oder absichtlich unlautere – Hände gerät? Davon soll im nächsten Teil die Rede sein.

In eigener Sache

Im ersten Teil der Serie habe ich „Wie man ein Pferd fliegt“ dem Autor Joris Luyendijk zugeschrieben. Der richtige Autor ist Kevin Ashton. Ich hatte das Buch gelesen, den Namen aber nicht mehr im Kopf – und fragte eine KI. Sie antwortete prompt, selbstsicher und falsch. Bei Google oder Amazon wäre mir das nicht passiert. Ein Moment, der das Thema dieser Serie fast zu genau trifft: Werkzeuge irren mit derselben Selbstsicherheit, mit der sie recht haben. Wer sich verlässt, ohne zu prüfen, irrt mit ihnen. Dank an den aufmerksamen Leser – und Entschuldigung für den Fehler.

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