András Bátkai

* 1972 ist Hochschulprofessor für Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Er studierte in Budapest, promovierte in Tübingen und habilitierte in Budapest. Er ist seit Jahrzehnten für die Ausbildung von zukünftigen Mathematiklehrpersonen zuständig, seine Tätigkeiten wurden unter anderem durch die Konrad-Adenauer- und Alexander-von-Humboldt-Stiftungen anerkannt.

Gedankensprünge am See

März 2026

Warum Problemlösen die wahre Mathematik ist.

Wer im Sommer vor der Bregenzer Seebühne steht, sieht oft ein Wunder der Leichtigkeit. Ob es das gigantische, scheinbar schwebende Blatt Papier bei Madame Butterfly war, der Mond bei dem Freischütz oder der für 2026 angekündigte monumentale Spiegel für La Traviata – diese Kulissen sind weit mehr als nur Kulisse. Sie sind technische Meisterleistungen, die jedes Mal aufs Neue mathematische und physikalische Rätsel aufgeben, die weit über Routineaufgaben hinausgehen.
Hinter der ästhetischen Leichtigkeit verbirgt sich ein präziser Kampf mit der Materie. Es ist die Kunst des Problemlösens in Reinform.

Ein Professor mit Weitblick
Einer, der dieses Handwerk wie kein zweiter verstand, war George Pólya. Der Mathematiker, der lange Jahre als Professor an der ETH Zürich lehrte, widmete sein Lebenswerk der Frage, wie wir eigentlich auf Lösungen kommen. Für Pólya war Mathematik nicht das Auswendiglernen von Formeln, sondern eine „Erziehung des Willens“. Er sah im Lösen von Problemen eine spezifisch menschliche Gabe: den Weg um ein Hindernis herum zu entdecken, wenn der direkte Pfad versperrt ist.

Die vier Schritte zum Erfolg
Pólya unterteilte diesen Prozess in vier Phasen, die sich eins zu eins auf die Herausforderungen am Bodensee übertragen lassen – etwa wenn es darum geht, den riesigen Spiegel für La Traviata so zu konstruieren, dass er stabil im See verankert ist und gleichzeitig die gewünschten optischen Effekte liefert:
1. Die Aufgabe verstehen: Was ist gesucht? Wie muss ein Spiegel beschaffen sein, der Witterung, Wellengang und Windlast standhält, ohne seine Reflexionskraft zu verlieren? Man muss die Bedingungen genau isolieren.
2. Einen Plan ausdenken: Hier beginnt die kreative Arbeit. Man sucht nach verwandten Problemen. Welche Erfahrungen aus früheren Produktionen lassen sich nutzen? Kann man bewährte Verankerungstechniken aus dem Wasserbau so modifizieren, dass sie die neue Vision stützen?
3. Den Plan ausführen: Hier ist Geduld gefragt. Jeder Schritt muss auf seine Richtigkeit geprüft werden. Die Konstruktion solcher Monumentalbauten erfordert Monate der Vorbereitung, in denen jedes Detail der Statik und Hydraulik sitzen muss.
4. Rückschau: Nach der Premiere erfolgt die Analyse. Was haben wir gelernt? Können diese neuen Ansätze bei der Arbeit mit reflektierenden Flächen für zukünftige Projekte wegweisend sein?

Warum das im Klassenzimmer beginnt
Problemlösen im Mathematikunterricht ist weit mehr als das Finden von x. Wer lernt, sich nicht durch eine schwierige Aufgabe entmutigen zu lassen, sondern die Perspektive zu wechseln und hartnäckig nach einem neuen Ansatz zu suchen, erwirbt eine Kompetenz, die im Berufsleben unersetzlich ist. Ob im Handwerk, in der Ingenieurskunst oder in der Gestaltung des öffentlichen Lebens: Wir brauchen Menschen, die gelernt haben, strukturiert mit dem Unbekannten umzugehen.
In einer Ära, in der künstliche Intelligenz routinierte Berechnungen und Datenverarbeitung übernimmt, wird die menschliche Problemlösefähigkeit zur Schlüsselkompetenz. Sie ermöglicht es uns, die komplexen, neuen Herausforderungen zu definieren und kreative Lösungspläne zu entwerfen, die über algorithmische Routine hinausgehen.
Wenn wir also das nächste Mal ein Kind über einer Geometrieaufgabe brüten sehen, sollten wir nicht an trockene Theorie denken. Wir sollten an die Seebühne denken. Mathematik ist nicht der Zuschauerraum, sie ist die Arbeit hinter den Kulissen, die das Unmögliche möglich macht. Denn wie Pólya, der weitsichtige Zürcher Professor, sagte: Wer schwimmen lernen will, muss ins Wasser gehen, und wer Probleme lösen lernen will, muss problemhaltige Aufgaben lösen.

Wenn wir das nächste Mal ein Kind über einer Geometrieaufgabe brüten sehen, sollten wir an die Seebühne denken: Aufbau zu Giuseppe Verdis „La Traviata” für die Festspielsaison 2026 und 2027.

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