
Was der Schellenklang erzählt
Eine liebevoll gestaltete Ausstellung im „Egg Museum“ erzählt mit feinem Blick auf das Detail von einem kleinen Teil der bäuerlichen Volkskultur bis heute: dem Schellenklang.
Und wenn es drüben hinterm Hause am Fuß des tannengekrönten Berges stand und weidete, daß sein Glöcklein läutete“, beschrieb Franz Michael Felder, was wohl den meisten Bregenzerwäldern bis heute vertraut und lieb ist. Wenn die Glocken des Viehs auf der Weide schellen und daran mahnen, dass Kühe, Rinder und Kälber Weidetiere sind und keine bloßen Stallbewohner, mit oder ohne Laufstall. Wenn der sehschwache Franz Michael die im Freien grasenden Kühe suchte, richtete er oft mit zwei Gängen kaum so viel aus, wie ein anderer mit einem, beklagte er und wusste sich bald auch zu helfen: „Es fiel mir nämlich ein, den Kühen … recht große Schellen anzulegen, denn hören konnte ich ja genug.“
Die Ursprünge bis zum Klangraum Bregenzerwald
Die ältesten Tierglocken gehen schon auf die Bronzezeit zurück, erklärt der Kurator der Ausstellung, Klaus Pfeifer, auch wenn sie ursprünglich mehr Kultobjekte denn Orientierungshilfe waren. Sollten die Schellen doch eine magische Kraft besitzen und das Tier vor Krankheiten und bösen Mächten schützen. So verwundert es nicht, dass es sogar Glocken für Hunde gab, nicht nur für Kühe, Schafe, Ziegen und Pferde. Bei Pferdefuhrwerken kündete das „Schellen-Geläut“ schon von weitem, dass sich eine Kutsche oder ein Schlitten nähert und es wohl besser war, Platz zu machen. Reicht also der Ursprung der Glocken in eine vorchristliche, und teilweise bis heute heidnische Vorstellungswelt zurück, ist bei den gegossenen Glocken eine christliche Symbolik präsent. Dass die Glocken oder Schellen ganz unterschiedlich klingen, lässt sich übrigens in der Ausstellung ausprobieren, indem sie ganz einfach mit einem Schlagzeugschlägel angeschlagen werden. Während die funktionalen Schellen eher geräuschvoll klingen, können kleinere, gegossene Glocken an den Klang einer Kirchen- oder Kapellenglocke mahnen und das Heimweh bei den Älplern wecken oder auch stillen.
Die Alpschelle
Auf der Alpe gibt es nicht nur die Alpen-Kuhschelle, die Alpen-Anemone, sondern auch die metallenen Viehschellen bis heute und sie sind fast unverzichtbar, sagen sie doch dem Älpler, wo die Tiere sind, ob sie friedlich grasen, sich in Panik befinden oder sich gemütlich zum Wiederkäuen niedergelassen haben. Ein alter Älpler erklärt, dass gute Hirten schon am Klang erkennen, welches Tier sich wo befindet. „Deren verschiedene Rhythmen und Klänge würden so einen dichten Klangteppich ergeben, der die Landschaft in einen magischen Klangraum verwandle“, beschreibt es Pfeifer. Intensiv zu hören, vor allem wenn die Herde die Weide wechselt und sich am frischen Gras mit hoher Fressgeschwindigkeit labt, bevor sie sich zum Wiederkäuen niederlegt. Für den vorbeiziehenden Wanderer ein Hörgenuss.
Die Brummeln
Wenn heute auch im Bregenzerwald immer weniger Vieh mit Glocken weidet – sichere Elektrozäune machen es möglich – wird das Heimziehen des Alpviehs noch mit vielen, zum Teil riesigen Glocken akustisch begleitet, mit Brummeln. Dass sich hinter diesem Klang am Halse des Viehs eine handwerkliche und kulturgeschichtliche Handwerkskunst befindet, zeigt die Ausstellung sehr schön: vom Glockengießer über den Glockenschmied bis zum Sattler, der die Riemen fertigte und mit Schnallen versah. Nicht nur die Glocken, vor allem die gegossenen, sondern auch die Riemen wurden aufwendig verziert und sollten etwas „hermachen“ – abgesehen davon, dass sie einen materiellen Wert darstellen, der bei einem gestimmten Geläut, also mehrere aufeinander abgestimmte Glocken mit harmonischem Klang, in mehrere tausend Euro geht. Diese haben aber ihre Funktion der Herden- und Weideglocke längst zu Gunsten der Repräsentation des Besitzers eingetauscht.
Der Tierschutz
Für den Laien mag das Schellen oder „Brummeln“ der Glocken und ihr Gewicht am Hals für das Tier unzumutbar klingen. Dem sei aber nur bedingt so, erklärt der Tierarzt Peter Bals in einer Hörstation der Ausstellung: „Heute sieht man das schon kritisch und wird auch in Frage gestellt. Aber man muss schon differenzieren, wie weit die Strecke, wie stark die Kuh und wie groß die Glocke ist.“ Die richtig großen und wertvollen Glocken, die schon bis zu zehn Kilo wiegen können, werden dem Vieh nur beim Alpabtrieb, oder sogar erst kurz vor der Ankunft umgehängt und sind sicherlich für die Kühe eine kurzfristige Belastung, aber in Augen der Bauern und der Tradition wird es als zumutbar betrachtet. Wichtig sei schon, dass die Glocken stramm angelegt sind, gut passen und dem Tier angemessen seien, erklärt der Tierarzt. Die Angst vor dem Schellenklang am Hals gebe es ein paar Minuten, dann gewöhne sich das Tier daran. Aus der Schweiz gibt es Untersuchungen, dass kleine Glocken kein Problem darstellen würden, die großen Brummeln beim Alpabtrieb schon, weil sie den Bewegungsablauf des Tieres stören würden. Sie seien ja auch als „Bremse“ gedacht, damit der Tross nicht zu schnell werde.
Die Ausstellung
„Schellenklang“ fokussiert auf die Praxis der Tierglocken – wann, wo und warum welche Glocken an Tiere gehängt werden und liefert Einblicke in die Formen-, Arten- und Klangvielfalt von Glocken sowie deren Herstellung und Gebrauch. An den Hörstationen können den Gesprächen mit Bauersleuten, Älperleuten, Glockengießern, Schellenschmied oder Sattlern sowie Sammlern aus dem Bregenzerwald zugehört werden. Die Exponate zeugen vom Einsatz in der Landwirtschaft vergangener Tage bis heute und sind Stücke ideellen Wertes einer gefährdeten Kulturlandschaft, die Nutzen und Stolz repräsentieren.
Ausstellung „Schellenklang“
… noch bis 12. Juli im Egg Museum in der Alten Volksschule, Freitag bis Sonntag jeweils 15 bis 18 Uhr oder auf Anfrage, www.egg-museum.at







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