
Rutopia
Rutopia ist ein Kunstwort der jungen Architektin Amanda Immler aus Egg und steht für eine Utopie der ruralen Entwicklung eines ländlichen Dorfzentrums am Beispiel ihres Heimatortes im Bregenzerwald.
Amanda Immler hat ihr Architekturstudium abgeschlossen; sie präsentierte in Egg ihre Diplomarbeit und ihre „Utopie“ für eine rurale – also eine ländliche Entwicklung – des Ortszentrums von Egg. In einem darauffolgenden Podiumsgespräch setzten sich der erfahrene Architekt und Masterplangestalter Helmut Kuëss sowie die Landschaftsarchitektin Maria Anna Schneider-Moosbrugger und Bürgermeister Marc Meusburger mit ihr aufs Podium. Verena Jakoubek-Konrad moderierte das Gespräch, das auf viel Interesse stieß.
Vision statt Utopie
Korrekterweise hätte die junge Architektin wohl eher von Vision(en) für das Ortszentrum der ländlichen Gemeinde Egg gesprochen als von einer Utopie im Sinne eines Nicht-Ortes. Ging es doch um 108 konkrete Maßnahmen, um ein Zentrum in einer ländlichen Gemeinde zukunftsfit zu machen.
Dass dabei der Klimawandel genauso eine Rolle spielt wie die soziale Entwicklung in den Dörfern, lag auf der Hand. Dass die Dorfzentren in den ländlichen Gemeinden unter Druck stehen, lässt sich nachweisen. Einerseits sind viele Dorfzentren in unseren ländlichen Regionen von einer Durchzugsstraße durchschnitten, andererseits fehlen immer öfter die Flächen der Begegnung, nicht zuletzt die ehemaligen Dorfgasthäuser. Dass die Künstliche Intelligenz für eine Dorfentwicklung nicht wirklich hilfreich ist, präsentierte Immler anhand zweier Folien, die sehr gegensätzlich und für Egg nicht brauchbar schienen. Dann schon eher eine Vision, wie sie zum Thema der Unterflurtrasse im Unterland von der Industriellenvereinigung vor Jahren präsentiert wurde. Gute und realisierbare Visionen sind also gefragt, zu oft werde Leben am Land als nicht zukunftsfähig gesehen. Aus diesem Mangel an positiven Zukunftsbildern für die ländliche Entwicklung, habe sie sich diesen utopischen Ort geschaffen – ein fiktiver Ort für die Zukunft, der möglich werden kann. Also eine Vision und gerade keine Utopie. So empfiehlt die junge Architektin ein durchgängiges Fußwegenetz mit Sitzmöglichkeiten, einen leichten Zugang zum Schmittenbach als Erholungsraum, aber auch große Park&Ride-Parkplätze und Schnellbusverbindungen zu Stoßzeiten, um die Öffis zu stärken. Sie wünscht sich auch neue Treffpunkte für die Bevölkerung, wie ein „Haus der Dorfkultur“.
Das Dorfzentrum von Egg hat sich in den vergangenen Jahren sehr zum Guten verändert: Tempo 30 im Ortszentrum, ein Kreisverkehr statt einer Kreuzung und vor allem die Schaffung eines Dorfplatzes, wie es ihn vor Jahrzehnten einmal gab. Zwischenzeitlich wurde dieser als Parkplatz genutzt und schaffte Aufenthaltsqualität für Autos und nicht für Menschen. Heute bevölkern Menschen diesen Platz, auch dank angegliedertem Gasthaus, das den Dorfplatz als Freifläche nutzen kann. Es fehle noch an einer barrierefreien Durchwegung, wie Schneider-Moosbrugger in der Diskussion monierte und an schattenspendenden Bäumen auf dem urban gepflasterten Platz. Ob das neuerbaute „Posthaus“ in seiner Kubatur und Form Gefallen findet, liegt im Auge des Betrachters.
Urbane Zentrumsentwicklung in ruralen Gemeinden?
Was auffällt, ist die Tatsache der Urbanisierung, also der Verstädterung unserer ländlichen Dorfzentren. So verleiten notwendige Leitlinien wie Straßenflächen zu minimieren, mehr Aufenthaltsräume zu schaffen, mehr Grün und mehr Blau (steht für Wasser in Bächen und Gewässern), mehr Verdichtung in die Höhe zu ähnlichen Lösungen wie in Stadtzentren. So gleichen sich dann die Visionen von Dorf- und Ortszentren immer mehr urbanen Zentren an und Skizzen für Zentrumsgestaltungen werden austauschbar.
Architekt Helmut Kuëss wies darauf hin, dass immer auf das Rücksicht genommen werden muss, was schon da ist: ob man sich mit dem wohlfühlt, ob es funktioniert und welche Bedeutung es hat, auch im sozialen Sinne. Aufgabe der Raumplaner und Gestalter sei, das Visionäre, das Neue seh- und verstehbar zu machen, um die Bevölkerung mitzunehmen. Ein Masterplan sei immer nur ein Fundament, das nah und fern zugleich ist. Es müsse starre Grenzen haben und trotzdem flexibel für Anpassungen sein. Bauen sei immer eine politische Tätigkeit.
Partizipation und Umgang mit Kritik
Die junge Architektin Immler wünscht sich in ihrer Vision auch eine „Dorfkultur“ – so heißt übrigens der veranstaltende Verein –, die Menschen in ihrer Diversität zusammenbringt und in öffentlichen Räumen in den Austausch bringt. Deshalb sei auch eine politische Kultur der Partizipation gefragt, in der Menschen sich einbringen und mitreden können. Das gilt im Besonderen auch für Projekte wie Umfahrungsstraßen oder eben Zentrumsgestaltungen. Bürgermeister Marc Meusburger erzählte aus seiner Erfahrung, dass solche partizipativen „Dorfabende“ immer sehr viele Ideen mitbringen, aber eben auch Erwartungen schüren würden, die oft nicht erfüllt werden könnten, schon gar nicht innert kurzer Fristen. Zehn Jahre seien in der Raumplanung „ein Federstrich“, brachte es Verena Jakoubek-Konrad vom Vorarlberger Architekturinstitut als Moderatorin auf den Punkt. Und nicht selten würden solche partizipativen Prozesse neben guten und brauchbaren Ideen auch zu mehr oder weniger fundierter Kritik genützt. Bürgermeister Meusburger will Kritik hören und ernstnehmen, aber sie auch auf ihre Nützlichkeit hinterfragen. Er wolle nicht nur Verwalter sein, sondern auch Gestalter.
Wer gestalten will, tut gut daran, sich mit Visionen zu beschäftigen, utopisch sollten sie allerdings nicht sein, denn wie Amanda Immler beweist, gibt es junge Menschen, denen ihr Dorf wichtig ist. Nicht als utopischer Ort, sondern als lebendiger Ort, mit dem sich die Bevölkerung identifiziert, sich wohlfühlt und der auch sozial funktioniert.









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