Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

Das sprachlich Radikalböse

Februar 2026

Der Wiener Sprachphilosoph Paul Sailer-Wlasits (61) zeichnet in seinem neuen Buch den Weg der Demagogie nach – von der Antike bis in die Gegenwart. Im Interview spricht der Publizist über das jahrtausendealte Antlitz des Demagogischen, er warnt vor einer „lenkbaren Weltmasse“ und sagt dabei: „Demagogen setzen auch die politische Urteilsfähigkeit einer Gesellschaft herab.“

Herr Sailer-Wlasits, was unterscheidet den Populisten vom Demagogen?
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil die beiden Bezeichnungen im öffentlichen Diskurs häufig synonym verwendet werden. Populisten sind nicht notwendigerweise immer Demagogen. Demagogen hingegen agieren immer populistisch. Während Populisten den Diskurs überdehnen und stören, brechen Demagogen dessen Regeln und Prämissen. Der Populist verzerrt den politischen Diskurs durch Simplifikationen, erzeugt Ressentiments, auch Feindbilder und verstärkt Antagonismen. Der Demagoge dagegen ist in der Lage, politsprachlich zu manipulieren, zu polarisieren, zu eskalieren und – das ist eine meiner Hauptthesen – gesamtgesellschaftlich zu mobilisieren. Das macht ihn so gefährlich.

Was aber ist Demagogie? Und wer sind ihre gegenwärtigen Protagonisten?
In ihrem Kern sind Demagogen „Laut-Sprecher“ der Verführung. Demagogie ist eine rücksichtslose diskursive Praxis, eine Methode des Machtgewinns und Machterhalts. Demagogen verwenden Rhetorik als Waffe und bedienen sich bedenkenlos aller Mittel aktiver gesellschaftlicher Manipulation, inklusive systematischer Lügen und Täuschungsmanöver. Die heutigen globalen Großdemagogen auf beiden Seiten des Atlantiks sind hinlänglich bekannt. Aber letztlich sind auch diese nur austauschbare, abziehbare Masken auf dem jahrtausendealten Antlitz des Demagogischen. Entfernt man den einzelnen Demagogen, lebt das Phänomen – das Prinzip Demagogie – weiter. Trotz aller Schädlichkeit einzelner Akteure, gegen die es aufzustehen gilt, ist Demagogie als System das eigentlich demokratiepolitisch Gefährliche. Es schlummert seit zweieinhalb Jahrtausenden und bricht wie ein Virus oder Vulkan immer wieder aus.

Sie schreiben, dass Demagogie in der griechischen Antike ihren Anfang genommen habe, zusammen mit dem Beginn des freien, offenen Redens.
Genau. Zeitgleich mit dem welthistorisch einzigartigen Erwachen der Demokratie zur Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends entstand in Griechenland nicht nur die Herrschaft des Volkes, sondern erstmals auch der Typus des wirkungsvollen politischen Redners. Lange bevor die Demagogie gefährlich wurde und Gesellschaften in Diktaturen kippte, führten diese frühen Demagogen das Volk rhetorisch. Da aber im Vordergrund der Rhetorik zu keinem Zeitpunkt eine wie auch immer geartete abstrakte Verpflichtung zu übergeordneter Wahrheit stand, oszillierten diese Führer des Volkes sprachlich zwischen Überzeugung und Überredung. Und immer wieder überschritten einige die ihnen zuerkannte Autorität, um sich mittels Rhetorik zu antiken Volks-Verführern aufzuschwingen.

Ist ein Demagoge also ein Manipulator des Volkes?
Ja, der Demagoge ist ein von Eigen- und Partikularinteressen getriebener gefährlicher Manipulator. Er instrumentalisiert große Teile der Bevölkerung, indem er Affekte hervorruft und verstärkt; indem er latent vorhandene Emotionen manifest werden lässt. Demagogen setzen auch die politische Urteilsfähigkeit einer Gesellschaft herab. Man darf nicht vergessen: Die Inszenierung ihrer wuchtigen, grobschlächtigen Kommunikation ist eine Machttechnik. Mit superlativischer Ausdrucksweise und hochtoxischen Sprachentgleisungen schüren Demagogen in einer Gesellschaft vorhandene Ängste, Wut und politische Vorurteile. Sie drängen diese gleichsam zur Entladung.

Wir überspringen Jahrhunderte. Wollen wir über Urban II. und den ersten Kreuzzug sprechen? Clermont, 1095.
Gerne. Der Aufruf von Papst Urban II. zum ersten der großen Kreuzzüge der Geschichte war ein Musterbeispiel klerikaler Demagogie. Urban II. wandte sich im südfranzösischen Clermont, außerhalb und kurz vor dem Ende der offiziellen Bischofssynode von 1095, in einer Rede an die Bevölkerung. Allerdings bestand sein Publikum aus einer von Volksfrömmigkeit und geringem Alphabetisierungsgrad durchsetzten Menschenmenge des elften Jahrhunderts. Zum Zweck der sogenannten „Befreiung des Heiligen Landes“ vermischte er manipulativ zunächst das irdische und das biblische Jerusalembild miteinander. Dann unterfütterte er dieses mit machtpolitischen Zielen der Kirche, indem er verkündete, nicht er, Papst Urban, sondern Gott fordere dazu auf, die bedrohten, von Christen bewohnten Gebiete zu befreien. Damit gelang es ihm und seinen klerikalen Mittätern und später auch einigen päpstlichen Nachfolgern auf demagogische Weise, europaweit und Jahrzehnte hindurch, zu blutigen Kreuzzügen zu mobilisieren und das kritische Denken in der Bevölkerung weitgehend auszuschalten.

Die Massen brüllten damals: Deus lo vult! Gott will es! Und dieses Deus vult hat – kurzer Einschub – Pete Hegseth tätowiert, der US-Verteidigungsminister, der sich selbst auch Kriegsminister nennt.
Nun, die Reaktion in Clermont muss enorm gewesen sein; sie verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das christliche Mitteleuropa. Die emotionale Mobilisierung war gelungen. Die Formel „Deus vult – Gott will es“ war und ist nichts anderes als eine Delegation von Verantwortung an einen vorgestellten Willen Gottes. Damals wie heute ist eine solche rhetorische Begründung sowohl eine bequeme, weil automatisch über alle Zweifel erhabene, massenwirksame Kommunikationsform. Übrigens findet das „Gott will es“ in diversen Abwandlungen auch heute noch im Kontext aller großen Weltreligionen Anwendung. Es ist ein bequemes Verlassen des mühsamen Weges der Begründung. Gefährlich wird es aber, sobald es sich mit institutioneller Macht verbindet. Dann wird die theologisch-historisierende Semantik zu gewaltvoller politischer Rhetorik, die sich im Besitz übergeordneter Wahrheit wähnt. Dass ausgerechnet der US-Verteidigungsminister das als Tätowierung trägt, scheint, wie US-Medien zu entnehmen ist, seinen Beliebtheitswerten bei der republikanischen Wählerschaft nicht geschadet zu haben.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Demagogie bildet den sprachbezogenen Teil des menschlichen Hangs zum Bösen.“ Wie ist das zu verstehen?
Demagogie ist weder etwas, das jemandem widerfährt, noch ein verbales Abstraktum, sondern wird von frei entscheidenden Menschen angewendet. Demagogie ist als Hang zum Bösen eine strukturelle Möglichkeit menschlichen Denkens und Handelns. Daher ist es als sprachlich Radikalböses jedem einzelnen Demagogen als Verursacher vollständig zuzurechnen. Insbesondere auch, weil er als Sprachtäter große Bevölkerungsgruppen manipulieren kann.

Sprechen wir über die „totalitäre Sprachvergiftung“ in der NS-Zeit, allen voran die Demagogen Hitler und Goebbels.
Die Toxizität der NS-Sprache war eine systematische. Die Vergiftung der Sprache war sichtbar und hörbar, in Propagandaschlachten der Erbarmungslosigkeit, der Menschenverachtung und des Rassismus. Durch die im 20. Jahrhundert entstandenen machttechnischen Mittel politischer Kommunikationsformen und Inszenierungsmöglichkeiten sowie deren massenmedialer Verbreitung konnten die Demagogen zu bis dahin ungekannter Größenordnung, Macht und Gewalt aufsteigen. Die sprachliche Affektmobilisierung der NS-Angstrhetorik reichte von verbaler Entmenschlichung politischer Gegner über antisemitische Feindbildkonstruktionen, bis zu verhetzenden Rassismen und Biologismen. Diese sprachliche Umcodierung durchdrang den gesamten Alltag der Menschen.

Sie schreiben: „Seit der Antike zeitigte die Methode der Behauptung sowie deren ständige Wiederholung größten und nachhaltigsten Erfolg.“
Demagogie ist ein durchgängiges Phänomen der Menschheitsgeschichte. Und der genannte Mechanismus funktionierte seit der griechischen Antike und der römischen Republik vorzüglich. Nahezu jede Absurdität, Mutmaßung oder Lüge konnte durch permanente Wiederholungen bei einem Großteil der Hörer an das Für-wahr-Halten angenähert werden. Ähnlich während der Epoche der Französischen Revolution und auch die Propaganda der NS-Zeit kümmerte sich nicht um die Wahrheit, sondern um die Wirksamkeit von Aussagen. Beständiges Wiederholen politischer Halbwahrheiten bis hin zu offenen Lügen und deren unaufhörliche analoge und digitale Vervielfältigung erfüllen den Tatbestand der Manipulation.

Das aber ist die Gegenwart!
Leider ja. Immer wenn Krisen, Ressentiments und erschöpfte Gesellschaften zusammentreffen, bilden diese geradezu ein Einfallstor für Demagogen. Es ist auch brandgefährlich, wenn beispielsweise demokratische Prozesse formal aufrechterhalten, aber inhaltlich ausgehöhlt werden; wenn etwa am Parlament vorbei mittels Dekreten regiert wird.

Sie nennen Künstliche Intelligenz eine Erfüllungsgehilfin des Demagogischen.
Künstliche Intelligenz verändert die Bedingungen politischer Kommunikation tiefgreifend. Die Skalierbarkeit, das heißt die milliardenfache Wiederholung von Simplifikationen, Lügen und Vorurteilen sowie deren globale Verbreitung nahe Realtime bildet eine quantitative Asymmetrie, von der Demagogen optimal profitieren. KI ist mit ihrer inhärenten Tendenz zur Privilegierung des sprachlichen Mainstreams in der Lage, Ununterscheidbarkeit von wahr und falsch zu generieren. Damit ist sie ursächlich an der Erschütterung der Wahrheitskriterien beteiligt, daher Erfüllungsgehilfin des Demagogischen. Denn sobald Lügen und Halbwahrheiten im Diskurs gleichberechtigt mit der Wahrheit zugelassen sind, sobald Wahrheit und Lüge den gleichen sprachlichen Tauschwert besitzen, ist der Demagoge vollständig in die Lage versetzt, schrankenlos agieren zu können.

Lässt sich das denn noch vermeiden?
Derartige Entwicklungen können kaum vermieden werden, da sie negative Ergebnisse im Rahmen demokratischer Möglichkeiten sind. Es geht also primär darum, eine Gesellschaft – von den Jüngsten bis zu den Ältesten, geschlechterunabhängig – möglichst widerstandsfähig zu machen und gegen Demagogen zu immunisieren. Vonnöten wären deshalb gezielte Bildungsinitiativen und Informationen, aber auch Vorbildwirkung, insbesondere vonseiten der Politik; medial unterstützt, damit nicht Milliarden zu einer lenkbaren „Weltmasse“ amalgamiert und Demokratien in die Defensive gedrängt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Paul Sailer-Wlasits, *1964 in Wien, ist Sprachphilosoph und Politik­wissenschafter in Wien und gilt als einer der profiliertesten Forscher politischer Sprachpraktiken im deutschsprachigen Raum. Er publiziert regelmäßig zu den Gefährdungen demokratischer Diskurse im digitalen Zeitalter, in den Grenzbereichen zwischen Rhetorik, Hassrede und Demagogie. Seine jüngste Studie, „Demagogie. Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen“, erschien vor wenigen Wochen im Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg. Er ist Autor von „Minimale Moral“, „Lüge, Hass, Krieg“ und „Verbal­radikalismus“.

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