Kurt Bereuter

geboren 1963, studierte BWL, Philosophie und Politikwissenschaften. Organisationsberater und -entwickler, freier Journalist und Moderator, betreibt in Alberschwende das Vorholz-Institut für praktische Philosophie.

Die Südtiroler Siedlungen als gesellschaftliches Erbe

März 2026

Die Südtiroler Siedlungen entsprechen nicht mehr den modernen energetischen Anforderungen, sind sanierungsbedürftig, nicht barrierefrei und bieten möglicherweise keine modernen Wohnformen. Ein genaueres Hinsehen lohnt sich dennoch. 

Die beiden faschistischen „Führer“ Adolf Hitler, Deutsches Reich, und Benito Mussolini, Italien, bildeten die „Achse Berlin-Rom“ und wollten die sogenannte Südtirol-Frage radikal lösen. Nach dem 1. Weltkrieg wurde Südtirol mit seiner überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung Italien zugeschlagen und eine Rückkehr zu Österreich schien schon 1937 nicht mehr realistisch. So einigten sich die beiden Diktatoren 1939, also nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, auf eine radikale Lösung, um „auf die von der Natur“ zwischen den beiden Ländern „aufgerichtete Alpengrenze“ eine für immer unantastbare zu machen. Die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Südtirols musste sich in der sogenannten Option entscheiden, unter Beibehaltung von Brauchtum und Sprache in das Deutsche Reich auszuwandern oder in Italien zu bleiben und ihre Sprache und Kultur aufzugeben. Rund 85 Prozent der etwa 250.000 zur Wahl gestellten Südtiroler, sie machten um die 80 Prozent der Bevölkerung aus, optierten bis Ende des Jahres 1939 für „Heim ins Reich“. Etwa 75.000 Personen reisten tatsächlich bis 1943 aus, dann wurde Südtirol de facto von der Wehrmacht besetzt, nachdem Mussolini gestürzt wurde und Italien mit den Alliierten einen Waffenstillstand schloss. Die „Optanten“, die sich für eine Umsiedlung ins Deutsche Reich entschieden, sollten für ihren Besitz in Italien entschädigt und im Deutschen Reich angesiedelt werden. Dafür brauchte es Wohnraum – die Südtiroler Siedlungen.
 
Erster gemeinnütziger Wohnbau
Tatsächlich wurden im Deutschen Reich ab 1939 Südtiroler Siedlungen mit höchster Priorität gebaut, auch mit französischen und belgischen Kriegsgefangenen in Zwangsarbeit. In Vorarlberg entstanden 17 Anlagen mit 475 Gebäuden und 2333 Wohnungen für insgesamt 11.000 Menschen. Die ehemalige Südtiroler Bevölkerung wurde vor allem dort angesiedelt, wo deren Angehörige auch als Arbeitskräfte gebraucht wurden, von Lochau über Hohenems bis nach Bludenz, in der Nähe von Industrieunternehmen. Gebaut meist am Ortsrand der Dörfer und Städte als in sich geschlossene Quartiere mit typischen architektonischen Elementen, wie den Rundbogendurchgängen und den Grünflächen für den Gemüseanbau, die Kleintierzucht oder zum Wäschetrocknen, wovon die Eisenstangen mancherorts noch heute zeugen. Diese Räume dienten daneben der Kommunikation und dem Austausch der Immigranten. Alle Siedlungen in Vorarlberg sind noch erhalten und stehen derzeit in Diskussion, was mit ihnen geschehen soll. Catherine Sark hat sie in ihrer Diplomarbeit dokumentiert und analysiert und stellt fest, dass diesen Anlagen eine große sozial- und kulturgeschichtliche Bedeutung zukommt, sind sie doch auch die ersten gemeinnützigen Wohnbauprojekte im Land und zeugen von einem, bis dahin neuen, stadtplanerischen Denken. 

Enttäuschung und neues Leben
Anders als Hitlers Monumentalbauten sollten diese Anlagen Idylle, Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, dem auch der Architekturstil geschuldet ist, pseudo-folkloristisch nennt ihn Sark: „Die Siedlungen nehmen konzeptuelle Anleihen an der Gartenstadt- und Heimatschutzbewegung.“ Dabei muss man im Auge haben, dass es sich bei den „Südtirolern“ auch um Familien mit Kindern handelte, deren Ariernachweis genauso beachtet wurde wie die Ideologie. Den Optanten wurden teilweise Häuser und Höfe in Aussicht gestellt und sie bekamen Wohnungen in diesen Siedlungen mit 55 Quadratmetern und mussten einer Industriearbeit nachgehen. Auf der anderen Seite bot sich den Immigranten in diesen Quartieren die Möglichkeit, ihre Kultur und ihr gemeinsames Schicksal in kleinem Rahmen zu leben, dafür boten die Siedlungen doch zumindest aus raumplanerischer Sicht geeignete Aufenthaltsräume innerhalb der Siedlungsstruktur. „Heimweh“ mag wohl für viele zum Alltag gehört haben, mehr als ein Viertel ist nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Südtirol zurückgekehrt. 

Ein sozialer Bestand für die Zukunft?
Bis heute bilden die Anlagen eine Besonderheit in der Siedlungsstruktur Vorarlbergs, hält Catherine Sark in ihrer Arbeit fest: „Im Kontext der heutigen Bebauung prägen die Ensembles nicht nur die jeweiligen Ortsteile, sondern gelten aufgrund ihres dorfartigen Charakters, den großen Grünflächen sowie in der Gestaltung der Straßen und Plätze als vorbildhaft.“ Zudem seien die Südtiroler Siedlungen geschichtliche „Dokumente“ mit Erinnerungs- und Mahnfunktion, die schweigend – und wohl auch lebend – von der zwanghaften Umsiedlung einer Bevölkerungsgruppe erzählen. Sie können aber auch Zeugnis abliefern, wie Integration gelingen und Architektur ihren Beitrag liefern kann. Es soll nicht übersehen werden, dass diese Südtiroler Bevölkerungsgruppe sprachlich und kulturell in vielem der Vorarlberger Bevölkerung glich und die Assimilierung und Integration leichter fiel. Davon zeugt noch manch Südtiroler Name, dessen Herkunft in den Südtiroler Siedlungen zu finden ist. Die Anlagen sind immer noch im Eigentum der gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften und die müssen sich nun entscheiden, wo eine Sanierung ökonomisch noch tragbar ist und wo die Flächen in verdichteter Form für Neubauten genutzt werden. Bei der Auswahl der Objekte für die eine oder andere Variante sollte wohl auch darauf Rücksicht genommen werden, wo solche Südtiroler Siedlungen noch im sozialen Sinne funktionieren, denen wäre wohl der Vorzug zur Erhaltung einzuräumen. Oder wie es Architekt Christian Matt in der Februar-Ausgabe von „Thema Vorarlberg“ auf den Punkt brachte: „Diese Siedlungen sind ein baukulturelles Erbe mit einer schon damals relativ intelligenten Struktur, und die Durchlässigkeit zwischen den Häusern lässt einen fast schon unglaublichen demokratischen Raum in den Siedlungen entstehen.“ Ein Kontrapunkt zu den „Nazisiedlungen“, wie sie auch manchmal bezeichnet werden, weil sie in dieser Zeit unter dieser Herrschaft errichtet wurden. Heute leben nur mehr wenige direkte Nachfahren der Südtiroler in diesen Siedlungen, die, mit Ausnahme der Anlage in Bludenz, von der Vogewosi verwaltet werden.

Literaturhinweis

Catherine Sark, Diplomarbeit an der TU Wien, Die Südtiroler Siedlungen in Vorarlberg, 2024;
repositum.tuwien.at/handle/ 20.500.12708/209853 

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.