Wolfgang Greber

* 1970 in Bregenz, Jurist, Lehrer und Publizist, Schwerpunktthemen Geschichte, Militär- und Kraftfahrwesen, Vorarlbergensien. Ein Vierteljahrhundert bei der „Presse“, Ressort Außenpolitik.

„Ore Jöri Lumpagsindl!“

Februar 2026

Vom närrscha Ländle und dar Wianar. Ein Vergleich der Faschingskulturen von Vorarlberg und Ostösterreich samt verklärtem Rückblick auf gute alte Zeiten und einen wahrlich historischen Jahreswechsel.

Während das Licht der Nachmittagssonne über den Schweizer Bergen schon gelb wurde und von Osten her ein Beinahe-Vollmond über den blauen Himmel kroch, war der Ausblick von der Terrasse des „Dreiländerblick“ in Bildstein aufs dunstige Rheintal und den See phänomenal. Hier oben stieg eine Silvesterparty, Hunderte kamen, die Drinks flossen in Strömen, es gab einfache Speisen, ein DJ legte auf. Meine Frau, mein Bub und ich waren an dem frostigen Tag von Wolfurt durch den Wald heraufgewandert, von dem Fest überrascht und jetzt einfach brutal happy.
Am Abend feierten wir bei Freunden in Lauterach. Raketen stiegen hoch. Ja, Feuerwerk, für unsre Herzen, dem rituellen empfindlichkeits- und verbotslustgetränkten Jahresend-Gejammer von wegen pöses Feuerwerk und all der Berichte über Gemeinden, wo man schießen durfte und wo nicht, zum Trotze. Ich versteh’s ja bei den blöden Böllern. Beim Lichtspiel am Himmel nicht. Da muss die Welt einmal im Jahr durch, die schafft das schon.
Für meine Frau und den Buben war‘s der erste Jahreswechsel im Ländle, für mich Exilanten in Niederösterreich, Bezirk Mödling, der erste seit einem Vierteljahrhundert. Zuletzt war das 1999 (!) in Dornbirn gewesen. Damals fürchteten sich alle vor einem globalen Computerabsturz wegen des „Millennium-Bugs“, einem Softwareproblem (passiert ist natürlich nix). Jetzt, nach so langer Zeit wieder zu Silvester in V, ging mir das Herz über. Die Stimmung ist so anders als im von Massen überfluteten Wien mit dem wochenlangen Geböllere in gewissen Gegenden.
Zeitgleich fielen mir in Lauterach Plakate am Straßenrand mit dem Faschingsruf „Ore Ore Türbolar!“ auf. Boa, dachte ich, offene Faschingssignale schon zu Neujahr, isch des net boda früah? Aber der erste Umzug folgte schon am 10. Jänner, in Dalaas, am Ostrand der Vorarlberger Welt, sie rufen dort „Lumpa­gsindl Lumpagsindl Hoo (oder: Hoi Hoi Hoi)!“. Ich hab vom närrischen Timing im Ländle keine Ahnung, denn mein letzter aktiver Fasching hier ist noch länger her: 1991 war da ein Ball im Winzersaal in Klaus, ich trug eine Fantasieuniform im Stil einer Mischung aus Sowjetoffizier (mit originaler Tellerkappe!) und Geheimdienstler im Ledermantel. Hannes, ein Freund, ging als Gartenzwerg. Leider schaut er dem Fasching heute von über den Wolken aus zu. „Wau Wau Miau“ ruft man in Klaus.
Später feierten wir Fasching meist in Innsbruck beziehungsweise nur am Rande und passiv, in Bars oder privat. Bei einem Kostümball im Messepark 1993 ging ich als Ägypter, das Fest war rau und exzessiv. „Maschgara Maschgara Rollollo, schieß da Hafa deckladvoll!“
Vor Jahren ging mein Bub einmal mit beim Feldkircher Umzug, mit lokalen Freunden, als Bärchen verkleidet. Das hat ihn fasziniert, denn die Faschingskultur in V ist anders als im Osten: bunter, schriller, irgendwie überzeugter, strukturierter, g’höriger. In Wien und Niederösterreich ist es teils versnobter, teils derber.
In der Hauptstadt hat sich das Treiben im 18. Jahrhundert von den Straßen weg weitgehend in Gebäude verlagert, etwa in Ballsäle, öffentliche Gebäude, Bürger- und Wirtshäuser. Auf den Straßen war es den Herrschern nämlich oft zu wild zugegangen, Kriminelle tarnten sich mit Masken, die Kirche hatte ihre Probleme mit Massen-Eskapaden. Diese Verdrängung wurde unter Kaiser Karl VI. (1711–1740) weitgehend komplett. Noch heute gibt’s in Wien nur wenige Umzüge und Feste im Freien, etwa im Prater und einigen Außenbezirken. Zuletzt zählte man acht Faschingsgilden, im Ländle inklusive Funkenzünften rund 150. Wientypisch sind eben Bälle, darunter edle Feiern wie Philharmonikerball, Juristenball, Kaffeesiederball und Opernball in architektonisch imposantem Rahmen. Da können wir in V nicht so mit, siehe Hofburg versus Hofsteigsaal, allerdings kriegen die vielen b’soffenen Faschingsgelage der repräsentativen breiten Masse in Wiener Wirtshäusern, Cafés und Tschocherln* kaum mediale Aufmerksamkeit.
Das Thema Fasching im Freien abseits von Bällen fassen in Wien speziell die „gebildeteren“ bürgerlichen und linksliberalen Kreise eher mit gezierter, hochmütiger Distanz an wie einen schmutzigen Fetzen. In NÖ dagegen gibt’s Umzüge zuhauf, dort gehen sie gern auf die Straße und feiern ähnlich wie im Ländle. Aber es wirkt eine Spur grober, tiefer. Sorry – und „Mö Mö!“ (so ruft man in Mödling).
Heuer endet die Saison früh: Aschermittwoch ist am 18. Februar (im Vorjahr 5. März), die letzten Umzüge sind unter anderem in Schwarzach, Nenzing, Hittisau. 2025 weilte ich gegen Ende des Faschings zufällig in Bregenz. Als dort am 2. März der Umzug stattfand, war ich in Gottes Natur auf dem Pfänder. Ehrlich, man hörte an dem sonnigen Tag das Getöse bis hier herauf und ich dachte wie beim Feuerwerk an die armen Tiere. Später mischte ich mich am Leutbühel auf einem Teppich aus Papierschlangen, Pappbechern und Bierdosen unter die Reste des Auflaufs, zwischen Clowns, Mönchen, Prinzessinnen und Chinesen (Achtung: kulturelle Aneignung!?), schrie „Ore Ore!“, doch niemand rief zurück. Faschingsdienstag stieß ich zum Fest am Kornmarktplatz dazu. Gewandete Line-Dancer tanzten zu „Cotton Eye Joe“, es schien bevölkerter als am Sonntag und ich floh in die „Wunderbar“, die auf „Fluch der Karibik“ dekoriert war, Skelette in Piratenkluft inklusive.
Wie war das einst in den 1970ern im Bregenzer Fasching? Für uns Kindergärtler und Volksschüler war es das Wichtigste der Welt. In großen Gruppen zogen wir zur Bäckerei Vochazer in der Maurachgasse, wo sie Krapfen verteilten. Als Cowboy ging ich an der Spitze des Faschingszuges durch die Bahnhofstraße, ja sogar 20 Meter voran, weil jemand musste ja ganz vorne mit seinem Revolver für Ordnung sorgen. Die Uniformierten der Narrenpolizei mit ihren weißen Helmen (und Schlagstöcken?) wirkten irgendwie unheimlich. Wir betrieben tüchtig kulturelle Aneignung, Integration und Respektsbezeugung als Indianermädel, Mexikaner, Wikinger, Afrikaner, Chinesen. Manche machten auf Käfer, Hexe, Schnullerbaby oder Pippi Langstrumpf.
Der Karneval des Lebens ist lange her. Aber ein paar Tage Fasching (oder Jahreswechsel) auf Heimaturlaub in V tun dem Gemüt gut. Leider hat so manche Clowns und Ölscheichs von früher der Humor verlassen und sie sind zu komplizierten Grantlern geworden. Ore Ore!
 
* kleines, einfaches bis grindiges Lokal für „simplere“ Kundschaft; Kneipe, Sauflokal; ein typischer Name: „Espresso Rosi“.

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