Markus Mainetti

* 1966 in Bregenz, AHS, HTL-Kolleg für Nachrichtentechnik und Elektronik, seit 1993 in der Vorarlberger Landesbibliothek, Abteilung Vorarlbergensien, Aufbau des Radio- und Fernseharchivs.

Do luagsch, Vorarlberg

Dezember 2025

Das Radio- und Fernseharchiv der Landesbibliothek ist zugänglicher denn je: Die neue Zeitmaschine, V-Tubes und Co. bieten einen bequemen Einstieg in die regionale Mediengeschichte.

„Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Das abendliche Ritual des Nachrichtensehens begann um sieben mit dem Lokalfernsehen. Der Doppelmord stand selbstverständlich an erster Stelle …“ so erklärte schon 1993 der Bregenzer Krimi-Pionier Kurt Bracharz in „Die grüne Stunde“ die Lokalnachrichten aus Vorarlberg zur Kultsendung, obwohl damals erst wenige Jahre seit der Erstausstrahlung am 2. Mai 1988 vergangen waren. 37 Jahre und 12.358 Episoden später zählt die Sendung noch immer zum fixen Bestandteil des Tagesablaufs vieler Vorarlberger. Diese hohe Zahl steht für die kontinuierliche mediale Aufzeichnung der lokalen Gegenwart, die jetzt mit der neuen „Vorarlberg Heute Zeitmaschine“ mit wenigen Klicks auffindbar wird und den leichten Zugang zu diesem zentralen Element der regionalen Mediengeschichte ermöglicht.

Gedächtnis des Landes
Trotz hoher Einschaltquoten, an Spitzentagen sehen über 100.000 Zuschauer „Vorarlberg heute“, sind regionale Medieninhalte nach der Ausstrahlung ein für alle Mal verschwunden. Öffentlich-rechtliche Mediatheken konnten ab den 2010er Jahren das Problem nur teilweise mildern, da die Online-Nutzungsdauer aus rechtlichen Gründen begrenzt ist. Die Vorarlberger Landesbibliothek erkannte die Flüchtigkeit dieser Informationen frühzeitig; sie sammelt daher seit den 1980er Jahren als Ergänzung zu gedruckten Materialien systematisch Radio- und Fernsehsendungen mit regionalem Bezug. So entstand eine mediale Chronik, die weit über das Fernsehzeitalter hinaus bis ins Jahr 1911 zurückreicht. Das Archiv umfasst inzwischen über 260.000 audiovisuelle Dokumente, die thematisch einen Bezug zu Vorarlberg oder zur Bodenseeregion aufweisen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In digitaler Form liegen 20.600 Stunden Video- sowie 28.700 Stunden Audiomaterial vor. Also nicht nur luaga, sondern oft auch „zualosa“.

Tagebuch für alle
Das Archiv ist nicht nur eine sprudelnde Quelle für Forschende und Kulturschaffende, sondern durch seinen Detailreichtum auch ein echtes Tagebuch des Landes, das für die lokale Identität und das kollektive Gedächtnis einer Region einen wesentlichen Beitrag leistet. Bewusst werden daher ins Radio- und Fernseharchiv auch scheinbar triviale Formate wie „Grüß Gott in Vorarlberg“, „Dabei gsi“ sowie Chronikberichte zu alltäglichen Vorkommnissen – etwa Verkehrsunfällen, Umweltkatastrophen oder Brandereignissen – in die Sammlung aufgenommen. Diese auf den ersten Blick wenig wissenschaftlich oder bedeutsam erscheinenden Inhalte ermöglichen der Bevölkerung, sich selbst oder Angehörige in der Berichterstattung wiederzufinden. 

Intuitive Entdeckung
Zur Erleichterung des Zugriffs hat die Landesbibliothek zwei neue benutzerfreundliche Zugänge entwickelt, die die Suche nach audiovisuellen Inhalten wesentlich erleichtern. Wer nach einem bestimmten Datum sucht, verwendet die online verfügbare „Vorarlberg Heute Zeitmaschine“ Vorarlberger Landesbibliothek – Radio- und Fernseharchiv (www.vorarlberg.at/vlb-radio-fernseharchiv), die eine chronologische Navigation zurück zu den Anfängen der Sendung und das Auffinden jeder einzelnen Episode sowie aller zugehörigen Beiträge aus 37 Jahren ermöglicht. Die Erschließung umfasst rund 150.000 Einzelbeiträge dieses Sendeformats vom Sendestart bis heute, wobei zu bedenken ist, dass vor dem 25. September 1999 an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen keine Sendungen ausgestrahlt wurden.
Wer gezielt nach Inhalten sucht, wird in den V-Tubes fündig, wo thematische Schwerpunkte einen strukturierten Zugang zu relevanten Sendungen ermöglichen. Zugleich ermöglichen sie die Entdeckung bislang unbekannter oder vergessener Inhalte. Die kuratierte Auswahl reicht von aktuellen Journalen (Nachrichten, Kultur, Sport, Gesellschaft, Wissenschaft) bis zu spezialisierten Formaten wie Spiel- und Fernsehfilmen, Dokumentationen, Kunst- und Amateurfilmen, Hörspielen, historischen Aufnahmen und regionalen Lebensgeschichten.

Praktische Nutzung und juristische Grenzen
Wer in die Landesbibliothek kommt, hat freien Zugang zu allen gespeicherten Inhalten. Arbeitsplätze, mit Kopfhörern ausgestattet, laden zum Schauen, Hören und Staunen ein. Zur Vorbereitung von Forschungen sind sämtliche Metadaten – Titel, Schlagworte, beteiligte Personen und Sendedaten – frei im Internet verfügbar. Es gilt zu bedenken, dass der Zugang über Internet und das Kopieren des Materials aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich ist. Die detaillierten, frei verfügbaren Informationen dienen jedoch als Schlüssel, um gewünschtes Originalmaterial präzise zu identifizieren und den Zugang bei den Produzenten zu erfragen.

„V-Heute“ hautnah
Die Tagebuchfunktion zeigt, dass jede Vorarlbergerin und jeder Vorarlberger ein potenzieller Archivfund ist. Das Archiv ist keine ferne, staubige Einrichtung, sondern ein lebendiges Zeugnis der regionalen Gemeinschaft, das die Mikromomente des eigenen Lebens bewahrt.
„… ein 32-jähriger Bregenzer fuhr aus noch unbekannten Gründen gegen den Randstein und schleuderte daraufhin auf die Gegenfahrbahn. Dort prallte das Fahrzeug auf einen entgegenkommenden PKW. Beide Fahrzeuglenker blieben unverletzt, jedoch entstand großer Sachschaden an den Unfallfahrzeugen …“ (Unfall im Ambergtunnel, in: Vorarlberg heute, 29. Juni 1992, ORF 2).
Der Bregenzer war ich, der 29. Juni 1992 war mein zweiter Geburtstag – und das Fernsehen war dabei …

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