

Die Klimt-Connection im Stadtmuseum Dornbirn
Ein Tischtuch und viele offene Fragen.
Mit großer Geste suchten die „Vorarlberger Nachrichten“ Anfang 2025 nach einem verschollenen Gemälde des Dornbirner Textilindustriellen und Amateurmalers Julius Rhomberg (1869–1932). Zu dieser Zeit war das Stadtmuseum Dornbirn bereits auf der Zielgeraden mit den Vorbereitungen zu seiner noch bis Herbst 2026 laufenden Ausstellung „Unser Haus! besitzen, bewohnen und ver/erben“. Diese Schau erzählt die Geschichte des eigenen Standorts am Dornbirner Marktplatz 11, dessen Bewohnerinnen und Bewohner und gibt Einblicke in die Firmengeschichte von Herrburger & Rhomberg. Julius Rhomberg wohnte von 1918 bis zu seinem Tod 1932 in diesem Haus und kommt natürlich in der Ausstellung vor. Unter anderem zeigt das Stadtmuseum ein Gemälde Rhombergs, das dem Motiv nach das „verschollene“ Werk „An der Dornbirner Ache“ sein könnte. Diese und andere Querverbindungen von der Dornbirner Ausstellung zur Sonderausstellung „Gustav Klimt und Vorarlberg“ des Hohenemser Arche Noah Museums wurden leider nicht aufgegriffen. Jedenfalls haben die umfangreichen Recherchen zu Klimt und Rhomberg in zwei unterschiedlichen Teams zu neuen Fragestellungen für zukünftige Forschung geführt. Im Folgenden einige Überlegungen dazu.
Zwei Dornbirner Amateurkünstler in Paris
In der „Amateur-Ausstellung Wien 1909“ der renommierten Galerie Miethke in der Dorotheergasse 11 war Julius Rhomberg mit gleich drei Gemälden vertreten: „An der Dornbirner Ache“, „Blick ins grüne Tal“, „Föhn und Schnee in den Bergen“. Den Ausstellungs-Teilnehmern winkte die Möglichkeit, für eine weitere Präsentation in der „Société Artistique des Amateurs“ in Paris ausgewählt zu werden.
Von den 90 in der Galerie Miethke im Februar präsentierten Künstler, schafften es die Werke von 42 Kunstschaffenden weiter nach Paris. Zwischen 6. März und 5. April 1909 wurden im ursprünglich als Konzerthalle und Sommercafé genutzten „Pavillon de L’Alcazar“ in den Jardins des Champs-Élysées Werke von französischen, österreichisch-ungarischen, bayrischen, belgischen, italienischen und russischen Amateuren gezeigt, darunter Julius Rhombergs „La vallée verte“ und „Neige dans les montagnes“. Im Wiener und Pariser Katalog springt ein weiterer Dornbirner Name ins Auge: „M. Oberdorfer“. Die Aquarellistin Maria Hämmerle, geb. Reiß (1862–1952), war unter dem Pseudonym „M.(imi) Oberdorfer“ sowohl in der Wiener als auch in der Pariser Ausstellung vertreten. Die Frau des Dornbirner Textilindustriellen und Leiters der Wiener Niederlassung von „F. M. Hämmerle“ Theodor Hämmerle lebte in Wien, verbrachte aber die Sommer auf dem „Hochälpele“. Von dieser Gegend gibt es einige Motive als Postkarten, die mit „M.(imi) Oberdorfer“ gezeichnet sind.
„In freundschaftlicher Zuwendung“
In der Hohenemser Ausstellung „Gustav Klimt und Vorarlberg“ waren einige wunderschöne Tischdecken verschiedener Designer der Wiener Werkstätten zu sehen. Sie alle waren auf den Webstühlen von Herrburger & Rhomberg vermutlich in Innsbruck entstanden und verweisen auf die enge Beziehung des Unternehmens zur Wiener Avantgarde im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Die meisten Entwürfe lassen sich einer Urheberin beziehungsweise einem Urheber zuordnen. Nicht so eine quadratische, gelb-sandfarbige Tischdecke, die derzeit im Stadtmuseum Dornbirn ausgestellt wird. Sie weicht von den Wiener-Werkstätten-Entwürfen eines Otto Prutscher oder Remigius Geyling deutlich ab. Spektakulär ist ihre angebliche Urheberschaft: Sie wurde von den Nachkommen des Innsbrucker Zweigs der Familie Rhomberg stets als Klimt-Decke bezeichnet. Sie war jahrelang (mehrfach sorgfältig geflickt) als Gartentischdecke im Einsatz. Weiters existieren laut Familienüberlieferung Damastservietten nach Klimt-Entwürfen. Belege, dass diese Entwürfe von Gustav Klimt stammen, fehlen: Eine veritable Forschungslücke der Klimt-Forschung.
Eine zweite Geschichte, wiederum aus der Innsbrucker Familie Rhomberg betrifft ebenfalls eine angebliche Klimt-Decke: Einer der letzten in Tirol lebenden Gesellschafter des Unternehmens schrieb 2007 an das Wiener Leopold Museum, dass er im Besitz einer „Tischdecke in der Größe von 200 x 150 zweifärbig, doppelseitig gewebt, mit einer meisterhaften Bordüre“ sei und, dass, „Gustav Klimt […] in freundschaftlicher Zuwendung einige Entwürfe für Tischwäsche im damaligen Jugendstil“ erstellt habe.
Als Beleg konnte er allerdings auch nur ein Foto einer Ausstellungskoje des Unternehmens von 1923 bringen, auf dem seine Klimt-Decke zu sehen ist. Letztendlich kam es, vermutlich aufgrund der dünnen Beweislage, zu keinem Ankauf durch das Leopold Museum.
A family affair
Um sich diesem Rätsel zu nähern, werfen wir einen Blick auf das Beziehungsgeflecht Rhomberg-Flöge-Klimt: Der private Kontakt von Julius Rhomberg zum Kreis um Klimt wäre ohne Hermann Flöge nicht denkbar gewesen. Flöge war 1888 in das Unternehmen Herrburger & Rhomberg in Wien eingetreten, nur ein Jahr bevor Julius Rhomberg als 20-Jähriger seine „Lehrzeit“ in Wien begann. Der um sechs Jahre ältere Flöge hatte, damals noch Buchhalter, den Sohn seines Arbeitgebers wohl unter die Fittiche genommen und ihn nicht nur in die Arbeit der Verkaufsniederlage eingeführt, sondern auch in das kulturelle Leben der Großstadt. Trotz aller gemeinsamen und nachgewiesenen Aktivitäten, wie Ausstellungsbesuche, Wanderungen und Gasthausbesuche blieb der Kontakt unserer Einschätzung nach „freundschaftlich geschäftlich“.
Auch andere Mitglieder der Großfamilie Rhomberg pflegten Kontakt mit der Familie Flöge in Wien oder waren in deren Sommerfrische am Attersee eingeladen. Gustav Klimt war an der Seite von Emilie Flöge auch oft mit von der Partie. Im Gästebuch der Villa Paulick am Attersee hat neben Viktor Rhomberg (1882–1944) und dessen Bruder Bernhard (1887–1951) aus Innsbruck auch Julius Rhomberg aus Dornbirn unterzeichnet.
Viktor und Bernhard Rhomberg zählten zur Julius und seinen Mitgesellschaftern bei Herrburger & Rhomberg nachfolgenden Generation. Auch ihre Schwester Emilie Rhomberg (verh. Juch) taucht im Klimt-Umfeld auf. Sie unterschrieb in Wien 1898 neben Klimt die Präsenzliste eines Denkmal-Komitees. Diese Hinweise zeigen, dass die Beziehungen zwischen den Familien Flöge, Klimt und Rhomberg sich nicht auf Julius Rhomberg beschränkten, sondern eine Familienangelegenheit waren. Die Schlüsselperson blieb aber stets Hermann Flöge. Das Vertrauen der Familie Rhomberg zu ihm wird in einem Brief von Julius Rhomberg an seinen in einem Wiener Lazarett liegenden Bruder Hubert 1916 auf den Punkt gebracht: „Schade, daß unser lieber Freund Flöge nicht mehr lebt, da hättest du jetzt einen treuen Menschen zur Seite.“
Vor diesem Hintergrund könnte es stimmen, dass Klimt für Herrburger & Rhomberg „in freundschaftlicher Zuwendung“, wie es Arthur Rhomberg gegenüber dem Leopold Museum formulierte, ein paar Stoffe entwarf. Umgekehrt war Klimt damals bereits sehr prominent und vielbeschäftig. Stoffdesign war nicht sein Metier.
Eine einmalige Kollaboration
Herrburger & Rhomberg war dem Prokuristen Hermann Flöge sicher zu Dank verpflichtet, da er die Produktion hochwertiger Tischwäsche nach Entwürfen der Wiener Werkstätten mitinitiiert hat. Dieser Schritt brachte dem davor eher für Rohware und Garne bekannten Unternehmen viel Renommée und sicher auch Gewinn ein.
Allen voran war es der Architekt und Gestalter Otto Prutscher, der etliche Tischdecken, Kissenbezüge und Bettdecken entwarf, die Herrburger & Rhomberg gekonnt ausführte. Bekannt ist die Zusammenarbeit von Prutscher mit Josef Hoffmann, seinem Lehrer, und Gustav Klimt im Rahmen der legendären „Kunstschau“ 1908, einer Kunst- und Kunsthandwerksausstellung auf dem Gelände des heutigen Wiener Konzerthauses. Für das Terrassencafé der Schau entwarf Purtscher Tischtücher, die bei Herrburger & Rhomberg hergestellt wurden.
Das Stadtmuseum hat zur aktuellen Ausstellung einen besonders schönen Entwurf Prutschers zu Geschirrtüchern umgestalten lassen, die im Museumsshop erhältlich sind.
Fotos: Marina Schedler/Stadtmuseum Dornbirn





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