
Wie künstliche Intelligenz uns verblöden lässt
Künstliche Intelligenz (KI) begegnet uns überall – ob wir wollen oder nicht. Wir alle profitieren davon – ob wir es wissen oder nicht. KI fasziniert und beängstigt. Beide Reaktionen sind berechtigt und schließen einander nicht aus. Problematisch ist es dort, wo sie nur fasziniert oder nur beängstigt.
Die Sprache
Mit KI können wir uns auf Reisen in fremde Länder mit der Sprache sofort zurechtfinden. Selbst wenn uns alles chinesisch vorkommt, übersetzt uns das Handy jeden Text in Sekundenschnelle ins Deutsche. Das gilt für die Menükarte genauso wie für die Beschreibungen im Museum. Was noch vor wenigen Jahren eine große Herausforderung war, ist heute ein Kinderspiel. Genau diese Leichtigkeit des Übersetzens ist es, was vielen Menschen größte Mühe bereitet, eine neue Sprache zu lernen. Statt mühsam Wörter zu büffeln, übersetzt das Handy alles. Wer es sich im Erlernen einer Sprache damit leicht macht, macht‘s sich schwer. Man kennt den Text in einer fremden Sprache, ohne den passiven und aktiven Wortschatz auch nur um ein Wort bereichert zu haben. Das verunmöglicht auch den mündlichen Gebrauch der Sprache. Ich hatte das Glück, in drei verschiedenen Sprachregionen (Französisch, Englisch und Italienisch) zu studieren. Wenn ich etwas verstehen wollte, musste ich Wörter lernen. Dazu hatte ich jeweils das Wörterbuch zur Hand. Diese mühsame Art hat mich ermutigt, so zu lernen, dass ich möglichst nie zweimal wegen desselben Wortes nachschlagen musste. Zudem: Wer eine Sprache lernt, hat nicht nur mehr Sprachkenntnisse, sondern entdeckt auch die Kultur, die dahintersteht. Das verpasse ich, wenn ich mich mit KI durch die Sprachwelten bewege. Das ist tatsächlich eine Verarmung.
Die Kreativität
KI lebt von der bisherigen Kreativität der Menschen. Je mehr Menschen mit KI arbeiten und darum selbst weniger kreativ sind, umso weniger Material wird der KI in Zukunft zur Verfügung gestellt. Mit KI haben wir scheinbar alles sofort bereit. Warum sollen wir uns noch mühen? Gedichte auswendig lernen? Selbstverständlich! Wie anders wirkt ein Gedicht, wenn wir es auswendig kennen. Das ist nicht einfach Kopfarbeit. In anderen Sprachen kommt das deutlich und berührend zum Ausdruck: mit dem Herzen lernen (learn by heart). Das können wir nicht an KI delegieren.
Wenn ich Menschen zuschaue, wie sie mit Social Media umgehen, erschrecke ich. Viele werden kaum mehr einen Hintergrundartikel zu geopolitischen Vorgängen lesen oder eine gut dokumentierte Sendung im Fernsehen anschauen. Vielmehr lesen sie höchstens Titel oder schauen kurz in ein Video hinein. Selten beobachte ich, wie jemand sich längere Zeit (mehr als fünf Sekunden) in einem Beitrag aufhält. Oft ersetzt die künstliche Intelligenz die natürliche, und damit wird letztere weniger aktiviert und trainiert. Je weniger Menschen sich bemühen, Zusammenhänge zu entdecken, desto leichter sind sie manipulierbar. Sie verlieren auch die Fähigkeit, KI-Texte kritisch zu hinterfragen. Tatsächlich belegen verschiedene Studien, dass häufig Nutzende von KI tendenziell eine schwächere Ausprägung im kritischen Denken zeigten.
Wer ein gutes Buch liest, wird auf eine längere Reise mitgenommen. Da geht es nicht mehr um eine kurze Information für den Moment. Einem jungen Menschen sagte ich: „Wenn ich dir ein gutes Buch schenke, liest du es?“ Die Antwort: „Ich denke nicht!“ Diese Antwort verrät wohl mehr als beabsichtigt.
Das Persönliche
Vor 13 Jahren war ich eingeladen, einen 20-minütigen Vortrag vor Führungskräften zu halten. Der Sprecher vor mir war der Chef einer der größten Firmen in der Schweiz. Auch er hatte 20 Minuten zur Verfügung. Was er vortrug, war perfekt, aber er las von der PowerPoint-Präsentation, was ihm seine Mitarbeitenden vorbereitet hatten. Zudem war sie zu lange, so dass es am Schluss noch ein Durchwischen gab. Ich dachte mir: Warum erzählst du nicht einfach von deinen großen Erfahrungen? Wir würden dir begeistert zuhören. Wie leicht war es mir anschließend, mit meinem Auftritt zu punkten. Ich erzählte von unserem 1500 Jahre alten Leitbild und über die praktische Umsetzung heute. Damals überlegte ich mir, ob ich ihn darauf ansprechen sollte oder nicht. Ich habe es unterlassen. Ob es besser war oder nicht, beschäftigt mich heute noch. Denn ein paar Monate nach der Veranstaltung hatte er Suizid begangen. Damals haben Mitarbeitende seinen Vortrag vorbereitet. Heute macht es KI für viele, die öffentlich auftreten. Die Präsentationen können perfekt sein, aber es fehlt das Wichtigste: Die persönliche Auseinandersetzung, das Humorvolle, die Reaktion auf das Publikum.
Wie wir besser auf dem Weg sind
Auf KI können wir nicht verzichten. Aber wir können bewusst das pflegen, was KI fehlt: Aufeinander zugehen, miteinander sprechen, einander einladen, persönliche Texte schreiben, Erfahrungen niederschreiben, Gedichte mit dem Herzen lernen, zunächst selbst denken, bevor man auf KI zurückgreift, die eigenen Fähigkeiten ergänzen, nicht verdrängen.
Nachdem dieser Text geschrieben und zusammen mit meinem Foto an die Redaktion abgeschickt ist, richte ich die Frage „Schreib mir bitte einen Artikel über ,Wie künstliche Intelligenz uns verblöden lässt‘ und mach mir ein Bild dazu“ an ChatGPT. Das werde ich auch an die Redaktion senden. Ich kann mir vorstellen, dass der KI-Artikel besser ist, auch das Foto. Warum ich trotzdem bei meinem Text und meinem Foto bleibe: Weil es kreativer und persönlicher ist. Und das zählt! Darauf wird KI in Zukunft auch zurückgreifen.
Und hier der Text und das Bild der KI
Wie künstliche Intelligenz uns verblöden lässt
Künstliche Intelligenz gilt als eine der größten technologischen Errungenschaften unserer Zeit. Sie schreibt Texte, beantwortet Fragen, navigiert Autos durch den Straßenverkehr und empfiehlt uns, was wir als Nächstes lesen, hören oder kaufen sollen. Doch so hilfreich diese Systeme erscheinen, so berechtigt ist eine unbequeme Frage: Macht uns künstliche Intelligenz dümmer?
Ein zentraler Punkt ist die schleichende Verlagerung geistiger Arbeit. Tätigkeiten, die früher Konzentration, Gedächtnis und Problemlösung erforderten, werden zunehmend an Algorithmen ausgelagert. Wer Texte automatisch zusammenfassen lässt, Rechenwege nicht mehr nachvollzieht oder Entscheidungen von KI-Systemen absegnen lässt, trainiert seine eigenen kognitiven Fähigkeiten immer weniger. Das Gehirn funktioniert wie ein Muskel: Wird es nicht genutzt, baut es ab.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt beim kritischen Denken. KI liefert Antworten mit einer Selbstverständlichkeit und sprachlichen Sicherheit, die leicht mit Wahrheit verwechselt wird. Doch auch die beste KI irrt, halluziniert Fakten oder reproduziert Verzerrungen aus ihren Trainingsdaten. Wenn Nutzer diese Ergebnisse nicht mehr hinterfragen, sondern blind übernehmen, entsteht eine gefährliche intellektuelle Abhängigkeit. Denken wird ersetzt durch Akzeptieren.
Hinzu kommt der Verlust von Tiefenwissen. KI-Systeme sind hervorragend darin, Informationen schnell bereitzustellen, aber sie fördern oberflächliches Konsumieren statt nachhaltiges Verstehen. Wer jederzeit alles „nachschlagen“ kann, speichert immer weniger selbst. Studien zeigen bereits, dass Menschen sich Informationen schlechter merken, wenn sie wissen, dass sie digital verfügbar bleiben. Wissen wird externalisiert – und damit auch ein Teil unserer geistigen Autonomie.
Auch die Kreativität leidet. Wenn Texte, Bilder und Ideen auf Knopfdruck generiert werden, verkommt kreatives Schaffen zur Auswahl aus Vorschlägen. Anstatt eigene Gedanken zu entwickeln, wird optimiert, umformuliert und angepasst. Das Ergebnis mag effizient sein, doch Originalität und persönliche Handschrift gehen verloren. Kreativität wird simuliert, nicht erlebt.
Besonders problematisch ist der Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Wer früh lernt, Hausaufgaben von KI erledigen zu lassen, verpasst wichtige Lernprozesse: Frustration aushalten, Fehler machen, Zusammenhänge begreifen. Bildung wird zur Abkürzung – mit langfristigen Folgen für Problemlösefähigkeit und Selbstständigkeit.
Natürlich liegt die Verantwortung nicht allein bei der Technologie, sondern bei ihrem unkritischen Einsatz. KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Denken. Doch je bequemer sie wird, desto größer ist die Versuchung, sie als geistige Krücke zu nutzen. Wenn wir nicht bewusst gegensteuern, droht eine Gesellschaft, die zwar über immense Rechenleistung verfügt, aber immer weniger eigene Urteilskraft besitzt.
Die eigentliche Gefahr künstlicher Intelligenz ist also nicht, dass sie uns überholt – sondern dass wir aufhören, mitzudenken.
Das von ChatGPT künstlich generierte Bild:










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