Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

Vom Mut, alleine zu stehen

März 2026

Simon Geissbühler ist Schweizer Botschafter in Tel Aviv – und studierter Historiker. In seinem jüngsten Buch „Der eigenen Stimme folgen – gegen den Strom“ widmet sich der 53-Jährige „Renegaten, Outlaws und Einzelgängern der Freiheit“. Geissbühler sagt im Interview, dass es in unserer heutigen Zeit mehr und mehr Mut brauche, alleine zu stehen und eine eigene Meinung zu haben. Er sagt auch: „Mich sorgt dieses freiwillige und bisweilen gar enthusiastische Mitheulen mit den Wölfen.“ 

Herr Botschafter, Herr Geissbühler, wie kommt man auf die Idee, „Renegaten, Outlaws und Einzelgängern der Freiheit“ ein Buch zu widmen? 
Ich habe das Buch als Privatperson geschrieben, nicht als Diplomat und nicht als Botschafter. Aber es gibt einen Bezug zu meiner schönen, aber herausfordernden Arbeit: Meiner Meinung nach wäre es für jede Organisationseinheit äußerst wichtig, Widerspruch als etwas Positives zu sehen. Als ich noch Chef der Abteilung Frieden und Menschenrechte war, und wir bestimmte Themen zu diskutieren hatten, habe ich einem Kollegen stets die Aufgabe zugewiesen, ganz bewusst die Gegenposition einzunehmen. 

Warum?
Damit ich mich spiegeln kann, damit ich besser werde, damit ich meine Argumente schärfen kann. 

Zu den Renegaten, Outlaws und Einzelgängern …
Diese Figuren treiben mich schon lange um. Denn dahinter stecken alte philosophische Fragen: Wie können Individuen zu ihrer eigenen Stimme finden, wie können sie ihren eigenen Weg finden im Leben? Wie können sie aushalten, einmal nicht so wie die Masse zu sein? Mich treibt da auch das persönliche Interesse, wie meine beiden Söhne, wenn sie denn erwachsen sind, mit dieser Thematik umgehen werden.

Und was ist da gegenwärtig zu beobachten?
Mich sorgt dieses freiwillige und bisweilen gar enthusiastische Mitheulen mit den Wölfen. Mich sorgt dieses Mitschwimmen im Mahlstrom und diese Unterwerfung unter immer striktere sozio-digitale Kontrollen aus freien Stücken oder zumindest ohne echten Widerstand. Wir machen uns oft nicht einmal die Mühe, uns zu überlegen, in welches Netz der Abhängigkeiten und der Überwachung wir uns begeben, wenn wir soziale Medien benutzen. Es ist das Ende der Privatsphäre. Aber wir wollen dazugehören, mitschwimmen, und sind uns gar nicht mehr bewusst, wie viel Freiheit wir damit verlieren. 

Sie stellen selbst die Frage: Ist der Einzelgänger der letzte freie Mensch – aber zugleich sozial geächtet? 
Das ist natürlich eine zugespitzte Frage. Zum Glück können wir in unseren freiheitlich-demokratischen Gesellschaften noch abweichende Meinungen haben. Wir können noch alleine stehen. Aber es braucht heutzutage mehr Mut, eine eigene Meinung zu haben. Denn unter Umständen haben wir einen hohen Preis dafür zu zahlen. Wie schnell werden heute doch Menschen auch aus Freundeskreisen aussortiert, nur weil sie eine andere Meinung haben. Das ist eine Entwicklung, die mich beunruhigt. Der Einzelgänger ist sozial nicht mehr erwünscht.

Obwohl es ja, wie Sie an einer Stelle im Buch schreiben, „sehr schön sein kann, dort zu schwimmen, wo niemand oder nur wenige schwimm“. 
Ich sage nicht, dass die Masse immer und überall irrt. Sie kann auch ihre guten Seiten haben. Aber es ist doch wichtig, zumindest ab und zu einmal gegen den Strom zu schwimmen und neue Ufer zu entdecken. Um innovativ zu sein, um kreativ zu sein, um Neues zu denken, wird man sich als Einzelgänger gegen diesen Mainstream stellen müssen. Wer immer nur die Meinung von jemand anderen übernimmt, wer nicht bereit ist, seine eigene Meinung zu entwickeln, der wird im Mainstream steckenbleiben. Denn es ist im Leben ja meistens so: Die wirklich wichtigen, die schönen Sachen, die bekommen sie nicht einfach auf dem Silbertablett serviert. Die müssen sie sich schon erarbeiten. 

Was ist der Einzelgänger, was ist der Outlaw, was der Renegat? Was sind die jeweils? 
Der Renegat ist ein Rebell, ein Abtrünniger, der sich aus eigenem Antrieb von der Masse absondert. Er findet aktiv seine Voice und den Exit. Der Outlaw sucht das nicht unbedingt, er wird vielmehr von der Masse ausgestoßen, als jemand, der sich nicht an die Gesetze und an den Mainstream hält. Der Outlaw wird also in diese Position gedrängt. Auch er hat seine eigene Voice. Und der Einzelgänger der Freiheit? Der Einzelgänger ist ein Mensch, der alleine ist und auch einzeln sein kann. Er ist jemand, der nicht mitmarschiert, der nicht mitschwimmt, der sich unter Umständen auch gar nicht groß äußert. Der Einzelgänger wählt die innere Emigration. Er kann, muss aber nicht unbedingt seine Voice finden. 

Sie sprechen von Voice und Exit und meinen damit?
Das ist ein Konzept von Albert O. Hirschman, einem US-amerikanisch-deutschen Soziologen. Voice bedeutet in Hirschmans Sinn, dass man seine eigene Stimme findet und damit gegen etwas anspricht, Exit bedeutet, aus der Masse herauszutreten. Der Renegat, der Outlaw, der Einzelgänger, sie sind keine Schauspieler. Sie setzen sich nicht in Szene, weil es gerade cool ist oder weil es sich vielleicht sogar rechnet, anders zu sein. Ein solcher Typus zu sein, verlangt nach mehr, als nur im geschützten Rahmen zu sagen, was man denkt.

All diese Figuren, schreiben Sie, seien eines mit Gewissheit nicht: Ein Contrarian. 
Es ist wichtig, diese drei Typen von der Figur des Contrarians zu unterscheiden. Denn der Contrarian ist jemand, der aus Prinzip immer eine Gegenposition einnimmt. Und das sehr laut. Ohne Namen zu nennen: Wir kennen das in unseren politischen Systemen. Wir kennen Menschen in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland, deren Grundprinzip die Opposition ist. Es geht ihnen weniger um Substanz, weniger um Inhalte, sondern einzig darum, eine Nische im Meinungsmarkt zu besetzen. Sie sind wehleidig und schnell beleidigt, sind aus purer Lust am Streit und am pfauenhaften Sich-Abheben immer reflexartig dagegen. Und: Sie stehen gerne im Scheinwerferlicht, beklagen die fehlende Meinungsäußerungsfreiheit, erhalten aber als angebliche Gegenstimme immer wieder eine Plattform. Ich grenze diese Menschen also ab von meinen drei Figuren. Denn ich möchte wirklich nicht, dass diese Contrarians das Gefühl haben, dass ich ihnen mit diesem Buch gewissermaßen politische oder philosophische oder eine wie auch immer geartete Rückendeckung gebe.

Nun denken Sie diese Einzelgänger im Zusammenhang mit drei Megatrends, die unsere Gegenwart und auch die nähere Zukunft prägen werden. Welche Trends sind das?
Erstens: Die globalen geostrategischen tektonischen Verschiebungen. Zweitens: Der auch damit verbundene Aufstieg autokratischer Systeme. Und drittens: Die sozialen Medien, im Besonderen die Künstliche Intelligenz. Gerade Künstliche Intelligenz wird im Sinne unseres Gesprächs zu einer sehr, sehr großen Herausforderung für den Menschen. Können wir in einer Welt, die von künstlicher Intelligenz derart stark dominiert wird, überhaupt noch Individuen sein? Wer würde in dieser modernen Welt noch gegen den Strom schwimmen wollen? Wer würde da abweichen und anders denken und sein wollen? Diese drei Trends haben Gemeinsamkeiten: Sie verunsichern die Menschen, sie machen auch Angst und sie bedrohen aus meiner Sicht das Individuum und auch unsere Freiheit. 

Und wenn Angst herrscht, dann setzt Ihnen zufolge „der Herdentrieb“ ein.
Ganz genau. Mit den Wölfen zu heulen, tut gut. Und wer mit den Wölfen heult, glaubt gar irgendwann, selbst ein Wolf zu sein. Denn die Masse gibt Halt. Das kann sogar in einem autoritären Regime der Fall sein. Wenn wir 1984 lesen oder Schöne neue Welt oder Fahrenheit 451, dann sehen wir solche dystopische Gesellschaften, in denen das Individuum komplett verschwindet. Alle werden gleichgeschaltet. Ich sage nicht, dass wir in einem solchen System sind, ich möchte nicht übertreiben, ich bin auch kein Kulturpessimist. Denn wir haben die Möglichkeiten, uns zu ändern. Wir haben die Möglichkeit zum freien Willen. Auch wenn es schwieriger wird. 

Ihr Buch ist auch ein Plädoyer gegen Sprech- und Denkverbote und damit – beispielsweise – gegen die sogenannte Wokeness. 
Ja. Ich sehe, um mit Josef Joffe zu sprechen, die Errungenschaften der Aufklärung bedroht. An die Stelle intellektueller Offenheit sind in dieser woken Bewegung starre und vereinfachende Denkmuster getreten. Das Individuum wird im Mahlstrom der Identitätspolitik weggespült. Wir nehmen das primär auf der politisch linken Seite wahr. Doch auch rechts, also auf der Gegenseite, sind Widerspruch und Debatten nicht gefragt, wird Perspektivenvielfalt erstickt und Homogenität im kollektiven Denken zelebriert. Diese Uniformität ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Sie bedroht die Freiheit. Wer dem Gruppendenken nicht folgt, wird da wie dort exkommuniziert und geächtet.

Ungewöhnlich ist, dass Sie in Ihrem Buch diese Figuren des Renegaten, Outlaws und Einzelgängers illustrieren – und zwar anhand von literarischen, historischen und gegenwärtigen Beispielen. Sprechen wir kurz über ein literarisches Beispiel?
Als Schweizer muss ich fast Wilhelm Tell nennen. Schillers Wilhelm Tell, aus seinem Drama von 1804. Dort erscheint Tell zuerst als Einzelgänger, der dann zum Outlaw und zum Renegaten der Freiheit wird, bevor er sich wieder in die Berge zurückzieht. Weil seine persönliche Freiheit bedroht wird, tötet Tell den Reichsvogt Gessler. Das ist zwar der Beginn der Revolution, aber Tell will nicht Teil der revolutionären Masse sein. 

Und ein gegenwärtiges Beispiel? Eine reale Figur?
Da würde ich am liebsten Herta Müller nennen, die Schriftstellerin, die Nobelpreisträgerin. Müller, 1953 in einem deutschsprachigen Gebiet von Rumänien geboren, ließ sich vom kommunistischen Regime nicht vereinnahmen. Sie weigerte sich, mit dem Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten, wurde deswegen sozial und persönlich geächtet, blieb aber immer in dieser Position des Widerstands und Widerspruchs. Es war ein sehr hoher Preis, den sie dafür zahlen musste. Was an Herta Müller aber auch beeindruckt, ist ihr sehr feines Verständnis, was Freiheit bedeutet. Sie, die Unfreiheit erfahren hat, kritisiert ja auch unsere Gesellschaften. Ihr zufolge ist für uns Freiheit so selbstverständlich, dass wir nicht verstehen, dass sie immer bedroht ist. Von Herta Müller stammt übrigens das Zitat: ‚Das Leben ist einfacher, wenn man nicht viel weiß und stattdessen eine Meinung hat. Es muss nicht einmal die eigene sein, man übernimmt sie unter Konformitätsdruck.‘

Sie schließen im Buch mit einer Anleitung, um gegen den Strom schwimmen zu lernen. Was also hat der Mensch zu tun? Was hat der Einzelne zu tun?
Wir können nicht erwarten, dass jetzt alle Menschen zu Renegaten, Outlaws und Einzelgängern der Freiheit werden. Das ist weder realistisch, noch wäre das mein Anspruch. Die Message ist eine andere: Wer mit Mut, Neugier, Offenheit an die Sachen herangeht, hat eine gute Chance, seine eigene Stimme und seinen eigenen Weg im Leben zu finden. Meine Hoffnung ist also, dass wir alle oder zumindest einige mehr von uns und vor allem junge Menschen den Mut fassen, ab und zu auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und eine eigene Meinung zu haben. Es kann sich lohnen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Simon Geissbühler, *1973 in Bern, ist seit August 2024 der Schweizer Botschafter in Israel. Nach seinem Studium in den USA und an der Universität Bern, wo er in Sozialwissenschaften promovierte, trat er im März 2000 in den schweizerischen diplomatischen Dienst ein. Neben der Diplomatie ist die Forschung seine Leidenschaft. Er hat mehrere Monografien und wissenschaftliche Artikel unter anderem zum Holocaust, zur amerikanischen Geschichte und Außenpolitik, Ukraine, Demokratie und Schweizer Politik und Geschichte publiziert.

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