
Österreichs beste Geschichten vom Scheitern
Warum ein Österreicher einst vom Eiffelturm sprang, in Stockerau versehentlich ein Heiliger gehenkt wurde und in Wien Kellner so unfreundlich sind, das beschreibt der Journalist Roland Gratzer in seinem amüsanten Buch „4000 Jahre Niederlagen. Österreichs beste Geschichten vom Scheitern“. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Grazer (43) über Verlierer, Volkszorn und historische Verklärungen, die bis in die Gegenwart wirken.
Herr Gratzer, wie kommt man eigentlich auf die Idee, unter dem Titel „4000 Jahre Niederlagen“ Österreichs beste Geschichten vom Scheitern zusammenzutragen?
Der ORF hat mich gebeten, auf FM4 etwas über die österreichische Geschichte zu machen, ich hab‘ mir überlegt, welchen Zugang ich wähle. Und bin dann relativ schnell auf die Niederlagen gekommen. Niederlagen bieten immer ein bisserl einen anderen Blickwinkel, nicht nur bei unbekannten, sondern auch bei bekannten Geschichten.
Sie schreiben im Vorwort: „Wir kennen die Helden der Geschichte. Aber sind es nicht die Verlierer, die wesentlich interessanter sind?“
Die haben mich immer schon mehr interessiert. Ein egoistischer Zugang …
Die Auswahl dürfte groß sein. Aber welches sind denn Ihre beiden liebsten Geschichten?
Ich mag den Koloman sehr. Der kam als Fremder vor rund tausend Jahren durch Stockerau, mutmaßlich aus Irland, und sie haben ihn gehenkt, weil sie ihn nicht verstanden haben. Der sprach zwar Latein, aber eben nicht die Landessprache. Erst später sind sie draufgekommen, dass sie da eher unabsichtlich einen Heiligen aufgehängt haben. Und dann ist da die Geschichte des Franz Reichelts, des vermeintlichen Erfinders des Fallschirms. Die mag ich besonders. Aber eigentlich hab ich die Geschichten alle sehr gern. Das ist ein bisschen wie bei Kindern. Wenn man mehrere hat, mag man alle (lacht).
Was hat dieser Franz Reichelt denn angestellt, dieser Beinahe-Erfinder des Fallschirms?
Reichelt war ein sehr erfolgreicher Schneider. Er ist mit 20 nach Paris gegangen, hat dort ein Modegeschäft in der Nähe der Pariser Oper aufgemacht, hat französisch gelernt, die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Er hat alles erreicht, was er erreichen konnte. Nur seinen großen Traum hat er sich nicht erfüllt: Den Fallschirm zu erfinden. Damals hat die Fliegerei grad angefangen, in Frankreich, vor allem in Paris war das ein sehr großes Thema. Und je mehr Menschen in damals noch sehr wackelige Flugzeuge gestiegen sind, desto mehr sind auch dabei gestorben. Und denen wollt‘ er das Leben retten.
Und deswegen?
Deswegen hat er einen Fallschirm geschneidert. Er hat ihn ausprobiert, ist vom Haus g’hupft, hat sich verletzt dabei, und trotzdem immer daran geglaubt, dass seine Erfindung Erfolg haben wird. Bis er dann am Ende des Tages, am 4. Februar 1912, auf dem Eiffelturm steht. Der Polizei hat er eigentlich angekündigt, dass er nicht springt. Er hatte allerdings sehr viele Reporter eingeladen. Und wie er da so steht und runter schaut und diese ganzen Kameras sieht, sagt er sich dann doch „Na, i spring jetzt runter“. Und ein paar Sekunden später ist er tot. Er wird dabei gefilmt und gilt als der erste Tote des Kinos. Man kann sich das heute noch auf YouTube anschauen. Es ist sehr schiach.
Sie ziehen nach jeder Geschichte ein kurzes Fazit, was man daraus lernen könne. Bei Reichelt lautet es: „Es ist wichtig, an sich selbst zu glauben. Aber es ist auch wichtig, dabei nicht zu sterben.“
Ich glaube, so kann man das relativ gut zusammenfassen. Man muss immer eine gewisse Balance finden …
An anderer Stelle heißt es: „Schon damals schafft jene Person Fakten, die am lautesten schreit.“ Oder: „Wir lieben Skandale, aber selten deren Verursacher.“ Geschichte ist also zugleich Gegenwart …
Ich befürchte: Ja!
Aber lernen wir tatsächlich aus der Geschichte?
Man sagt ja immer, wir lernen nichts aus der Geschichte. Aber oft ist es auch schwer, aus ihr zu lernen. Wir müssen Fehler mitunter erst selbst machen, um zu begreifen.
Ihr Buch schafft Wissen und ist dabei humorvoll geschrieben. 1191 wird Akkon belagert, sie schreiben: „Leopold muss aussitzen und auf Verstärkung warten. Perfekter Job für einen Österreicher.“
(lacht) Der Österreicher bleibt als letzter Befehlshaber übrig, er ist der Ranghöchste vor Ort, weil die anderen entweder bereits tot oder noch nicht da sind. Also sitzt er da und wartet vorsichtshalber. Aber es hat ihm dann auch nichts gebracht. Weil dann die großen Könige gekommen sind, zumindest zwei, der französische und der englische; der deutsche, der Barbarossa, ist ja unterwegs in einem Fluss ertrunken. Jedenfalls: Als die beiden kommen, ist er dann nix mehr wert, der Österreicher. Er hat trotz erfolgreicher Belagerung auch keine Beute bekommen. Aber das hat er dann dem Richard Löwenherz zurückgezahlt, indem er ihn eingesperrt und wahnsinnig viel Lösegeld erpresst hat. Späte Rache …
Apropos Leopold. Ihnen zufolge ist die Geschichte, wie es zu Österreichs rot-weiß-roter-Fahne kam, falsch. Fake-News quasi …
Ich selbst habe noch in der Schule gelernt, dass Leopold in dieser Schlacht von Akkon heldenhaft gekämpft habe. Und als er nach der Schlacht seinen Gürtel vom blutgetränkten Gewand abgenommen habe, sei ein weißer Streifen sichtbar geworden. Blut-weiß-blut quasi. Rot-weiß-rot. In Wahrheit stammt die Farbkombination von einer adeligen Familie noch vor den Babenbergern. Oder eventuell aus Kärnten. So genau weiß man das nicht. Aber die Leopold-Legende ist jedenfalls falsch. Aber wen kümmert das schon …
Der Gute hat sich dort also wirklich nicht sonderlich hervorgetan?
Es gibt einen Satz, den ich als Freund der Geschichte ungern sage, aber: Wir waren ja nicht dabei. Aber wie ich den Löwenherz einschätze, hat er den Österreicher wirklich nicht viel machen lassen.
Ein anderer Befehlshaber stirbt in einer Schlacht, Sie konstatieren: „Das Engagement der Führungskräfte an der tatsächlichen Arbeit ist damals viel höher gewesen als heute …
Ist mein Eindruck, muss ich ehrlicherweise sagen. Da sind viele bei Belagerungen und Schlachten und so weiter ganz vorne mitmarschiert. Die haben nicht im Hintergrund gewartet und dann eine Sitzung gemacht darüber, wer schuld ist und so.
Und Sie wollen den Grund gefunden haben, warum Kellner in Wien so unfreundlich sind!
Das habe ich interessant gefunden, dieses Überbleibsel aus dem Mittelalter. Die höchsten Ämter am Hof in Wien hatten über Jahrhunderte hinweg Titel, mit denen einst Kellner bezeichnet worden waren – Mundschenke oder Truchsesse. Und wenn’s dann eine adelige Hochzeit oder ein großes Fest gegeben hat, haben diese Hochadeligen plötzlich ihren tatsächlichen Job machen und Wein einschenken müssen. Ich finde das nach wie vor total faszinierend, dass Adelige, die ja von Geburt an nix arbeiten, dann doch irgendjemandem, der noch höhergestellt ist, was einschenken müssen. Ich glaube, dass die Kellner in Wien im Geiste immer noch Adelige sind und dementsprechend unfreundlich (lacht).
Und was kaum jemand weiß: Wir Österreicher haben uns schon vor 200 Jahren mit der Künstlichen Intelligenz beschäftigt!
Ja, indem wir’s fälschen! (lacht) Der Schachtürke, ein Roboter mit Turban, war die erste Künstliche Intelligenz der Welt. Möchte man meinen. Er war die Erfindung eines österreichischen Tausendsassas namens Wolfgang von Kempelen. Der hat auch sonst viele gute Sachen erfunden. Doch der Schachtürke war seine Krönung: Der hat wahnsinnig gut Schach gespielt. Sein Geheimnis war nur, dass in ihm ein echter Mensch gesessen ist, der mit fein konstruierten Hebeln und Magneten die Schachfiguren bewegt hat. Trotzdem war es eine wahnsinnig gut gebaute Maschine, eine sehr große Ingenieursleistung. Aber es war natürlich alles erstunken und erlogen. Es war ein Fake. Die erste denkende Maschine der Welt – und wir reden vom späten 18. Jahrhundert – war: Ein glatter Betrug.
Ist dieser nonchalante Umgang mit Niederlagen eigentlich eine Eigenheit Österreichs?
Jede Nation, jede Kultur hat ihre Niederlagen. Das Spannende am österreichischen Zugang zum Thema Niederlage ist nur, dass wir sie sehr oft verkehren – zu einem moralischen Sieg. Und gerade darin sind wir richtig gut. Wir sagen: Eigentlich haben wir ja den Fallschirm erfunden, auch wenn der Erfinder in den Boden vorm Eiffelturm gekracht ist. Und eigentlich und eigentlich und eigentlich. Wir reden uns unsere Niederlagen sehr gut schön. Und je schöner wir uns unsere Niederlagen reden, desto weniger lernen wir daraus.
Wenn man die Jahrhunderte Revue passieren lässt, erkennt man auch Österreichs einstige Größe, Österreichs einstige Bedeutung. Und fühlt nostalgischen Schmerz …
Ähm. Ja. Wahrscheinlich schon. Wir waren natürlich schon einmal weitaus größer. Das Bizarre: Wir haben nach dem Ersten Weltkrieg den Großteil unserer Industrie und den Großteil unserer Landwirtschaft verloren- Aber die Verwaltung des einstmals riesigen Imperiums haben wir uns behalten. Das war das Einzige. Wir haben sehr viel Verwaltung. Und dieser Verwaltungsgeist zieht sich durch alle Bundesländer …
Und der nostalgische Schmerz?
Wahrscheinlich leiden wir immer noch ein bisschen drunter, aber es wird langsam wirklich Zeit, dass wir es akzeptieren. Man könnte sich ja auch sagen: Wir sind ja Mitglied der EU, also eigentlich eh ein Teil eines sehr großen Reiches (lacht). Man muss halt auch manchmal ein bisserl mit der Zeit gehen und die Einstellung ein bisserl ändern.
Es ist viel historische Verklärung in Österreich zu beobachten.
Diese historische Verklärung gibt es in jedem Land. Unsere Historie ist zwar oft nicht so schön, also ein bisschen schwieriger zu verklären. Aber da sind die Franzosen nix besser. Oder die Engländer. Oder, oder, oder.
Auch zwei Vorarlberger Episoden schafften es in ihr Buch: Die Schwabenkinder …
Eine sehr vergessene Form der Kindersklaverei …
Und aus der anderen Vorarlberger Episode lernt man, dass man in unserem Bundesland ein Schiff nicht unbedingt nach einem Wiener Politiker taufen sollte.
Sagen wir doch: Ein österreichischer Politiker (lacht). Er war ja beides. Die sogenannte Fußach-Affäre war jedenfalls die größte Erhebung des Vorarlberger Volkszorns, die es jemals in der Geschichte gegeben hat. Und eine der schönsten Konsequenzen aus meiner Meinung war: Dass die Schifftaufe auf den Namen Vorarlberg dann erst später passiert ist, auf einem kleinen Modell in der Werft in Korneuburg, weil man sich als Wiener Politiker anscheinend nicht mehr nach Vorarlberg getraut hat.
„Manchmal sind Niederlagen wirklich wichtig, und wir sollten nie vergessen, dass auch die Bösen immer wieder mal verlieren.“ Ist dieser Satz, im Vorwort geschrieben, zugleich ein Fazit unseres Gesprächs?
Es ist vielmehr Hoffnung als Fazit. Irgendwer verliert immer. Und im Idealfall verlieren die Richtigen. Diese Hoffnung soll man niemals aufgeben, egal, wie oft die Guten vorher schon verloren haben.
Eins noch. Sie sagen, Ihr Buch habe sein Ziel erreicht, wenn man nach dem Lesen was sagt?
Wenn man sagt: „Bist du deppat, is’ des arg, das muss ich wem erzählen!“ (lacht). Man könnte sagen, das ist die Grob-Philosophie meiner Arbeit, egal, ob ich nun Radio mache oder Theater oder ein Buch schreibe oder was auch immer. Also bitte: Versinken Sie in der Geschichte, lesen Sie nach, es gibt noch wahnsinnig viel zu erfahren und erzählen!
Und welches Fazit würden Sie ziehen?
Ein sehr österreichisches: Es geht sich immer irgendwie aus.
Vielen Dank für das Gespräch!
Lesetipp!
Roland Gratzer, „4000 Jahre Niederlagen. Österreichs beste Geschichten vom Scheitern“, ecoWing, Salzburg-Wien, 2026.
Zur Person
Roland Gratzer , *1983 in Graz, ist Radiomoderator auf FM4 und Ö1, Journalist, Schauspieler, Künstler, Festivalveranstalter und Drehbuchautor. Er lebt in Wien. Seine FM4-Serie „4000 Jahre Niederlagen“ hat 2025 den Radiopreis der Erwachsenenbildung gewonnen.








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