
Betreuung durch die Mutter oder in der Kinderkrippe?
Unsere Wirtschaft sucht händeringend nach Arbeitskräften. Dafür sollen möglichst viele Menschen einer bezahlten Arbeit nachgehen. Gerade für Familien mit jungen Kindern stellt das eine Herausforderung dar, weshalb große Anstrengungen unternommen werden, schon möglichst früh Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten, damit vor allem junge Mütter arbeiten gehen können. Was bedeutet das alles für die Kinder?
Ich bin meiner Frau bis heute dankbar, dass sie für die Erziehung unserer Töchter zuhause blieb. Überrascht hat mich allerdings in der Zeit, als unsere Töchter aufwuchsen, die immer wieder zu hörende Meinung, dass es für das Sozialverhalten von Kindern unverzichtbar wäre, möglichst früh in eine Kinderbetreuungseinrichtung zu kommen. Nach der Ansicht vieler Menschen, denen wir damals in Innsbruck begegnet sind, wäre es ein Verlust für junge Kinder und deren Zukunft, wenn sie sich nicht in eine große Gruppe gleichaltriger Kinder integrieren müssten, um zu lernen, wie man sich sozial verhält.
Die eben geschriebenen Sätze mögen für manche Leser vielleicht wie eine Fiktion oder gar Satire klingen, sie sind aber vollkommen ernst gemeint. Heute wird in vielen Ländern nicht mehr in Jahren nach der Geburt gerechnet, sondern in Wochen oder Monaten, nach denen die Kinder in eine Betreuungseinrichtung sollen. Keine Sorge, als Volkswirt verstehe ich die entsprechenden Gründe. Es geht um materiellen Wohlstand (zwei Verdiener sind besser als einer) sowohl auf individueller als auch auf der Makroebene der Volkswirtschaft. Auch aus Sicht der Einkommensgerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gibt es gute Gründe, eine möglichst kurze Unterbrechung der Erwerbstätigkeit von Frauen nach der Geburt von Kindern zu unterstützen. Viele Studien sprechen von einer „Child penalty“ für Frauen. Damit ist gemeint, dass sich die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen mit der Geburt des ersten Kindes einstellen und Frauen danach nie wieder aufholen. Zwar habe ich vor einem Jahr an dieser Stelle berichtet, dass es mittlerweile auch Zweifel an der Existenz dieser „Child penalty“ gibt, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Bleibt vorläufig die gängige Meinung vieler Ökonomen – und auch der meisten Politiker –, dass eine möglichst kurze Erwerbsunterbrechung ein Vorteil für Frauen wäre.
Beim Studium der entsprechenden Literatur ist mir allerdings immer wieder aufgefallen, dass bei der Diskussion um die „Child penalty“ kaum einmal über den ersten Teil dieses Begriffs gesprochen wird, nämlich das Kind. Die Untersuchung, ob sich die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen dadurch verringern lassen, dass Frauen möglichst schnell nach der Geburt wieder arbeiten gehen, lässt die kindliche Entwicklung in der Regel außen vor. Vielleicht aber macht es doch einen Unterschied aus, ob ein Kind in einer Kinderkrippe oder zuhause bei einem Elternteil, also fast immer der Mutter (weil Väter unabhängig von der Geburt meist normal weiterarbeiten), aufwächst.
Fangen wir gar nicht erst die Diskussion an, ob ein Kind die ersten drei oder gar sechs Jahre zu Hause erzogen wird, sondern betrachten wir einfach nur das erste Lebensjahr und schauen uns an, ob es einen Unterschied für die Entwicklung von Kindern ausmacht, ob eine Mutter etwas mehr als ein halbes Jahr oder doch ein bisschen länger für die Erziehung ihres Kindes zuhause bleibt. Diesen Effekt zu messen, ist nicht ganz einfach, aber eine dänische Studie von Mikkel Aagaard Houmark und weiteren Koautoren macht es möglich. Sie untersuchten auf der Basis von über 40.000 Kindern, wie sich eine Änderung der Karenzierungsregeln in Dänemark im Jahr 2002 auswirkte. Bis Ende 2001 konnten Frauen nach der Geburt 24 Wochen gut bezahlt in Karenz gehen (während ab Woche 25 spürbare Abschläge anfielen). Ab 2002 wurde diese Frist auf 46 Wochen verlängert. Das führte dazu, dass Mütter von Kindern, die 2001 geboren wurden, im Schnitt 8,3 Monate zuhause blieben, dieser Wert für die Mütter mit Neugeborenen im Jahr 2002 aber auf 9,7 Monate anstieg. In Dänemark steigen nach der Karenz fast alle Frauen wieder in den Beruf ein und die Kinder bekommen einen garantierten Platz in einer staatlichen Kinderbetreuungseinrichtung. Dort sind die Betreuungsverhältnisse außergewöhnlich gut, weil es im Schnitt nur drei bis vier Kinder pro Erzieherin sind. Warum sollte es also einen Unterschied ausmachen, dass die Mütter nach der Reform ein bisschen länger bei ihrem Kind blieben, angesichts der hochwertigen staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen?
Die Daten sprechen eine sehr deutliche Sprache. Im Alter von 13-14 Jahren werden alle dänischen Schulkinder zu ihrer Persönlichkeit, ihrem Verhalten und ihrem Wohlbefinden ausführlich befragt. Die Jugendlichen, deren Mütter durch die Reform im Schnitt 1,4 Monate länger bei ihrem (zu diesem Zeitpunkt circa neun Monate alten Baby) blieben, waren im Alter von 13-14 Jahren emotional stabiler, sozialer und hilfsbereiter, besser konzentriert und fühlten sich in der Schule und in ihrem Leben deutlich wohler. Sie versäumten weniger Schultage und hatten deutlich weniger psychische Diagnosen (was in Dänemark mit ärztlichen Daten belegt werden kann, also nicht auf Befragungen basiert).
Wenn aber in Dänemark, wo frühkindliche Betreuungseinrichtungen von gut bezahlten Erzieherinnen geleitet werden und wo das Betreuungsverhältnis im internationalen Vergleich ganz ausgezeichnet ist, schon eine kleine Verlängerung der Zeit, in der Babys in ihrem ersten Lebensjahr von der Mutter zuhause erzogen werden, solch positive Folgen fast 15 Jahre später hat, fragt man sich, warum das in anderen Ländern mit weniger guten Betreuungseinrichtungen nicht auch der Fall sein sollte. Nur zur Abrundung: Praktisch dieselben Ergebnisse sind auch für Italien belegt.
Für Österreich kenne ich keine Studie, die methodisch vergleichbar wäre.









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