Matthias Sutter

*1968 in Hard, arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik, ist Direktor am Max Planck Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war davor auch an der Universität Göteborg und am European University Institute (EUI) in Florenz tätig.

Kann man nur auf Kosten anderer etwas gewinnen?

September 2026

Manche Menschen sind der Ansicht, dass jemand nur dann etwas gewinnen kann, wenn jemand anderer etwas in gleicher Höhe verliert. Diese Form des Nullsummendenkens nimmt zu, und das vor allem bei jungen Menschen. Woher kommt dieses Nullsummendenken und welche Folgen hat es?

Es gibt Situationen im Leben, wo der Gewinn des einen der Verlust des anderen ist. Im Juli ging beispielsweise die Fußball-Weltmeisterschaft zu Ende, in der es ab der Runde der letzten 32 Mannschaften nur mehr Ausscheidungsspiele gab. Wer ein Spiel gewann, kam eine Runde weiter, wer verlor, schied aus dem Turnier aus. Es ist aufgrund der Regularien unmöglich, dass beide Mannschaften in die nächste Runde kommen können. Mit anderen Worten handelt es sich in dieser Situation um ein Nullsummenspiel. In Wettbewerben, nicht nur im Sport, ist das häufig der Fall. Aber gilt das allgemein? Ist etwa das ganze Leben ein Nullsummenspiel? Trifft es zu, dass „Damit ich etwas gewinnen kann, musst du dasselbe verlieren“?
Donald Trump betrachtet den Welthandel offensichtlich mit einer solchen Einstellung. Seine Zoll- und Handelspolitik ist geprägt von der Maxime, dass die USA nur dann etwas, nämlich Wohlstand, gewinnen können, wenn andere Länder diesen Wohlstand verlieren. Internationaler Handel ist aber etwas ganz anderes als ein Ausscheidungsspiel bei einer Fußballweltmeisterschaft. Seit fast 200 Jahren ist bekannt und bewiesen, dass internationaler Handel alle Beteiligten reicher machen kann. Dies liegt daran, dass jedes Land relative Vorteile bei der Produktion verschiedener Güter haben kann, was dann aufgrund von internationaler Arbeitsteilung Gewinne für alle möglich macht. Trumps Ansichten sind also eindeutig falsch. Das bedeutet aber leider nicht, dass nur er einem fatalen Nullsummendenken anhängen würde. Ganz im Gegenteil.
Eine aktuelle Publikation von Stefanie Stantcheva von der Harvard Universität, gemeinsam mit weiteren Koautoren, belegt sehr nachdrücklich, dass Nullsummendenken in großen Teilen der USA, aber auch weltweit, stark verbreitet ist. Für die USA erhoben die Autoren das Vorliegen eines Nullsummendenkens mit dem Ausmaß der Zustimmung zu den folgenden Aussagen: „Wenn eine ethnische Gruppe in den USA reicher wird, dann bedeutet das in der Regel, dass eine andere Gruppe ärmer wird.“ „Wenn im internationalen Handel ein Land mehr Geld verdient, dann verdient in der Regel ein anderes Land weniger Geld.“ „Wenn eine Gruppe der Bevölkerung reicher wird, wird in der Regel eine andere Gruppe ärmer.“ „Wenn Einwohner der USA ohne amerikanischen Pass reicher werden, dann werden in der Regel Einwohner der USA, die amerikanische Staatsbürger sind, ärmer.“
Es zeigte sich in einer Stichprobe von über 20.000 Personen in den USA, die im Hinblick auf ihr Alter, Geschlecht, Einkommen und Herkunft repräsentativ für die gesamte USA sind, dass circa 30 bis 40 Prozent der Befragten diesen Aussagen zustimmen, während ein ungefähr gleich großer Anteil diese Aussagen ablehnen. Der Rest stimmt weder zu noch lehnt er eine bestimmte Aussage ab. Wer bei einer der Aussagen ein Nullsummendenken an den Tag legt, tut das meist auch bei den anderen Aussagen. Wenn man sich genauer anschaut, welche Personengruppen vor allem einem Nullsummendenken anhängen, dann zeigt sich, dass das häufiger zutrifft (i) bei jüngeren Menschen, (ii) bei ärmeren Menschen, (iii) bei Demokraten (im Gegensatz zu Republikanern), (iv) bei Afroamerikanern (vor allem im Vergleich zu Weißen oder Amerikanern asiatischer Herkunft) und (v) bei der Stadtbevölkerung (im Gegensatz zu Bewohnern ländlicher Gebiete). Außerdem beobachtet man mehr Nullsummendenken bei jenen Menschen, in deren Umgebung in ihren ersten 20 Lebensjahren weniger Wirtschaftswachstum zu verzeichnen war.
Menschen mit einem Nullsummendenken haben auch andere politische Präferenzen als jene, die ein Positivsummendenken haben. Letztere sind jene Personen, die daran glauben, dass man gemeinsam mehr schaffen kann, wodurch alle Seiten gewinnen können. Wer stark in einem Nullsummendenken verhaftet ist, unterstützt staatliche Umverteilung deutlich stärker und macht sich auch mehr für politische Programme stark, die benachteiligte Gruppen beziehungsweise Minderheiten durch sogenannte „positive Diskriminierung“ systematisch bevorzugen wollen, um Nachteile auszugleichen.
Die Befunde für die USA finden sich im Wesentlichen auch in einer internationalen Studie in 72 Ländern der Welt mit circa 190.000 Befragten wieder. Im sogenannten „World Value Survey“ gibt es eine Frage, bei der die Antwortskala von 0 bis 10 reicht. Null steht für Zustimmung zur Aussage „Menschen können nur auf Kosten anderer reich werden“ und 10 steht für die Aussage „Wohlstand kann zunehmen, sodass für jeden genug da ist“. Auch rund um den Erdball finden sich ungefähr gleich viele Menschen auf der oberen wie auf der unteren Seite dieser Skala. Die Antworten lassen sich dann auch mit der politischen Einstellung der Befragten in Zusammenhang bringen. Die politische Einstellung wird gemessen mit der Frage: „In politischen Dingen sprechen Menschen oft von links und rechts. Wie würden Sie Ihre eigene politische Einstellung auf einer Skala von 1 (links) bis 10 (rechts) einstufen?“ Dabei zeigt sich, dass sich Menschen mit einem Nullsummendenken viel häufiger als politisch links einstufen, während Menschen, die sich eher dem rechten politischen Spektrum zugehörig fühlen, häufiger ein Positivsummendenken zeigen.
Ein Positivsummendenken ist aber entscheidend dafür, dass jemand mit anderen kooperiert (wo auch immer sich diese politisch verorten). Denn Kooperation schafft Gewinne für alle Beteiligten. Deshalb ist es ein gesellschaftliches Problem, wenn immer mehr Menschen in Nullsummenspielen denken. Warum das so ist, beschreibe ich nächsten Monat in dieser Kolumne.

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