Matthias Sutter

*1968 in Hard, arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik, ist Direktor am Max Planck Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war davor auch an der Universität Göteborg und am European University Institute (EUI) in Florenz tätig.

Nit lugg lo!

April 2026

Man kann das Leben als einen Marathonlauf beschreiben, bei dem es ein stetes Auf und Ab gibt. Dabei hilft Durchhaltevermögen beziehungsweise die Fähigkeit, bei Widerständen oder Fehlschlägen nicht gleich aufzugeben. Bemerkenswerterweise hat das Durchhaltevermögen im Kindesalter eine gute Vorhersagekraft für das Erwachsenenalter.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben, wenn man Ihnen die folgende Frage stellen würde? Wie viel Durchhaltevermögen haben Sie bei einer schwierigen Aufgabe? Die Antwortmöglichkeiten würden von „gar keines“ bis „unendlich viel“ reichen. Vielleicht würde zwar niemand „unendlich viel“ als Antwort geben, denn wer hätte das schon wirklich? Aber wenn man sehr viel Durchhaltevermögen hat, dann ist das ein gutes Zeichen, und zwar in vielerlei Hinsicht, wie sich im Weiteren zeigen wird. Insbesondere geht ein hohes Durchhaltevermögen im Kindesalter mit einer höheren Ausbildung und mehr beruflichem Erfolg einher.
Vor einigen Jahren hat die Psychologin Angela Duckworth ein viel beachtetes Buch mit dem Titel „Grit: Die neue Formel zum Erfolg – Mit Begeisterung und Ausdauer zum Ziel“ geschrieben. Das englische Wort „grit“ hat viele Bedeutungen, darunter Mumm, Biss, Stehvermögen, Durchhaltevermögen oder auch Charakterstärke. In Duckworths Interpretation geht es vor allem um die Fähigkeit, auch gegen Widerstände ein bestimmtes Ziel hartnäckig verfolgen zu können, ohne schnell aufzugeben. In ihrem Buch schildert sie auch viele Erfolgsgeschichten von Sportlern oder Managern, die aufgrund ihrer Begeisterung für ein bestimmtes Ziel dieses auch gegen die härtesten Widerstände erreichen konnten. 
Bei Verhaltensökonomen spricht man in diesem Zusammenhang oft von Geduld, womit nicht ein passives Zuwarten verstanden wird, sondern der Verzicht auf eine kurzfristige Belohnung, um durch ein aktives Hinarbeiten eine größere Belohnung in der Zukunft zu erhalten; mit anderen Worten ein größeres Ziel in der Zukunft zu erreichen. In dieser Kolumne habe ich immer wieder über Geduld als Tugend und deren Bedeutung für langfristigen Erfolg in der Ausbildung und im Beruf geschrieben (und dazu gibt es auch mein Buch „Die Entdeckung der Geduld“). Heute möchte ich das wieder aufgreifen, weil eine aktuelle Studie aus Großbritannien aus meiner Sicht wieder einen eindrücklichen Beleg dafür liefert, wie wertvoll es ist, langfristige Ziele erreichen zu können und nicht zu schnell aufzugeben, selbst im Angesicht von zwischenzeitlichen Misserfolgen.
Eduardo Fe und Sabaa Jahangir von der Universität in Manchester untersuchten Daten von über 17.000 Personen, die in derselben Woche im April 1970 in Großbritannien geboren wurden. Diese Personengruppe bildet die „1970 British Cohort Study“, die seither in regelmäßigen Abständen befragt wurde, beispielsweise zu ihrer Ausbildung, ihrer Berufslaufbahn, Familiensituation oder Gesundheit. Im Alter von zehn Jahren wurde jede dieser Personen von ihren jeweiligen Lehrern im Hinblick auf ihr Durchhaltevermögen befragt.
Dazu hatten die Lehrer die eingangs gestellte Frage für jedes Kind in ihrer Klasse zu beantworten („Wie viel Durchhaltevermögen zeigt das Kind bei einer schwierigen Aufgabe?“) und zusätzlich noch eine Einschätzung darüber abzugeben, inwiefern sie der folgenden Aussage in Bezug auf das jeweilige Kind zustimmten: „Hält bei schwierigen oder Routinearbeiten durch“. Die Zustimmung konnte von „in keinster Weise“ bis zu „sehr viel“ angegeben werden. Beide Antworten der Lehrer führten in der Regel zu übereinstimmenden Einschätzungen eines Kindes.
Zuallererst untersuchten Fe und Jahangir, wovon das Durchhaltevermögen im Kindesalter abhängt. Dabei fanden sie heraus, dass Mädchen durchhaltiger als Burschen sind und dass intelligentere Kinder ebenfalls ein höheres Maß an Durchhaltevermögen haben. 
Im Hinblick auf die Mütter zeigte sich vor allem, dass Rauchen während der Schwangerschaft und überdurchschnittlich kurze (bis 37 Wochen) oder lange Schwangerschaften (über 42 Wochen) mit einer schlechteren Einschätzung der Lehrer über das Durchhaltevermögen des betreffenden Kindes einhergingen. Die Ausbildung der Mütter oder ihre Berufstätigkeit zeigten keinen Zusammenhang zum Durchhaltevermögen des Kindes. Das war anders für deren Väter: Jene mit höherer Ausbildung (von mindestens Hochschulreife) hatten „durchhaltigere“ Kinder. Letztere zeichneten sich während ihrer Schulzeit außerdem dadurch aus, dass sie mehr Zutrauen in die eigenen schulischen Fähigkeiten und Leistungen hatten. Das passte wiederum damit zusammen, dass die Kinder mit höherem Durchhaltevermögen mit höherer Wahrscheinlichkeit eine universitäre Ausbildung abschlossen (selbst wenn man den positiven Zusammenhang von Durchhaltevermögen und Intelligenz herausrechnet).
In beruflicher Sicht zeichneten sich die Personen mit höherem Durchhaltevermögen im Alter von zehn Jahren dadurch aus, dass sie im Alter von 26 Jahren von ihren Arbeitgebern als teamorientierter, geschickter im Umgang mit Zahlen und Computern, kommunikativer, problemlösungsorientierter und als eher bereit eingeschätzt wurden, neue Fähigkeiten zu erlernen. All das trug dazu bei, dass diese Personen dann im Alter von 51 Jahren (während der letzten Befragungswelle im Jahr 2021) mit höherer Wahrscheinlichkeit in Vollzeit arbeiteten (im Vergleich zu Teilzeit), weniger wahrscheinlich arbeitslos waren und häufiger eine Managementfunktion (also Personalverantwortung) hatten. 
Wer im Alter von zehn Jahren von seinen Lehrern als durchhaltiger eingeschätzt wurde, war also selbst vier Jahrzehnte später beruflich erfolgreicher. Wenn man in Vorarlberg jemandem „Nit lugg lo“ zuruft, dann ist das also ein guter Rat, weil es sich auszahlt, sich nicht aufzugeben.

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