David Stadelmann

* 1982, aufgewachsen in Sibratsgfäll, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow bei CREMA – Center for Research in Economics, Managemant and the Arts; Fellow beim Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST); Fellow beim IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues; Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University); Mitglied des Walter-Eucken-Instituts.

 

Präferenzverfälschung vor dem nackten Kaiser

April 2026
Die europäische Politik wirkt oft bemerkenswert selbstgewiss – und gleichzeitig erstaunlich erfolglos. Die Klimapolitik verursacht hohe Kosten, obwohl klar ist, dass hiesige Maßnahmen global nur sehr begrenzte Effekte entfalten. In der Verteidigungspolitik hielt man lange an der Illusion fest, Frieden lasse sich „ohne Waffen“ sichern. Auch in der Migrations- oder Regulierungspolitik zeigt sich ein ähnliches Muster: Fehlentwicklungen werden häufig nicht oder erst sehr spät erkannt.
Warum ist das so? Eine Erklärung liegt nicht nur in politischen Fehlanreizen, sondern auch im öffentlichen Diskurs. In manchen Debatten herrscht ein Meinungsklima, das von Intoleranz geprägt ist. Die Folge kann Präferenzverfälschung sein: Bürger sagen öffentlich nicht mehr das, was sie tatsächlich denken.
 
Gefühlte Einschränkung der Meinungsfreiheit
Umfragen deuten auf dieses Problem hin. Das Institut für Demoskopie Allensbach stellte im Oktober 2025 in Deutschland fest, dass nur 46 Prozent glauben, ihre politische Meinung frei äußern zu können, während 44 Prozent dies verneinen. Eine Gesellschaft, in der sich fast die Hälfte der Bürger in ihrer Meinungsäußerung eingeschränkt fühlt, hat ein offensichtliches Diskursproblem. Mehr noch: Zwar beklagen viele Bürger Einschränkungen der Meinungsfreiheit – zeigen selbst aber geringe Toleranz. In der Allensbach-Befragung wurde etwa die offensichtlich provokante Aussage „Homosexualität ist eine Krankheit“ vorgelegt. Fast die Hälfte der Befragten meinte, solche Aussagen sollten verboten werden. Der Gedanke, dass Meinungsfreiheit gerade auch für abgelehnte oder sogar abstoßende Positionen gilt, scheint vielen fremd.
In Krisenzeiten verengt sich der öffentliche Meinungskorridor zusätzlich. Wer während der Corona-Pandemie staatliche Maßnahmen kritisierte, wurde schnell als verantwortungslos etikettiert oder als „Querdenker“ – ein Begriff, der inzwischen weitgehend diskreditiert ist. Dabei braucht eine offene Gesellschaft solche „Querdenker“. Nicht, weil sie stets recht hätten, sondern weil sie alternative Perspektiven einbringen und so Fehlentwicklungen früher sichtbar machen können. In der Corona-Politik lagen manche Kritiker zwar in vielen Punkten falsch. Doch ihre grundsätzliche Kritik gegenüber einer als „alternativlos“ dargestellten Politik war keineswegs unberechtigt.
 
Präferenzverfälschung im öffentlichen Diskurs
Warum aber äußern sich so wenige Menschen offen? Die Politische Ökonomie bietet eine Erklärung: Präferenzverfälschung. Menschen äußern im öffentlichen Raum häufig nicht ihre tatsächlichen Überzeugungen, sondern passen ihre Aussagen an das wahrgenommene Meinungsklima an.
Aus autoritären Regimen ist dieses Verhalten gut bekannt. Wer in Russland offen gegen die Regierung auftritt, riskiert erhebliche Konsequenzen. Deshalb äußern viele Bürger öffentlich Loyalität gegenüber dem Regime, obwohl sie privat vermutlich anders denken. Doch Präferenzverfälschung ist kein ausschließlich autoritäres Phänomen. Auch in liberalen Demokratien kann sie auftreten. Die öffentliche Meinungsäußerung ist eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Drei Faktoren spielen eine Rolle.
1. Instrumenteller Nutzen: Man äußert eine Meinung, weil man hofft, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Für den einzelnen Bürger ist dieser Nutzen meist gering, weil der individuelle Einfluss klein ist.
2. Expressiver Nutzen: Das Gefühl, öffentlich „das Richtige“ gesagt zu haben, mag manche befriedigen. Für politisch engagierte Aktivisten kann dieser Nutzen hoch sein. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist er jedoch begrenzt.
3. Soziale Kosten durch Ächtung: Wer eine Meinung äußert, die als politisch problematisch gilt, riskiert soziale Ächtung. Menschen sind soziale Wesen. Sie reagieren sensibel auf solche Signale.
Das wahrgenommene Meinungsklima beeinflusst somit die öffentliche Meinungsäußerung, und die Diskrepanz zwischen privaten Präferenzen und öffentlicher Darstellung führt zu Präferenzverfälschung und öffentlicher Unwahrhaftigkeit. Öffentliche Debatten spiegeln dann nicht mehr die tatsächlichen Präferenzen der Bevölkerung wider. Politische Entscheidungen werden so auf der Grundlage verfälschter Meinungen oder Präferenzen getroffen, was mit potenziell erheblichen Wohlfahrtsverlusten verbunden ist.
 
Institutionen gegen die Präferenzverfälschung
Weil öffentliche Debatten auch in Demokratien zu Präferenzverfälschung neigen, kommt es auf politische Institutionen an. Sie können helfen, die Diskrepanz zwischen privaten Präferenzen und öffentlicher Darstellung zu verringern.
Ein klassisches Beispiel sind geheime Wahlen. Sie ermöglichen es Bürgern, ihre tatsächlichen Präferenzen auszudrücken, ohne soziale Sanktionen befürchten zu müssen.
Auch direktdemokratische Instrumente können einen ähnlichen Effekt haben. Volksabstimmungen zwingen politische Akteure, Argumente offener auszutauschen, weil am Ende eine konkrete Entscheidung steht. Die Schweiz zeigt, dass solche Verfahren tatsächliche politische Präferenzen sichtbarer machen und Debatten verbessern.
Ebenso wichtig ist politischer Wettbewerb. Föderale Strukturen erhöhen den Wettbewerb zwischen Gemeinden, Regionen und Ländern, was die Anreize stärkt, unterschiedliche Lösungen auszuprobieren. Probleme lassen sich auf lokaler Ebene schwerer „wegmoralisieren“ oder rhetorisch überdecken als in der nationalen Politik. Der Wettbewerb zwischen politischen Ebenen fördert daher auch Meinungsvielfalt.
Und schließlich braucht jede offene Gesellschaft Menschen, die bereit sind, gegen den Strom zu argumentieren. Oft genügen wenige Stimmen, um einen scheinbaren politischen Konsens infrage zu stellen. Das bekannte Märchen von Hans Christian Andersen bringt diese Dynamik auf den Punkt: Erst als ein Kind laut sagt, dass der Kaiser nackt ist, trauen sich auch andere, das Offensichtliche auszusprechen.

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