Manfred Hämmerle

Direktor der BHAK und BHAS Bregenz und seit 30 Jahren in der Ausbildung für Lehr­personen, unter anderem an der WU Wien, tätig

„Nachtschicht“ – eine Betriebsreportage, 1979

Juli 2026

Eine (zurückgewiesene) kostenlose Unternehmensanalyse – Hans-Peter Martin und Anton Schneider über F.M. Hämmerle in Dornbirn.

Die Reportagen von Günter Wallraff waren das Vorbild, Martin wollte im Jahre 1978 Ähnliches schaffen. Sein Forschungsobjekt war der damals größte Textilbetrieb Österreichs, die F.M. Hämmerle Textilwerke AG. Über dieses Unternehmen schrieb Martin ein Buch, das heute weniger als Skandal, sondern eher als frühe Diagnose eines industriellen Umbruchs gelesen wird. Die Textilindustrie wuchs in Vorarlberg über mehr als ein Jahrhundert zu einem prägenden Industriezweig heran. Hämmerle bestand am Ende der 1970er Jahre schon fast 150 Jahre. Die Betriebsstätten prägten das Bild Dornbirns. Hämmerle beeinflusste auch das gesellschaftliche Leben. Es wurden Wohnungen für Mitarbeiter errichtet, man setzte sich für die Bildung ein, und es gab sogar ein eigenes Schwimmbad. Die Eigentümer bauten prächtige Villen, die noch heute als „Pforte ins Oberdorf“ sichtbar sind.
Doch langsam begann die schöne Fassade zu bröckeln. Die Wettbewerbsbedingungen für Textilbetriebe verschärften sich in den 1970er Jahren massiv. Es kam zu Billigimporten aus Fernost. Um dem Kostendruck gerecht zu werden, musste der Geschäftsprozess optimiert werden. Dazu wurden Arbeitskräfte aus Jugoslawien und der Türkei geholt. Sie übernahmen jene Arbeiten, die viele Einheimische aufgrund der geringen Entlohnung und der Arbeitsbedingungen nicht mehr übernehmen wollten. Statt in Billiglohnländer auszulagern, entschied man sich, weiter im Land zu produzieren.
Martin hatte von den Arbeitsbedingungen bei Hämmerle erfahren und bewarb sich deshalb als einfacher Arbeiter, um unverfälschte Einblicke in den Fabrikalltag zu gewinnen. Die von ihm geschilderten Arbeitsbedingungen erinnern eher an die Frühphase der Industrialisierung als an einen zeitgemäßen Betrieb. Er beschrieb die Arbeit als belastend, einzelne Führungskräfte als schwierig. Akkordarbeit war in Textilbetrieben normal, Martin wies jedoch nach, dass zumindest sein Zähler nicht stimmte. Wie niedrig die Einkommen teilweise waren, zeigt ein von Martin angeführtes Beispiel: „Eine Jugoslawin kam trotz Überstunden und Akkord nur auf 4780 Schilling.“ Das entspricht etwa 1246,53 Euro nach historischem Vergleichswert. Um die härteste Variante der Arbeit zu erfahren, meldete sich der junge Mann für die Nachtschicht. Seine Beobachtungen beschreibt er in seinem Buch. Er schildert auch viele Einzelschicksale von Arbeitskräften. Dem Vorstand der AG war die Problematik der Nachtschicht bewusst. Im „Dreihammer“, der Betriebszeitung, wurde das Thema mehrfach angesprochen, aber auch darauf hingewiesen, dass der Mehrschichtbetrieb notwendig ist, um die Maschinen auszulasten. Ab 1981 berichtete man über Verbesserungen aufgrund des Nachtschicht-Schwerarbeitergesetzes.
Das Buch enthält einen bemerkenswerten Anhang, verfasst von Anton Schneider. Er zeigte auf, dass die Einkommen in den späten 1970er Jahren in der Industrie in Vorarlberg nach dem Burgenland die zweitniedrigsten waren. Das entsprach so gar nicht der Vorstellung vom „Goldenen Westen“, die damals noch vorherrschte. Verantwortlich waren vor allem die niedrigen Löhne der Textilindustrie sowie der hohe Anteil von „Gastarbeitern“ und Frauen unter den Beschäftigten. Zudem kritisierte Schneider die geringen Investitionen pro Beschäftigten in der Vorarlberger Industrie, auch bei Hämmerle. Gemäß einer „Bilanzanalyse der F.M. Hämmerle AG“ wurde in den 1970er Jahren zu wenig investiert, das Anlagevermögen ging zurück, die Abschreibungen waren meist höher als die Investitionen. Das dürfte sich negativ auf mögliche Innovationen ausgewirkt haben. Schneider kritisierte fehlende Ideen für intelligente Produkte und die mangelnde Bereitschaft der Textiler, in andere Branchen zu investieren. Ein Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Diversifizierung sind die Rüsch-Werke, die im Eigentum von Hämmerle waren. Es gelang nicht, daraus einen florierenden Metallbetrieb zu entwickeln. Das Unternehmen wurde verkauft. Es wird aber heute noch – also 40 Jahre später – in Italien produziert. Erstaunlich sind auch seine Beobachtungen zum Qualifikationsniveau der Industriebeschäftigten in Vorarlberg, das er als auffallend niedrig schilderte. Relativierend zu den Analysen von Schneider muss angemerkt werden, dass die Löhne in der Textilindustrie in Vorarlberg höher waren als in anderen Bundesländern. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Monatsberichte des WIFO zwar differenzierter argumentierten, die grundsätzliche Kritik jedoch weitgehend bestätigten.
Die Verantwortlichen von Hämmerle zeigten sich wenig erfreut über das Erscheinen des Buches „Nachtschicht – eine Betriebsreportage“ und versuchten – laut Martin – vieles, um die öffentliche Verbreitung zu verhindern. Man war sicherlich um das gute Image, das man sich über viele Jahre aufgebaut hatte, besorgt, sich aber auch bewusst, dass im Unternehmen nicht alles rund lief. Jedenfalls wurde noch 1979 ein „Humanisierungsausschuss“ gegründet. Martin berichtete in der Juni-Ausgabe des „Extrablattes“ über Verbesserungen. 
Rückblickend erwiesen sich viele der von Martin und Schneider angesprochenen Probleme als Vorboten eines tiefgreifenden Strukturwandels. Die spätere Diversifizierung der Vorarlberger Industrie kann auch als Antwort auf jene Schwächen verstanden werden, die „Nachtschicht“ bereits 1979 sichtbar machte. Was das Management von Hämmerle noch zurückgewiesen hatte, erwies sich rückblickend als präzises ökonomisches Frühwarnsystem, das für das Unternehmen kostenlos war. Dass die Analysen Hand und Fuß hatten, zeigte sich auch am weiteren Lebensweg der Autoren: Martin machte sich als Journalist und Politiker einen Namen. Schneider wurde Berater bei der Boston Consulting Group und war danach Vorstandsmitglied in großen Unternehmen. Die Vorarlberger Industrie zeigt sich heute wesentlich differenzierter und damit stabiler.

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