Manfred Hämmerle

Direktor der BHAK und BHAS Bregenz und seit 30 Jahren in der Ausbildung für Lehr­personen, unter anderem an der WU Wien, tätig

Zehn Jahre „Zentralmatura“ – zwischen Anspruch und Realität

Mai 2026

Die „Zentralmatura“ prägt das österreichische Bildungssystem und hat den Schulalltag nachhaltig verändert. Zeit, eine differenzierte Bilanz zu ziehen.

Vor zehn Jahren wurde auch in den Berufsbildenden höheren Schulen Österreichs (BHS) die „Zentralmatura“, fachlich korrekt die „Standardisierte Reife- und Diplomprüfung (SRDP)“, eingeführt. Das ist ein guter Anlass, Bilanz zu ziehen. In den BHS waren wir damals skeptisch. Die allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) waren vorgeprescht, bei uns gab es Bedenken: Wird die Fachlichkeit verloren gehen? Wird es ein „Teaching to the Test“ geben? Wird die Freiheit der Lehrpersonen eingeschränkt? Kommt es zu einer Nivellierung nach unten, weil Schüler unterschiedlicher Schultypen die gleichen Aufgaben erhalten? Geht gar der Kern der BHS verloren? Befürworter verwiesen hingegen auf Vergleichbarkeit, Fairness, professionellere Aufgaben und mehr Transparenz. Dieser Text greift Erfahrungen eines ehemaligen Schulleiters sowie auch weniger diskutierte Aspekte auf und ordnet sie ein.

Daten als Ausgangspunkt
Diskussionen über Schule verlieren sich oft in allgemeinen Vorurteilen, die der Komplexität des Systems nicht gerecht werden. Die Ergebnisse der Reife- und Diplomprüfung liefern hingegen eine belastbare Datengrundlage, die – bei differenzierter Betrachtung – Entwicklungen ermöglicht. Schulleitungen können gemeinsam mit Lehrpersonen und Fachgruppen Ergebnisse analysieren und daraus Konsequenzen ableiten. In der Praxis zeigt sich, dass Lehrpersonen gut vorbereitet in solche Gespräche gehen und differenziert argumentieren können. Dabei ist die Entwicklung einer Klasse mindestens ebenso bedeutsam wie das erzielte Ergebnis. Auch die Schulaufsicht verfügt über diese Möglichkeiten auf übergeordneter Ebene. Die Leistungen in Vorarlberg, speziell im Fach Deutsch, bedürfen in diesem Zusammenhang durchaus einer genaueren Betrachtung.

Teamwork der Lehrpersonen
Lehrpersonen wurden lange als Einzelkämpfer wahrgenommen. Die Zentralmatura hat die Zusammenarbeit deutlich gestärkt. Gemeinsame Vorbereitung und Abstimmung bei Schularbeiten ermöglichen es, das Niveau besser einzuordnen und erhöhen die Qualität der Leistungsfeststellung. Auch die Aufgaben für die Zentralmatura haben sich weiterentwickelt, da sie erprobt sind und von erfahrenen Lehrpersonen mitgestaltet werden. Fortschritte zeigen sich besonders auch bei der mündlichen Prüfung: Themenpools fördern die Zusammenarbeit, das Ziehen von Themen erhöht Fairness und Objektivität. Insgesamt entsteht so ein besser vergleichbares Leistungsniveau. Arbeitgeber und weiterführende Bildungseinrichtungen erhalten dadurch eine verlässlichere Orientierung.

Interesse der Schüler
Früher war es für Schüler oft „ökonomisch“, den Unterricht zu verlangsamen. Heute wissen weder sie noch ihre Lehrpersonen, welche konkreten Aufgaben gestellt werden. Daraus ergibt sich ein gemeinsames Interesse, den Stoff zügig und fundiert zu erarbeiten. Das stärkt die Position der Lehrpersonen und dient zugleich der Qualitätssicherung. Die externen Vorgaben erhöhen die Sicherheit, dass Schüler nicht Opfer einer „übermotivierten“ oder unerfahrenen Lehrperson werden, die meint, ihre eigenen Fähigkeiten würden geprüft und nicht jene der Schüler. Nicht zu übersehen ist, dass Schüler stark von der Qualität des Unterrichts und damit von der Kompetenz der Lehrperson abhängig sind. Hier trägt die Schulleitung Verantwortung: Durch die Lehrfächerverteilung, gezielte Fördermaßnahmen und Gespräche muss sichergestellt werden, dass keine Nachteile entstehen.

Objektivität, Validität, Reliabilität
Neben den Vorteilen bleiben kritische Punkte bestehen. Schriftliche Prüfungen werden weiterhin von den eigenen Lehrpersonen korrigiert, was die Objektivität einschränken kann. Ziel muss sein, dass unterschiedliche Prüfer zu vergleichbaren Ergebnissen gelangen. Mitkorrekturen, klare Bewertungsschemata und stichprobenartige Kontrollen sind dafür notwendig. Auch die Einbeziehung der Jahresnote schwächt die Objektivität, kann aber durch Mindeststandards bei den Prüfungen teilweise ausgeglichen werden. In diesem Zusammenhang ist die jüngste Entscheidung über fehlende Mindeststandards bei mündlichen Prüfungen kritisch zu sehen. Kompensationsprüfungen sind nur dann objektiv, wenn die zentralen Vorgaben konsequent eingehalten werden. In die Validität der Prüfungen wurde viel investiert. Nach anfänglichen Problemen – etwa in Mathematik (AHS) – sind Verbesserungen erkennbar. Dennoch müssen Aufgaben regelmäßig angepasst werden, um lebensnah und zukunftsrelevant zu bleiben. Eine weitere Angleichung der Prüfungsaufgaben zwischen AHS und BHS aus Kostengründen sollte vermieden werden, da der spezifische Charakter beider Schultypen erhalten bleiben muss. Kritiker sehen zudem Einschränkungen für Lehrpersonen und Schüler. Mündliche Prüfungen und Abschlussarbeiten bieten jedoch Spielräume für Individualität. Die Abschaffung der verpflichtenden vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA) ist in diesem Zusammenhang kritisch zu sehen. (Thema Vorarlberg, 4/2024). Bei der Reliabilität stellt sich die Frage nach einheitlichen Rahmenbedingungen, etwa bei der Nutzung von Hilfsmitteln. Hier ist das Bildungsministerium gefordert, klare und faire Standards sicherzustellen.
Trotz Zentralmatura verlangen viele tertiäre Bildungseinrichtungen weiterhin Aufnahmeverfahren. Offenbar wird der Aussagekraft der SRDP nicht vollständig vertraut. Unsere anfänglichen Bedenken haben sich dennoch verringert: Die Vorteile sind sichtbar geworden – nun gilt es, die bestehenden Schwächen konsequent weiterzuentwickeln.

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