
Die Utopie eines weisen Zuhauses
Geht es um die Zukunft des Wohnens, fällt schnell ein Begriff, der zugleich Versprechen und Projektionsfläche ist: das Smart Home. Doch was genau macht ein Zuhause „smart“ – und warum ist die Vision eines wirklich intelligenten Wohnraums noch immer weit entfernt?
Die Zukunft des Wohnens gilt vielen als vernetzt, automatisiert und intelligent. Das Smart Home ist dort die Vision eines Hauses, das Licht, Heizung, Energiemanagement und Unterhaltungselektronik selbstständig steuert und für die Sicherheit seiner Bewohner sorgt, indem es ungewöhnliche Verhaltensmuster erkennt und im Notfall reagiert. Doch zwischen Vision und Alltag klafft eine Lücke. Vieles, was heute als „smart“ gilt, ist aus Sicht der Forschung noch nicht mehr als lose gekoppelte Inseltechnologie. „Ein Smart Home“, sagt Professor Gerhard Leitner im Gespräch, „müsste innen vollständig vernetzt sein. Alle Komponenten, die eine Funktion ausfüllen können – elektrische Geräte, Heizung, Wasserversorgung, etc. –, sind miteinander verbunden. Das ist die technische Basis.“
Heute liegt der Anteil solcher „echter“ Smart Homes in Europa laut Leitner bei etwa zehn Prozent. Die Gründe für die schleppende Entwicklung sind vielfältig. Ein zentrales Problem sei die Zersplitterung des Marktes: zahlreiche Hersteller, inkompatible Systeme, fehlende Standards. Zwar versuchen Initiativen wie „Matter“ – ein herstellerübergreifender Smart-Home-Verbindungsstandard, der Geräte verschiedener Marken (wie Apple, Google, Amazon) „miteinander sprechen“ lassen soll – eine standardisierte technische Basis zu schaffen. Doch die Tücke liegt im Detail. Von einer durchgängigen Lösung ist die Branche noch weit entfernt. Ein kurzer Rückblick gefällig?
Die Anfänge
Nachdem bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren erste Initiativen zur Hausautomation entstanden waren; wurde mit dem „Smart House“-Programm in den USA im Jahr 1984 erstmals ein zentraler industrieller Ansatz zur Vernetzung und Automatisierung von Wohnhäusern etabliert. Um die Jahrtausendwende begannen europäische Industrieunternehmen, das Konzept des Smart Home systematisch zu analysieren und auch spezifisch als Lösung für eine besondere gesellschaftliche Herausforderung zu bewerben: Für die Überalterung der Bevölkerung. Bei Leitner, der sich zuvor bereits intensiv mit der Gebrauchstauglichkeit von technischen Geräten beschäftigt hatte, stieß das auf Interesse. Und auf Skepsis. Denn damals habe kaum jemand einen Videorekorder wirklich intuitiv bedienen können, um beispielsweise einen Film vollständig, ohne Werbung oder ohne fehlende Teile aufzunehmen, berichtet Leitner, Professor am Institut für Informatik-Systeme der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
Ein ungelöstes Problem
Beim Smart Home, wie es damals beworben wurde und auch heute noch beworben wird, geht es aber um Grundlegenderes: Um ein tiefgehendes Eindringen in den Alltag, beispielsweise in Form der Unterstützung einer älteren Generation in lebens- und gesundheitskritischen Angelegenheiten. Also stellte sich Leitner damals die Frage, an der er auch heute noch forscht: Wie kann Technologie besser gestaltet werden, damit sie Menschen nicht überfordert, wie seinerzeit der Videorekorder? Seither sind zwei Jahrzehnte vergangen. Doch von einem richtigen Smart Home in seinem Verständnis sei man nach wie vor weit entfernt: „Um Menschen, die keinen technischen Hintergrund haben, oder die sich nicht tiefgehend mit Technik auseinandersetzen wollen, bestmöglich unterstützen zu können, müssen die Systeme besser bedienbar werden.“ Leitner beruft sich in diesem Punkt auf den US-Informatiker Mark Weiser (1952 – 1999), respektive auf dessen Zitat: „Die profundesten Technologien sind diejenigen, die verschwinden. Sie weben sich in unser Alltagsgefüge, bis sie nicht mehr davon zu unterscheiden sind.“ Leitner zufolge sind in heutigen Autos beispielsweise um die einhundert Mikrocomputer verbaut, die sehr gut synergetisch mit dem Fahrer agieren, auch Smartphones und Tablets sind längst massentauglich geworden, sprich: Von jedermann zu bedienen.
Im Smart-Home-Bereich ist man davon offenbar noch weit entfernt – weit entfernt von einem Status, in dem sich Technologie reibungslos in den Alltag einwebt.
Ein fragmentierter Markt
Ein wesentliches Problem ist dem Wissenschaftler zufolge die Fragmentierung des Marktes. Im Smart-Home-Sektor existieren hunderte konkurrierende Systeme. Marktinteressen scheinen wichtiger als Kompatibilität – ein Problem, das die Verbreitung bremst. Initiativen zur Standardisierung, wie etwa „Matter“, sind keineswegs neu: Ähnliche Ideen existieren seit Jahrzehnten, sind bislang jedoch meist nur technikaffinen Communities vorbehalten. Sie könnten bei entsprechender Verbreitung aber dazu beitragen, dass auch in diesem Sektor die Technik selbsterklärender, intuitiver zu bedienen und möglichst wartungsarm wird. „Es müssten Systeme entwickelt werden, die auch angesichts zunehmender Verknappung von qualifiziertem Personal ohne permanente Betreuung funktionieren, sich im Idealfall selbst beziehungsweise in Kooperation mit den Nutzern organisieren“, sagt der Experte.
Die nächste Stufe
In seinem Buch zur Sache „Weise statt Smart“ plädiert der Wissenschaftler deshalb für „intelligentes Wohnen auf der nächsten Stufe“. Sein Wise-Home-Konzept basiere auf der Hoffnung respektive sogar der Überzeugung, dass die Technologie den Bedürfnissen der Menschen besser gerecht werden kann, und zwar durch in Richtung Weisheit gehender Entwicklungen, schreibt Leitner. Der Kärntner benutzt den Begriff der „Weisheit“ als eine analog zum menschlichen Dasein erstrebenswerte Weiterentwicklung. Weisheit setzt entsprechende Intelligenz zwar voraus, zeichne sich aber durch eine zurückhaltende Anwendung aus: „Weisheit setzt Wissen gezielt und situationsabhängig ein.“
In einem solchen „Wise Home“ müsste sich die Technik stärker an den Menschen anpassen – nicht umgekehrt. Sie sollte Wissen ansammeln – etwa auf Basis von Sensordaten, sie sollte Bedürfnisse erkennen, Gewohnheiten berücksichtigen und sich flexibel in den Alltag integrieren. Ein solches Haus könnte Energie sparen, den Komfort erhöhen und seinen Bewohnern Sicherheit bieten. Das ist die Vision. Die Realität ist eine andere: Trotz hoher Investitionen und optimistischer Marktprognosen liegt die tatsächliche Verbreitung „echter“ Smart Homes aus den genannten Gründen in westlichen Ländern nur zwischen etwa zehn und zwanzig Prozent. Viele dieser Installationen finden sich nur in Neubauten oder größeren Wohnanlagen, vorwiegend im urbanen, eher nicht im privaten Wohnumfeld, auch nicht im ländlichen Raum. Auch das ist ein Indikator für sub-optimale Anpassungsfähigkeit.
Einfacher, nicht komplizierter
Dabei wäre das Potenzial enorm. Der Bedarf wäre gegeben. Doch am Ende laufe alles auf eine einfache Erkenntnis hinaus, sagt Leitner: „Technologie wird erst dann wirklich erfolgreich, wenn sie sich dem Menschen unterordnet. Das Smart Home der Zukunft muss im Alltag funktionieren, ohne dass man ständig darüber nachdenken muss. Es muss das Leben einfacher machen – nicht komplizierter.“










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