Christian Feurstein

Wirtschaftsarchiv Vorarlberg

STOFF – Ein Spitzengeschäft

Juni 2026

Faktencheck zu einem Film über Stickerei, Baumwolle und koloniale Ausbeutung.

Im Frühjahr ist der Dokumentarfilm „STOFF – Ein Spitzengeschäft“ in den Kinos angelaufen. Regie an den Vorarlberger Drehorten führten Katharina Weingartner und Anette Baldauf, in Nigeria Joana Adesuwa Reiterer und Chioma Onyenwe. Die Arbeitsweise der Filmemacherinnen ist umstritten. Schon Weingartners Film „Das Fieber“ (2020) über den Kampf gegen Malaria in Afrika musste sich dem Vorwurf stellen, wissenschaftliche Evidenz zu ignorieren. Das jüngste Werk „STOFF“ widmet sich der Vorarlberger Textilindustrie. Zum einen der Lustenauer Stickerei und ihrer Exporte nach Nigeria seit den 1970er Jahren, zum anderen der Leinen- und Baumwollverarbeitung im 18. und 19. Jahrhundert. Im Zentrum steht die Botschaft, der wirtschaftliche Wohlstand hierzulande sei weitestgehend auf kolonialen Beziehungen und Ausbeutung begründet. Originalton: „We walked through the Millennium Village (Industrie- und Gewerbepark in Lustenau, Anm.) with all the technological apparatus. And every single technology, whether it’s through the Industrial Revolution till today, is based on black bodies.“
Vermittelt wird dieses Bild zum einen anhand ausgewählter Zeitzeuginnen und Zeitzeugen oder deren Nachfahren. Darüber hinaus werden fiktive historische Szenen in Form sogenannter Soziodramen dargestellt. Die so entstandenen Statements werden dem Zuseher als Tatsachen suggeriert. Bei der Kinopremiere in Lustenau mit anschließender Diskussion wurden Einwände aus dem Publikum und von Experten laut. Anlass genug, zentrale Aussagen einem Faktencheck zu unterziehen. Freilich gäbe es auch generell zur Machart des Films einiges zu schreiben, eine Rezension soll dieser Artikel aber ausdrücklich nicht sein.

Behauptung: Im Film wird erklärt, dass Lustenau seinen Wohlstand und seine wirtschaftliche Entwicklung ganz dem Stickereigeschäft mit Nigeria verdanke. Beispielhaft eine Aussage der früheren Export-Managerin Margarethe Bösch (übersetzt aus dem Englischen): „Ich denke, das Geld kam hauptsächlich aus Westafrika, weil es vorher keine Industrie in Lustenau gab. Lustenau war ein Bauerndorf, wo sich dann eine blühende Stickereibranche entwickelte.“

Fakt ist: Schon vor über 100 Jahren galt Lustenau als Zentrum der Vorarlberger Stickerei. Und 1971, noch vor dem Nigeria-Boom, war Lustenau längst kein Bauerndorf mehr, sondern eine industrialisierte Marktgemeinde. In der Landwirtschaft arbeiteten zu dieser Zeit nur mehr 1,5 Prozent der Erwerbstätigen, zwei Drittel hingegen im verarbeitenden Gewerbe und in der Industrie. Die Vorstellung, wonach die Industrialisierung und der heutige Wohlstand Lustenaus oder gar Vorarlbergs auf den Handelsbeziehungen mit Nigeria basieren, trifft nicht annähernd zu.

Behauptung: 1977 verhängte die nigerianische Regierung ein Einfuhrverbot für verschiedene Luxusgüter, darunter auch bestickte Stoffe. Ziel war es, den Geldabfluss ins Ausland zu unterbinden. Vorarlberger Stickereiwaren wurden daraufhin ins Nachbarland Benin exportiert, und von dort aus (zum Beispiel als Schulbücher deklariert) weiter nach Nigeria geschmuggelt. Dazu erklärt im Film Ireti Bakare-Yusuf, Tochter einer verstorbenen nigerianischen Händlerin (übersetzt aus dem Englischen): „Die österreichische Regierung sagte zu ihren Leuten: Kümmert euch nicht darum, findet einen Weg, es hineinzuschmuggeln. Warum? Weil wir ihnen so viel ihres Bruttoinlandsprodukts gegeben haben, dass sie nicht darauf verzichten konnten.“

Fakt ist: 1982 erreichten die Stickereiexporte ihren Höhepunkt. Doch selbst in diesem Spitzenjahr betrug der Anteil der Stickerei an der gesamtösterreichischen Industrieproduktion nicht mehr als rund 0,3 Prozent, in anderen Jahren weit weniger. Zudem gingen nicht alle Stickereiwaren, wenn auch zeitweise der größte Teil, nach Nigeria. Der Export nach Nigeria verschaffte den heimischen Stickereien über einige Jahre hinweg ein enormes Einkommen. Die Erzählung im Film über die gesamtwirtschaftliche Bedeutung ist jedoch maßlos überzogen.

Behauptung: In weiterer Folge spannt „STOFF“ den Bogen zum Sklavenhandel und zur kolonialen Ausbeutung im 18. und 19. Jahrhundert. Beschrieben wird der sogenannte Dreieckshandel mit Vorarlberger Beteiligung: Leinen aus heimischer Produktion gelangt per Schiff nach Afrika. Dort wird es gegen Sklaven eingetauscht. Das Schiff fährt weiter in die USA, wo die Sklaven auf Plantagen zum Einsatz kommen. Die von ihnen produzierte Baumwolle wird auf das Schiff verladen und schließlich unter anderem in Vorarlberg verarbeitet. Exemplarisch wird die Feldkircher Fabrikantenfamilie Ganahl genannt.

Fakt ist: Vom Begriff Dreieckshandel hat sich die Fachwelt inzwischen verabschiedet, weil er den tatsächlichen Schiffsrouten nicht gerecht wird. Die meisten Sklavenschiffe verkehrten direkt zwischen Afrika und Amerika. Zudem wurde 1808 die Sklaveneinfuhr in den USA untersagt, wenngleich sie illegal teils weiterhin erfolgte. Baumwollfabriken in Vorarlberg entstanden erst ab 1814, jene von Ganahl in Feldkirch überhaupt erst 1833. Mit dem Aufkommen der Baumwollindustrie wurde aus Flachs hergestelltes Leinen rasch verdrängt. Freilich kann heimisches Leinen in vorindustrieller Zeit über Händler nach Afrika gelangt sein, hier besteht tatsächlich noch Forschungsbedarf. Die undifferenzierte Darstellung im Film ist angesichts bekannter Fakten jedoch nicht haltbar.

Behauptung: Schließlich gipfelt „STOFF“ in der Feststellung, dass Vorarlberger Unternehmen nicht nur von Sklaven produzierte Baumwolle gekauft hätten, sondern auch Eigentümer von Sklaven gewesen seien. Belegen möchte man dies am Beispiel des ausgewanderten Baumwollhändlers Joseph Ganahl, einem Neffen des Feldkircher Fabrikgründers. Das Filmteam suchte sein damaliges Wohnhaus in Savannah auf und recherchierte, dass dort im Jahr 1830 zehn Weiße und acht Sklaven gewohnt hätten. Das Beispiel Ganahl sei stellvertretend für viele Vorarlberger Unternehmen, unterstreicht Regisseurin Katharina Weingartner in Interviews.

Fakt ist: Joseph Ganahl, geboren 1796 als Sohn eines Dornbirner Landrichters, zog in die USA und heiratete dort. Als Baumwollhändler belieferte er Fabriken in ganz Europa. In Savannah lebten zu dieser Zeit annähernd gleich viele Versklavte wie Weiße. Sklavenhaltung war ein fester Bestandteil der städtischen Haushaltsökonomie. In Joseph Ganahls Haushalt wurden 1830 sieben versklavte Menschen gezählt, vier davon weiblich und zwei unter zehn Jahre alt. Daraus den Schluss zu ziehen, hiesige Textilunternehmen hätten Sklaven besessen, geht an der historischen Realität vorbei. Fest steht jedoch, dass die USA über weite Perioden der wichtigste Baumwolllieferant für die heimische Textilindustrie waren, so auch zur Zeit der Sklaverei. Übrigens wurde die außerhalb der USA bezogene Baumwolle teils ebenfalls unter sklavenartigen Bedingungen produziert. Vorarlbergs Textilunternehmen waren weder Sklavenhändler noch Sklavenhalter, sie profitierten aber von der Sklavenarbeit auf den Plantagen.

Behauptung: Eine Schlüsselfigur im Film ist der Sklave „George“, angeblich im Besitz von besagtem Joseph Ganahl. Als Beweis wird eine Schiffs-Passagierliste präsentiert, auf der Joseph Ganahl als Eigentümer des mitgeführten „George“ aufscheinen soll. Regisseurin Anette Baldauf selbst schildert beim Dreh in Savannah, sie habe diese Liste gefunden, aus dem Jahr 1830, wie sie glaube. Das Dokument wird ausführlich erläutert. Es sei ein ganz wichtiges Manifest und Beleg, dass „George“ dem Joseph Ganahl aus Savannah gehört habe. Der Sklave „George“ spielt darüber hinaus eine tragende Rolle in einer soziodramatischen Szene des Films.

Fakt ist: Solche Passagierlisten, sogenannte Slave Manifests, sind im Bestand des US-amerikanischen Nationalarchivs online abrufbar. Eine Suche nach dem entsprechenden Dokument im Zuge dieses Faktenchecks blieb zunächst erfolglos. Als Grund stellte sich heraus, dass die Liste nicht von 1830 stammt. Sie wurde unverkennbar 1857 ausgestellt und enthält zudem nur die Kurzform „J. Ganahl“. All das passt nicht zum Drehbuch, denn der Baumwollhändler Joseph Ganahl verstarb bereits 1836 und kann folglich nicht Besitzer von „George“ gewesen sein. In Frage käme allenfalls sein gleichnamiger Sohn. Dieser hatte jedoch gar nichts mit dem Thema des Films – dem Textilgeschäft – zu tun, sondern war Staatsanwalt und bekämpfte unter anderem den illegalen Sklavenhandel.

Behauptung: Eine zentrale Botschaft des Films lautet, Themen wie koloniale Ausbeutung und die Herkunft unseres Wohlstands würden in Vorarlberg konsequent verschwiegen oder falsch dargestellt. Die Abschlussszene wurde vor dem 2024 eröffneten Stickereimuseum S-MAK in Lustenau gedreht. Margarethe Bösch wird gefragt, ob sie denn glaube, dass man das S-MAK zukünftig für die Aufarbeitung kritischer Themen nützen werde. Ihre Antwort: „Dein Wort in Gottes Ohr. Sie werden es nicht nützen.“ Die Fragestellerin bekräftigt: „Ja leider.“ Musik setzt ein und es folgt der Abspann.

Fakt ist: Das S-MAK hat die Entstehung von „STOFF“ durch die Bereitstellung der Räumlichkeiten als Drehort massiv unterstützt. Außerdem sind zur Geschichte der Nigeria-Exporte seit den 1990er Jahren Forschungen erfolgt. Es wurden Zeitzeugen interviewt, Ausstellungen veranstaltet und Publikationen herausgegeben (zum Beispiel Vogel „Stickereiexporte“ 1996, Heinzle „Aufschwung, Boom und Krise“ 2011, Hessenberger „SpitzenZeit“ 2016). Die Annahme, in Vorarlberg würde das alles verschwiegen, entbehrt jeder Realität. Tatsächlich noch Forschungsbedarf besteht bei überregionalen Verbindungen im 18. und 19. Jahrhundert, etwa vorindustrieller Leinenhandel, Herkunft der Baumwolle oder Organisation des Überseehandels.

Es ist wichtig, koloniale Bezüge, Sklaverei und Ausbeutung faktenbasiert aufzuzeigen und Wissenslücken durch Forschung zu schließen. Diese Themen sind Teil der Vorarlberger Wirtschaftsgeschichte und fanden in bisherigen Darstellungen kaum Beachtung. Weniger des Verschweigens willens, sondern vielmehr wegen fehlenden Bewusstseins. Dem Anspruch einer solchen Aufarbeitung wird der Film „STOFF“ nicht gerecht. Er hat dennoch das Potenzial, koloniale Themen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken und Forschungen anzuregen. Gleichzeitig läuft der Film aber Gefahr, durch zahlreiche Falschinformationen und Übertreibungen die Glaubwürdigkeit zu verlieren oder eine Abwehrhaltung zu erzeugen. Im Vordergrund stand offenbar der Wunsch, ein alles unter den Tisch kehrendes Vorarlberg, wo Wirtschaft und Wohlstand hauptsächlich auf der Ausbeutung von People of Color beruhen, darzustellen. Einer fachlichen Überprüfung hält dieses Konstrukt jedoch nicht Stand.
Umso mehr verwundert es, dass namhafte Vorarlberger Kulturinstitutionen die Erzählungen von „STOFF“ kritiklos übernehmen und in Ausstellungen, Workshops und Aussendungen verbreiten. Ähnliches gilt für den Großteil der Medien im In- und Ausland, da selbst Journalistinnen und Journalisten kaum Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse nehmen. Wie soll dann erst das nicht speziell informierte Publikum die überzeugend wirkenden Darstellungen des Films durchschauen? Das Kalkül, unter Ausklammerung bekannter Quellen und Fakten ein vermutlich schon vor der Filmrecherche festgelegtes Bild zu vermitteln, scheint demnach aufzugehen.

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